Der Nationalpark Bayerischer Wald und seine Wälder


Examensarbeit, 2009

112 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Naturräumliche Ausstattung
1. Lage
2. Geologie
3. Geomorphologie
3.1. Glaziale Formen
3.2. Fluviale Formen
3.3. Hydrologische Formen
3.4. Verwitterungsformen
4. Böden und deren Verbreitung
4.1 Fels- und Blockböden
4.2. Sand- und Lehmböden
4.3. Nassböden
5. Gewässer
6. Klima

III. Der Nationalpark und seine Wälder
1. Waldgeschichte bis zur Nationalparkgründung
1.1. vegetationsgeschichtlicher Abriss
1.2. Aktuelle Höhenstufen und Zonierung
1.3 .Anthropogene Einflüsse und deren Auswirkungen
1.3.1. Siedlungsgeschichte
1.3.2. Glashütten und deren Auswirkungen auf den Waldzustand
1.3.3. Techniken zur Walderschließung und forstwissen-schaftliche Besonderheiten
1.3.3.1. Winterzug
1.3.3.2. Trift
1.3.3.3. Waldbahn
1.3.3.4. Schachten
1.3.3.5. Waldbauliche Verfahren
1.3.4. Naturkatastrophen und politische Zwangs- situationen
2. Entstehung, Philosophie und Struktur des Nationalparks, Akzeptanz in der Bevölkerung und geographische Forschungsbereiche
2.1. Entwicklung des Schutzgedankens in Deutschland
2.2. Erste Anfänge im Bayerischen Wald
2.3. Politische Debatten und Entscheidungen
2.4. Leitbild und Ziele des Nationalparks
2.4.1. Leitbild
2.4.2. Ziele
2.5. Managementzonen
2.6. Akzeptanz des Nationalparks in der örtlichen Bevölkerung
2.7. Geographische Forschungsbereiche
3. Waldschäden seit Gründung des Nationalparks
3.1. Luftschadstoffmonitoring im Bayerischen Wald
3.1.1. Ozoneinträge
3.1.2. Schwefeldioxideinträge
3.1.3. Stickoxideinträge
3.1.4. Bewertung und Ausblick
3.2. Insekten (Borkenkäfer)
3.2.1. Biologie des Buchdruckers
3.2.1.1. Buchdruckerrelevante Klimakennwerte
3.2.1.2. Auswahl der Wirtsbäume
3.2.1.3. Aktionsradius
3.2.1.4. Vermehrung
3.2.2. Befallsentwicklung im Nationalpark
3.2.2.1. Borkenkäferproblematik aus Sicht des Nationalparkgedankens
3.2.2.2. Luftbildauswertung
3.2.2.2.1. Methodik
3.2.2.2.2. Ergebnisse
3.2.2.3. Auswirkungen des Borkenkäferbefalls auf Abfluss und Wasserqualität
3.2.2.3.1. Forschungsprojekte
3.2.2.3.2. Abflussspende und Verdunstung
3.2.2.3.3. Stickstoffeintrag und Nitrat- konzentrationen
3.2.2.3.3.1. Exkurs: Stickstoffhaushalt eines Bergfichtenwaldes
3.2.2.3.3.2. Veränderungen im Stoffhaus- halt nach dem Absterben des Bestandes
3.2.3. Waldentwicklung nach Borkenkäferbefall
3.2.3.1. Entwicklung der durchschnittlichen Pflanzenzahlen, der Baumartenanteile und der Höhenstruktur
3.2.3.2. Die Verjüngungsentwicklung beeinflussende Faktoren
3.3. Stürme und Windwürfe

IV. Exkursionsmöglichkeiten
1. Bildungsmöglichkeiten im Nationalpark-/Naturparkgebiet
1.2. Naturpark Informationshaus Zwiesel
1.3. Besucherzentrum Hans-Eisenmann-Haus Neuschönau
1.4. Haus der Wildnis Ludwigsthal
1.5. Wildniscamp am Falkenstein
2. Schulklassenprogramme der Nationalparkverwaltung

V. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Der Nationalpark Bayerischer Wald war bei seiner Gründung 1969 der erste Nationalpark in Deutschland. Obwohl die Nationalparkidee in den USA bereits seit der Gründung des Yellowstone-Nationalparks im Jahr 1872 bekannt ist, dauerte es nahezu hundert Jahre, bis auch in Deutschland eine Landschaft diesen Status erlangte. Im Gegensatz zu den weitläufigen, dünn besiedelten und vom Manschen nahezu ungenutzten Landschaften in den USA herrschten für die Region Bayerischer Wald jedoch gänzlich andere Voraussetzungen.

Der Bayerische Wald war seit dem Mittelalter besiedelt, der Wald blieb jedoch zunächst, von einigen Rodungsinseln abgesehen, von einer intensiven Nutzung verschont. Bedeutend war die Region vor allem für die über seine Bergrücken verlaufenden Salzhandelsrouten nach Böhmen und die sich seit dem Mittelalter betriebenen Glashütten, die hier beste Bedingungen, ein unerschöpflich erscheinender Reichtum an Holz und Quarz, vorfanden. Erst im ausgehenden 19. Jahrhundert setzte eine intensive Nutzung der Holzbestände ein und damit die planmäßige Umwandlung der urwüchsigen Bestände in Wirtschaftswälder. Der Beginn des Kalten Krieges bedeutete für die Region eine Zäsur. Die zentrale Lage verwandelte sich in eine Randlage und die kunsthandwerkliche Glasindustrie verlor zunehmend an Bedeutung, sodass sich die Region zum „Armenhaus“ Deutschlands entwickelte. Neue Einnahmequellen mussten erschlossen werden. Der Gründung des Nationalparks gingen jedoch nicht in erster Linie ökonomische Überlegungen voraus. Im Fokus stand von Beginn der Überlegungen an der Naturschutz, denn die zu großen Teilen noch intakten urwüchsigen Hochlagenwälder des Bayerischen Waldes waren in dieser Form und Ausdehnung einmalig in Deutschland und besaßen daher einen schützenswerten Charakter, der schon Mittel des 19.Jahrhunderts erkannt wurde.

