Die Arbeit zielt darauf ab, zu untersuchen, inwiefern Bruno Taut als Architekt im Dienste der türkischen Nation die Ideologie eines Modernisierungsplans erfüllte. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf seinem Verhältnis zum Bildungsministerium und seiner Rolle als "Staatsarchitekt". Kapitel eins gibt einen Überblick über Taut's Leben und seine Zeit in der Türkei. Im zweiten Kapitel wird der Zusammenhang zwischen der Suche nach einem nationalen Architekturstil und dem Modernisierungstrend beleuchtet. Abschließend erfolgt im dritten Kapitel ein Vergleich zwischen Taut's Umsetzung der türkischen Idealvorstellung von nationaler Architektur und seiner individuellen Auffassung. Die Arbeit zielt darauf ab, eine Antwort auf die Frage nach Taut's Beitrag zur türkischen Modernisierung durch Architektur zu geben.
Am 29. Oktober 1923 ruft Mustafa Kemal Atatürk die Türkische Republik aus und wurde somit zum ersten Staatspräsidenten ernannt. Ein Ereignis, welches die Türkei auch in den folgenden Jahrzehnten prägen wird. Darunter leiden werden diejenigen, die als "nicht-türkisch" deklariert werden und als Minderheit gelten. Fest verankert mit dieser Ära, sind die kemalistischen Reformen, die die eigene Identität der jungen Nation stärken und sie immer näher an den Westen heranführen sollen. Durch drei Adjektive lassen sich diese weitestgehend beschreiben: Revolutionär, wissenschaftlich und fortschrittlich. Die historische Vergangenheit steht diesen Werten nur als Behinderung einer idealisierten und fortschrittlichen Zukunft im Weg. Ein Mittel zum Zweck war sicherlich die Adaption westlicher Architektur. Eine Architektur, die als effektives Zeichen von Reform und Veränderung für ein modernes Prestige sorgen sollte.
Zur gleichen Zeit in Deutschland versucht sich Adolf Hitler am 8. November 1923 am Sturz der Weimarer Republik. Zehn Jahre später, am 30. Januar 1933, gelingt sein Vorhaben und Adolf Hitler wird zum deutschen Reichskanzler ernannt. Ein Ereignis, welches Deutschland auch in den folgenden Jahrzehnten prägen wird. Unter dem nationalsozialistischen Regime leiden diejenigen, die als "nicht-deutsch" deklariert werden. So auch Bruno Taut, geboren am 04. Mai 1880 in Königsberg. Als "Kulturbolschewist" verrufen, werden ihm sowohl Professur als auch das Amt des Architekten abgesprochen, sodass er sich bald darauf gezwungen sieht, Deutschland zu verlassen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Bruno Taut in der Türkei: 1936 - 1938
Ziel: „Architecture in the service of nation-building“
Taut´s Architekturlehre
Anwendung: Fakultät für Sprache, Geschichte und Geographie und Siedlungen
Umsetzung: „All good architecture is national“
Taut´s Haus in Istanbul (Ortaköy)
Katafalk für Mustafa Kemal Atatürk
Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Wirken des deutschen Architekten Bruno Taut während seines Exils in der Türkei zwischen 1936 und 1938. Dabei steht die zentrale Forschungsfrage im Mittelpunkt, inwieweit Taut als „Staatsarchitekt“ und Lehrender die Ideologie des türkischen Modernisierungsplans erfüllte und inwiefern ein Widerspruch zwischen seinen eigenen architektonischen Idealen und den politisch-nationalistischen Erfordernissen des türkischen Staates bestand.
- Die Rolle Bruno Tauts im kemalistischen Modernisierungsprozess.
- Die Architekturlehre Bruno Tauts als theoretisches Fundament.
- Das Spannungsfeld zwischen architektonischer Freiheit und politischer Instrumentalisierung.
- Die Analyse repräsentativer Bauten wie der Fakultät für Sprache, Geschichte und Geographie in Ankara und Tauts Privathaus in Istanbul.
- Der Katafalk für Mustafa Kemal Atatürk als Symbol nationaler Repräsentation.
Auszug aus dem Buch
Bruno Taut´s Haus in Istanbul (Ortaköy)
Bruno Taut´s Haus in Istanbul, Ortaköy ist das perfekte Beispiel für sein Verständnis von Architektur. Auch bekannt als „Japanese house“, spiegelt sein Haus nicht nur die Vorstellung seiner Architektur, sondern vor allem die Umsetzung seiner Ideen wieder. Esra Akcan beschreibt sein Haus als schwebender Leuchtturm, der aus einem dichten Meer von Bäumen am Abgrund des Bosporus hinausragt. Dies beschreibt den ersten Eindruck, den der Betrachter von außen bekommt, sehr gut. Der Eingang des Hauses befindet sich auf der Rückseite und führt direkt zum achteckigen Wohnzimmer mit seinen hohen Decken. Die Aussicht ist auf den Bosporus gerichtet und die großzügigen Fenster, die sich auf zwei verschiedenen Höhen im Raum befinden, erhellen das Zimmer mit Licht. Die schmale, eingebaute Holztreppe an einer Ecke des Wohnzimmers führt zum Arbeitszimmer. Dieser kleinere, achteckige Raum sieht von außen wie ein Turm aus und hat im Inneren wie bei einem Seldschuken-Grabmal eine schräge Decke. Umgeben ist es von fast allen Seiten mit Fenstern auf Tischhöhe und Blick auf den Bosporus. Die mehrstufig, hängende Dachtraufe sieht wie eine Pagode aus. Diese wurde als Sonnenschutzvorrichtungen für die doppelt hohen Fenster des Innenraums entworfen. Diese Art der Verwendung von Sonnenschutzvorrichtungen im mittleren Bereich eines Fensters mit doppelter Höhe, war in den traditionellen, volkstümlichen Gebäuden der Region, die allgemein als "alte türkische Häuser" bezeichnet wurden, sehr verbreitet.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung bettet Bruno Tauts Emigration in den historischen Kontext der kemalistischen Reformen und der politischen Lage im Deutschland des Nationalsozialismus ein.
