Der homo politicus als homo oeconomicus

Analogien zwischen Staaten und Unternehmen nach Thomas Hobbes


Bachelorarbeit, 2010
56 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Hobbes Staatsphilosophie
2.1 Zugang zu Hobbes politischer Philosophie
2.2 Vom Menschen
2.3 Über den Naturzustand
2.4 Zum Staat

3. Staaten und Unternehmen
3.1 Spieltheorie
3.2 Markt
3.3 Analogien zwischen Staaten und Unternehmen

4. Strukturelle Grenzen

5. Schluss

6. Literaturverzeichnis
6.1 Quellen
6.2 Sekundärliteratur

1. Einleitung

Ihr Herrn, die ihr uns lehrt, wie man brav leben
Und Sünd und Missetat vermeiden kann
Zuerst müsst ihr uns was zu fressen geben
Dann könnt ihr reden: damit fängt es an.

Ihr, die ihr euren Wanst und unsre Bravheit liebt
Das eine wisset ein für allemal:
Wie ihr es immer dreht und wie ihr’s immer schiebt
Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.[1]

Mit seiner schneidigen Art, besingt Makkie Messer im Lied ‚Denn wovon lebt der Mensch?’ einen der Ausgangspunkte von Hobbes politischer Philosophie. Der Umstand, dass Hobbes nicht nur die Sorge um den aktuellen Hunger, sondern auch die Sorge um den Hunger von Morgen als genuin menschliche Eigenschaft postuliert, befähigt Ihn ein politisches Bild zu entwickeln, das im Hinblick auf aktuelle, westlich-demokratische Gesellschaftskonzeptionen teilweise äussert befremdlich wirken mag. Es ist dies das Bild des biblischen Leviathans aus dem Buche Hiob, das seine bedrohliche Wirkung bereits vom Buchdeckel des gleichnamigen, hobbesschen Werkes, aus dem Jahre 1651 verströmt.[2] Bedrohlich insofern, als dass er ein Staatsmodell entwirft, das sich in einer allmächtigen Herrscherfigur manifestiert. Nichtsdestotrotz sind die von Hobbes aufgezeigten politischen Mechanismen von brillianter Aktualität.

Dieser Einschätzung soll im Zuge dieser Arbeit Rechnung getragen werden, in dem der Versuch unternommen wird, eine moderne Unternehmung als Leviathan im Sinne Hobbes zu postulieren. Dieses Unterfangen sollte nicht nur aufgrund der Tatsache gelingen, dass es viele Analogien zwischen der hobbesschen Staatsphilosophie und der inneren Struktur von Unternehmungen gibt, sondern auch auf Grund dessen, dass moderne wirtschaftswissenschaftliche Konzeptionen von Hobbes quasi vorweggenommen worden sind – im speziellen sollen die Begriffe des Marktes und der Spieltheorie in Bezug auf Hobbes geprüft werden. Basierend auf der gemachten Analogisierung von Staaten und Unternehmen soll in einem letzten Schritt auf strukturelle Grenzen solcher Kooperationsgemeinschaften eingegangen werden.

Um den gestecken Zielen gerecht werden zu können ist es daher sinnvoll, die Arbeit mit einem Zugang zu Hobbes politischer Philosophie zu beginnen. Darauf basierend sollte es möglich sein, bei sein Menschbild startend, über seine Konzeption des Naturzustandes hin zum hobbeschen Staat zu gelangen. Ist dieses Feld einmal abgesteckt, sollte man in der Lage sein, einen profunden Vergleich von Hobbes politischer Philosophie mit wirtschaftswissenschaftlichen Konzeptionen zu bewerkstelligen, um zum Schluss auf Gefahren hin zuweisen die für jede Gemeinschaft strukturell bestehen.