Anders als in den USA, wo bei der Gründung eines Nationalparks meist nur wenig Menschen direkt in ihrer Lebensweise eingeschränkt werden, gestaltete sich die Situation im dicht besiedelten Bayerischen Wald anders. Seiner Eröffnung ging ein jahrlanges Ringen um Ziele und Verfahrenstechniken voraus. Ökonomische Konflikte mit der einheimischen Bevölkerung mussten ausgetragen, Vorurteile ausgeräumt und Befürchtungen beseitigt werden. Den Wald in seinem natürlichen Zustand belassen, ihn nicht zu bewirtschaften war für die meisten Einheimischen, die oftmals seit Generationen im und vor allem vom Wald lebten, zunächst undenkbar, denn die Holznutzung stellte für einen großen Teil der Bevölkerung die Lebensgrundlage dar und war zudem traditionell in der Gesellschaft verankert. Die Holznutzung gänzlich zu unterlassen, bzw. nur noch in deutlich geringerem Ausmaß zu betreiben war für die meisten Bewohner der Region undenkbar. Hinzu kam, dass es sich bei der Entscheidung für einen Nationalpark um eine politische handelt, und politische Entscheidungen stoßen bekanntermaßen in den seltensten Fällen auf breite Zustimmung. Doch die Akzeptanz des Nationalparks in der Bevölkerung stieg. Der Tourismus erschloss neue Einnahmequellen und eine wirtschaftlich gefährdete Region konnte auf langfristige Prosperität hoffen.

Als nach heftigen Stürmen in den Jahren 1983/1984 beschlossen wurde, die umgeworfenen Bäume im Wald zu belassen und der natürlichen Regeneration eine Chance zu bieten verschlechterte sich die Akzeptanz des Parks in der örtlichen Bevölkerung zunehmend. Der Beginn der jüngsten Massenvermehrung (Gradation) des Borkenkäfers Anfang der 90er Jahre lies die Zustimmung in der Bevölkerung noch weiter sinken. Umliegende Wirtschaftswälder waren akut vom Befall bedroht. Die Entscheidung, nur in begrenztem Maß beziehungsweise gar nicht gegen den schädlichen Käfer vorzugehen, stieß auf breite Ablehnung. Befürchtungen, die Vermehrung des Käfers könnte außer Kontrolle geraten, die bewirtschafteten Wälder zerstören und den Bauern damit die Lebensgrundlage entziehen waren nicht unberechtigt. Ebenfalls wurde daran gezweifelt, dass sich die Touristen auch zukünftig für den Wald interessieren würden, wenn dieser nur noch aus einem Meer sterbender oder schon toter Bäume bestehen würde. Die Attraktivität der Waldlandschaft, zumindest die Idealvorstellung der Mehrheit der Bevölkerung davon, sinkt sicherlich mit zunehmendem Befall. Die natürlichen Prozesse, die auf die Massenvermehrung des Borkenkäfers folgen, Waldverjüngung, Änderungen in der Baumartenzusammensetzung sind jedoch nirgends in Deutschland besser zu beobachten als im Nationalpark Bayerischer Wald. Zudem besitzen die kahlen „Waldfriedhöfe“, die auf den Berghängen liegen ihren ganz eigenen Reiz und touristischen Wert.

In folgender Arbeit soll nach einer physisch geographischen Beschreibung der Region auf die Geschichte der Nationalparkregion und die seiner Wälder eingegangen werden. Desweiteren werden Ursachen und Wirkung von dem Wald schadenden Einflüssen (atmosphärische Schadstoffe, Insekten und Stürme) erläutert und ihr Zusammenhang aufgezeigt. Abschließend wird noch auf die zahlreichen Exkursionsmöglichkeiten im Nationalparkgebiet, vor allem auf die Angebote, die sich an Schulklassen richten, eingegangen.

II. Lage und naturräumliche Ausstattung

1. Lage

Der Bayerische Wald ist ein Mittelgebirge und erstreckt sich von Nordwesten nach Südosten, entlang der etwa auf der Kammlinie verlaufenden Grenze zur Tschechischen Republik. Diese Grenze teilt südöstlich der Cham-Further Senke einen einheitlichen Naturraum, früher zusammenfassend Böhmerwald genannt. Unter Böhmerwald versteht man heute meist nur noch den auf tschechischer Seite gelegenen Teil dieses Waldgebiets. Die Abhänge auf der deutschen Seite werden heute meist als Hinterer oder Innerer Bayerischer Wald bezeichnet, wobei dieser Begriff nur den Hauptabhang des Gebirges meint. Gegen Südwesten und Süden schließen sich das Hügelland der Regen-Senke, jenseits davon der Vordere Bayerische Wald, und die Wegscheider Höhenfläche an.[1]

Der im mittleren Abschnitt des Inneren Bayerischen Waldes, entlang der deutsch-tschechischen Grenze verlaufende Nationalpark Bayerischer Wald umfasst eine Fläche von 24.369 ha. Das Waldgebiet des Nationalparks bildet zusammen mit dem Böhmerwald eines der größten zusammenhängenden Waldgebiete Mitteleuropas. Neben dem Schwarzwald ist der Bayerische Wald das höchste Mittelgebirge Deutschlands. Der Nationalpark umfasst die Süd-West-Abdachung des Inneren Bayerischen Waldes im zwischen Bayerisch Eisenstein im Nordwesten und Mauth-Finsterau im Südosten. An den Nationalpark Bayerischer Wald schließt sich auf tschechischer Seite im Nordosten der Nationalpark SUMAVA (Böhmerwald) mit einer Fläche von 69.030 ha an. Die Kammlinie des Böhmerwaldes, der die europäische Wasserscheide zwischen Donau und Elbe bildet, entspricht in etwa der Grenze zwischen den beiden Nationalparken. Der Nationalpark erstreckt sich von 600 m ü. NN (Kolbersbach) in den Tallagen bis zu den Kammlagen mit den Erhebungen Großer Rachel (1453 m ü. NN), Lusen (1373 m ü. NN) und Falkenstein (1312 m ü. NN).[2]

2. Geologie

Die naturräumliche Ausstattung, Geologie, Klima und Böden, des gesamten Nationalparkgebiets wurden von ELLING et al. (1976) ausführlich beschrieben und werden an dieser Stelle nur zusammenfassend wiedergegeben.

Der Bayerische Wald befindet sich im südwestlichen Randgebiet der böhmischen Masse, als Teil der moldanubischen Region, die etwa die Südhälfte Böhmens einnimmt und sich jenseits der tschechischen Grenze fortsetzt. Der Westen der moldanubischen Region ist ein der Abtragung unterlegenes Hochgebiet. Die postkarbonische Denudation wurde von DUDEK und SUK (1965) auf 1500 m geschätzt.[3] Der Bayerische Wald wird im Westen durch eine Verwerfung (Keilberg-Naabtal-Störung) vom mesozoischen Umland getrennt. Im Südwesten grenzen gewaltige Verwerfungen (Donaurandbruch), die dem Lauf der Donau folgend das südwestliche Vorland staffelbruchartig abgesenkt haben, das Gebiet vom Umland ab.[4]

Das Deckgebirge wurde bereits früh als jüngere Einheit vom Grundgebirge unterschieden. Die Gebirgskämme bauen sich vorwiegend aus Paragneisen auf, die auf eine mächtige Folge sandig-toniger Sedimente, abgelagert vor oder während des Algonikums, später verfaltet und in Gneise umgewandelt, zurückgehen. Während dieser Metamorphose kam es zu partiellen Aufschmelzungen und teilweise zu Mobilisation in größeren Ausmaßen. Gesteine intrudierten in großem Umfang vor allem granitische Gesteine, von denen die älteren noch von der Durchbewegung erfasst und in Orthogneise umgewandelt wurden. Da Verfaltung, Metamorphose, Aufschmelzung und Intrusion in mehreren Phasen erfolgten, ist die genaue Zusammensetzung und die Genese des Grundgebirges noch nicht endgültig geklärt.

