Gesundheitsförderung durch Sportvereine


Bachelorarbeit, 2005

82 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Gesundheitsförderung
1.1 Gesundheit, Krankheit, Prävention und Gesundheitsförderung
1.1.1 Erläuterung von Gesundheit und Krankheit
1.1.2 Erläuterung von Prävention und Gesundheitsförderung
1.1.3 Ansätze und Strategien der Gesundheitsförderung
1.2 Stellenwert und Bedarf der Gesundheitsförderung in Deutschland
1.2.1 Gesetzespolitischer Stellenwert der Gesundheitsförderung (WHO: 21 Gesundheitsziele; Bundesregierung: § 20 SGB V und Präventionsgesetz)
1.2.2 Bedarf von Gesundheitsförderung in Deutschland (Demografische Aspekte, Krankheitskosten)

2 Sport und Sportvereine
2.1 Sport und Sportteilnahme
2.1.1 Begriffsklärungen: Sport, Gesundheitssport, körperliche und sportliche Aktivität
2.1.2 Sportliche Aktivität als Gesundheitsparameter­­­
2.1.3 Effekte sportlicher Aktivität auf die Gesundheit
2.1.4 Theorien und Motive zur Sportteilnahme
2.1.5 Art, Ausmaß und Stellenwert der Sportaktivität
2.1.6 Determinanten der Aufrechterhaltung gesundheitssportlicher Aktivität und Dropout
2.2 Sportvereine in Deutschland
2.2.1 Entwicklung und Merkmale der Sportvereine sowie Ergebnisse zur Sportvereinsforschung
2.2.2 Typisierung, Angebots- und Mitgliederstruktur sowie Verteilung
2.2.3 Organisationskultur und soziologische Bedeutung
2.2.4 Entwicklungen und Trends

3 Sportvereine und bisherige Gesundheitsförderungsmaßnahmen
3.1 Interventionen auf der Sportvereinsebene
3.2 Bisherige Gesundheitsförderungsmaßnahmen der Sportvereine und des Deutschen Sportbundes
3.2.1 Gesundheitssportprogramme in Deutschland
3.2.2 Kommunales Projekt
3.2.3 Kampagnen des Deutschen Sportbundes
3.3 Das Qualitätssiegel „SPORT PRO GESUNDHEIT“
3.3.1 Beschreibung des Qualitätssiegels „SPORT PRO GESUNDHEIT“
3.3.2 Ziele der Programme
3.3.3 Kriterien für die Vergabe des Qualitätssiegels
3.3.4 Beteiligte der Programme und Angebote
3.4 Gesundheitsförderung durch sportliche Aktivität als gemeinsames Ziel der Sportwissenschaften und von Public Health
3.5 Zusammenfassende Einordnung der Gesundheitsförderung durch Sportvereine in den Public Health-Kontext

4 Potenziale der Gesundheitsförderung durch Sportvereine
4.1 Sportvereine als Setting für Gesundheitsförderung
4.2 Nutzung vorhandener Ressourcen
4.3 Kooperationen
4.4 Qualitätssicherung
4.5 Risiken und Chancen der Gesundheitsförderung durch Sportvereine
4.6 Zusammenfassende Betrachtung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Mit der Verabschiedung der Ottawa Charta durch die World Health Organization (WHO) im Jahre 1986 hat die Bedeutung einer geziel­ten Förderung der physischen Gesundheitsressourcen ebenso zugenommen wie jene der psychischen und sozialen Ressourcen: „Gesundheitsförderung zielt auf einen Prozess, allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit zu ermöglichen und sie damit zur Stärkung ihrer Gesundheit zu befähi­gen“ (WHO, 1986, S. 1). Dabei spielt der Settingansatz[1] eine bedeutende Rolle, demnach es darum geht „Gesundheit dort zu fördern, wo die Menschen in ihrem Alltag leben, wo sie lernen, wo sie arbeiten und wo sie ihre freie Zeit verbringen. Die gesundheitsfördernden Maßnahmen setzen dabei an sozialen Systemen an und nicht an Individuen“ (Opper, 2002, S. 1).

Sportliche Aktivität steht nachweislich im Zusammenhang mit der Reduktion von Risikofaktoren für die Gesundheit oder umgekehrt ausgedrückt: Bewegungs­mangel begünstigt Übergewicht und gilt als Risikofaktor für eine ganze Reihe von chroni­schen Erkrankungen. So gibt es eindeutige Zusammenhänge zwischen kör­per­licher Inaktivität und einer erhöhten Erkrankungswahrscheinlichkeit an Herz-Kreislauf-Erkrankungen (Blair, 1996), die 2002 in Deutschland Hauptmortalitäts­ursache waren (Statistisches Bundesamt, 2005) und die höchsten Krankheits­kosten verursacht haben (Statistisches Bundesamt, 2004b). Des weiteren ver­ursachen Krankheiten des Muskel-Skelettsystems sowie psychische und Ver­haltensstörungen sehr hohe Kosten im deutschen Gesundheitswesen (Statistisches Bundesamt, 2004b). Die gesteigerten Anforderungen in einer sich rasant ent­wickelnden Welt werden oftmals zu einer Belastung für den Menschen.

Aus demographischer Sicht (Statistisches Bundesamt, 2003) ist bemerkenswert, dass der Anteil junger Menschen unter 20 Jahren in der Bevölkerung bis 2050 deutlich sinken wird und dass die Lebenserwartung in Deutschland weiter zu­nimmt und somit der Anteil der älteren Menschen in der Bevölkerung wächst, was zu steigenden Kosten in den sozialen Systemen führt (Statistisches Bundesamt, 2005).

