Schulz von Thuns "Vier-Ohren-Modell" im Schulalltag

Analyse eines Fallbeispiels aus dem Bereich der Lehrer-Schüler Kommunikation


Seminararbeit, 2009

18 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das „Vier-Ohren-Modell“
2.1 Die vier Seiten einer Nachricht
2.2 Die vier Verständnismöglichkeiten des Empfängers

3 Die Anwendung des „Vier-Ohren-Modells“ im Schulalltag
3.1 Kommunikationssituationen im Schulalltag
3.2 Lehrer-Schüler Kommunikation (Fallbeispiel)

4 Schlussbetrachtung

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem „Vier-Ohren-Modell“ von Schulz von Thun[1] und der Anwendbarkeit des Modells im Bereich der Schule. Zunächst wird das Modell von Schulz von Thun erläutert. In einem weiteren Kapitel sollen dann anhand eines Fallbeispiels aus dem Bereich der Lehrer-Schüler-Kommunikation mithilfe der Theorie von Friedemann Schulz von Thun Kommunikationsstörungen bewusst gemacht werden und Verbesserungsvorschläge diskutiert werden. In diesem Zusammenhang soll die Frage beantwortet werden, inwiefern sich Kommunikationsprobleme an Schulen, durch die es zu einer Behinderung in der Wissens- und Kompetenzvermittlung kommt, mithilfe des Kommunikationsmodells von Schulz von Thun vermieden werden können. In diesem Kontext soll ebenfalls diskutiert werden, ob dieses Modell ausreichend für die Analyse von Kommunikationssituationen im Schulalltag ist.

An dieser Stelle soll noch darauf hingewiesen werden, dass es in der Kommunikationswissenschaft natürlich verschiedene Modelle gibt, um Sprachfunktionen zu beschreiben. Ich setze mich in dieser Arbeit mit dem „Vier-Ohren-Modell“ von Schulz von Thun auseinander. Das Modell zeigt eine klare Parallele zu Paul Watzlawicks Modell vor allen Dingen im Hinblick auf Watzlawicks Regel „Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt.“[2] Eine weitere Gemeinsamkeit zwischen den beiden Modellen liegt auch darin, dass sowohl Watzlawick als auch Schulz von Thun davon ausgehen, dass jede Äußerung mehrere Botschaften enthält, d. h. verschiedene kommunikative Funktionen hat.[3] Darüber hinaus verarbeitet Schulz von Thun in seinem Vier-Ohren-Modell auch die drei Seiten des „Organon-Modells“ von Karl Bühler, nämlich dass jede Information etwas über die Sache, über den Sender und einen Appell an den Empfänger enthält.[4]

2 Das „Vier-Ohren-Modell“

Wie der Name „Vier-Ohren-Modell“ deutlich macht, gibt es laut Schulz von Thun vier prinzipiell verschiedene Möglichkeiten, eine Nachricht wahrzunehmen.[5]

2.1 Die vier Seiten einer Nachricht

Nach der Theorie von Schulz von Thun enthält also eine Nachricht vier Seiten. Oft wissen wir erst, was Menschen wirklich sagen und meinen, wenn sie selbst ihre Nachricht entschlüsseln und sie vierseitig mitteilen. Eine Nachricht, die vom Sender als reine Sachmitteilung gedacht war, lässt oft zu viel Spielraum für Fantasien und Spekulationen übrig. Darüber hinaus spielen natürlich auch zusätzlich nonverbale Signale wie etwa die Körperhaltung, Mimik und Gestik sowie Gefühle hinein.[6] Mithilfe des Vier-Ohren-Modells sind wir aber in der Lage, Irritationen und Störungen des Verstehens rascher wahrzunehmen, zu analysieren und zu beheben, was im Schulalltag bei der Kommunikation mit Schülern, Eltern und Kollegen unerlässlich ist.

