Die Armenienpolitik der USA


Bachelorarbeit, 2009
50 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

I. Problemstellung
1. Leitfrage und Untersuchungszeitraum
2. Forschungsstand

II. Darstellung des Untersuchungsmodells
1. Theoretische Grundlagen
1.1 Allgemeines
1.2 Entwicklung einer Hypothese
2. Methodisches Vorgehen
3. Quellen

III. Überprüfung der Hypothese
1. Voraussetzungen für den Einfluss armenienfreundlicher Akteure
1.1 Der Modus politischer Repräsentation
1.2 Die Stärke armenisch-amerikanischer Interessengruppen
1.2.1 Organisationsgrad
1.2.2 Unterstützerzahl
1.3 Zwischenfazit
2. Der Freedom Support Act und „Section 907”
2.1 Ausgangslage
2.2 Verhalten armenienfreundlicher Akteure
2.3 Errungenschaften
2.4 Kostenanalyse
2.5 Zwischenfazit
3. Die Vergabehöhe von Entwicklungshilfe an Armenien
3.1 Ausgangslage
3.2 Verhalten armenienfreundlicher Akteure
3.3 Errungenschaften
3.4 Kostenanalyse
3.5 Zwischenfazit
4. Die Position im Hinblick auf den Armenischen Genozid
4.1 Ausgangslage
4.2 Verhalten armenienfreundlicher Akteure
4.3 Errungenschaften
4.4 Kostenanalyse
4.5 Zwischenfazit

IV. Ergebnisse und Ausblick
1. Zusammenfassung der Ergebnisse
2. Ausblick

Anhang

V. Quellen- und Literaturverzeichnis
1. Quellen
2. Sekundärliteratur

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

I. Problemstellung

1. Leitfrage und Untersuchungszeitraum

Im Rahmen der Konsultationen während seines Türkei-Besuchs vom 6. April 2009 sah sich US-Präsident Barack Obama neben dem iranischen Atomprogramm, dem NATO-Einsatz in Afghanistan und den türkischen Ambitionen auf einen Beitritt in die Europäische Union mit einer diplomatisch besonders heiklen Angelegenheit konfrontiert. Die Frage, ob Obama in einer öffentlichen Ansprache über den in den Jahren 1915 - 1923 von Soldaten des Osmanischen Reichs verübten Massenmord an Armeniern das Wort „Genozid“ benutzen würde, war für viele Beobachter der türkisch-amerikanischen Beziehungen von weitaus höherer Brisanz als aktuelle Themen aus dem 21. Jahrhundert. Hintergrund ist ein Jahrzehnte währender Streit zwischen Türken und Armeniern über die qualitative Einordnung dieser im Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg geschehenen Ereignisse sowie Obamas explizites Wahlkampfversprechen, „as President I will recognize the Armenian Genocide“1. Dabei ist diese Debatte nicht der einzige Zusammenhang, in dem die Befindlichkeiten Armeniens außergewöhnliche Aufmerksamkeit durch amerikanische Politiker erfahren. Auch in der Frage des Grenzkonfliktes mit Aserbaidschan um die Region Bergkarabach und in der Vergabehöhe von Entwicklungshilfe stellen Beobachter eine „traditional bias of U.S. foreign policy favoring Armenia“2 fest. Dabei besitzt das Land mit der etwaigen Größe des US- Bundesstaats Maryland im unmittelbaren strategischen Kontext des Südkaukasus keine überragenden Eigenschaften, die eine solche Politik rechtfertigen würden. Dementsprechend wundern sich Kenner der Region, warum Armenien, „weakened by separatist and ethnic conflict, corruption, and the inability to cooperate on a regional basis to promote economic growth [should] be so important”3. Vor diesem Hintergrund ist es der Arbeit zum Ziel gesetzt, die folgende Frage zu beantworten:

Warum verfolgen die Vereinigten Staaten von Amerika eine wohlwollende Armenienpolitik?