In dieser Arbeit wird betrachtet, unter welchen Kriterien Gesundheitssport und Sportaktivität zu sehen sind. Bezüglich der Sportteilnahme werden Erklärungs­theorien und -modelle aufgeführt sowie Interventionstheorien. Anschließend geht es um Motive und Determinanten sportlicher Aktivität. Das alles soll dazu beitra­gen, Sport­verhalten besser verstehen zu können und ist bei der Betrachtung des Ausmaßes der Sportaktivität in Deutschland sowie der Potenziale der Gesund­heitsförderung im letzten Kapitel der Arbeit von Bedeu­tung. So zeigen Daten des sozioökonomischen Panels (SOEP)[2] und Daten des Bundes­gesundheitssurveys[3] 1998, dass nur die Minderheit der deutschen Bevölkerung regelmäßig, das heißt mindestens einmal wöchentlich zwei Stunden, sportlich aktiv waren und dass an­nähernd die Hälfte der bundesdeutschen Bevölkerung keinen Sport treibt.

In der vorliegenden Arbeit wird dargestellt, wie Sportvereine in Deutschland or­ganisiert und strukturiert sind. Welche Rolle nehmen Sportvereine in der Gesund­heitsförderung ein und welche Konzepte und Programme gibt es? Laut des Gesetzentwurfs des Bundesministeriums für Gesundheit und Soziale Sicherung (BMGS) sollen soziale Präventions­träger und auch Sportvereine als Leistungserbringer „Leistungen zur Verhaltensprävention erbringen, um die Veränderung gesundheitsbezogener Verhaltensweisen der Versicherten zu unterstützen und damit gesundheitliche Risiken zu vermindern sowie gesundheit­liche Ressourcen und Fähigkeiten zu stärken“ (BMGS, 2005, S. 12).

Wenn man 2004 nach der Bestandserhebung des Deutschen Sportbundes (DSB) von circa 27,5 Millionen Mitgliedern in Sportvereinen ausgehen kann (DSB, 2004), dann kann sich Gesundheitsförderung im „Setting Sportverein“ an viele Menschen in Deutschland richten. Dabei ist in der Arbeit von Interesse, welche bisherigen und aktuellen Gesundheitsförderungs­maßnahmen es im Zusammenhang mit Sportvereinen gibt. Inwiefern ist Gesund­heitsförderung durch sportliche Aktivität als gemeinsames Ziel der Sportwissen­schaften und von Public Health zu sehen? Public Health-Strategien sind auf die ganze Bevölkerung oder spezielle Zielgruppen ausgerichtet, um die Lebensqualität zu steigern und die Lebenszeit in der Bevölkerung zu verlängern (Fülgraff, 1999). Public Health-Ansätze der Gesundheitsförderung beziehen sich auf Änderungen von Lebensweisen und Verhältnissen (Laaser & Hurrelmann, 2003). Inwieweit verfolgen und erreichen bisherige Gesundheitsförderungs­strategien des Deutschen Sportbundes und seiner Sportvereine diese Ansätze und Ziele? Oder konkret formuliert: genügen Sportvereine dem Gesundheitsförderungs­ansatz, vor allem dem Settingansatz von Public Health und wenn ja, in welcher Form? Die Arbeit soll abschließend eine Einschätzung zu den Potenzialen der Gesundheitsförderung durch Sportvereine im Public Health-Kontext liefern.

Die Arbeit ist in vier Kapitel gegliedert.

Anfangs des ersten Kapitels werden Gesundheit und Krankheit erläutert und es wird zwischen Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung unterschieden. Es werden anschließend Ziele, Strategien und Modelle der Gesundheitsförderung betrachtet.

Im zweiten Teil des ersten Kapitels geht es um den gesetzespolitischen Stellenwert von Gesundheitsförderung in Deutschland. Danach erfolgt eine Betrachtung des Bedarfs an Gesundheitsförderung in Deutschland unter der Be­rücksichtigung epidemiologischer, demographischer und gesellschaftlicher Aspekte. Dies soll vor allem die aktuellen und zukünftigen Probleme der bundes­deutschen Gesellschaft mit ihrem Gesundheitssystem aufzeigen.

Im zweiten Kapitels erfolgt anfangs eine Erläuterung der Begriffe „Sport“, „Gesundheitssport“, „körperliche und sportliche Aktivität“, sowie die Darstellung der Effekte sportlicher Aktivität auf die Gesundheit. Um eine Vorstellung zu ent­wickeln, warum Menschen regelmäßig und lebenslang Sport treiben bzw. regel­mäßige körperliche Aktivität als einen essentiellen Bestandteil ihres Lebens sehen, werden anschließend Erklärungstheorien und -modelle sowie Interventionstheorien als auch Motive der Sportteilnahme betrachtet. Anschließend werden Art und Ausmaß der Sport­aktivität, Determinanten der Aufrechterhaltung sportlicher Aktivität und das Phänomen des Dropout behandelt.

Zur Situation der Sportvereine in Deutschland geben im zweiten Teil des zweiten Kapitels aktuelle empirische Untersuchungen einen Überblick darüber, wie Sport­vereine aufgebaut und gegliedert sind, welche Angebots­- und Mitglieder-strukturen vorliegen, was Mitglieder in den Vereinen hält, welche Organisations­kultur in Sportvereinen vorliegt und welche Bedeutung diese hat. Entwicklungen und Trends im Zusammenhang mit Sportvereinen werden abschließend betrachtet.

Im dritten Kapitel werden bisherige Gesundheitsförderungsmaßnahmen durch Sportvereine in Deutschland in Form von Gesundheitssportprogrammen, eines kommunalen Projekts und in Form von Kampagnen kurz vorgestellt. Anschließend wird dann das aktuelle Gesundheitsförderungszertifikat des Deutschen Sportbundes, „SPORT PRO GESUNDHEIT“ (DSB, 2002) beschrieben. Inwiefern Gesundheitsförderung durch sportliche Aktivität als gemein­sames Ziel der Sportwissenschaften und der Gesundheitswissenschaften zu sehen ist, wird danach erläutert. Am Ende dieses Kapitels kommt es zu einer Einordnung der Gesundheitsförderung durch Sportvereine in den Public Health-Kontext, das heißt, ob und inwieweit Gesundheitsförderung durch Sportvereine sich an Zielen und Ansätzen von Public Health orientiert.