Die vier Seiten einer Nachricht sind nach der Theorie von Schulz von Thun die Sachseite, die Appellseite, die Beziehungsseite und die Selbstoffenbarungsseite.[7]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Anhand des folgenden Beispiels soll das Modell kurz erläutert werden. „Sie haben aber sonderbare pädagogische Ansichten“[8], sagt ein Vater zu einem Lehrer beim Elternsprechtag. Im ersten Schritt sollte berücksichtigt werden, was der Inhalt der Nachricht ist. Hierbei handelt es sich um die sogenannte Sachseite der Nachricht. Die Sachseite auf das isolierte Sprachbeispiel bezogen könnte sein: „Es geht hier um pädagogische Ansichten.“[9] Was jedoch mit der Nachricht gemeint sein könnte, gehört nicht zu diesem ersten Schritt. Mit der rein sachlichen Aussage einer Nachricht kann man bezüglich der Kommunikation jedoch zu wenig erkennen. Sie gibt nur den Inhalt wieder, nicht was mit dem Inhalt bezweckt wird.

Die Gesprächspartner wollen häufig durch ihre Aussagen den jeweiligen Gesprächspartner aber auch auffordern, etwas zu tun oder zu unternehmen. Das ist die Appellseite der Nachricht. Mit dem Appell will der Sprecher den Hörer meist animieren, auf seine Wünsche zu reagieren. In unserem Beispiel hieße möglicherweise die Appellseite: „Bitte erklären Sie mir Ihre Ansichten doch genauer!“[10]

Der Sprecher möchte mit seiner Nachricht Verbindung mit dem Hörer aufnehmen. Die Verbindung zwischen zwei Menschen, ganz gleich welcher Art sie ist, wird Beziehung genannt. Der Sprecher stellt durch seine Botschaft eine bestimmte Beziehung zwischen sich und dem Hörer her. Das ist die Beziehungsseite der Nachricht. Auf der Beziehungsebene wird etwas über das Verhältnis der beteiligten Personen zueinander ausgesagt. Diese Aussage über das Verhältnis bezieht der Hörer auf sich selbst. Diese Ebene macht die Kommunikation wirklich schwierig, da Missverständnisse hier am ehesten auftauchen können. Botschaften werden missverstanden, wenn sie auf der Beziehungsebene mehrdeutig bezogen werden, weil hier zur Person des Empfängers argumentiert wird und man erwarten muss, dass der Gesprächspartner sich mitunter persönlich angegriffen fühlen kann. Viel hängt dabei auch von der Einstellung des Empfängers ab. Ist die Person eher ein unsicherer Mensch, der sich schnell einschüchtern lässt, ist die Wahrscheinlichkeit eine negative Ich-Botschaft zu hören, deutlich stärker ausgeprägt als bei einer Person, die selbstsicher ist. In unserem Beispiel könnte die Beziehungsseite etwa folgendermaßen dargestellt werden: „Ich bin Ihnen gegenüber skeptisch eingestellt“.[11]

Eine Beziehung besteht aber immer aus mindestens zwei Personen. Die vierte Seite der Botschaft, lässt den Hörer demzufolge etwas über den Sprecher erfahren. Das ist die Selbstoffenbarungsseite der Nachricht, weil der Sprecher zugleich etwas über sich aussagt. Dadurch, dass der Andere auf der Selbstoffenbarungsseite etwas über sich selbst zum Ausdruck bringt, ist auch er verwundbar und somit menschlicher. Die Selbstoffenbarungsmitteilung bezogen auf das Beispiel könnte etwa folgende sein: „Ich habe da ganz andere Ansichten.“[12]

2.2 Die vier Verständnismöglichkeiten des Empfängers

Der Hörer kann prinzipiell eine oder mehrere Seiten der Nachricht hören. Laut des Modells von Schulz von Thun hat der Hörer für jede Seite der Nachricht ein Ohr zur Verfügung, insgesamt also vier Ohren. Diese vier Ohren hat nicht nur jeder, er benutzt sie auch, bewusst oder unbewusst.

Nimmt der Hörer die Nachricht auf dem Sachohr wahr, sind Komplikationen wahrscheinlich meist ausgeschlossen. Er stellt sich dann unbewusst die Frage „Worüber werde ich informiert?“ Das Appellohr jedoch kann eine Nachricht positiv oder negativ auffassen. Die Frage, die sich dieses Ohr stellt, ist „Was soll ich tun, denken, fühlen?“. Kommt eine Nachricht auf dem Beziehungsohr an, kann es durchaus zu einem Streit kommen. Im obigen Beispiel könnte das Beziehungsohr des Lehrers aus der Nachricht heraushören, dass er als Empfänger der Nachricht eventuell nicht den gewünschten pädagogischen Ansichten des Vaters entspricht und deshalb könnte der Lehrer skeptisch sein. Wer auf dem Beziehungsohr hört, antwortet mit der inneren Frage im Hinterkopf „Was sagt der Andere über mich?“ Der Lehrer könnte die Aussage des Vaters auf der Beziehungsebene als negativ auffassen und sich kritisiert fühlen.[13]

[...]


