Die Anerkennungstheorie von Axel Honneth und die Frage: Gibt es Solidarität im Internet


Hausarbeit, 2002

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was ist überhaupt „Solidarität?“

3. Die Anerkennungstheorie von Axel Honneth

4. Kann im Internet Solidarität entstehen?

5. Inwieweit trifft die Anerkennungstheorie von Axel Honneth auf das Verhalten der Menschen im Internet zu?

6. Schlussbetrachtung

7. Apparat

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Mit dieser Hausarbeit versuche ich, der Frage nachzugehen, ob im Internet so etwas wie Solidarität entstehen kann.

Ich möchte mich mit dieser Frage beschäftigen, weil ich durch die Lektüre der ersten Texte aus dem Seminar-Reader zum ersten Mal etwas Genaueres über die verschiedenen Gemeinschaften im Internet (z.B. Usenet, MUDs, Mailinglisten, Chatgroups und Foren) erfahren habe und sich für mich die Frage gestellt hat, ob diese Menschen, die nur über den Computer kommunizieren, in Notsituationen wirklich füreinander da sind und man die Freunde im Netz wirklich mit den Freunden im realen Leben vergleichen kann. Wenn ich die Frage: „Kann es im Internet so etwas wie Solidarität geben?“ einigen Kommilitonen gestellt habe, kam vom größten Teil die klare Antwort:

„Nein!“. Die Begründung dazu fand sich meistens schnell in der Erklärung, dass im Internet totale Anonymität herrscht und zum Beispiel beim Chatten niemand so richtig weiß, ob der Gesprächspartner wirklich der ist, für den er sich ausgibt. Viele hatten zwar Bekanntschaften in Chatgroups oder per

E-Mail, aber am wichtigsten waren ihnen die realen Freunde. Somit konnten sie sich nicht vorstellen, dass im Internet Solidarität entstehen kann, denn die hat man ihrer Meinung nach nur mit Menschen, deren wahre Identität man kennt, denen man in der Regel schon gegenübergestanden hat oder sich zumindest ihrer Existenz sicher ist.

Einige meiner Kommilitonen beantworteten die Frage aber auch mit „Ja!“ allerdings mit einer gewissen Nachdenklichkeit. Ihre besten Freunde haben sie im Internet (z.B. per Chat kennen gelernt) und können mit ihnen über alle Probleme reden und Hilfe erhalten. Sie mussten aber einräumen, dass sie den Wunsch haben, die Chat-Freunde auch im realen Leben kennen zu lernen und so richtig tiefe Freundschaft auch wirklich nur mit denen haben, die sie schon mal offline getroffen hatten.

Ich werde erst eine allgemeine Definition des Begriffs „Solidarität“ mit Hilfe des Buches „Solidarität, Anerkennung und Gemeinschaft“ von Markus Daniel Zürcher angeben und dann aus demselben Buch die Anerkennungstheorie von Axel Honneth näher erläutern.1

Dann werde ich versuchen, mit Hilfe wissenschaftlicher Untersuchungen von Elizabeth Reid-Steere, Bettina Heintz, Nicola Döring und Alexander Schestag und der am Anfang erläuterten Anerkennungstheorie von Axel Honneth der Frage genauer auf den Grund zu gehen und vielleicht eine mögliche Antwort zu finden, ob denn nun echte Solidarität im Internet entstehen kann oder nicht.

2. Was ist überhaupt „Solidarität“?

„Solidarität (lat.–fr.), die: Zusammengehörigkeitsgefühl, Gemeinsinn“2

Markus Daniel Zürcher beschreibt in seinem Buch „Solidarität, Anerkennung und Gemeinschaft – Zur Phänomenologie, Theorie und Kritik der Solidarität“ mehrere Thesen über „Solidarität“ von Theoretikern aus unterschiedlichen Fachgebieten wie der Theologie, der Ethik, der Soziologie und der Politik, von den klassischen Theorien Kants, Marxs oder Hegels bis zu modernen Theorien der Sozialphilosophie von Rawls, Habermas oder Honneth.

Er versucht aber auch durch das gesamte Buch hindurch eine genauere Definition des Begriffs zu erstellen.

