Klimakatastrophe und Neue Musik – Sind wir noch zu retten?

Beobachtungen und Gedanken zur Klimakatastrophe und zur Neuen Musik


Hausarbeit, 2008
18 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Der Klimawandel - Sind wir noch zu retten?

Freie Kunst unter dem Diktat des Materials?

Zufall als Notwendigkeit - Der Einzug des Zufalls in die neue Musik Europas

Die Gleichgültigkeit John Cages

Die Brücke zurück zur Naturzerstörung

Literatur

Einleitung

Diese Arbeit entstand nach dem Besuch des Seminars "Natur, Musik, Gesellschaft: Das Seminar zur Klimakatastrophe" im Sommersemester 2008 bei Frau Prof. Dr. Annette Kreutziger-Herr an der Hochschule für Musik Köln.

Durch die große Freiheit im Prozess der Themenfindung, welche ich sehr begrüße, entstand andererseits eine ebenso große Schwierigkeit bei selbiger.

Die Frage, wie ich die Klimakatastrophe bzw. den Klimawandel in Zusammenhang mit "Natur, Musik, Gesellschaft" bringen sollte, bescherte mir wirklich lange Zeit Kopfzerbrechen.

Letztlich ist dabei folgendes Konzept entstanden:

Ausgangspunkt ist die Frage nach der gesellschaftlichen Verantwortung für den Klimawandel.

Diese Frage soll gewisse Sachzwänge im gesellschaftlichen Denken und Handeln deutlich werden lassen und es ermöglichen, eine Brücke zu schlagen in das Denken und Handeln der neuen Musik des 20. Jahrhunderts, in welchem sich ebenfalls Sachzwänge finden lassen. Hierbei wird die Auffassung des Begriffs der Notwendigkeit, welche elementarer Bestandteil unseres Denkens ist, einen zentralen Punkt darstellen.

Jedes System, welches nach bestimmten Regeln abläuft, basiert auf Notwendigkeiten in Form kausaler Zusammenhänge. Solche Zusammenhänge findet man in Gesellschaftssystemen wie in Kompositionssystemen.

Das Kompositionssystem der Reihe wurde im Serialismus auf die Spitze getrieben und hat ihn womöglich in eine Sackgasse geführt.

Man könnte fragen, ob das Gesellschaftssystem des uneingeschränkten Kapitalismus zum Klimawandel geführt hat, oder wie notwendig die Notwendigkeiten in solchen Systemen wirklich sind, was Aufschluss über das Maß der Verantwortung bringen könnte.

Von solchen Überlegungen aus Gesellschaft und Musik ist diese Arbeit angeregt.

Der fast schon banal erscheinende Zusammenhang zwischen Naturzerstörung und einem Denken, welches Verantwortung durch scheinbare Notwendigkeiten abzuschieben versucht, soll sowohl im ersten wie auch im letzten Kapitel durchschimmern.

Der Klimawandel - Sind wir noch zu retten?

Nachdem man die Existenz des Klimawandels inzwischen nicht mehr leugnen kann, müssen wir uns nun mit der Frage beschäftigen, ob man ihn noch aufhalten kann.

Diese Frage versucht man in der Klima- und Umweltforschung durch die Erhebung von messbaren Daten und dem anschließenden Abgeben von Prognosen zu beantworten.

Dass beispielsweise die auf der Erde herrschende Temperatur abhängig von der atmosphärische CO²-Konzentration ist, ist ebenso messbar, wie die Tatsache, dass die CO²-Konzentration heute höher ist, als zu irgendeinem anderen Zeitpunkt der letzten 420 000 Jahre.1 Eine Prognose, die sich einem etwas kleineren Zeitfenster widmet besagt, dass sich die CO²- Konzentration bei der aktuellen Steigungsrate bis zum Jahr 2050 fast verdoppelt haben wird, gegenüber der Konzentration von vor Beginn der Industrialisierung.2

Dass also der Mensch hierfür verantwortlich ist, scheint evident.

Möchte man die Tatsache des sprichwörtlich ausschlaggebenden menschlichen Einflusses in umgekehrte Richtung, also positiv deuten, keimt die Hoffnung, die eingangs gestellte Frage bejahen zu können, vorausgesetzt, die Grenze zur Irreversibilität sei noch nicht überschritten.