[1] Schulz von Thun, Friedemann: Miteinander reden. Bd. 1. Störungen und Klärungen. Allgemeine Psychologie der Kommunikation. 46. Aufl., Hamburg 2008.

[2] Zitiert nach Schäfer, Karl-Hermann: Kommunikation und Interaktion. Grundbegriffe einer Pädagogik des Pragmatismus, Wiesbaden 2005, S. 24. Vgl. weiterhin dazu Auer, Peter: Sprachliche Interaktion. Eine Einführung anhand von 22 Klassikern, Tübingen 1999, S. 39-50.

[3] Watzlawick unterscheidet zwischen Interaktion und Kommunikation. Eine einzelne Kommunikation heißt Mitteilung (message) oder, sofern keine Verwechslung möglich ist, eine Kommunikation. Ein wechselseitiger Ablauf von Mitteilungen zwischen zwei und mehreren Personen wird als Interaktion bezeichnet. Die Kommunikationstheorie konzentriert sich auf die „Regeln“ dieses wechselseitigen Verhaltens. Sie beschäftigt sich vor allem mit dem Beziehungsaspekt einer Interaktion und weniger mit dem Inhaltsaspekt. Es wird versucht, die Bedingungen störungsfreier Kommunikation herauszukristallisieren. Watzlawick untersucht dabei etwa die Gesetzmäßigkeiten und typische Erscheinungsformen der dabei ablaufenden „Mechanismen“. Vgl. dazu ausführlicher Watzlawick, Paul et. al.: Menschliche Kommunikation, Formen, Strömungen Paradoxien. 4. Aufl. Bern 1974. Hier insbesondere: S. 50f. Darüber hinaus siehe Roth, Jürgen: Lehrer und Schüler. Interaktion und Kommunikation in der Schule, in: Kunert, Kristian (Hrsg.): Studienreihe Schulpädagogik. München 1980, S. 56ff.

[4] Vgl. dazu ausführlicher Auer: Sprachliche Interaktion, S. 18-29.

[5] Vgl. dazu ausführlicher Schulz von Thun: Miteinander reden, S. 25ff.

[6] Siehe dazu Schröder, Markus: Sie haben vier Ohren. Eine kurze Einführung in die kommunikationspsychologischen Modelle von F. Schulz von Thun und A. Maslow. 3. Aufl. Paderborn 2008, S. 10ff.

[7] Vgl. dazu ausführlicher Schulz von Thun: Miteinander reden, S. 14.

[8] Zitiert nach Miller, Reinhold: „Das ist ja wieder typisch“ Kommunikation und Dialog in Schule und Schulverwaltung. 25 Trainingsbausteine. 2. Aufl. Weinheim und Basel 1997, hier: S. 22.

[9] Zitiert nach ebd., S. 22.

[10] Zitiert nach ebd., S. 22.

[11] Zitiert nach ebd.

[12] Zitiert nach ebd.

[13] Vgl. dazu ausführlicher Schulz von Thun: Miteinander reden, S. 44ff.

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Details

Titel
Schulz von Thuns "Vier-Ohren-Modell" im Schulalltag
Untertitel
Analyse eines Fallbeispiels aus dem Bereich der Lehrer-Schüler Kommunikation
Autor
Jahr
2009
Seiten
18
Katalognummer
V143835
ISBN (eBook)
9783640525638
ISBN (Buch)
9783640525089
Dateigröße
503 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schulz, Thun, Schulalltag, Analyse, Fallbeispiels, Bereich, Lehrer-Schüler, Kommunikation, Friedemann
Arbeit zitieren
Frauke Wildig (Autor), 2009, Schulz von Thuns "Vier-Ohren-Modell" im Schulalltag, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/143835

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