Allgemein kann man sagen, dass der Begriff „Solidarität“ seine Ursprünge als„solidarité“ in der französischen Philosophie hat und ein Gefühl der Zusammengehörigkeit der Menschen untereinander beschreibt.3

Solidarität bedeutet wechselseitige Verantwortlichkeit, Verbundenheit und Verpflichtung der einzelnen Individuen füreinander.4

Dabei wird von den einzelnen Mitgliedern der Gemeinschaft Engagement gefordert, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen5, wobei das Individuum sich aber nicht radikal der Gemeinschaft unterordnen sollte, sondern selbständiges Subjekt bleiben muss.6

Es bedeutet also nicht Selbstaufgabe, sondern einfach ein Prinzip der persönlichen Moral und des Zusammenlebens der Menschen untereinander.7 Wenn man allerdings unsolidarisch ist, wird das als Zeichen von„rohemEgoismus“8 gedeutet und hat die Bedeutung einer Verabschiedung aus der Gemeinschaft. Man zieht sich aus der Verantwortung,9 der Verantwortung als

Mitglied einer sozialen Gemeinschaft, die Menschen auf Grund ihrer gemeinsamen Geschichte und Tradition haben und die ihnen auch effektiv zu Nutzen kommt, zum Beispiel wenn sie sich ihre Arbeit teilen.10

Solidarität ist„eine aus eigener Überzeugung der Menschen resultierendeEinsicht, aufeinander angewiesen zu sein.“11, Menschen stehen also in einer wechselseitigen Abhängigkeit zueinander, und das wird besonders unter Arbeitern deutlich. Sie bilden zum Beispiel Gemeinschaften in Gewerkschaften und setzen sich als Einheit für soziale Gerechtigkeit und ihre gemeinsamen Interessen ein.12

Solidarität ist also nicht nur ein moralisches, sondern auch ein politisches Prinzip und in der heutigen Zeit als wichtigster Grundsatz neben Freiheit und Gleichheit die Grundlage eines jeden demokratischen Staates:

„Die Grundlagen des Staates bilden Solidarität (die Vereinigung der Bürger),Freiheit und Gerechtigkeit.“13.

Außerdem ist das Prinzip der Solidarität auch in den Grundsatzprogrammen der sozialdemokratischen Parteien verankert:

„‚Solidarität’ findet sich in jüngster Zeit neben ‚Freiheit’ und ‚Gleichheit’auch als Grundwert in Grundsatzprogrammen sozialdemokratischerParteien.“14.

Allerdings macht sich durch verschärften wirtschaftlichen und sozialen Konkurrenzkampf in der heutigen Gesellschaft ein Solidaritätszerfall und somit Mangel an sozialem Zusammenhalt bemerkbar.15

Es gibt aber auch Zeichen für Solidarität in der heutigen Gesellschaft, wie zum Beispiel die Wiedervereinigung Deutschlands, das gesamte Gesundheitswesen (z.B. Krankenversicherungen) und Sozialversicherungen.16 Solidarität hat nur ein Grundproblem: man kann nur mit Menschen solidarisch sein, mit denen man gemeinsame Interessen verfolgt.

Wenn andere diese Interessen nicht teilen, werden sie von der solidarischen Gemeinschaft außen vor gelassen. Somit entsteht eine Art von Ausgrenzung:

„Solidarisch kann man nur mit Menschen sein, mit denen man auf einebestimmte Weise, insbesondere durch gemeinsame Interessen oder aufgrundgesellschaftlicher Kooperation verbunden ist.“.17

Man kann sagen, dass Solidarität unter beliebig vielen Menschen entstehen kann18, die erkennen, dass man zum Beispiel ein gestecktes Ziel nicht allein erreichen kann und als Teil einer Gemeinschaft für die Anderen da sein sollte, weil man ihre Hilfe vielleicht ja auch einmal beanspruchen muss:

„Aus diesem Bewusstsein gegenseitiger Verbundenheit entsteht dieBereitschaft, füreinander einzustehen und einander zu achten.“.19

Ob man mit Jemandem solidarisch ist, bestimmt sich nicht durch Sympathien oder persönliche Eigenschaften, sondern durch gemeinsame Interessen und der Einsicht, als Gemeinschaft der Menschen füreinander wechselseitige Verantwortung und Verpflichtungen zu haben:

„Anders als Liebe und Freundschaft gründet Solidarität nicht oderzumindest nicht primär auf Sympathie und wechselseitiger persönlicherAnziehung,...“.20