Als Beginn des Untersuchungszeitraums soll der 21. September 1991 gelten - der Tag, an dem die Republik Armenien mit der Erklärung der Unabhängigkeit von der Sowjetunion zu existieren begann. Dieser Zeitpunkt wurde gewählt, da sich bereits in der frühen Phase nach der armenischen Unabhängigkeit deutliche Hinweise zur Beantwortung der Leitfrage finden lassen. Der Untersuchungszeitraum soll am 3. Januar 2009 mit dem letzten Tag der Legislaturperiode des 110. Kongresses der Vereinigten Staaten von Amerika enden. Einerseits lassen sich so noch relativ junge Entwicklungen in die Analyse einbeziehen, andererseits besteht nicht die Gefahr, dass unbestätigte bzw. in ihrer letztendlichen Relevanz nicht abschätzbare tagesaktuelle Ereignisse aus der Legislaturperiode des 111. Kongresses die Argumentation verwässern.

2. Forschungsstand

Bis dato wird in der wissenschaftlichen Literatur die besondere Qualität der Armenienpolitik der USA noch nicht ihrer Relevanz entsprechend behandelt. Diesem Umstand liegen un]terschiedliche Faktoren zu Grunde. Zum einen ist Armenien als 1991 aus der zerfallenen Sowjetunion hervorgegangenes Land noch relativ jung und damit noch nicht lange in einem untersuchbaren internationalen Beziehungsgefüge. Zum anderen lag die Region des Kaukasus für viele Jahre nicht in einem besonderen Fokus amerikanischer Außenpolitik. Die politische Führung in Washington „did not realize the existence and extent of potential US interests in what has only later become commonly referred to […] as ‚the Caspian region’“4. Dementsprechend lassen sich Analysen auf der Grundlage von interessen- und machtpolitischen Annahmen kaum finden. Lediglich ein gemeinsamer Appell ehemaliger US- Botschafter der Kaukasusregion argumentiert „[t]he United States, however, has a strong interest in helping the South Caucasus states become stable, prosperous, and democratic“5 Die Mehrzahl der Publikationen bringt die wohlwollende Armenienpolitik der USA hingegen eher mit den Handlungen ethnisch motivierter gesellschaftlicher Akteure als mit feststehenden nationalen Interessen in Verbindung. Jedoch werden innerhalb der meisten dieser Veröffentlichungen pro-armenische Interessengruppen lediglich am Rande erwähnt. So zeichnen Autoren wie Tony Smith in „Foreign Attachments - The Power of Ethnic Groups in the Making of American Foreign Policy“6, Thomas Ambrosio in “Irredentism - Ethnic Conflict and International Politics”7, Yossi Shain in “Marketing the American Creed”8 und David Golderg in “Foreign Policy and Ethnic Interest Groups”9 zwar sorgfältig Wege nach, unter denen messbarer ethnischer Einfluss auf US-Außenpolitik ausgeübt wird, fokussieren sich jedoch weitgehend auf die wesentlich bekannteren israelischen und kubanischen Interessengruppen.

Explizit den Erfolg armenienfreundlicher Akteure zum Thema machen Veröffentlichungen wie „Campaign Contributions and U.S. Foreign Policy Outcomes: An Analysis of Cuban- American and Armenian-American Interests“10 von Trevor Rubenzer, “Influencing American Foreign Policy: A Case on Ethnic Versus National Interests”11 von Tabib Huseynov sowie “Divided They Conquer: The Success of Armenian Ethnic Lobbies in The United States”12 von Heather S. Gregg. Jedoch weisen diese Untersuchungen aufgrund ihres eher kürzeren Umfangs das Defizit auf, dass sie sich nur auf bestimmte Teilbereiche wie einzelne Fallbeispiele oder einzelne Einflusskanäle beziehen und damit kein Bild der Gesamtlage zu zeichnen versuchen. Zudem unterlassen es alle genannten Autoren, die Fragestellung der vorliegenden Arbeit systematisch mithilfe des konsistenten Bezugs zu einer Theorie der Internationalen Beziehungen zu beantworten - es verbleibt der Eindruck von Momentaufnahmen ohne Aussagekraft auf den Kurs amerikanischer Außenpolitik als Ganzes. Ganz im Sinne des Appells von John Newhouse in der Zeitschrift “Foreign Affairs”, “[t]he effects of relentless increase in the privatization of U.S. foreign policy in recent years remain underexamined and minimally understood“13, erscheint eine neuerliche Befassung mit dem Thema für angebacht.