Schwieriger wird die Beantwortung der Frage, geht man in der Genese einen Schritt zurück und erkennt die Klimakatastrophe als notwendige Konsequenz des omnipräsenten technischen Fortschritts, der mit Beginn der Industrialisierung gleichzeitig eine neue Ära der Naturzerstörung einläutete.

Der technische Fortschrittsgedanke als solcher ist nicht pauschal zu verurteilen, denn er entspringt dem Überlebenskampf des Menschen in der Natur und liefert z.B. seinen Beitrag zur Überwindung des Mangels an Nahrung, Kleidung und Energie.

Wie eng er aber auch an die Zerstörung der Menschheit geknüpft sein kann, wurde beispielsweise zu Zeiten des Kalten Krieges durch die atomare Bedrohung gewahr.

Gefährlich wird es insbesondere dort, wo der technische Fortschritt einem System unterworfen wird, dessen oberstes Ziel nicht mehr das Überleben des Menschen in der Natur ist, sondern einem System, welches sich der scheinbar unbegrenzten Produktion von Dingen verschreibt, die praktisch keinen Sinn, im Hinblick auf ein möglichst gesichertes Überleben oder gar erfülltes Leben haben. Vielmehr geht es darum, vom Menschen generierte und indoktrinierte Bedürfnisse durch den, die Produktion stützenden Konsum, zu befriedigen.

Fakt ist, dass die Koinzidenz von uneingeschränktem Kapitalismus und technischem Fortschritt die Naturzerstörung in beängstigendem Ausmaß beschleunigt.

Robert Menasse hat in fünf Vorlesungen anlässlich der Frankfurter Poetikvorlesungen 2005 auf beeindruckende Weise den Zustand der kapitalistischen Welt beschrieben.3 Folgendes Zitat hieraus soll dazu dienen, einen Einblick in einige Züge eines Systems zu erhalten, welches vermag, sich (noch) als das die Menschheit dominierende behaupten zu können, obwohl die uneingeschränkte Befolgung der Regeln seiner immanenten Logik empirisch als zerstörerisch gelten muss:

"Heute gilt es als pragmatisch, eine "Entwicklung" [...] mitzumachen, [...], nicht weil sie vern ü nftig ist, sondern nur, weil diese Entwicklung als unaufhaltsam gilt."4

Dass das Mitmachen dieser "Entwicklung" (der des uneingeschränkten Kapitalismus) nicht als vern ü nftig gelten kann, wird offenbar, wenn man es tatsächlich einer Prüfung durch die Methode des Pragmatismus unterzieht, deren Anspruch wir gewohnt sein sollten, an unser okzidentales Denken zu stellen. Es geht also darum, "vollkommene Klarheit in unsere Gedanken über einen Gegenstand zu bringen", indem untersucht wird, "welche praktischen Wirkungen dieser Gegenstand in sich enthält"5:

Wenn man nun praktische Wirkungen (Konsequenzen), wie die Klimakatastrophe aus dieser Entwicklung ableiten kann, entsteht also schon dort ein Widerspruch zwischen systemkonformen Verhalten und seiner Zweckdienlichkeit, wo man die Erhaltung des menschlichen Lebens als oberstes Handlungsziel annimmt.

Schon vor diesem existenziellen Hintergrund des Selbsterhaltungstriebs kann man also nicht von einem vern ü nftigen Handeln sprechen, denn eine das menschliche Leben zerstörende Maxime kann allenfalls dort zu einer allgemein gültigen Gesetzgebung werden, wo sie einem höheren, transzendenten Zweck dient.

Wenn man meint im Profitstreben religiöse Züge entdecken zu können, weil Geld doch scheinbar 'angebetet' wird, so sollte man sich bewusst machen, dass man hier lediglich einen Fetischismus im Sinne Marx beobachtet: eine Götzenanbetung eines vom Menschen geschaffenen Mediums.