2. Hobbes Staatsphilosophie

2.1 Zugang zu Hobbes politischer Philosophie

„Die Philosophie hat zwei Hauptteile. Dem der die Erzeugungsweisen und Eigenschaften der Körper zu ergründen sucht, bieten sich nämlich sozusagen zwei höchste und voneinander völlig verschiedene Gattungen von Körpern dar. Der eine, den die Natur zusammengefügt hat, heisst der Naturkörper, der andere, den der menschliche Wille durch Übereinkünfte und Abkommen errichtet, wird Staat genannt. Dadurch ergeben sich also zunächst zwei Teile der Philosophie, die Naturphilosophie und die Staatsphilosophie. Da es aber des weiteren zur Erkenntnis der Eigenschaften des Staats notwendig ist, vorher die Sinnesarten, Affekte und Sitten der Menschen zu kennen, pflegt man die Staatsphilosophie wieder in zwei Teile zu zerlegen, von denen der eine, der von den Sinnesarten und Sitten handelt, Ethik und der andere, der mit den staatsbürgerlichen Pflichten bekannt macht, Politik oder schlechthin Staatsphilosophie genannt wird.“[3]

Die von Hobbes gemachte Aufteilung der Philosophie lässt mehr Rückschlüsse auf seine Staatsphilosophie zu, als dies auf den ersten Blick zu denken wäre. Offensichtlich ist hingegen seine Aufteilung in Ethik und Staatsphilosophie, diese entspricht der Einteilung seines politischen Werkes, wie sie sich im Leviathan präsentiert.[4] Damit gibt er jedoch gleichzeitig vor, wie man zu einer Lehre der Politik gelangen kann: man muss der politischen Philosophie eine Lehre des Menschen voranstellen. Dieser Ansicht entsprechen die beiden ersten Kapitel des Leviathan – Vom Menschen und Vom Staat.

Im Hinblick auf die Naturphilosophie sieht Hobbes jedoch einen gewissen Legitimationsbedarf was die Wissenschaftlichkeit einer Staatsphilosophie anbelangt:

„Aber die Staatsphilosophie ist es [eine neue Erscheinung] noch weit mehr; ist sie doch nicht älter als das Buch, das ich selber über den Staatsbürger [De Cive] geschrieben habe. Wie aber das? Gab es bei den alten Griechen etwa keine Philosophen, weder Natur- noch Staatsphilosophen? Gewiss gab es Leute, die so genannt wurden, wie Lukian bezeugt, der sie lächerlich gemacht hat; wie auch etliche Staaten bezeugen, aus denen sie wiederholt durch öffentliche Staaten verbannt wurden.“[5]

Diese Einschätzung von Hobbes entbehrt zugegebener massen nicht einer gewissen Vermessenheit, ihre Begründung ist jedoch auf den Umstand zurück zu führen, dass Hobbes der Ansicht war, dass die Möglichkeit von Erkenntnis vor allem von der Wahl und Einhaltung der richtigen Methode abhing. Sein gewünschtes Methodenideal sah er in der Streitgesprächskultur der alten Griechen nicht vertreten. Auch die vermeintlichen Moralphilosophen neuerer Zeit – allen voran die Kirchenlehrer – hätten durch ihren Rekurs auf sowohl christliche wie heidnische Quellen nicht zu einem Erkenntnisgewinn beigetragen.[6]

Hobbes und mit ihm die Mehrzahl der Philosophen und Wissenschaftler seiner Zeit, sahen in der Geometrie die exakteste und am weitesten fortgeschrittene Disziplin. Die geometrische Methode der Analyse und Synthese, die Galilei als erster erfolgreich auf die Physik angewandt hatte, gedachte Hobbes auf seine Staatsphilosophie zu übertragen, um so seinem Streben nach gewisser und exakter Erkenntnis zu entsprechen. Mit diesem Ansinnen einer methodischen Neufundierung der Staatsphilosophie verband er die Hoffnung, eine brauchbare und sichere Friedenswissenschaft zu begründen. Dieser Anspruch wird insofern plausibel, wenn man die historischen Umstände zu Hobbes Lebzeiten berücksichtig: er erlebte sowohl die Zeit des ‚Langen Parlaments’ als auch den englischen Bürgerkrieg.[7]

Seine vermeintliche Vermessenheit gegenüber allen vorherigen Moralphilosophen hat ihre Ursache demnach darin, dass er deren Projekte allesamt als gescheitert ansieht. So kontrastiert er die Errungenschaften der ‚angewandten Geometrie’, z.B. Landvermessung, Architektur oder mathematische Physik mit den bloss ‚tönenden Worten’ der bisherigen Moralphilosophen, die nicht nur für keinen Erkenntnisgewinn gesorgt hätten, sondern durch ihre Mangelhaftigkeit vielmehr noch dazu beigetragen hätten Streit, Parteiungen und Bürgerkrieg zu fördern.[8]