II. Darstellung des Untersuchungsmodells

1. Theoretische Grundlagen

1.1 Allgemeines

Wie einleitend erwähnt, verfügt die Armenische Republik gegenüber ihren Nachbarn nicht über derart außergewöhnliche Machtressourcen, dass eine wohlwollende Außenpolitik durch die Vereinigten Staaten gerechtfertigt werden könnte. Eine Untersuchung entsprechend der Maßgaben des strukturellen Realismus nach Kenneth N. Waltz mit Berücksichtigung der Verteilung von „capabilities“ in einem internationalen System von Staaten erscheint daher nicht zweckmäßig. Auch ist in der vorliegenden Frage nicht ersichtlich, wie die Theorie des Institutionalismus zur Klärung beitragen kann, da Armenien mit den USA im regionalen Vergleich nicht in außerordentlichem Maße in gemeinsamen Institutionen und Regimen verbunden ist.

Die Fragestellung der Arbeit soll vielmehr mit Hilfe der Theorie des Neuen Liberalismus nach Andrew Moravcsik angegangen werden, da diese nach Ansicht des Autors das ergiebigste Potential zur aufschlussreichen Auseinandersetzung mit dem vorliegenden Sachverhalt hat. Das Erklärungsmodell geht aus der Schule des Liberalismus hervor, die zwar auf eine historische Tradition zurückblicken kann, aber in der Erforschung internationaler Beziehungen aus zwei Gründen lange als defizitär galt.14 Zum einen sammelten sich unter dem Dach der „liberalen Grundhaltung relativ isolierte und wenig systematisierte Theoriebausteine“15, die nicht zu einem gemeinsamen Konstrukt verknüpft wurden. Dies erschwerte die Unterscheidbarkeit zu konkurrierenden Ansichten. Zum anderen integrierten liberale Vordenker in ihre Ansätze häufig normative Handlungsanweisungen. So verhinderte „die Ambivalenz von empirischer Beschreibung und politischer Ideologie […], dass sich auf der Basis liberaler Grundannahmen ein analytischer Ansatz zur Beschreibung sozialer Realität entwickeln konnte“16. Seit Anfang der 1990er Jahre jedoch erfährt der Liberalismus in der Untersuchung internationaler Beziehungen eine Renaissance. Befördert wurde diese Entwicklung durch das Ende des Ost-West-Konflikts, das in der bis dato dominierenden Theorie des strukturellen Realismus deutliche Defizite aufzeigte. Es war jedoch auch der Verdienst Andrew Moravcsiks, der die bestehenden Ansätze in einer „nonideological and nonutopian form appropriate to emiprical social science“17 neu formulierte und deren Konkurrenzfähigkeit gegenüber anderen Theorien beanspruchte.

1.2 Entwicklung einer Hypothese

Im Rahmen seines Elaborats führt Moravcsik traditionelle liberale Konzepte der Internationalen Beziehungen fort. Im Unterschied zu systemischen Theorien geht er nicht von exogenem Staatsinteresse aus, sondern verlegt den zentralen Analysefokus auf die innenpolitische Ebene. Er bestimmt in einer ersten von drei grundlegenden Prämissen „individuals and private groups, who are on the average rational and risk-averse and who […] promote differentiated interests“, als „[t]he fundamental actors in international politics“18 und damit zur unabhängigen Variable in der Erklärung des Verhaltens von Staaten. Eine zweite Prämisse legt fest, dass diese Interessen auch in tatsächliche „state preferences“19 übersetzt werden können. Der Staat ist demnach nicht ein eigenständiger Akteur, sondern „a representative institution constantly subject to capture and recapture“, worin die handelnden Politiker und Institutionen lediglich den „transmission belt“20 darstellen. Gleichwohl verläuft dieser Prozess nicht per se harmonisch. Auf Grund von Güterknappheit und divergierenden Partikularinteressen ist die innere Verfasstheit eines Staates von Bedeutung, da „every government represents some individuals and groups more fully than others“21. Dass etablierte „state preferences“ letztendlich nicht immer vollständig in reale Politik umgesetzt werden können, zeigt eine dritte Prämisse. Moravcsik stellt klar, dass die internationale Anordnung interdependenter Präferenzordnungen dem außenpolitischen Verhalten bestimmte Restriktionen auferlegt. Sind die spezifischen Präferenzen interagierender Staaten konvergent, bestehen Anreize zur Kooperation. Divergieren dahingegen die spezifischen Präferenzen, ist das Entstehen von Konflikten wahrscheinlich.22