Ihr Ende nahm die Gebirgsbildung nach den Altersbestimmungen von TROLL et al. 1967 vor Beginn des Mesozoikums mit dem der variskischen Gebirgsbildung. Das Ende der variskischen Gebirgsfaltung und spätere Epochen (Oberkreide, Tertiär) waren Zeiten verstärkter Bruchtektonik, in denen es zur tektonischen Hebung einzelner Blöcke kam, was die heutigen Landschaftsformen prägt.

Das Grundgebirge setzt sich gegen Süden und Südwesten unter jüngeren Ablagerungen fort und wurde in mehreren Bohrungen unter dem Bayerisch-Schwäbischen Molassebecken nachgewiesen. Daher lässt sich eine Verbindung zum Südschwarzwald vermuten. Diese konnte 1967 von TROLL et al. nachgewiesen werden und gilt seither als gesichert. Der Bayerische Wald wird von zwei großen Störungen unterteilt. Zum einen durch den von NW nach SO verlaufendem Pfahl, der eine deutliche Grenze zwischen dem Inneren und dem Vorderen Bayerischen Wald darstellt. Zum anderen die im Inneren Bayerischen Wald verlaufende Störung von Runding über Kötzing nach SO.[5]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Übersicht geologischer Vorkommen im Nationalparkgebiet

Quelle: Ajathi, Krumme (2002), S. 25

3. Geomorphologie

Die Landschaft prägende geomorphologische Determinanten lassen sich in folgende Gruppen unterteilen:

- glaziale Formen
- fluviale Formen
- hydrologische Formen
- Verwitterungsformen

3.1. Glaziale Formen

Sowohl Böhmerwald als auch Bayerischer Wald trugen während des Pleistozäns lokale Gletscher: Nach längerer Unklarheit über das genaue Ausmaß der Vereisung konnten PRIEHÄUSER (1927) und RATHSBURG (1927) eine Fülle von Spuren eiszeitlicher Gletscher nachweisen.[6] Während des Würmglazials lag die Schneegrenze etwa in 1100 bis 1150 m ü. NN. HAUNER (1980) konnte im Nationalparkgebiet Bayerischer Wald stratigraphisch 43 ehemalige Gletscherloben nachweisen. Von diesen weisen 16 Ablagerungen vom Typ der Wallmoräne auf, liegen in einer Höhenregion von 895 und 1130 m ü. NN und lassen sich einer der Erosionsformen Kar oder Karoid zuordnen, deren Talböden oftmals von einem Hangmoor bedeckt sind. Die drei größten Gletscher der Region, der Rachelgletscher, Nördliche Rachelgletscher und der Gletscher im Tal des großen Schwarzbachs hinterließen Seitenmoränen, die zum Teil in Endmoränen übergehen und in deren Bereiche sich häufig Geschiebeblöcke (Erratica/Findlinge) finden.[7]

Besonders die Landschaftsformen der Hochlagen wurden während der Eiszeiten überprägt und kennzeichnen sich durch freigelegte Fels, Schutt, Gesteinsblöcke und Moränenwälle. Der Rachelsee und die steile Seewand sind weitere Zeugen dieser Epoche.[8]

3.2. Fluviale Formen

Das ehemalig periglaziale Gebiet ist von Muldentälern gekennzeichnet. Das frühere Glazialgebiet ist dominiert von Kerbtälern, die an einem Talgefälle von 5° bis 12° in Kastentäler übergehen. Die Fließgewässer haben sich auf einer Breite von 40 bis 50 m und mit einer maximalen Tiefe von 4 bis 6 m in die Grundmoräne eingeschnitten. Kerb- und Muldentäler gehen bei einem abnehmenden Talgefälle unter 5 bis 6° in Sohlentäler über, in denen pleistozäne Terrassen aus Sanden, Kiesen, Tonlinsen und zwischengelagerten Blöcken ausgebildet sind. Die untere Niederterrasse ist von Auelehm bedeckt und in allen Sohlentälern verbreitet. In ihren Schotterkörper ist das Bachbett eingeschnitten, rezent wird sie überschwemmt. Die obere Niederterrasse mit einer Sprunghöhe von 1,3 bis 1,5 m wird gelegentlich von Schwemmfächern überdeckt, ihre Kante tritt morphologisch nicht immer hervor, da Solifluktionsschutt oder weitläufige Hoch- und Niedermoore diese überdecken. 2 bis 2,4 m über Bachniveau sind Hochterrassen vorhanden.[9]

3.3. Hydrologische Formen

Im bayerisch-böhmischen Grenzgebirge sind besonders die Moore oder Filze als hydrologische Formen zu nennen, wobei die ausgedehntesten Moorflächen im Sumava Nationalpark liegen. Auf deutscher Seite stellt das Moor um die Riedlhütte das größte zusammenhängende Moorgebiet dar. Dieses weist auch eine mächtige Hochmoorbildung auf (Klosterfilz, Bärenloch, Filzteile). In glazialen Erosionsformen, durch Ansammlung von Firnmassen entstanden, liegen die Hochmoore der Hochlagen, die jedoch nur geringe Ausmaße haben.