3. Die Annerkennungstheorie von Axel Honneth:

Im letzten Kapitel des Buches „Solidarität, Anerkennung und Gemeinschaft“ erläutert Markus Daniel Zürcher die Annerkennungstheorie von Axel Honneth.21

Axel Honneth stellt die These auf, dass Menschen in der heutigen Zeit Anerkennung auf der persönlichen, der gesellschaftlichen und der sozialen Ebene benötigen, um ein ausreichendes Selbstvertrauen zu bekommen und sie dieses durch Liebe, Recht und sozialer Anerkennung erlangen können:

„Er nimmt an, dass mit den drei Anerkennungsmustern Liebe, Recht undSolidarität die formalen Bedingungen für eine ‚gelingendeSelbstverwirklichung’ hinreichend bestimmt sind.“22

Die Liebe wird dem Menschen zu Beginn des Lebens von der Mutter gegeben und setzt sich im weiteren Leben durch die Liebe unter Erwachsenen fort.

Diese Formen der Liebe vermitteln dem Menschen Selbstvertrauen, um selbständig am öffentlichen Leben teilzunehmen.23

Das Recht gibt dem Menschen eine gewisse Sicherheit und Anerkennung, durch die grundsätzlichen Menschenrechte allgemein24; und durch die Tatsache, als Individuum betrachtet und behandelt zu werden, also unabhängig der persönlichen Fähigkeiten und Einstellungen geschützt zu sein. Rechtliche Anerkennung steht ohne Ausnahme jedem Menschen zu:

„Im Gegensatz zur persönlichen gründet die rechtliche Anerkennung nicht auf wechselseitiger Sympathie und Zuneigung, sondern auf einer

universalistischen Perspektive: nicht die besonderen Eigenschaften des einzelnen Individuums werden im Recht wertgeschätzt, sondern das generalisierte Subjekt gelangt zu Anerkennung.“.25

[...]


1 Zürcher: S. 164-174

2 Duden Fremdwörterbuch: S. 755

3 Zürcher: S. 11 („Der Begriff war in der Philosophie zunächst im Französischen gebräuchlich.“)

4 Zürcher: S. 54 („...: so wird mit „Solidarität“ allgemein eine wechselseitige Verbundenheit und Verpflichtung grundsätzlich selbständiger Subjekte bezeichnet...“) Zürcher: S. 56 („Mit dieser postuliert er eine wechselseitige Verantwortlichkeit grundsätzlich Gleicher,...“) Zürcher: S. 61 („Leroux postuliert nun „solidarité als ein Gefühl wechselseitiger Verbundenheit und Verantwortlichkeit,...)Zürcher: S. 176 („In einem ersten Vorgriff lässt sich nun Solidarität bestimmen, als ein symmetrisches Verhältnis wechselseitiger Verbundenheit, Wertschätzung und Verantwortlichkeit,...)

5 Zürcher: S. 90 („Solidarität setzt Engagement für gemeinsame Ziele voraus.“)Zürcher: S. 175 („Zudem bedürfen solidarische Verbindungen..., werden sie einander symmetrisch wertschätzen.“)

6 Zürcher: S. 55 („Gemeinsamkeiten unter den behandelten Positionen scheinen sich daraus zu ergeben,... ursprünglichen Gemeinschaftsbezug dieser Subjekte ausgegangen wird.“)

7 Zürcher: S.61 („Dabei konzipiert Leroux Solidarität sowohl als ein Prinzip der persönlichen Moral...: ‚La solidarité seule est organisable’.)

8 Zürcher: S. 9 („So gilt denn gemeinhin ein roher Egoismus als die der Solidarität direkt entgegengesetzte Haltung.“)

9 Zürcher: S. 9 („Dabei hat der Begriff allgemein einen vorzüglichen Ruf:... stiehlt sich aus der Verantwortung.“)

10 Zürcher: S.11 („Dabei setzt er sowohl bei der wechselseitigen Abhängigkeit durch Arbeitsteilung wie auch bei der gemeinschaftlichen Verbundenheit durch die Tradition an.“) Zürcher: S. 64 („Wechselseitig aufeinander angewiesen..., insofern sie eine gemeinsame Geschichte und kulturelle Tradition teilen sowie durch Arbeitsteilung.“)