Im letzten Kapitel sollen anhand der Analysen und Ergebnisse von Kapitel 1-3 Potenziale der Gesundheitsförderung durch Sportvereine aufgezeigt werden. Hier wird noch einmal der Setting-Ansatz aufgegriffen, anschließend der Punkt der Kooperationen und darauf das Thema Qualitätssicherung. Auf Risiken und Chancen der Gesundheitsförderung durch Sportvereine wird danach eingegangen und zum Schluss der Arbeit kommt es zu einer zusammenfassender Betrachtung des Themas.

1 Gesundheitsförderung

1.1 Gesundheit, Krankheit, Prävention und Gesundheitsförderung

1.1.1 Erläuterung von Gesundheit und Krankheit

Die Begriffe „Gesundheit“ und „Krankheit“ werden aufgrund ihrer reziproken Beziehung bei Definitionsansätzen meistens im Zusammenhang aufgeführt, so auch in der Gründungserklärung der WHO von 1946, nach der Gesundheit ein Zustand des vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens ist und nicht nur das Freisein von Beschwerden und Krankheiten. Gesundheit und Krankheit sieht der Medizinsoziologe Antonovsky gemäß seines 1979 ver­öffentlichten Modells der Salutogenese[4] nicht als dichotome Gegensätze, sondern als Pole, zwischen denen sich der Mensch auf einem Kontinuum bewegt. Von Interesse ist hier, wie Individuen mit Hilfe des Kohärenzgefühls[5] gegenüber Anfor­derungen und Belastungen des Alltags einen Gleichgewichtszustand auf­recht erhalten können. Je besser ihnen das gelingt, desto gesünder sind sie. Antonovsky´s Modell orientiert sich also im Gegensatz zur Logik des im modernen Medizinsystem verankerten pathogenetisch-orientierten[6] Risikofaktoren­modells weniger nach dem, was „eine optimale Funktionsfähigkeit des Körpersystems“ (Kolb, 1999, S. 28) beeinflusst und damit Menschen krank macht, sondern vielmehr danach, was sie gesund hält. Die so genannten Widerstands­ressourcen (materielle, personale und soziale Ressourcen) helfen einem Menschen bei der Auseinandersetzung mit Anforderungen und Belastungen des Alltags. Je besser er diese Ressourcen mobilisieren kann, und je größer sein Kohärenzgefühl, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Mensch gesund­heitlichen Belastungen standhalten und damit gesund bleiben kann. So fasst Fuchs (2003, S. 37-38) Kerngedanken des Salutogenese-Modells zusammen.

Fülgraff (1999) hat ebenfalls eine umfassende Definition vorgelegt, die einem die Multidimensionalität vor Augen führt, welche mit dem Gesundheits­begriff verbunden ist: „Gesundheit ist weder an körperliche Fähigkeiten oder Funktionen gebunden, noch gibt es eine eindeutige und scharfe Trennlinie zwischen gesund und krank. Zwischen schwarz und weiß liegen viele Töne von grau. Je reichhaltiger die individuellen subjektiven Möglichkeiten und Kompe­tenzen sind, und je geeigneter die objektiven Gegebenheiten, desto eher kann ein Gleichgewicht erreicht werden, das trotz fortdauernder Belastungen und Be­hinderungen als gesund erlebt werden kann. Dieses Gleichgewicht ist allerdings nie stabil und endgültig. Es muss in einem individuellen und gesellschaftlichen Prozess immer wieder neu hergestellt werden“ (Fülgraff, 1999, S. 226). Neben den von Fülgraff (1999, S.226) genannten „individuellen subjektiven Möglichkeiten und Kompetenzen“, die es im gesundheitspolitischen Sinne zu fördern gilt, werden mit dem Punkt „ge­eignete objektive Gegebenheiten“ auch geeignete Verhältnisse angesprochen, denn Public Health geht es „um die Gestaltung von Lebens­verhältnissen, in denen sich Gesundheit „herstellen“ lässt, und um die Stärkung von Selbständigkeit und Selbstbestimmung als Voraussetzung von Wohlbefinden und allgemeiner Lebenszufriedenheit“ (Fülgraff, 1999, S. 227).

1.1.2 Erläuterung von Prävention und Gesundheitsförderung

(Krankheits-) Prävention

Der Begriff „Krankheitsprävention“, der hier im Text wie auch in der Fach­literatur verkürzt „Prävention“ genannt wird, impliziert im Wesentlichen „die Vermeidung des Auftretens von Krankheiten und damit die Verringerung ihrer Verbreitung und die Verminderung ihrer Auswirkungen auf die Mortalität der Bevölkerung“ (Hurrelmann, Klotz & Haisch, 2004, S.11). Ausgangsbedingungen und Risikofaktoren für Krankheiten, die als Ursache für eine Weiterentwicklung eines Krankheitsverlaufs angenommen werden, sollen verhindert und abgewandt werden. Dazu bedarf es einer „Kenntnis pathogenetischer Dynamiken, also der Entwicklungs- und Verlaufsstadien des individuellen und kollektiven Krankheits­geschehens“ (Hurrelmann, Klotz & Haisch, 2004, S. 12). Folgende Risikofaktoren für Krankheiten werden von Hurrelmann, Klotz & Haisch (2004) unterschieden:

a) genetische, physiologische und psychische Dispositionen, so zum Beispiel Arterien­verengung, psychische Überlastungen, b) behaviorale Dispositionen, wie beispielsweise Zigarettenrauchen und wenig Bewegung und c) regional umwelt­bezogene Dispositionen, gemeint sind hier beispielsweise gesundheitliche Be­lastungen durch hohe Ozonkonzentrationen, durch starke Sonneneinstrahlung oder durch erhöhte radioaktive Strahlung.