Im Nationalparkgebiet gibt es mehrere Quellen, teils mit Quellmoorbildung. Im Muckenloch, zwischen Reschbachklause und Staatsgrenze gibt es ein grenzübergreifendes Quellmoor. Dies besteht aus drei Quellmooren mit einer Gesamtfläche von 12,2 ha und setzt sich nach Norden, im Bereich der Moldauquelle, auf tschechischem Gebiet fort.[10]

3.4. Verwitterungsformen

Blockbildung ist die am häufigsten anzutreffende Verwitterungsform im Nationalparkgebiet. Diese Formen unterliegen entweder chemischen (Tiefenverwitterung im Tertiär) oder physikalischen (vorwiegend rezente Verwitterung) Prozessen und werden daher auch als „Mehrzeitformen“ bezeichnet. Der Lusen mit seinem Wahrzeichen, dem von Blockschutt überlagertem Gipfel, stellt die wohl eindrucksvollste der Verwitterungsformen im Nationalparkgebiet dar. Im Gegensatz zu den übrigen Blockmeeren ist dieses jedoch eine Besonderheit. Die vor allem im Gebiet des Granits an steilen oder Sonnenhängen zwischen 900 und 1200 m ü. NN häufig auftretenden Blockhalden sind allochton, entweder durch Solifluktion transportiert oder in pleistozäne Deckschichten eingearbeitet. Das Blockmeer am Lusen hingegen ist autochton und auf mechanische Verwitterung seit dem Pleistozän zurückzuführen, nach Erosion der tertiären Verwitterungsdecke. Neben dem beindruckenden Lusengipfel finden sich im Nationalparkgebiet viele Felsburgen in Form von Wollsäcken, die nach Abtragung der tertiären Verwitterungsdecke an die Oberfläche gelangten.[11]

4. Böden

Ausgangsgesteine sind tiefgründig sauer verwitterte Granite und Gneise. Der größte Teil der Hochlagenfläche besteht aus Corderitgneisen. Jedoch entstanden die Böden nicht einfach aus den anstehenden Gneisen und Graniten, sondern sind vielmehr eiszeitliche Relikte. Im Allgemeinen entstanden sie aus periglazialen Deckschichten. An der Oberfläche bewegten sie sich hangabwärts, als der Permafrost in den Sommermonaten in den obersten Metern auftaute. Frostsprengung zerkleinerte die Gesteine. Ab etwa 1000 m ü. NN, in den Hochlagen, weisen die Böden einen hellen Bereich unter einer mächtigen Humusschicht auf. Hohe Niederschlagssummen von über 1500 mm pro Jahr und niedrige Jahresmitteltemperaturen von maximal 5°C verursachten eine Verlagerung von Eisen und Humus in tiefere Bereiche des Bodens und führten so zu einer Podsolierung.[12]

Die im Nationalparkgebiet auftretenden Böden lassen sich grob in drei Gruppen unterteilen:

4.1. Fels- und Blockböden

Zum einen die besonders im Bereich der Granite auftretenden Fels- und Blockböden (ca. 8% der gesamten Nationalparkfläche), geprägt durch das flächige Auftreten von Fels und Grobskelett in Form von Blöcken. Braunerden sind hier mit Rohböden und Ranker in kleinflächigem Wechsel vergesellschaftet. Zwischen den dicht nebeneinander und teilweise auch übereinander lagernden Felsblöcken befinden sich Hohlräume oder gut durchlüftete humose Füllungen, auf die sich die Pflanzenwurzeln beschränken müssen. Regenwasser, das nicht festgehalten werden kann, versickert ungehemmt. Die Wasserversorgung der Bäume ist durch den regelmäßigen reichlichen Niederschlag in den Hochlagen gesichert. Bei längeren Dürreperioden sind diese Bestände aufgrund der mangelhaften Speicherkapazität jedoch schnell gefährdet. Häufig werden die Blöcke von Rohhumuspolstern in wechselnder Mächtigkeit überzogen. Weitere Fels- und Blockböden kommen im Nationalparkgebiet nur sehr kleinräumig vor: Fels-Humus-Boden in Karnischen, Fels-Lehm-Mosaik vereinzelt in Oberen und Unteren Hanglagen, Block-Lehm-Mosaik in sonnseitigen Oberen Hanglagen.[13]

4.2. Sand- und Lehmböden

Die zweite Gruppe umfasst die Sand- und Lehmböden mit unterschiedlich großem Steingehalt, die fast drei Viertel der Nationalparkfläche einnehmen. Ziemlich genau die Hälfte des Nationalparkgebiets wird von der Bodenform Lehm (auf >60 cm Tiefe Lehm) eingenommen. In den Tallagen sind es ca. 40%, in den Unteren Hanglagen ca. 75%, in den Oberen Hanglagen ca. 60%, in den Hochlagen nur noch vereinzelte Vorkommen. Auf die Nationalparkfläche bezogen nehmen Sand- und Lehmböden ca. 54% ein. Die Braunerde (lockerer Form) großer Entwicklungstiefe ist der vorherrschende Bodentyp.[14] Ein besonderes Kennzeichen ist der sogenannte „verfestigte eiszeitliche Schutt“, der in einer von der Höhenzone und dem Relief abhängigen Tiefe (0,3 bis mehrere Meter) auftritt und einen Flächenanteil von ca. 19% hat. PRIEHÄUSSER (1928, 1958) und ELLING et al. (1987) beschrieben zwei Hypothesen zu dessen Entstehung (Solifluktion oder als „Firneisgrundschutt“). Ab einer Höhe von 1100-1150 m ü. NN ist er flächenhaft vorhanden und reicht vereinzelt bis 800 m ü. NN hinab.[15] Dabei handelt es sich um mehrere übereinanderliegende Schichten stark verfestigten, schwach lehmigen Sandes mit eingestreuten flachen Gesteinsbrocken. In dieser sind, im geneigten Gelände hangparallel orientiert, zahlreiche Steine und Blöcke eingelagert, Die eingelagerten Steine und Blöcke tragen oberseits eine Lehmhaut, was auf die Durchschlämmung feinen Bodenmaterials zurückzuführen ist. Die gesamten oberen Lagen des Inneren Bayerischen Waldes sind in wechselnder Mächtigkeit vom verfestigten Schutt überzogen. Stellen, an denen Fels an der Oberfläche ansteht oder an denen er entweder nicht abgelagert oder durch spätere Einwirkung wieder abgeräumt worden ist, wie im östlichen Teil des Gebiets, bilden die Ausnahmen.[16] Der verfestigte Schutt ist als Stauhorizont zu bezeichnen, in dem das Niederschlagswasser weniger leicht durchsickern kann als durch die darüber liegenden Bodenschichten. Zu Zeiten eines hohen Wasserangebots, etwa bei der Schneeschmelze oder starken Niederschlägen, kann temporär Wasserstau und der damit verbundene Sauerstoffmangel im Boden auftreten, wodurch die Erwärmung des Bodens im Frühjahr gehemmt werden kann. Dies hat Auswirkungen auf die Bewurzelung der Pflanzen und besonders der Bäume. Fichten mit ihren flachen Wurzeln kommen mit diesen Bedingungen, im Gegensatz beispielsweise zur Buche oder anderer tiefwurzelnder Baumarten, gut zurecht. Die Tiefe des anstehenden Schutts erlaubt eine Unterteilung in die Kategorien: „mittelgründiger Lehm über verfestigtem Schutt“ (30 bis 60 cm Tiefe) und „tiefgründiger Lehm über verfestigtem Schutt“ (60 bis 90 cm Tiefe). Die zweite Form tritt nur an einzelnen Stellen in den Hochlagen auf, „mittelgründiger Lehm über verfestigtem Schutt“ ist hingegen die in den Hochlagen dominierende Form. Über dem verfestigtem Schutt befindet sich stark steiniger, sandiger Lehm. Dieser ist in den kühlen Hochlagen meist als Podsol-Braunerde mit verhältnismäßig mächtigen Humusauflagen (Rohhumus und rohhumusartiger Moder) ausgebildet. Wie bereits oben erwähnt sind die Böden im Bayerischen Wald stark sauer. In mittelgründigem Lehm über verfestigtem Schutt wurden von ELLING et al. 1987 pH-Werte von 3,2 (0 bis 10 cm Tiefe) bis 4,1 (60 bis 120 cm Tiefe) gemessen.[17]