Diese Prämissen lassen aber noch keine direkten Schlüsse zur Analyse von Fragestellungen der Internationalen Politik zu. Deshalb leitet Moravcsik in seiner Formulierung des Neuen Liberalismus von den vorliegenden Annahmen drei Theoriemodelle ab, die unterschiedliche „Einflussfaktoren und kausale Mechanismen zwischen nationaler Präferenzbildung und staatlichem Verhalten betonen“23. In der Variante des „Ideational Liberalism“ wird die „configuration of domestic social identities and values as a basic determinant of state preferences“24 hervorgehoben. Demnach generieren vor allem harmonierende Ansichten von Bevölkerungen gegenüber „legitimate borders, political institutions, and socioeconomic equality“ Kooperation zwischen Staaten. Für die Bearbeitung der in dieser Arbeit vorliegenden Fragestellung ist es allerdings nicht ersichtlich, wie aufgrund der geringen Größe der armenischstämmigen Bevölkerung in den USA von Natur aus eine armenienfreundliche Grundstimmung vorherrschen soll. Auch sind zwischen den Bürgern der USA und Armeniens ideelle Konzeptionen nicht in einer derart außergewöhnlichen Form kongruent, dass die vorliegende Fragestellung durch diesen Zusammenhang erschöpfend beantwortet werden kann.

Gemäß der Theorievariante des „Commercial Liberalism“ erklärt sich das Außenverhalten von Staaten vor allem durch „patterns of market incentives facing domestic and transnational economic actors. […] [Die] [c]hanges in the structure of the domestic and global economy [that] alter the costs and benefits of transnational economic exchange“25, erscheinen aber aufgrund des relativ überschaubaren Ausmaßes der amerikanisch-armenischen Handelsbeziehungen für derart gering, dass im vorliegenden Fall auch die Aussagekraft des „Commercial Liberalism“ bezweifelt werden muss.

Moravcsik stellt mit dem „Republican Liberalism“ allerdings eine dritte Variante auf, die Präferenzbildung nicht als Ergebnis von grundsätzlichen sozialen Werten oder wechselseitigen ökonomischen Zusammenhängen betrachtet, sondern den bereits in den Prämissen erwähnten Modus innerstaatlicher Repräsentation in den Vordergrund hebt. Demnach ist der Einfluss einer Gruppierung umso größer, je erfolgreicher diese ihre Interessen in den politischen Willensbildungsprozess zu implementieren bzw. die Verfolgung gegenläufiger Interessen zu verhindern vermag.26 In Anbetracht der vorliegenden Fragstellung erscheint es als plausibel, den Sachverhalt im Hinblick auf den „mode of political representation, which determines whose social preferences are institutionally privileged“ und das Ausmaß, zu dem armenienfreundliche Akteure der Gesellschaft es schaffen, „to capture government institutions“ und „to pass costs on others“ 27, zu untersuchen. Deshalb ergibt sich für die Beantwortung der Leitfrage die folgende Hypothese:

Die Vereinigten Staaten von Amerika verfolgen eine wohlwollende Armenienpolitik, weil armenienfreundliche Akteure der Gesellschaft ihre Präferenzen durchsetzen können.

2. Methodisches Vorgehen

Um diese Hypothese zu überprüfen, sollen drei Fallbeispiele analysiert werden, die im festgelegten Untersuchungszeitraum den Kern der US-amerikanischen Armenienpolitik ausmachen. Aufgrund ihrer sowohl signifikanten als auch nachhaltigen Auswirkungen auf die US-Außenpolitik als Ganzes ergeben sich nach Lage der Dinge als solche drei zentrale Themenkomplexe.

1) Der Freedom Support Act und die darin enthaltenen Bestimmungen der „Section 907“.
2) Die Vergabehöhe von US-Entwicklungshilfe an Armenien.
3) Die Position der USA im Bezug auf den armenischen Genozid.