Nun, was ist es dann für ein Grund, diese Entwicklung mitzumachen, wo es doch unvernünftig scheint? Es muss also ein Grund sein, der von der Vernunft und also von der menschlichen Entscheidungsfreiheit unberührt bleibt.

Menasse beschreibt mit seiner Formulierung "unaufhaltsam" eine Art Schicksalhaftigkeit, die sich in das Bewusstsein der Menschen zu drängen scheint.

Auch die dürftigen Ergebnisse bei der Ursachenforschung, welche 'Finanzexperten' anlässlich der momentanen Weltwirtschaftskrise betreiben, lassen die undurchschaubare Komplexität des gesamten Wirtschaftssystems erahnen. Da scheint es doch gerade zu verlockend, sich dem Glauben an eine Schicksalhaftigkeit hinzugeben.

Bei Erich Fromm lässt sich folgende Beschreibung dieses Phänomens finden:

"Der Wirtschaftsmechanismus [...], als autonomes Ganzes angesehen, das unabhängig von den menschlichen Bedürfnissen und dem menschlichen Willen ist, [ist] ein System, das sich aus eigener Kraft und nach eigenen Gesetzen in Gang hält."6

Er beschreibt also ein autonomes System, dessen Folgen "wie die Auswirkungen eines Naturgesetzes"7 erscheinen.

Ein Naturgesetz aber würde alle Folgen als notwendig implizieren und dadurch jegliche Existenz menschlicher Verantwortung leugnen. Diese Annahme ließe also in ihrer Konsequenz nur noch eine Negation der eingangs gestellten Frage zu.

Ich habe diese Problematik nicht von diesem Standpunkt aus beschrieben, um polemisch gegen den technischen Fortschritt oder den Kapitalismus zu wettern, sondern um zu vergegenwärtigen, dass man durchaus von einem ' Diktat des Kapitals' sprechen kann, dem unser Handeln unterworfen ist und wie gefährlich es - mit Blick auf den Klimawandel - ist, hier aus Bequemlichkeit an ein schicksalhaftes System, wie Fromm es beschreibt, zu glauben.

Im Denken der neuen Musik des 20. Jahrhundert findet man ein ähnliches Diktat: Ein ' Diktat des Materials', welches "scheinbar [...] den Weg vorzeichnete, den die Komponisten gehen mussten" und welches "sich hinter dem Schein "geschichtlicher Notwendigkeit 8 versteckte. Und hat John Cage hier nicht eine befreiende, erfrischende (östliche) Perspektive auf die traditionsgespeiste Musik der Westeuropäer geliefert?

[...]


1 Elizabeth Kolbert: Vor uns die Sintflut, Berlin 2006, S. 143

2 aaO., S. 56

3 Robert Menasse: Die Zerst ö rung der Welt als Wille und Vorstellung, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2006

4 aaO., S. 18

5 William James: Der Pragmatismus, ein neuer Name f ü r alte Denkmethoden, in: Philosophisches Lesebuch Bd. 3 hrsg. v. Hans-Georg Gadamer, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2004, S. 253

6 Erich Fromm: Haben oder Sein, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2001, S. 18

7 aaO.

8 Carl Dahlhaus: Abkehr vom Materialdenken?, in: Algorithmus, Klang, Natur: Abkehr vom Materialdenken?, Internationales Musikinstitut Darmstadt, B.Schott's Söhne, Mainz 1984, S. 48

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Klimakatastrophe und Neue Musik – Sind wir noch zu retten?
Untertitel
Beobachtungen und Gedanken zur Klimakatastrophe und zur Neuen Musik
Hochschule
Hochschule für Musik Köln
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
18
Katalognummer
V143796
ISBN (eBook)
9783640547425
ISBN (Buch)
9783640550975
Dateigröße
552 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
neue Musik, Klimakatastrophe, Cage, Serialismus, serielle Musik, musikalisches Material, Diktat des Materials, Diktat des Kapitals, Zufall, Aleatorik, Unbestimmtheit, Schicksal, Vernunft, Klimawandel, Stockhausen, Notwendigkeit
Arbeit zitieren
Manuel Lorenz (Autor), 2008, Klimakatastrophe und Neue Musik – Sind wir noch zu retten?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/143796

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