4.3. Nassböden

Rund ein Fünftel der Nationalparkfläche wird von Nassböden eingenommen, die sich im ständigen Einwirkungsbereich des Grundwassers gebildet haben. Nassböden treten in allen Höhenstufen auf, sind jedoch in den Tallagen am stärksten vertreten wo sie nicht selten durch Gräben oberflächlich entwässert wurden. Mineralische Nassböden (auf ca. 13% der Gesamtfläche) finden sich in Form von Gleye, Anmoorgleye, und Moorgleye in den verschiedensten Geländesituationen, in flachen Talmulden ebenso wie auf hochgelegenen Verebnungen oder, in Zusammenhang mit Wasseraustritten, an Hängen. Die ökologischen Eigenschaften dieser Böden werden von ihrem hohen Wasserstand bestimmt, der als begrenzender Faktor für das Vorkommen von Baumarten auftritt. Eine extreme Flachwurzligkeit und damit ein erhöhtes Windwurfrisiko für die dominierende Fichte sind die Folge. Tannen, mit ihren tiefreichenden Wurzelwerken, haben eine besondere Bedeutung für die Stabilität der Bestände. Buchen kommen vereinzelt an stärker geneigten, nicht ganzjährig mit Wasser gesättigten Hängen besonders im Unter- und Zwischenstand vor. Flache Niedermoore (H-Horizont <20 cm, ca. 4% der Gesamtfläche) kommen in allen Höhenlagen in breiten, vernässten Mulden und an Wasseraustritten am Hang, ausgedehnter in den Tallagen vor. Sie entwickeln sich auf Nassböden dort, wo der Umsatz der organischen Substanz im Oberboden stockt. Aufgrund des hohen Wassergehalts ist hier die Fichte vorherrschende Baumart. Das aus mineralischen Substanzen austrendende Wasser führt ausreichend Mineralstoffe für gute Wuchsleistungen der Fichte mit. In den mittleren (H-Horizont 60-100 cm) und tiefen (H-Horizont >100 cm) Niedermooren, die ebenso wie die flachen Niedermoore in allen Höhenstufen in flachen, vernässten Mulden entstehen, können die Baumwurzeln nicht mehr bis zum Mineralboden vordringen. Die Folge ist erneut flaches Wurzeln der Fichten und die damit verbundene erhöhte Anfälligkeit für Windwürfe. Es erreichen jedoch noch genügend Mineralstoffe aus den mineralischen Substanzen die Bäume, sodass die Fichte zu mittleren bis guten Wuchsleistungen kommt. Hochgelegene Quellmoore treten nur in den obersten Hanglagen und den Hochlagen (ab 1050 m ü. NN) auf. Austretendes Grundwasser ist für ihre Entstehung entscheidend. Baumwachstum findet hier nur noch schütter und in kümmerlicher Form statt. Erreicht die organische Auflage eine Mächtigkeit von 60-100 cm, fehlt Baumbestand völlig und es treten bereits typische Hochmoorpflanzen auf. Lassen Moorflächen eine beginnende Aufwölbung über ihre Umgebung erkennen, geht der Kontakt zum Wasser des Mineralbodens allmählich verloren; es bilden sich Übergangsmoore. Dies hat einschneidende Auswirkungen auf die Vegetation. Fichten besitzen nur noch eine geringe Wuchs- und Konkurrenzkraft, sodass sich vereinzelt Moorbirke und Waldkiefer ansiedeln können. In den Tallagen, weniger in den Hochlagen und kaum an den Hanglagen umgeben die Übergangsmoore Hochmoore oder kommen als selbständige Einheiten vor. Durch die Mineral- und Sauerstoffarmut erreichen die Fichten nur noch geringe Wuchshöhen und sind so, trotz ihrer flachen Wurzeln, bei Stürmen weniger gefährdet. Der H-Horizont ist meistens über 100 cm mächtig. Hochmoore bilden die letzte Form der Nassböden. Sie sind vom Grundwasser unabhängig und speisen sich nur aus Niederschlägen. Da in den Hanglagen die geländemäßigen Voraussetzungen fehlen, kommen Hochmoore vor allem in den Tallagen und den Hochlagen vor. Extreme Nähr- und Sauerstoffarmut in Kombination mit starker Versauerung geben nur wenigen Pflanzen Wuchschancen. Hoch-, Quell- und Übergangsmoore nehmen ca.2% der Nationalparkfläche ein.[18]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Ausschnitt aus der Standortkarte des Nationalparks Bayerischer Wald (1976). Maßstab 1:10.000

Quelle: Heurich (2001), S. 54

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Flächenanteil der verschiedenen Bodengruppen im Nationalpark Bayerischer Wald

Quelle: Heurich (2001), S. 55

5. Gewässer

Auf dem Hauptkamm des Bayerischen Waldes, zwischen den Nationalparks, verläuft die Wasserscheide zwischen Donau und Elbe. Die Gewässer des Nationalparks entwässern demnach entweder zum Schwarzen Meer oder zur Nordsee. Ihr Verlauf deckt sich dabei großteils mit der Landesgrenze Bayern – Tschechische Republik. Westlich dieser Grenze gelegene Gebiete entwässern zur Donau, die östlich davon zur Moldau beziehungsweise Elbe. Den Nebenflüssen der Donau Ilz und Regen fließen die meisten der im Nationalpark entspringenden Bächen zu. Lediglich die Quellbäche einiger Osthänge fließen der Elbe zu. Die meisten Gebirgsbäche des Nationalparks, die an vielen Stellen klammartige und von großen Felsbrocken gesäumte Verläufe aufweisen, wurden zur Holztrift in der Vergangenheit ausgebaut oder begradigt, Steine ausgeräumt und Ufer befestigt. Diese vielen kleinen Bäche fallen in den Sommermonaten oft trocken. Durch die großen Mengen an ausgewaschenen Huminstoffen färben sich die Gewässer oft braun bis schwarz. Im Allgemeinen weisen die Gewässer im Nationalpark keine oder nur eine geringe bis mäßige Schadstoffbelastung auf. Hochlagenbäche werden meist mit Güteklasse I (unbelastet) oder I – II (gering belastet) kategorisiert. Durch saure Niederschläge sind die Gewässer in der Regel jedoch anthropogen belastet, was zum Teil erhebliche Folgen für ihre Eignung als Lebensraum seltener Gewässerorganismen hat. Da das Wasser sehr weich und leicht sauer ist können Säureeinträge daher nur bedingt „abgepuffert“ werden. Meist kommt es zu leichten Schwankungen im pH-Wert.