Gesundheitsförderung

Der Begriff der Gesundheitsförderung etablierte sich nach der Konferenz der WHO im Jahre 1986: „Gesundheitsförderung zielt auf einen Prozess, allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit zu ermöglichen und sie damit zur Stärkung ihrer Gesundheit zu befähigen. [...] Gesundheit steht für ein positives Konzept, das in gleicher Weise die Bedeutung sozialer und individueller Ressourcen für die Gesundheit betont wie die körperlichen Fähigkeiten. Die Verantwortung für die Gesundheit liegt deshalb nicht nur bei dem Gesundheitssektor, sondern bei allen Politikbereichen und zielt über die Entwicklung gesünderer Lebensweisen hinaus auf die Förde­rung von umfassendem Wohlbefinden“ (WHO, 1986, S. 1). Die Gesundheitsförde­rung sieht somit als primäres Ziel die Entwicklung und die Erhaltung von Ge­sundheit vor. Ein wichtiger Ansatzpunkt hierbei sind Ressourcen und Schutz­faktoren von Gesundheit im Verständnis von Antonovsky´s Modell der Saluto­genese (1979; siehe auch oben), die gestärkt und gefördert werden sollen. Fuchs (2003, S. 62) spricht sogar von der „salutogenetischen Philosophie der Gesundheitsförderung“.

Nach Trojan (2001) kann man Gesundheitsförderung als erweiterten Prä­ventions­ansatz sehen; auf der Ebene des Verhaltens geht es um „die Befähigung von Menschen bzw. um eine Steigerung ihrer Kompetenzen, damit sie ihre Ge­sund­heitschancen durch selbstbestimmtes Handeln besser nutzen können – in der Termi­nologie der WHO häufig als Empowerment oder Developing Personal Skills bezeichnet. [...] auf der Ebene der Verhältnisprävention [kam] mit dem Ansatz der Gesundheitsförderung als Interventionsziel hinzu, Ressourcen zu verbessern [...]. Es geht um den Ausbau und die Weiterentwicklung aller Mittel und Möglich­kei­ten, die Lebensqualität in dem Sinne zu verbessern, dass die Chancen für phy­sisches, psychisches und soziales Wohlbefinden für alle vergrößert werden“ (Trojan, 2001, S. 51).

Die Schutzfaktoren oder Ressourcen für Gesundheit werden von Hurrelmann, Klotz & Haisch (2004, S. 13 f.) eingeteilt in: a) soziale und wirtschaftliche Faktoren, wie beispielsweise Verbesserung der Bedingungen am Arbeitsplatz, b) Umweltfaktoren, wie zum Beispiel Verbesserungen der Wohnbedingungen, der Luft- und Wasserqualität, c) Faktoren des Lebensstils, gemeint sind unter anderem die Förderung von angemessener Ernährung und Bewegung sowie die Spannungsbewältigung, und schließlich d) Zugang zu gesundheitsrelevanten Leistungen und Institutionen, insbesondere zu Pflege, Krankheitsversorgung, Re­habilitation und Gesundheitsberatung, aber auch zu Bildungs- und Sozialeinrich­tungen, Transport- und Freizeitorganisationen.

Differenzierung und Ziele von Prävention und Gesundheitsförderung

Sowohl Prävention als auch Gesundheitsförderung sind Interventionsformen mit unterschiedlichen und gemeinsamen Zielen von „öffentlich und /oder professionell autorisierten Handelnden“ (Hurrelmann, Klotz & Haisch, 2004, S. 11), deren Unterschiede wie folgt beschrieben werden: „Bei der Prävention besteht das Eingreifen (Intervenieren) in dem Verhindern und Abwenden von Ausgangsbedingungen und Risiken für Krankheiten [...], bei der Gesundheits­förderung besteht das Intervenieren in dem Verbessern von individuellen Fähig­keiten der Lebensbewältigung und dem Fördern der ökonomischen, kulturellen, sozialen, bildungsmäßigen und hygienischen Bedingungen der Lebensgestaltung von Bevölkerungsgruppen“ (Hurrelmann, Klotz & Haisch, 2004, S. 12).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Zur Terminologie von Interventionsschritten (Laaser & Hurrelmann, 2003, S.398)

Eine terminologische Abgrenzung der Begriffe „Prävention“ und „Gesundheits-förderung“ liefern Laaser und Hurrelmann (2003, S. 398) in Tabelle 1. Man sieht, dass Gesundheitsförderung sich von der Prävention vor allem dadurch unterschei­det, dass sie sich an die gesunde Gesamtbevölkerung richtet und zwar über die Beeinflussung von Verhältnissen und individuellen Lebensweisen. Dagegen richtet sich Prävention an Gruppen und Personen mit Risikofaktoren für eine Er­krankung oder einer bereits bestehenden Erkrankung. Das gemeinsame Ziel dieser Interventionsformen ist es, „einen sowohl individuellen als auch kollektiven Gesund­heitsgewinn zu erzielen.“ (Hurrelmann, Klotz & Haisch, 2004, S. 12).

Bei der Prävention liegt dieser im Abbau einer wahrscheinlich eintretenden indi­viduellen und gemeinschaftlichen Krankheitslast, bei der Gesundheitsförderung in der (Wieder-) Herstellung einer höheren als der zu erwartenden Gesundheits­qua­lität. Deshalb müssen die beiden Interventionsformen auf­grund ihrer gemein­samen Zielsetzung als sich ergänzend gesehen werden, deren Anwendung von der Ausgangslage und von den Zielen der Interventions­maßnahme abhängig ist (Hurrel­mann, Klotz & Haisch, 2004). Dies wird auch bei der Umsetzung von Ge­sundheitspolitik berücksichtigt, wenngleich die WHO die Gesundheitsförderung eindeutig von der Prävention abgrenzt (WHO, 1986).