Das erste der beiden bisherigen Zitate enthält den Schlüssel, um die geometrische Methode, auf die Staatstheorie angewandt, plausibel zu machen: Erzeugungsweisen. Denn an andere Stelle gibt er Auskunft was Philosophie, im Hinblick auf wirkliche Erkenntnis sein soll:

„Philosophie ist die durch richtiges Schlussfolgern gewonnene Erkenntnis der Wirkungen bzw. Phänomene im Ausgang vom Begriff ihrer Ursachen bzw. Erzeugungsweisen, und umgekehrt von möglichen Erzeugungsweisen im Ausgang von der Kenntnis der Wirkungen.“[9]

Hobbes führt zum besseren Verständnis das Beispiel eines Kreises an.[10] Offensichtlich ist der Kreis das Phänomen auf das sich die Erkenntnis richtet. Die Erzeugungsweise eines Kreises könnte man etwa wie folgt beschreiben: man erzeugt eine Kreislinie in dem man einen Punkt um einen anderen dreht. Dasselbe lässt sich mit beliebigen geometrischen Figuren anstellen, so wird ein Dreieck beispielsweise dadurch erzeugt, dass man drei Linien miteinander so schneidet, dass sich genau 3 Schnittpunkte ergeben. Sichere Erkenntnis, so der Anspruch Hobbes an die Philosophie, kann es nur geben, wo man über sichere Definitionen bzw. über Erzeugungswissen verfügt. Und dies gibt es für Hobbes nur in der Geometrie – andere Naturwissenschaften hingegen müssten sich mit hypothetischen Wissen begnügen, da nur Gott über das sichere Erkenntnis verbürgende Erzeugungswissen verfügt.[11]

Umgekehrt vermag man ebenfalls zu sicherem Wissen zu gelangen, da die von Hobbes angesprochene Phänomene in gewisser Weise artifiziell sind:

„In vergleichbarer Weise werden wir schlussfolgernd von der Kenntnis einer Figur zu einer bestimmten Erzeugungsweise gelangen, wenn vielleicht auch nicht zur tatsächlichen, so doch zu einer möglichen. Denn kennen wir die oben genannte Eigenschaft des Kreises, so weiss man unschwer, dass ein Kreis entsteht, sofern ein bestimmter Körper [ein Punkt] in der genannten Weise herumgeführt wird.“[12]

Aus jenen Phänomenen oder Wirkungen die Hobbes hervorhebt, kann echtes Wissen gewonnen werden, da sie von Menschen erdacht worden sind und somit künstliche Produkte des Menschen sind. Diese Einschätzung ist insofern innovativ, als dass vermeintliche natürliche Phänomene wie der Kreis auch in der Natur vorzukommen scheinen – wie man heute jedoch weiss, entsprechen alle natürlichen Kreise der Definition bzw. Erzeugungsweise eines Kreises nur näherungsweise – die Idee oder besser generative Definition eines Kreises ist hingegen ein Kunstprodukt des Menschen selbst und daher kann man über dieses echtes Wissen erlangen. So kann ein Schreiner anhand eines vor ihm stehenden Tisches genau sagen wie man einen Tisch erzeugt und umgekehrt anhand seines Wissens über die Produktion eines Tischs, selbst einen produzieren. Dies vermögen die Naturwissenschaftler nicht, da sie schlussendlich niemals genau wissen werden, wie das Universum entstanden ist, da das dazu nötige Erzeugungswissen nur ein möglicher Gott kennt – sichere Erkenntnis ist also nicht möglich.

Und so erhellt sich nochmals die Eingangs thematisierte Vermessenheit Hobbes, der selbstbewusst behauptet, vor ihm hätte es noch keine wirkliche Staatstheorie gegeben. Denn was alle bisherigen Staatstheoretischen Versuche eigens hatten war, dass sie versuchten von menschlichen Leidenschaften auf ihre physiologischen Ursachen zu schliessen – dies vor dem Hintergrund der Prämisse, dass der Staat etwas Natürliches ist. Diesen Punkt thematisiert Hobbes bereits in seiner Einleitung zum Leviathan:

„Die Natur oder die Weisheit, welche Gott in der Hervorbringung und Erhaltung der Welt dargelegt, ahmt die menschliche Kunst so erfolgreich nach, dass sie unter anderen Werken auch ein solches liefern kann, welches ein künstliches Tier genannt werden muss. [...] Doch die Kunst schränkt sich nicht nur auf die Nachahmung der eigentlichen Tiere ein, auch das edelste darunter, den Menschen bildet sich nach. Der grosse Leviathan (so nennen wir den Staat) ist ein Kunstwerk oder ein künstlicher Mensch“[13]

Hobbes kann für sich in Anspruch nehmen die erste wirkliche Staatstheorie entworfen zu haben, da er den Staat als etwas Artifizielles betrachtet. Der so von ihm beschriebene Staat, der Leviathan ist eine Wirkung oder ein Phänomen das aus Verträgen zwischen verschiedenen Personen besteht von dessen Wirkungen und Ursachen man sichere Kenntnis hat, da man die Verträge und somit auch den Staat selbst erzeugt hat. Dementsprechend kann Hobbes auf das geometrische Methodenideal zurückgreifen bzw. zu echter Erkenntnis gelangen.

Hobbes gibt in der Einleitung nun detailliert an wie er gedenkt zur Konzeption dieses künstlichen Mensch zu gelangen. Folgendes müsse betrachtet werden:

„1. Der natürliche Mensch, der dessen Inhalt und Künstler zugleich ist.
2. Wie und durch welche Verträge jener entstanden, welche Rechte, welche Gewalt und Macht er habe und wem die höchste Gewalt zukomme.“[14]

Hobbes beginnt, entsprechend der geometrischen Methode der Analyse und Synthese, mit der Analyse menschlicher Eigenschaften und Fähigkeiten, um darauf basierend die Konstruktion eines stabilen Frieden gewährleistenden staatlichen Konstrukts zu unternehmen. Diesem Unterfangen entsprechen die beiden ersten Teile des Leviathan. Im ersten Teil Vom Menschen entwickelt Thomas Hobbes das anthropologische Fundament auf das sich später seine Konzeption des idealen Staates gründen wird. Diesem Vorgehen entspricht Hobbes Auffassung, dass der Mensch eben nicht genuin ein politisches Wesen ist, sondern vielmehr ein Teil der physikalischen Natur. Als solches ist er nicht mehr als ein kausalgesetzlich bewegtes Ding unter Dingen, er ist sowohl a-historisch als auch von allen sozialen Bindungen unabhängig.[15] Der erste Schritt seinem politischen Programms näher zu kommen besteht daher darin, mit Hobbes zu seiner philosophischen Erkenntnis des Menschen zu gelangen. Wobei sich als grundlegendes Problem die Möglichkeit menschlichen Zusammenlebens stellen wird.

2.2 Vom Menschen

Aufgrund der Tatsache, dass Hobbes den Menschen als natürliches Wesen begreift, kann er auch einen der wichtigsten Begriffe der belebten Natur – die Bewegung – auf ihn in Anwendung bringen.[16] Er ist der Auffassung, dass alle inneren Zustände, aber auch Handlungen und Ereignisse auf innere Bewegungen im Menschen reduzierbar sind. Diese inneren Bewegungen reagierten auf die äusseren Bewegungen und unterlägen den gleichen Prinzipen der Kausalität und Trägheit, welche auch die äusseren Bewegungen physikalischer Körper im Raum bestimmen würden. Diese Auffassung entspricht der Ansicht Hobbes, dass alle internen Zustände und Tätigkeiten des Bewusstseins, ein Ergebnis kausal gerichteter Bewegungen sind. Als Primärbausteine dieser Bewusstseinswelt macht Hobbes Empfindungen und Vorstellungen aus.[17]

„Eine jede Empfindung setzt einen äusseren Körper oder Gegenstand voraus, der sich unserem jeweiligen Sinn aufdrängt [...] Und dieser Druck wirkt vermittels der Nerven und Fasern sofort innerlich auf das Gehirn und von da aufs Herz. Von hier aus entsteht ein Widerstand und Gegendruck oder ein Streben des Herzens, sich durch eine entgegengesetzte Bewegung von diesem Drucke zu befreien und diese wird sichtbar. Diese Erscheinung heisst Empfindung.“[18]

Vereinfacht gesagt könnte man sagen, dass Hobbes der Ansicht ist, dass unser Empfindungsvermögen auf der Wahrnehmung von Bewegungen externer Gegenstände basiert, wobei ein gewisser Druck entsteht. Dieser wird über die Sinnesorganen ins Herz weitergeleitet, wo schliesslich eine Art Gegendruck oder Gegenbewegung entsteht – diese Bewegung nennt er schliesslich Empfindung.