Die Böden im Nationalparkgebiet weisen eine geringe Wasserhaltekraft auf, wodurch Oberflächenwasser rasch abfließt und Grundwasservorkommen nicht sehr ergiebig sind. Die Schneeschmelze führt im Frühjahr zu stark erhöhten Abflussquoten wodurch die Bäche und Flüsse stark anschwellen.

Der Rachelsee (5,7 ha) ist der einzige natürliche Bergsee im Nationalparkgebiet. Dieser, von einem Gletscher ausgeschobene Karsee liegt auf 1071 m ü. NN am Fuß der 300 m hohen „Seewand“. Mit Moorwasser gefüllte Tümpel in den Hochmooren, sogenannte „Mooraugen“ sind natürliche Gewässer ohne oberirdische Zu- und Abflüsse.[19]

6. Klima

Der Bayerische Wald liegt an der Grenze zwischen kontinentalem und atlantischem Klima. Typisch hierfür sind die geringen Temperatur- und Niederschlagsunterschiede zwischen Sommer und Winter. Die Jahresmitteltemperaturen reichen von 3,5°C in den Hochlagen bis 6,5°C in den Tallagen. Aufgrund der großen Höhenunterschiede ist das Nationalparkgebiet klimatisch sehr differenziert. In 1300 m ü. NN, am Gipfel des Großen Falkenstein beträgt die Jahresmitteltemperatur 3,5°C, der Jahresniederschlag 1400 mm, bei sieben Monaten Schneebedeckung. In den Gipfellagen kann der Nebelniederschlag bis zu einem Drittel des Gesamtniederschlags ausmachen. In Gebieten über 1000 m ü. NN beträgt die mittlere Anzahl der Eistage (Temperatur ≤0°C) ca. 70. Sie sinkt in Lagen bis 400 m ü. NN auf ca. 30. In den muldenartigen Tälern zwischen 600 und 700 m ü. NN liegen die jährlichen Niederschläge bei 1100 bis 1300 mm. Die Jahresmitteltemperatur beträgt 5-6°C bei fünf Monaten Schneebedeckung. Häufig treten Früh- und Spätfröste auf. Die mittlere Zahl der Sommertage (Temperatur ≥25°C) ist im Vergleich zu Gesamt-Bayern (30-40 Tage) mit 10-20 Tagen verhältnismäßig gering. Weniger als 10 Sommertage treten in Lagen höher als 900 m ü. NN auf. Die jährlichen Niederschlagswerte reichen von 700 mm in den Tallagen bis 1800 mm in den Gipfellagen. Auch die Anzahl der Nebeltage steigt mit zunehmender Höhe. Weniger als 50 Nebeltage in den Tallagen stehen bis zu 150 in den Kammlagen gegenüber.[20]

Kaltluftsenken und Kaltluftabflussbahnen erlangen im Nationalparkgebiet als geländeklimatische Faktoren eine besondere Bedeutung. In diesen Gebieten kann ganzjährig Frost auftreten, wenn sich aus Kammlagen abfließende Kaltluft in Tälern (Au-

fichtenwald, moorige und anmoorige Talsohlen) staut.

Im Vergleich zu den Nördlichen Kalkalpen und dem Schwarzwald ist die Region in vergleichbarer Höhe kälter.[21]

Tab. 1: Kurzübersicht über die klimatischen Verhältnisse in den vier Höhenstufen des Nationalparks (nach Elling, 1976)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Heurich, Reinelt, Fahse (2001), S. 15

III. Der Nationalpark und seine Wälder

1. Waldgeschichte bis zur Nationalparkgründung

1.1. Vegetationsgeschichtlicher Abriss

Die Wälder des Nationalparks änderten sich während des Tertiärs und Quartärs in ihrer Zusammensetzung dramatisch. Wesentliche Ursache dafür waren die Klimaänderungen bis ins späte Mittelalter. Im Tertiär (800.000 Jahre) war Mitteleuropa von einer artenreichen Flora bedeckt. Als es gegen Ende dieser Epoche (Jungtertiär) zu einer rapiden Abkühlung, mit Höhepunkten in den Eiszeiten, kam, wurden die wärmeliebenden Pflanzen in den eisfreien Mittelmeerraum zurückgedrängt. Auch nach Abschmelzen des Eises vermochten es diese Pflanzen nicht, den vergletscherten Alpenhauptkamm zu überschreiten und wieder nach Norden vorzustoßen. Die Vegetation in Mitteleuropa blieb daher verhältnismäßig arm an Baum- und Straucharten.

Auf den Rückzug der Eismassen nach der letzten Eiszeit (Würm-Eiszeit), folgte ein je nach klimatischen Ansprüchen schrittweises Vordringen erster Baumarten in die bis dahin waldfreien Gebiete. FRIBAS (1949) unterteilte diese Wiederbewaldung im Holozän (8000 bis 10000 Jahre), für Mitteleuropa allgemein gültig, in vier entwicklungsgeschichtliche Phasen.