Leppin (2004, S. 31-40) weißt auf eine vor allem im deutschsprachigen Raum auftretende Abgrenzungsproblematik hin, was sowohl die Differenzierung der Begriffe als auch die Unterscheidung der Risikofaktoren und der Krankheiten be­trifft. So könnte man beispielsweise Bluthochdruck bei einem ansonsten gesunden Menschen entweder als Risikofaktor für einen Schlaganfall sehen oder als eigene Krankheit definieren. Dementsprechend würde man Präventionsmaßnahmen zu Bluthochdruck entweder der Primär- oder der Sekundärprävention zuordnen.

1.1.3 Ansätze und Strategien der Gesundheitsförderung

Ansätze der Gesundheitsförderung

Ansätze der Gesundheitsförderung kann man unterscheiden nach Verhaltens­theorien und ökologischen Theorien (Laaser & Hurrelmann, 2003 )

Bei den verhaltenstheoretischen Ansätzen der Gesundheitsförderung geht es um das Wissen und die Kompetenz bezüglich von Faktoren, welche die Gesundheit beeinflussen. Gesundheitsförderliches und gesundheitsschädigendes Verhalten hat also seinen Ausgangspunkt im Individuum.

Waren Maßnahmen der Gesundheitsförderung anfangs eher auf personenbezogene Verhaltensinterventionen ausgerichtet, so werden heute eher sowohl verhaltens- als auch verhältnisbezogene Programme der Gesundheitsförderung als optimal angesehen und auch realisiert (Fuchs, 2003).

Dies spiegelt sich in den ökologischen (oder sozial-ökologischen) Modellen der Gesundheitsförderung wieder, die von der Annahme ausgehen, „dass das Ge­sundheitsverhalten bzw. die Gesundheit selbst durch das komplexe Zusammen­spiel intra- und interpersonaler Variablen, soziokultureller Faktoren und räumlich-materieller Bedingungen zustande kommt und dass demzufolge Interventionen nicht allein auf individuum- und gruppenorientierten, sondern auch auf struktur­verändernden politischen und kulturellen Maßnahmen basieren müssen. Mit dem Attribut 'sozial-ökologisch' wird eine Perspektive bezeichnet, die die systemische Vernetzung zwischen dem Individuum und seiner vielgestaltigen Lebensumwelt ins Zentrum rückt“ (Fuchs, 2003, S. 46f.).

Wie schon in der Einleitung erwähnt, spielt der Setting-Ansatz in der Gesundheits­förderung seit der Verabschiedung der WHO Charta von 1986 eine bedeutende Rolle, demnach es darum geht „Gesundheit dort zu fördern, wo die Menschen in ihrem Alltag leben, wo sie lernen, wo sie arbeiten und wo sie ihre freie Zeit verbringen. Die gesundheitsfördernden Maßnahmen setzen dabei an sozialen Systemen an und nicht an Individuen.“ (Opper, 2002, S. 1). Beispiele für Settings sind Schulen, Betriebe, Krankenhäuser und auch Sportvereine.

Baric (1998) differenziert zwischen Gesundheitsförderung im Setting (beispiels­weise Gesundheitssportprogramme in Sportvereinen) und einem gesundheitsför­derlichen Setting (zum Beispiel Gesundheit als Organisationsprinzip im Sport­verein). Baric (1998) präzisiert neben dem Begriff „Setting“ auch die Begriffe „Netzwerke“, die nach seinem Verständnis zwischen gleichartigen Settings ge­bildet werden können (zum Beispiel zwischen zwei Krankenhäusern), und „Allianzen“, die er als Verbindungen zwischen Settings unterschiedlicher Art definiert (zum Beispiel zwischen Schule und Sportverein).

Strategien der Gesundheitsförderung

Die Ansätze der Gesundheitsförderung spiegeln sich in zwei hauptsächlichen Interventionsstrategien wieder.

Zum einen in der Interventionsstrategie der Verhaltensänderung, welche davon ausgeht, „dass der anzustrebende Zustand der Gesundheit durch bestimmte Ver­haltensweisen des Individuums (vor allem in den Bereichen Ernährung, Bewe­gung, Hygiene, Entspannung, Sexualität, Alkohol- und Nikotingebrauch) verbes­sert und aufrecht erhalten werden kann“ (Fuchs, 2003, S. 43).

Zum Anderen zielt die Interventionsstrategie der Verhältnisänderung (synonym auch Umweltänderung) „auf Determinanten der Gesundheit, die nicht behavioraler Natur sind und in der Regel die unmittelbaren Lebensbedingungen des Individuums betreffen“ (Fuchs, 2003, S. 43).

Kolb (1995, S. 348 ff.) systematisiert die verhältnisorientierten Interventionen nach drei Eingriffsebenen und unterscheidet a) eine gesundheitsfördernde Politik (gesetzgeberische Maßnahmen, welche die grundlegenden Rahmenbedingungen für Gesundheit schaffen), b) eine gesundheitsfördernde Organisationsentwicklung (Gesundheit als Organisationsprinzip beispielsweise in Schulen, Gemeinden) und c) Gesundheitsselbsthilfe (Ausbau und Förderung von sozialen Netzwerken und von Selbsthilfeinitiativen).

Fuchs weist auf die Schwierigkeiten bei der Anwendung von Strategien der Ver­haltens- und der Verhältnisänderung hin, wenn diese nicht aufeinander abge­stimmt sind: „Es genügt eben nicht, einfach nur eine weitere Sporthalle zu bauen, um die Menschen zum verstärkten Sporttreiben zu veranlassen. Es kommt auch darauf an, das neu geschaffene Strukturangebot mit dem individuellen Denken und Handeln der potenziellen Nutzer zu verknüpfen“ (Fuchs, 2003, S. 45).