Bruno Taut in der Türkei: 1936 - 1938: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über Tauts Reise in die Türkei, seine Anstellung an der Akademie der Künste sowie seine vielfältige Bautätigkeit in dieser Zeit.
Ziel: „Architecture in the service of nation-building“: Hier wird die Rolle der Architektur als Instrument des türkischen Nationalismus zur Etablierung einer modernen, säkularen Identität analysiert.
Taut´s Architekturlehre: Das Kapitel behandelt Tauts theoretisches Werk, in dem er seine Skepsis gegenüber der Erschaffung künstlicher Stilformen und die Bedeutung von Proportion und Funktion darlegt.
Anwendung: Fakultät für Sprache, Geschichte und Geographie und Siedlungen: Anhand konkreter Bauwerke wird untersucht, wie Taut seine Entwürfe mit den technischen Anforderungen der türkischen Moderne und traditionellen Bauweisen verband.
Umsetzung: „All good architecture is national“: Das Kapitel reflektiert Tauts Interpretation des Begriffs „national“ und hinterfragt diese kritisch als mögliche Abweichung von seinen eigenen Grundprinzipien.
Taut´s Haus in Istanbul (Ortaköy): Dieses Kapitel analysiert Tauts Residenz als Synthese aus japanischen Einflüssen, deutscher Moderne und türkischen Traditionen.
Katafalk für Mustafa Kemal Atatürk: Die Analyse des letzten großen Auftrags Tauts beleuchtet den offensichtlichen Widerspruch zwischen der Theorie des Architekten und der nationalistischen Inszenierung des Staatsbegräbnisses.
Fazit: Das Fazit beurteilt das Spannungsverhältnis in Tauts Wirken und betont seine Bedeutung als Lehrer und Vorbild für die nachfolgende Generation türkischer Architekten.
Schlüsselwörter
Bruno Taut, Architektur, Türkei, kemalistische Reformen, Moderne, Nationalismus, Exil, Architekturlehre, Nation Building, Mustafa Kemal Atatürk, Katafalk, Identität, Fakultät für Sprache Geschichte und Geographie, Stadtplanung, Architekturgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit befasst sich mit der zweijährigen Exil-Tätigkeit des Architekten Bruno Taut in der Türkei zwischen 1936 und 1938 und seinem Beitrag zum türkischen Modernisierungsprojekt.
Welche zentralen Themenfelder behandelt das Dokument?
Zentrale Themen sind das Verhältnis zwischen Architektur und politischer Ideologie, der Begriff der „nationalen Architektur“, Tauts theoretisches Architekturverständnis sowie sein Einfluss auf die türkische Architekturausbildung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Die Autorin untersucht, ob Taut die von ihm so kritisierten nationalen Erwartungen an die Architektur als „Staatsarchitekt“ letztlich selbst erfüllte oder ob ein inhärenter Widerspruch in seinem Werk besteht.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Es handelt sich um eine historisch-analytische Arbeit, die Tauts theoretische Schriften (Architekturlehre) den tatsächlichen Bauprojekten gegenüberstellt und durch Literaturanalysen untermauert.
Welche spezifischen Projekte stehen im Fokus?
Besonders intensiv behandelt werden die Fakultät für Sprache, Geschichte und Geographie in Ankara, Tauts Wohnhaus in Istanbul (Ortaköy) sowie der Entwurf für den Katafalk Atatürks.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Moderne, Architekturtheorie, kemalistischer Nationalismus, kulturelle Synthese und architektonische Exilforschung.
Wie lässt sich Tauts „Japanese house“ in Istanbul architekturhistorisch einordnen?
Es dient als Synthese aus Tauts japanischen Erfahrungen, traditionellen türkischen Bauweisen und funktionalistischen Aspekten der deutschen Moderne.
Warum wird der Entwurf des Katafalks als „Widerspruch“ bezeichnet?
Der Katafalk wird als widersprüchlich angesehen, weil Taut zuvor in seiner Architekturlehre gegen die symbolische Überladung von Gebäuden und nationalistische Stilvorgaben argumentierte, sich jedoch bei diesem Projekt klar und repräsentativ in den Dienst des türkischen Nationalismus stellte.
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- Sherina Beha (Author), 2018, Bruno Taut in der Türkei (1936 - 1938). Ein Architekt im Dienste der Nation?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1437601