Zu Beginn der Birken-Kiefernzeit besiedelten vornehmlich Flechten und Moose sowie einzelne Zwergsträucher den Tundrenboden. Die wenigen Bäume (Birken, Kiefern) wurden durch erneute Kälteeinbrüche vorübergehend wieder verdrängt. Man spricht von der Jüngeren Tundrenzeit. In der darauffolgenden Haselzeit, kam es durch steigende Temperaturen zu einer vermehrten Ausbreitung des Haselstrauchs. Anspruchsvolle Baumarten (Eiche, Esche, Ahorn, Ulme) folgten, die Birken und Kiefern verdrängten. Fichten und Erlen traten in dieser Zeit in Mitteleuropa zum ersten Mal auf. An die Haselzeit schließt sich die Eichenmischwaldzeit an, in der die Wälder von der Eiche und ihren Begleitbaumarten (Hainbuche, Linde) dominiert wurden. Die bisher vorherrschenden Baumarten Birke und Kiefer wurde auf ihre heutigen Standorte, arme Sandböden und Moore, zurückgedrängt. Mittelgebirge wurden von der Fichte besiedelt. Nach dieser verhältnismäßig warmen und trockenen Zeit kam es zu einer erneuten Klimaänderung, es wurde wieder feuchter und kälter. Die Eichenwälder wichen vor Rotbuchen und Hainbuchen zurück. Tannen bedeckten die unteren Lagen der Gebirgs- und Mittelgebirgswälder, der Bergmischwald aus Fichte, Tanne und Rotbuche entstand. Die Dominanz der Buchen gibt diesem Abschnitt seinen Namen: Buchenzeit.[22]

1.2. Aktuelle Höhenstufen/Zonierung

In Abhängigkeit der unterschiedlichen Standortfaktoren wie Klima und Böden entwickelte sich im Nationalparkgebiet eine besonders von der Höhenlage abhängige Zonierung der Wälder. Trotz der jahrhundertelangen anthropogenen Eingriffe in das Waldgebiet, die an verschiedenen Stellen zu einer Verschiebung der Baumartenmischung geführt haben, ist die ursprüngliche Zonierung im Gelände noch deutlich erkennbar.

Der Übergang zwischen den Fichtenwäldern der Hochlagen und den Bergmischwäldern der Oberen Hanglagen verläuft zwischen 1150 und 1200 m ü. NN und stellt zudem die Obergrenze für die Verbreitung der Lockerbraunerde dar, auf der die höchstgelegenen Vorkommen der Buche siedeln. Die Fichten reichen bis zu den höchsten Erhebungen des Nationalparks (Rachel 1453 m ü. NN) hinauf. Bis etwa 700 m ü. NN reicht die Zone der Unteren Hanglagen. Bei deutlich höheren Jahresdurchschnittstemperaturen und Wärmesummen herrscht hier von Natur aus der Tannen-Buchenwald vor. Pollenanalysen ergaben, dass dieser Vegetationszone vor Beginn der planmäßigen Forstwirtschaft wesentlich mehr Tannen beigemischt waren, die nutzungsbedingt den Fichten gewichen sind. Die Fichte war davor vermutlich auf nasse Böden und blockreiche Standorten begrenzt. In den Verebnungsflächen und schwach geneigten Hängen der Tallagen (700-900 m ü. NN) ist die Vegetation durch einen Stau der von den Hängen abfließenden Kaltluft häufig Früh- und Spätfrösten ausgesetzt, die für die Buchen ebenso ungünstig sind, wie die feuchten, kalten Böden mit wenig mächtigen organischen Auflagen. Dieser Bereich wird häufig nicht von Tannen-Buchen-Wald eingenommen, sondern von ausgedehnten Fichtenwäldern dominiert.[23]

1.3. Anthropogene Einflüsse und deren Auswirkungen

Der Besiedelungsprozess des Bayerischen Waldes ist eng mit seinem Holzreichtum und den damit verbundenen wirtschaftlichen Möglichkeiten verbunden. Historische Quellen und Berichte informieren über das Leben der Waldbewohner.[24]

1.3.1. Siedlungsgeschichte

Trotz seines Holzreichtums war das Gebiet des Bayerischen Waldes bis ins hohe Mittelalter nur sehr dünn und in weiten Gebieten überhaupt nicht besiedelt. Dies lag zum einen an der hohen Unzugänglichkeit aufgrund der abgeschiedenen Lage, zum anderen am verhältnismäßig rauen Klima, besonders der Hochlagen.[25]

Obwohl die dem heutigen National- bzw. Naturpark nahe Stadt Passau schon um Christi Geburt besiedelt war, stammt die erste historisch gesicherte Nachricht vom Beginn des 8. Jahrhunderts aus dem Raum Cham. Herzog Odilo (Regierungszeit 737-748) übertrug dem Kloster St. Emmeran einen Teil des „Nordwaldes“ zur Urbarmachung. Einzig vor- und frühgeschichtliche Spuren deuten auf die Anwesenheit von Jägern und Sammlern hin.

Das es bereits im 5. Jahrhundert zwei Wege („Bayerwege“) vom Gäuboden nach Böhmen gab, die für den Eisen-, Zinn- und Salzhandel genutzt wurden, ist eine These von PRIEHÄUSER (1965).

Zur Zeit der Völkerwanderung, also im 6. und 7. Jahrhundert, wurden erste Teile des südlichen Bayerischen Waldes von freien bajuwarischen Bauern besiedelt, die zuvor schon südlich der Donau sesshaft geworden waren. Der finstere Urwald, der sogenannte „Nordwald“, dürfte ihnen als Schutz- und Zufluchtsort gedient haben. Insgesamt ist die vorkarolingische Zeit nur spärlich dokumentiert. Erst im Jahr 804 wurde das Gebiet zwischen Donau, Ilz, Böhmerwald und Weißem Regen („Schweinachgau“) der „Markgrafschaft aus dem Nordgau“ zugeordnet.

Östlich von Ilz, Kleiner Ohe und des Sagwassers repräsentierte sich die politische Herrschaft zunächst durch die Klöster Niederaltaich (gegr. 741) und Rinchnach (gegr. 1011). Ab 1220 und bis zur Säkularisierung herrschten die Passauer Bischöfe unmittelbar über das „Abteiland“. Das Gebiet zwischen Sagwasser und Reschbach wurde hingegen erst ab dem 14. Jahrhundert auf Initiative des Bistums und belehnten hochfreien Adelsgeschlechtern erschlossen und besiedelt. Dabei wurde das neugeordnete Land den Untertanen meist über mehrere Jahre zins- und zehentfrei überlassen und wurde daher „Freyung“ genannt. Die bei der Stadt Freyung gelegene Burg Wolfstein ist 1301 erstmals urkundlich erwähnt. Von den um 1350 gegründeten Orten Kreuzberg und Saulorn wurden im 15. und 16. Jahrhundert die Rodungen vom Rand des geschlossenen Urwaldgebiets nach Norden in Richtung des Gebirgskamms in den Wald getrieben.[26]

Im Jahr 1396 gründeten Mönche an einem alten Handelspfad zwischen Bayern und Böhmen das Kloster St. Oswald, worauf im Anschluss erste kleine Rodungssiedlungen in ursprünglichen Waldteilen entstanden. Später entstanden weitere Siedlungen, vor allem in Zusammenhang mit dem regen Handel zwischen Bayern und Böhmen, entlang des „Goldenen Steig“, als Handelsstationen. Vor allem der Handel mit Salz motivierte Siedler sich, im Bayerischen Wald niederzulassen. So entstanden 1698 der Ort Mauth und 1704 Finsterau. Der Wald blieb von den Folgen der Besiedelung noch weitgehend verschont, sieht man von der Rodung für neue Siedlungen und dem Einschlag zur Brennholzgewinnung ab. Eine intensive Bewirtschaftung des Waldes blieb bis ins 15. Jahrhundert aus, wäre technische auch sehr aufwendig gewesen, da Transportmöglichkeiten wegen der Unzugänglichkeit des Gebiets weitgehend fehlten.