1.2 Stellenwert und Bedarf der Gesundheitsförderung in Deutschland

1.2.1 Gesetzespolitischer Stellenwert der Gesundheitsförderung

Konzepte der WHO

1986 wurde die Charta der ersten internationalen Konferenz zur Gesundheits­förderung von der WHO verabschiedet. Fülgraff (1999) fasst die fünf Handlungs­felder und Empfehlungen zusammen:

- Schaffung einer gesundheitsfördernden Gesamtpolitik.
- Unterstützung gesundheitsbezogener Gemeinschaftsaktionen.
- Gesundheitsförderliche Lebenswelten schaffen.
- Persönliche Kompetenzen entwickeln und ausbauen.
- Umstrukturierung der Gesundheitsdienste.

Auf jedem dieser genannten Handlungsfelder sollen

- Interessen vertreten werden, um ökonomische, politische, kulturelle, soziale, biologische sowie Umwelt- und Verhaltensfaktoren zu beeinflussen und der Gesundheitsförderung zu dienen.
- Menschen dazu befähigt werden, Initiative und Verantwortung für ihre Gesund­heit zu ergreifen.
- Vermittlung und Vernetzung zwischen allen politischen und gesellschaftlichen Akteuren und Institutionen stattfinden.

Vom WHO-Regionalkomittee für Europa (2000) wurden 1998 in Kopenhagen 21 Gesundheitsziele für das 21. Jahrhundert verabschiedet, welche die europäischen Länder dazu anregen sollen, eigene länderspezifische Ziele zu setzen. Relevant für die Gesundheitsförderung durch Sportvereine sind folgende Ziele:

- Ziel 4: Altern in Gesundheit. In dem Zielkatalog heißt es „dieses Ziel lässt sich erreichen, wenn (...) die Gesundheitspolitik durch Gesundheitsförderung und Gesundheitsschutz in frühen Lebensjahren die Voraussetzung für ein Altern in Gesundheit schafft“ (WHO-Regionalkomittee für Europa, 2000, S. 127).
- Ziel 11: Gesünder Leben. Darunter fällt das folgende Teilziel: „Das Gesund­heitsbewusstsein sollte beispielsweise in bezug auf die Ernährung, körperliche Betätigung und Sexualität erheblich zunehmen.“ (WHO-Regionalkomittee für Europa, 2000, S. 127).
- Ziel 20: Mobilisierung von Partnern für gesundheitliche Belange: Darin wird die Bildung von Allianzen und Partnerschaften zwischen Individuen, Gruppen und Organisationen aus den Bereichen des öffentlichen und privaten Lebens angeregt, damit diese gemeinsam gesundheitliche Belange verfolgen.

Konzepte der Bundesregierung

Paragraph 20 Absatz 1 und 2, Sozialgesetzbuch V (§ 20, Abs. 1 u. 2, SGB V)

Mit der Neufassung des § 20 SGB V durch das GKV-Gesundheitsreformgesetz 2000 erhielten die gesetzlichen Krankenkassen wieder mehr Möglichkeiten für die Umsetzung und Förderung von Maßnahmen der Primärprävention und der be­trieblichen Gesundheitsförderung. In Absatz 1 werden die Krankenkassen darauf hingewiesen, dass sie Leistungen zur primären Prävention erbringen sollen und in Absatz 2 darauf, dass sie Maßnahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung durchführen können. In der Präambel des IKK-Bundesverbandes (2003, S. 2-5) wird auf die hohe Bedeutung der Stärkung gesundheitsförderlicher Potenziale hingewiesen und auf den Einsatz effizienter Gesundheitsförderungsstrategien von Krankenkassen, da laut Absatz 3 des Gesetzes die Ausgaben auf einen Betrag von 2,66 EUR (im Jahr 2003) pro Versicherten pro Jahr beschränkt sind. Dies er­fordere „gezielte Interventionen und eine enge Abstimmung mit allen an der Prä­vention und Gesundheitsförderung beteiligten Stellen“ (IKK-Bundesverband 2003, S. 2). Für die Gesundheitsförderung durch Sportvereine spielt der indi­viduelle Ansatz der Krankenkassen als Zugangsweg für die Versicherten eine Rolle. Dieser sieht evidenzbasierte Interventionsmaßnahmen vor, die auf Menschen und ihr Verhalten ausgerichtet sind auf den vier Interventionsfeldern der Ernährung, des Genuss- und Suchtmittelkonsums, der Stressreduktion und Entspannung sowie der Bewegungsgewohnheiten. Von den Krankenkassen aner­kannte Qualitätssiegelangebote (die auch von den Vereins-Übungsleitern auf der zweiten Lizenzstufe in den Sportvereinen angeboten werden können) auf dem Interventionsfeld der Bewegungsgewohnheiten mit den Bereichen „Bewegung zur Förderung des Herz-Kreislauf-Systems“ und „Bewegung zur Förderung des Muskel-Skelett-Systems“ sind für Sportvereine interessant.

Gesundheitsförderungsgesetz

Neben der Prävention hat auch die Gesundheitsförderung einen wichtigen Stellenwert im geplanten Präventionsgesetz der Bundesregierung (BMGS, 2005). So beinhaltet gesundheitliche Prävention laut des Gesetzentwurfs auch den „Aufbau von individuellen Fähigkeiten sowie gesundheitsförderlichen Strukturen, um das Maß an Selbstbestimmung über die Gesundheit zu erhöhen“ (BMGS, 2005, S. 3). Die Leistungen zur Prävention und Gesundheitsförderung sollen von den Trägern in Lebenswelten (Settings) erbracht werden: „Lebenswelten im Sinne dieses Ge­setzes sind für die Gesundheit bedeutsame, abgrenzbare soziale Systeme insbe­sondere des Wohnens, Arbeitens, Lernens, der Freizeitgestaltung einschließlich des Sports und des Spielens.“ (BMGS, 2005, S. 12). Somit wird dem Sport eine Bedeutung in der Gesundheitsförderung zugeschrieben ebenso wie dem Sportver­ein: „Auch eine Leistungserbringung durch andere soziale Präventionsträger und sonstige Dritte, zum Beispiel Sportvereine, ist vorgesehen“ (BMGS, 2005, S. 41 f.).