Diese Herangehensweise ermöglicht die Abgleichung der bestehenden Faktenlage mit einem aus Moravcsiks Ausführungen über den Republican Liberalism generierten Kriterienkatalog in einer thematisch kohärenten und zudem übersichtlichen Weise. Das erste Kriterium wird dabei vorstehend gesondert überprüft, da davon ausgegangen werden kann, dass sich die Ergebnisse im Untersuchungszeitraum von Fallbeispiel zu Fallbeispiel nicht signifikant ändern. Damit die Hypothese als verifiziert gelten kann, müssen bezüglich der Themenkomplexe die im Folgenden formulierten Merkmale gleichermaßen erfüllt werden. Ist dies nicht der Fall, muss die Hypothese als falsifiziert gelten.

1) Armenienfreundliche Akteure müssen befähigt sein, gegenüber der amerikanischen Gesellschaft ihre Präferenzen in politische Resultate umzusetzen.28
2) Elemente politischer Repräsentation der USA müssen angesichts der Beeinflussung armenienfreundlicher Akteure zum Vorteil Armeniens entscheiden.29
3) Diese Entscheidungen müssen gegenüber der Mehrheit der amerikanischen Gesellschaft Kosten verursachen.30

3. Quellen

Zur Untersuchung der Hypothese werden unterschiedliche Arten von Quellen herangezogen. Zum einen werden Hinweise für die Fähigkeit pro-armenischer Akteure, ihre Präferenzen zur US-Außenpolitik durchzusetzen, aus Teilen bestehender Sekundärliteratur herangezogen. Jedoch sollen auch Dokumente aus dem US-amerikanischen Regierungsapparat als direkte Quellen dienen. Dies betrifft vor allem Veröffentlichungen des Kongresses, mit welchen das Wahlverhalten von Abgeordneten nachvollzogen werden soll, Publikationen der Federal Election Commission (FED), die den Fluss von Wahlkampfspenden aufzeigen, sowie die Daten aus dem „Lobbying Disclosure Electronic Filing System“, bei dem Lobbyisten in Grundzügen ihre Aktivitäten zu veröffentlichen haben. Schließlich sollen zwischen armenienfreundlichen Akteuren und politischen Amtsträgern mit weiteren zusätzlichen Mitteln wie Medienberichten, Interviews, Parteispendenregistern, oder Jahresberichten Ver- bindungen gezogen werden, deren Kenntnis bei der Beantwortung der Leitfrage hilfreich ist.

III. Überprüfung der Hypothese

1. Voraussetzungen für den Einfluss armenienfreundlicher Akteure

Für die Untersuchung, warum die USA eine wohlwollende Armenienpolitik verfolgen, besteht zunächst die Notwendigkeit der näheren Betrachtung des dazugehörigen politischen Systems, das den Einfluss armenienfreundlicher Akteure grundsätzlich zulassen muss. Hierbei sei in einem ersten Abschnitt das Augenmerk auf die Anfälligkeit des außenpolitischen Willensbildungsprozesses gegenüber dem Einfluss von ethnisch orientierten Interessengruppen gelegt.

1.1 Der Modus politischer Repräsentation

Seit der Besiedlung Nordamerikas durch europäische Einwanderer ist die Bevölkerung der heutigen Vereinigten Staaten von Multikulturalismus und dem Nebeneinander von Menschen unterschiedlichster Herkunft geprägt. Insofern ist es nahe liegend, dass bereits „the social character of America as a nation of immigrants“31 paradigmatisch für eine aktive Beteiligung ethnischer Gruppen am politischen Prozess zu interpretieren ist. Es zeigt sich jedoch, dass die konkrete Struktur des politischen Systems ausreichende Hinweise auf eine besondere Berücksichtigung organisierter Interessen bietet.

Dabei ist die Verfasstheit der Vereinigten Staaten als präsidentielles Zweiparteiensystem mit ineinander verschränkten Regierungsinstitutionen eine wichtige Determinante. Die relative politische Ungebundenheit des Präsidenten und dessen Ausstattung mit bedeutenden außenpolitischen Kernkompetenzen verleiht dem amtierenden Staatsoberhaupt ein hohes Maß an politischer Handlungsfähigkeit32. Diese ist jedoch durch eine Verfassungsstruktur beschränkt, die eine komplexe Verschränkung der Gewalten vorschreibt und damit ein „goverment of separated institutions sharing powers“33 etabliert. Dementsprechend obliegt auch die Formulierung von Außenpolitik nicht ausschließlich in der Hand des Präsidenten als zentralem Akteur, sondern zugleich beim Parlament, das unter anderem mit dem Haushaltsund Vertragsrecht wesentliche Kompetenzen ausübt.34