1.3.2. Glashütten und deren Auswirkungen auf den Waldzustand

Die ersten Glashütten entstanden im 15. und 16. Jahrhundert, mit Unterstützung der damaligen Landesherren, der Bischöfe von Passau und der Herzöge von Bayern. Zum Betrieb der Hütten wurde den Besitzern in Erbrechtsbriefen ein abgabefreies Nutzungsrecht für 2000 bis 3000 ha Wald um die Hütten eingeräumt, Wald und Boden blieben jedoch im Besitz der Landesherren.

Holz wurde bei der Glasherstellung aus zwei Gründen benötigt. Zum einen als Brennstoff für die Heizung des Glasofens, zum anderen für die Gewinnung der Pottasche (bis Soda oder Glaubersalz zu Beginn des 19. Jahrhunderts als Ersatz für die Pottasche bekannt wurde). Das größte Hindernis für die Holzgewinnung stellte, wie oben bereits erwähnt, die enorme Unzugänglichkeit des Gebiets dar. Daher war es anfangs einfacher und wirtschaftlicher, die gesamte Glashütte selbst zu versetzen, wenn das Holz in der näheren Umgebung aufgebracht war, als immer längere Transportwege anzulegen und auszubauen. Da die Produktion der Pottasche jedoch wesentlich mehr Holz in Anspruch nimmt als die Befeuerung der Öfen, wurde den Hüttenbetreibern von den Landesherren ein sogenannter „Aschenwald“ zugewiesen, der meist weit von den Hütten entfernt in den Grenzgebirgen lag. Zur Gewinnung der Pottasche wurden verschiedene Techniken angewandt. Zunächst wurden leicht zu sammelndes Holz, Lagerholz, umgestürzte Bäume und herumliegendes Astwerk, zu Haufen zusammengetragen und „geaschelt“, wobei es nicht selten aufgrund der Unerfahrenheit und Unachtsamkeit der Arbeiter zu kleinen Waldbrände kam. Wegen ihres höheren Kaligehalts wurden die Tanne und Laubbäume der Fichte vorgezogen, wodurch sich der Fichtengehalt gegenüber anderen Baumarten erhöhte. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurde das Aschebrennen aus Mangel an geeigneten Bäumen eingestellt und die Pottasche musste aus Ungarn und Böhmen importiert werden. Seit Gründung des Königreichs Bayern 1806 wurden zur Sanierung der Staatskasse große Waldflächen zumeist an die Hüttenbesitzer verkauft.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann der Niedergang der Glashütten in dieser Form. Technische Neuerungen sowie politische und allgemein wirtschaftliche Veränderungen machten einen Betrieb dieser Hütten unrentabel, nur wenige blieben übrig und der Staat konnte sich große Waldgebiete von den oftmals bankrotten Hüttenbesitzern zurückerwerben.

Auch heute noch lebt die Tradition der Glasherstellung im Gebiet des Bayerischen Waldes. Immer wieder finden sich am Straßenrand und auf kleinen Plätzen in den Ortschaften Glasskulpturen. Mehrere Glasmuseen und Schauhütten bringen den Besuchern die Tradition der Glasbläser und deren Handwerk näher. Die Glasproduktion ist immer noch ein bedeutender und auch auf Grund ihrer Tradition erhaltenswerter Wirtschaftszweig.

Ob der Glashüttenbetrieb negative Auswirkungen auf die Wälder hatte, lässt sich aus Mangel an aussagekräftigen Aufzeichnungen über Planung und Durchführung der Glasproduktion nicht mit Sicherheit sagen. Es darf jedoch angenommen werden, dass vor allem die Fichtenbestände in den Hochlagen vor der Abholzung größtenteils verschont blieben, da vornehmlich Buchen und andere Laubbäume sowie Tannen zur Pottaschegewinnung genutzt wurden.[27]

[...]


[1] Elling et al. (1976), S. 17

[2] Heurich (2005), S. 9

[3] Elling et al. (1976), S. 86

[4] ebd., S. 85

[5] Elling et al. (1976), S. 86

[6] Elling et al. (1976), S. 89

[7] Ajathi, Krumme (2002), S. 37

[8] Bibelriether (1995), S. 12f.

[9] Ajathi, Krumme (2002), S. 29

[10] ebd., S. 30

[11] Ajathi, Krumme (2002), S. 28

[12] ebd., S. 24

[13] Elling et al. (1976), S. 99f.

[14] ebd., S. 101

[15] Bauer (2002), S. 4

[16] Elling et al. (1976), S. 94f.

[17] Bauer (2002), S. 4

[18] Elling et al. (1976), S. 110f.

[19] Ajathi, Krumme (2002), S. 33f.

[20] Ajathi, Krumme (2002), S. 31

[21] Bibelriether (1994), S. 11

[22] Strobl (1983), S. 8

[23] Biebelriether (1995), S. 15f

[24] Rall (1995), S. 17

[25] ebd., S. 17

[26] Strobl (1983), S. 12f.

[27] Rall (1995), S. 17f.

Ende der Leseprobe aus 112 Seiten

Details

Titel
Der Nationalpark Bayerischer Wald und seine Wälder
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Geowissenschaften - Physische Geographie)
Note
1
Autor
Jahr
2009
Seiten
112
Katalognummer
V143805
ISBN (eBook)
9783640541317
ISBN (Buch)
9783640541782
Dateigröße
1890 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Im Fokus stehen vor allem die durch den Borkenkäferbefall verursachten Waldschäden (Historie des Käferbefalls, Waldentwicklung nach Borkenkäferbefall, Veränderungen der Wasserqualität, Borkenkäfer-Monitoring) aber auch das Konzept des Nationalparks (Management, Forschung, Akzeptanz in der Bevölkerung etc.).
Schlagworte
Bayerischer Wald, Nationalpark, Borkenkäfer, Waldschäden, Walderneuerung, Windwurf
Arbeit zitieren
Christopher Späth (Autor), 2009, Der Nationalpark Bayerischer Wald und seine Wälder, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/143805

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