1.2.2 Bedarf von Gesundheitsförderung in Deutschland

Der Bedarf an Gesundheitsförderung in Deutschland zeigt sich, wenn man die Bevölkerungsentwicklung betrachtet und ebenso die Krankheitskosten, die konti­nuierlich in den nächsten Jahren steigen werden. Die Sicherung der sozialen Systeme führt zu einer erheblichen Mehrbelastung der Versicherten, der Arbeit­geber und des Bundeshaushalts (Statistisches Bundesamt, 2005). Da die Mehrheit der Be­völkerung eine stärkere Eigenbeteiligung an der Finanzierung von Gesund­heits­leistungen ablehnt (Statistisches Bundesamt, 2005), kommen der Prä­vention und der Gesundheitsförderung als gesamtgesellschaftliche Aufgabe eine besondere Bedeutung zu. So führen Rittner & Breuer (1999, S. 38) Studien aus den USA auf, die zeigen, dass in Maßnahmen einer bewegungsorientierten betrieblichen Gesundheitsför­derung investiertes Geld um ein Vielfaches zurückgewonnen werden kann. Konkret hat sich dies in einer Steigerung der Produktivität, einer Reduktion von Fehlzeiten, einer Senkung der Krankheitskosten und in einer Verminderung der Anzahl der Arbeitsunfälle gezeigt

Demografische Aspekte

Berechnungen des Statistischen Bundesamtes (2003) zeigen, dass die über 60-jährigen in Deutschland im Jahre 2035 mit einem Anteil von circa 35 % der Gesamt­bevölkerung vertreten sein werden gegenüber einem derzeitigen Anteil von circa 24 %. Außerdem steigt der Altenqoutient[7] in den nächsten Jahrzehnten kontinuierlich an, was zu erhöhten finanziellen Belastungen bei den Erwerbs­tätigen führt. Konkret bedeutet dies, dass beispielsweise im Jahr 2040 100 Per­sonen im Erwerbsalter (20-65 Jahre) 53 Personen im Rentenalter gegenüber stehen, also fast doppelt so viele wie im Jahr 2001, wo 100 Personen im Erwerbs­alter 27 Personen im Rentenalter gegenüber standen.

Krankheitskosten

Im Jahr 2002 entstanden dem deutschen Gesundheitswesen durch die Behandlung von Krankheiten Kosten in Höhe von 223,6 Mrd. Euro (Statistisches Bundesamt, 2004b). An erster Stelle standen dabei Krankheiten des Kreislaufsystems mit einem Betrag von 35,4 Mrd. Euro. Dieser Wert entspricht 15,8 % der gesamten Krankheitskosten 2002. Es folgen Krankheiten des Muskel-Skelett-Systems und Bindegewebes mit 25,2 Mrd. Euro. An dritter Stelle folgen die psychischen und Verhaltensstörungen mit 22,4 Mrd. Euro.

Bei den chronischen Krankheiten verursachte die Behandlung von ischämischen Herzkrankheiten wie Bluthochdruck oder Angina Pectoris Kosten in Höhe von 7 Milliarden Euro, die Behandlung von Diabeteserkrankungen 5,1 Milliarden Euro (Statistisches Bundesamt, 2004b).

Durch Bewegungsmangel verursachtes Übergewicht kann die Entstehung von Diabetes Mellitus, Fettstoffwechselstörungen und Hypertonie verursachen (Hollmann, 2004), deren Behandlungen enorme Kosten verursachen (siehe oben). Im Mai 2003 hatten 49% der Bevölkerung in Deutschland ab 18 Jahren Übergewicht, ein Prozentpunkt mehr als 1999 (Statistisches Bundesamt, 2004a).

2 Sport und Sportvereine

2.1 Sport und Sportteilnahme

2.1.1 Begriffsklärungen: Sport, Gesundheitssport, körperliche und sportliche Aktivität

Sport

Der Begriff „Sport“ in seiner ursprünglichen Bedeutung meint „Zerstreuung, Ver­gnügen, Zeitvertreib, Spiel“ und hat seine Ursprünge im 18. Jahrhundert in England im Wort „disport“. Als umgangssprachlicher Begriff kommt er „in vielen Sprachen der Welt in einem jeweils unterschiedlichen Bedeutungs- und Sinn­zusammenhang“ (Opper, 1998a, S. 27) vor. Nach Digel (1990) erschließt sich die Bedeutung des Sportbegriffs vor allem aus seinem Gebrauch: „Dieser Gebrauch hat sich in der Geschichte herausgeprägt. Er ist keineswegs beliebig; wie jeder Sprachgebrauch unterliegt er jedoch dem Prinzip der Kreativität, das heißt, die Regeln des Gebrauchs lassen sich ändern. (...). Nur so ist zu erklären, warum wir einen weiten und einen engen Sportbegriff unterscheiden können, warum Menschen Aktivitäten mit einem Begriff des Sports umschreiben, die früher als Aktivitäten entweder nicht bekannt waren oder einen anderen Namen hatten“ (Digel, 1990, S. 89). Wurde der enge Sportbegriff lange mit „Leistungsvergleich im Wett­kampf“ (Brehm, Bös, Opper & Saam, 2002, S. 9) in Verbindung gebracht, so kann Sport in einem weiteren Verständnis jetzt auch einen anderen Sinn haben und zwar in Form des „Ausgleichs-, Erlebnis- oder Gesundheitssports“ (Fuchs 2003, S. 6). Durch die Benutzung unterschiedlich eng gefasster Sportbegriffe wird versucht, das Dilemma zu umgehen, dass der Begriff des Sports vom Begriff der allgemeinen körperlichen Aktivität nicht mehr differenzierbar ist und somit wert­los wird (Balz, 2000).