Die Bewegungen des Geistes, die Hobbes Empfindungen nennt, werden nicht mit jedem neuen Sinneseindruck gelöscht – auch wenn sie mit der Zeit abgeschwächt werden oder gänzliche verschwinden können, falls sie nicht erneuert werden. Am besten kann man dies anhand eines bekannten Geruchs verdeutlichen. Hat man einmal den Chlorgeruch eines Hallenbades gerochen, bleibt einem dieser Geruch in bestimmter weise präsent – Hobbes spricht dabei von Vorstellungen.

„ Denn wenn auch wirklich der Gegenstand sich entfernt oder das Auge geschlossen wird, bleibt dessen Bild dennoch in unserer Seele [...] Die Einbildungskraft ist daher nichts als die aufhörende Empfindung oder die geschwächte und verwischte Vorstellung...“[19]

Vorstellungen sind mit anderen Worten gesprochen, Abbilder von Empfindungen, welche der menschliche Geist zu konservieren versteht. In dem er sich sozusagen, eine Datenbank von Vorstellungen anlegt, bekommt er, was man Erfahrung nennt. Dabei verfügt er über die zusätzliche Möglichkeit solche einzelnen Vorstellung zu komplexen zu verbinden. Dies ist die entscheidende Korrelation zwischen Empfindungen und Vorstellungen die Hobbes nun auf sein Verständnis des menschlichen Denkens anwendet.

Auf das menschliche Denken, oder um mit Hobbes Worten zu sprechen, auf Gedankenfolgen angewendet, besteht die Korrelation darin, dass der Mensch vom Auftreten eines Ereignisses auf das nächste schliessen kann. Denn zum einen ist es notwenig sich einen Stock von Vorstellungen anlegen zu können um die unterschiedlichen Vorstellung in einem zweiten Schritt assoziativ verbinden zu können. Vereinfacht gesagt: der Mensch (aber auch Tiere) ist lernfähig, er kann beim Auftreten eines Ereignisses auf ein darauf Folgendes schliessen. Zum Beispiel schliesst man bei einer aufkommenden Bewölkung des Himmels darauf, dass es bald regnen wird. Gedankenfolgen erlauben es dem Menschen demnach prognostisch in die Zukunft gerichtet zu denken.

Hobbes unterscheidet nun zwei Arten von Gedankenfolgen, die frei oder ungebundene und die regelmässige Gedankenfolge. Die freie Gedankenfolge besteht darin, örtlich oder zeitlich zusammenhängenden wahrgenommene Vorstellungen assoziativ zu verbinden, sie dienen nicht einem festen Zweck und können daher unterschiedliche Schlüsse nach sich ziehen. Dem gegenüber stehen die regelmässigen Gedankenfolgen, wobei Hobbes wiederum zwei Arten unterscheidet:

„Die eine: wenn man die Ursachen und Mittel, wodurch eine bemerkte Wirkung hervorgebracht worden sein mag, aufsucht; und diese Art haben die Menschen mit den Tieren gemein. Die andere: wenn man allen Wirkungen nachforscht, welche eine Sache haben kann, d.h. sich um den Nutzen derselben kümmert.“[20]

Die regelmässigen Gedankenfolgen unterscheiden sich von den freien dadurch, dass sie einem festen Zweck dienen. Dabei gesteht Hobbes den Tieren wiederum zu, dass auch sie vermögen, durch gezieltes Aufsuchen von Ursachen, zu den erhofften Wirkungen zu gelangen. So ‚wissen’ Orkas beispielsweise ganz genau, dass einmal im Jahr junge Roben vor einem bestimmten Strand in Alaska das Schwimmen erlernen, was für sie eine einfach Beute bedeutet. Die zweite Art von regelmässigen Gedankenfolgen vermag jedoch nur der Mensch zu leisten. Hobbes Unterscheidung zielt darauf ab, dass das durch Empfindung (Wahrnehmung) und Vorstellung (Erinnerung) gewonnene Wissen keine Sicherheit über Ursache-Wirkungszusammenhäge gestattet – diese Art von zukunftgerichteter Lernfähigkeit sei blosse Mutmassung.