11 Zürcher: S. 98 („Solidarität ist die aus eigener Überzeugung der Menschen resultierende Einsicht in die Grundbedingung ihrer unaufhebbar sozialen Existenz, aufeinander angewiesen zu sein.“)

12 Zürcher: S. 33 („In Hegels Theorie der Sittlichkeit... Mittel zur Durchsetzung sozialer Gerechtigkeitsforderungen offensichtlich nicht vorgesehen.“)

13 Zürcher: S. 65 („Die Grundlage des Staates bilden Solidarität (die Vereinigung der Bürger), Freiheit und Gerechtigkeit.“)

14 Zürcher: S. 98 („‚Solidarität findet sich in jüngster Zeit... sozialdemokratischer Parteien.“)

15 Zürcher: S. 9 („In jüngster Zeit nun diagnostizieren und beklagen Politiker... ein gewisses Engagement für die Gemeinschaft noch leisten konnte und leisten wollte.“)

16 Zürcher: S. 9 („Diesen kritischen Stimmen stehen solche gegenüber, die Solidarität vorwiegend funktional verstehen wollen..., sei dies im Prozess der deutschen Wiedervereinigung.“)

17 Zürcher: S. 175 („Solidarisch kann man nur mit Menschen sein,... durch gemeinsame Interessen oder aufgrund gesellschaftlicher Kooperation verbunden ist.“) und („Solidarität entsteht über gemeinsame Interessen und grenzt deshalb andere Interessen aus;...“)Zürcher: S. 103 („Dennoch bleibt ein Grundproblem der Solidarität die Ausgrenzung.“)Zürcher: S. 145 („Patriotismus kann demnach..., die Ausgrenzung Anderer.“)

18 Zürcher: S. 175 („Auch ist Solidarität als soziales Kohäsionsprinzip nicht auf zwei oder einige wenige Menschen beschränkt, sondern vermag mehrere, prinzipiell sogar beliebig viele Menschen zu umfassen.“)

19 Zürcher: S. 98 („Aus diesem Bewusstsein gegenseitiger Verbundenheit entsteht die Bereitschaft füreinander einzustehen und einander zu achten.“)

20 Zürcher: S. 175 („Anders als Liebe und Freundschaft gründet Solidarität... auf einem aufgeklärten Eigeninteresse.“) und („Dabei handelt es sich indes weniger um persönliche,... aufgrund ihrer Beiträge zur Gemeinschaft wertgeschätzt.“)

21 Zürcher: S. 164-174

22 Zürcher: S. 173 („Er nimmt an, dass mit den drei Anerkennungsmustern Liebe, Recht und Solidarität die formalen Bedingungen für eine ‚gelingende Selbstverwirklichung’ hinreichend bestimmt sind:...“) Zürcher: S. 164 („In seiner Anerkennungstheorie will Axel Honneth zeigen,... sowie in verschiedenen Formen (Liebe, Recht und soziale Wertschätzung) zuteil wird.“)

23 Zürcher: S. 169 („...denn erst jene symbiotisch gespeiste Bindung.. Teilnahme am öffentlichen Leben die unverzichtbare Basis ist.“)

24 Zürcher: S. 179 („Zudem findet, gerade mit der weltweiten Durchsetzung der Menschenrechte, sukzessive eine Universalisierung des Rechtsverhältnisses statt.“)

25 Zürcher: S. 170 („Im Gegensatz zur persönlichen gründet die rechtliche Anerkennung... Verfügbarkeit über das eigene Leben zugesteht.“)

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Anerkennungstheorie von Axel Honneth und die Frage: Gibt es Solidarität im Internet
Hochschule
Universität Paderborn  (Medienwissenschaft)
Veranstaltung
Kommunikation, Konvention und Partizipation im Internet
Note
1,3
Autor
Jahr
2002
Seiten
20
Katalognummer
V14378
ISBN (eBook)
9783638197960
Dateigröße
366 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Anerkennungstheorie, Axel, Honneth, Frage, Gibt, Solidarität, Internet, Kommunikation, Konvention, Partizipation
Arbeit zitieren
Cornelia Berndt (Autor), 2002, Die Anerkennungstheorie von Axel Honneth und die Frage: Gibt es Solidarität im Internet, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/14378

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