Passend zur Entwicklung des Sportbegriffs beschreibt Mörath (2005) in ihrer Arbeit die Entwicklung respektive die Öffnung des Sports in der bundesdeutschen Gesellschaft. Diese begann mit der Aktion „Zweiter Weg“ des DSB Mitte der 60er Jahren, der als Ergänzung des „ersten Weges“ zu sehen ist, „jenes organi­sierten Sports, der vor allem auf Wettkampfangebote und Leistungsförderung in den Vereinen ausgerichtet war und als nicht ausreichend angesehen wurde, um breiteren Bevölkerungsschichten bei zunehmender Freizeit die Ausübung von Spiel und Sport zu ermöglichen“ (Mörath, 2005, S. 24). Der DSB wollte also einen „Sport für alle“ ermöglichen und verwirklichte dieses Vorhaben unter anderem mit den Trimm-Aktionen ab 1970 (siehe 3.2.3).

Gesundheitssport

Eine Definition des Begriffs „Gesundheitssport“ wurde von der Kommission Ge­sundheit des deutschen Sportärztebundes wie folgt vorgeschlagen: „Gesundheits­sport ist eine aktive, regelmäßige und systematische körperliche Belastung mit der Absicht, Gesundheit in all ihren Aspekten, d.h. somatisch wie psychosozial, zu fördern, zu erhalten oder wiederherzustellen“ (Kindermann et al., 1993).

Die spezifischen Zielsetzungen spielen beim Gesundheitssport eine wichtige Rolle. Fuchs (2003, S. 7) unterscheidet, welcher Art die mit dem Gesundheits­sport verknüpften Zielsetzungen sind. Er differenziert zwischen (a) der Motiv-Interpretation, bei der die Zielsetzung auf einer subjektiven Entscheidungsgrund­lage beruht und bei der das Handlungsmotiv des Einzelnen, beispielsweise die Reduktion des Herzinfarktrisikos durch Sport, im Vordergrund steht. Es kann dadurch sein, dass jemand Sport treibt, der gar keine gesundheitsfördernde Wir­kung hat; (b) der Effekt-Interpretation, bei der die Zielsetzung aufgrund der ob­jektiven, wissenschaftlich begründeten Wirkungen des Gesundheitssports im Vor­dergrund steht, unabhängig vom Handlungsmotiv des Einzelnen; (c) der Kombina­tion aus Motiv- und Effektinterpretationen, d.h. Gesundheitssport wäre in gleichem Maße ein Ergebnis aus der subjektiven Entscheidung aufgrund des Gesundheitsmotivs wie aufgrund seines objektiven Zwecks.

Brehm & Bös (2004, S. 14) liefern folgende Definition: „Gesundheitssport kann als Element einer allgemeinen Gesundheitsförderung [im Sinne des Health Promo­tion Paradigma, S.L.] aufgefasst werden, mit der gleichermaßen Gesund­heits-, Verhaltens- und Verhältniswirkungen angestrebt werden“ (siehe 3.4). Diese Wirkungen respektive Ziele „müssen durch geeignete Maßnahmen und Programme systematisch gefördert werden“ (Brehm, Bös, Opper & Saam, 2002, S. 24 f.).

Körperliche Aktivität

Unter körperlicher Aktivität werden alle Bewegungen verstanden, die durch Ske­lettmuskeln hervorgerufen werden und zur Verausgabung von Energie führen (Bouchard, 1996). Somit muss man hier nicht nur alle sportlichen Tätigkeiten dazu­zählen, sondern auch Alltagsaktivitäten wie beispielsweise Treppensteigen, Einkaufen und Gartenarbeiten. Man könnte körperliche Aktivität also kurz mit Bewegung gleichsetzen.

[...]


[1] Ein Setting wird „einerseits als ein soziales System verstanden, das eine Vielzahl relevanter Umwelteinflüsse auf eine bestimmte Personengruppe umfasst und andererseits als ein System, in dem diese Bedingungen von Gesundheit und Krankheit auch gestaltet werden können“ (Grossmann/Scala 1999, S.100).

[2] Das sozioökonomische Panel ist eine repräsentative Längsschnittstudie privater Haushalte in Deutschland

[3] Der Bundesgesundheitssurvey ist eine repräsentative Untersuchung zum Gesundheitszustand der Bevölkerung in Deutschland

[4] Salutogenese bedeutet übersetzt die „Entstehung von Gesundheit“

[5] Das SOC (Kohärenzgefühl) ist definiert als „eine globale Orientierung die das Maß ausdrückt, in dem man
ein durchdringendes, andauerndes aber dynamisches Gefühl des Vertrauens hat, dass die eigene interne und

externe Umwelt vorhersagbar ist und dass es eine hohe Wahrscheinlichkeit gibt, dass sich die Dinge so

entwickeln werden, wie vernünftigerweise erwartet werden kann“ (Antonovsky 1997, S.16).

[6] Pathogenese“ bedeutet übersetzt die „Entstehung von Krankheiten“

[7] Der Altenquotient misst die Relation der Bevölkerung im Rentenalter zur Bevölkerung im Erwerbsalter.

Ende der Leseprobe aus 82 Seiten

Details

Titel
Gesundheitsförderung durch Sportvereine
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
82
Katalognummer
V143830
ISBN (eBook)
9783640536610
ISBN (Buch)
9783640536405
Dateigröße
1118 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gesundheitsförderung, Sportvereine, Gesundheit, Sport, Prävention, Gesundheitssport, sportliche Aktivität, Bewegungsförderung
Arbeit zitieren
Sebastian Lutz (Autor), 2005, Gesundheitsförderung durch Sportvereine, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/143830

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