„Bloss das Gegenwärtige ist in der Welt vorhanden, so wie das Vergangene im Gedächtnis; das Zukünftige hingegen hat gar kein Dasein und ist nur ein Geschöpf des Geistes, welcher die Folgen einer vergangenen Handlung [Ereignis] auf eine gegenwärtige anwendet. Die häufigste Erfahrung gibt hier die grösste, wiewohl nicht ganz zuverlässige Gewissheit. Man nennt es zwar Klugheit, wenn der wirkliche Erfolg der davon gehegten Erwartung entspricht; im Grunde genommen ist es aber doch nur Vermutung.“[21]

Der Schlüssel zu echtem Wissen über zukünftige Ereignisse liegt demnach in der menschlichen Vernunft und der Fähigkeit zur Wissenschaftlichkeit begründet. Vernunft betrachtet Hobbes jedoch nicht als eine dem Menschen angeboren Fähigkeit, vielmehr müsse diese erlernt werden.[22] Schlüsse, die aufgrund der Erfahrung gemacht werden beziehen sich immer auf etwas Konkretes und singuläres, demgegenüber bezieht sich die Vernunft auf das Allgemeine, d.h. sie arbeitet mit Begriffen oder wie Hobbes sagt, mit Namen. Dies ist gleichbedeutend mit dem Schluss, dass nur sprachbegabte Wesen zu Vernunft fähig sind – und eine Sprache will schliesslich zuerst gelernt sein.[23]

Hobbes betrachtet sowohl die Sprache wie auch die Vernunft vor allem als praktische Werkzeuge des Menschen. Anhand der Sprache oder besser anhand von Begriffen ist es für den Menschen möglich die ihn umgebende Welt zu vermessen und zu strukturieren und noch wichtiger, sie erlaubt es dass Menschen sich überhaupt untereinander verständigen können. Welche Vorteile sich aus der Vermessung der Welt ergeben sieht man bei jedem Gebäude das der Mensch errichtet hat oder bei den Reisen die er in der Lage ist zu unternehmen, aber auch bei der Konstruktion von Maschinen. Alles Dinge, welche der menschlichen Vorstellung Vorschub leisteten, er sei die Krone der Schöpfung – gar Herr über die Natur. Die menschliche Verständigung erlaubt es aber auch bereits erworbenes Wissen zu teilen bzw. weiter zu geben, ganz im Sinne des berühmten Ausspruchs, dass man nicht jedes Mal das Rad neu zu erfinden braucht. Hobbes macht noch eine dritten Nutzen aus, welcher sich aus der Sprache ergibt und damit nähert er sich Hobbes eine erstes Mal seiner politischen Philosophie an:

„Eine dritte, und zwar die grösste Wohltat der Sprache ist, dass wir befehlen und Befehle verstehen können. Denn ohne diese gäbe es keine Gemeinschaft zwischen den Menschen, keinen Frieden und folglich auch keine Zucht, sondern erstens Wildheit, zweitens Einsamkeit und anstelle von Wohnstätten Schlupfwinkel.“[24]

Nach Hobbes ist es der Befehl – und der ebenfalls als sprachliche Verständigungsleistung aufgefasste Vertrag - welche er als die essentiellen politischen Vergesellschaftungsinstrumente eines Staates auffasst, darin liegt der grösste Nutzen der Sprache.[25]

Die Hobbessche Betrachtungsweise des anderen wichtigen Werkzeuges des Menschen, der Vernunft, ist nicht minder aufschlussreich für die weitere Untersuchung, denn Hobbes glaubt nicht daran das Wissenschaft und Vernunft des reinen Müssiggangs wegen betrieben werden. Denn der Mensch als genuin zukunftorientiertes Wesen, den „sogar der künftige Hunger hungrig macht“[26] treibt in seinen Forschungen über Ursachen und Wirkungen, vor allem ein lebenspraktisches Interesse an. Vereinfacht gesagt ist der Mensch nur aus dem Grunde wissenschaftlich tätig, damit er sich seine Umwelt nach seinem Nutzen gestalten und die Zukunft planen kann. Er erschliesst sich sozusagen seine Welt um eine gesicherte Entscheidungsgrundlage für künftige Handlungen zu haben. Wie genau die Motivation für menschliche Handlungen entsteht, erörtert Hobbes im Darauffolgenden.

[...]


[1] Bertold Brecht, Die Dreigroschenoper, Berlin, 1955, S. 69

[2] Zur Ikonographie des Leviathan vgl.:Horst Bredekamp, Thomas Hobbes – Der Leviathan, Berlin, 2006, S. 11ff

[3] Thomas Hobbes, Elemente der Philosophie – Der Körper, Hamburg, 1997, S. 24

[4] Zur weiterführenden Aufgliederung seines gesamten politischen Werks vgl.: Bernd Ludwig, Einleitung des Leviathan in: Leviathan oder Stoff, Form und Gewalt eines bürgerlichen und kirchlichen Staates, herausgegen von Wolfgang Kersting, Berlin, 1996, S. 55ff

[5] Thomas Hobbes, Elemente der Philosophie – Der Körper, Hamburg, 1997, S. 5

[6] ebd. S. 6

[7] Christine Chwaszcza, Thomas Hobbes in: Klassiker des politischen Denkens 1, herausgegeben von Hans Maier, Horst Denzer, München, 2004, S. 212

[8] ebd., S. 212

[9] Thomas Hobbes, Elemente der Philosophie – Der Körper, Hamburg, 1997, S. 16

[10] ebd., S. 19

[11] Christine Chwaszcza, Thomas Hobbes in: Klassiker des politischen Denkens 1, herausgegeben von Hans Maier, Horst Denzer, München, 2004, S. 214

[12] Thomas Hobbes, Elemente der Philosophie – Der Körper, Hamburg, 1997, S. 20

[13] Thomas Hobbes, Leviathan, Stuttgart, 1970, S. 5

[14] ebd., S. 6; Anm.: Die Punkte 3 und 4 können ausgespart werden, da Hobbes sie als blosse Beigabe zum Zwecke der Korrektur irriger Glaubenslehren ansieht. Vgl. Dazu: Bernd Ludwig, Einleitung des Leviathan in: Leviathan oder Stoff, Form und Gewalt eines bürgerlichen und kirchlichen Staates, Berlin, 1996, S. 56

[15] Christine Chwaszcza, Anthropologie und Moralphilosophie im ersten Teil des Leviathan in: Leviathan oder Stoff, Form und Gewalt eines bürgerlichen und kirchlichen Staates, herausgegen von Wolfgang Kersting, Berlin, 1996, S. 84

[16] Zum Begriff der Bewegung bei Hobbes vgl.: Thomas A. Spragens, The Politics of Motion – The World of Thomas Hobbes, London, 1973

[17] Christine Chwaszcza, Anthropologie und Moralphilosophie im ersten Teil des Leviathan, S.85

[18] Thomas Hobbes, Leviathan, Stuttgart, 1970, S. 11

[19] ebd., S. 14

[20] ebd., S. 23

[21] ebd., S. 25

[22] ebd., S. 26

[23] Christine Chwaszcza, Anthropologie und Moralphilosophie im ersten Teil des Leviathan, S.87; Anm.: In die gleiche Richtung weisen auch Resultate der neueren Forschung: Als Beispiel sind hier Menschen zu nennen die in der Wildnis aufgewachsen sind – sie können weder reden, noch sind sie zu vernünftigen Gedanken in der Lage.

[24] Thomas Hobbes, Elemente der Philosophie II/III - Vom Menschen, Vom Bürger, Hamburg, 1994, S. 17

[25] Christine Chwaszcza, Anthropologie und Moralphilosophie im ersten Teil des Leviathan, S.88, vgl. dazu: 3.4 Zum Staat

[26] Thomas Hobbes, Elemente der Philosophie II/III - Vom Menschen, Vom Bürger, Hamburg, 1994, S. 17

Ende der Leseprobe aus 56 Seiten

Details

Titel
Der homo politicus als homo oeconomicus
Untertitel
Analogien zwischen Staaten und Unternehmen nach Thomas Hobbes
Hochschule
Universität Luzern
Note
1
Autor
Jahr
2010
Seiten
56
Katalognummer
V143825
ISBN (eBook)
9783640536603
ISBN (Buch)
9783640536375
Dateigröße
635 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hobbes, Leviathan, Staatsphilosophe, Unternehmen, Spieltheorie, homo oeconomicus, Markt
Arbeit zitieren
B.A. Philosophie David Egli (Autor), 2010, Der homo politicus als homo oeconomicus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/143825

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