Diese „largely decentralized policy-making structure […] enshrined in the U.S. Constitution”35 bietet für die Aktivitäten von pro-armenischen Interessenvetretern besonderen Spielraum. Angesichts des Unwillens des Supreme Court, “to resolve imprecision and irregularity in the division of foreign affairs powers […] has thrown these disputes into political […] arena. In this context, the activities of organized interests, such as ethnic groups […] may be as decisive in defining the distribution of foreign policymaking responsibilities as would be large body of court judgements.”36 Je stärker sich in diesem Spannungsverhältnis das Parlament positionieren kann, desto mehr Einflussmöglichkeiten ergeben sich für Interessenvertreter. Dies ist zum einen begründet in der hohen Zahl von Abgeordneten, die einer vergleichsweise geringen Zahl von Spitzenbeamten der Exekutive gegenüberstehen. Zudem bestehen für “members of the executive branch […] limits on what they can do for lobbyists, congressional members and their staff are generally less constrained”37.

Schließlich ist es auch die besondere Natur des amerikanischen Parteiensystems, das die relative Offenheit von Parlamentariern gegenüber ethnisch orientierten Interessenvertretern fördert. Da in der Regel nicht durch interne Gremien, sondern durch vergleichsweise offene „primariy elections“ festgelegt wird, welche Personen für ein Kongressamt kandidieren dürfen, sind „public officials […] as responsive to their constituents as to their party leadership“.38 So kann zwischen Mitgliedern des Parlaments und lokal bedeutsamen Interessengruppen ein regelrechtes Abhängigkeitsverhältnis entstehen, da „[e]thnic organizations rely upon the responsiveness and legitimate policymaking authority of Congress to promote specific policy propositions. Congress, to a great extent, relies upon the mobilization of nongovernmental opinion […] in order to perform effectively and to promote its enhanced foreign policymaking role”39. Diese besondere Beziehung wird nicht zuletzt durch die im internationalen Vergleich hohe Bedeutung von Wahlkampfspenden zusätzlich gefördert. So befand der langjährige Kongressabgeordnete Robert Toricelli, dass „[o]ur system of campaign finance is an invitation to any interest with a desire to compromise the policy of the Unites States to use money as a lever of power”40. Nach David Goldberg verbietet das politische System sowohl durch konstitutionelles Diktat als auch durch kulturelle Tradition, “to ignore the often competing demands and policy preferences of societal groups. The constitutional balancing of powers […], decentralized authority in Congress, an entrenched committee and subcommittee decisional process, and the seemingly constant preparation for elections, creates a distinct political environment in which private groups thrive. Such groups […] enjoy many opportunities for access and potential influence upon the makers of foreign policy of concern to them.”41

1.2 Die spezifische Stärke armenisch-amerikanischer Interessengruppen

Abgesehen von der Analyse des politischen Rahmens ist aber auch die Bewertung der Fähigkeit der beteiligten Akteure zur erfolgreichen Vermittlung ihrer Anliegen ein wichtiger Bestandteil der Untersuchung, ob diese ihre Präferenzen im politischen Willensbildungs- prozess durchsetzen können. Dabei wird zunächst deren Organisiertheitsgrad betrachtet, der sich aus den Kriterien politische Vernetzung, Medienpräsenz und Finanzkraft zusammensetzt.

[...]


1 Obama, Barack: Barack Obama on the Importance of US-Armenia Relations, in: http://www.barackobama. - com/2008/01/19/barack_obama_on_the_importance.php [Zugriff 23.9.2009].

2 Welt, Cory: Azerbaijan and U.S. Foreign Policy, in: http://csis.org/files/media/csis/pubs/060426_ruseura_- reccommcwelt.pdf [Zugriff 23.9.2009].

3 Gilmore, Harry, Kauzlarich, Richard, Yalowitz, Kenneth: Pay attention to the South Caucasus, Januar 2002, in: http://web.archive.org/web/20050317223619/http://www.csis.org/ruseura/caucasus/pubs/0201_sc.htm [Zugriff 1.10.2009].

4 Cornell, Svante: The Nagorno-Karabakh Conflict, Report No. 46, Department of East European Studies, Uppsala University, 1999, in: http://www.silkroadstudies.org/new/inside/publications/1999_NK_Book.pdf [Zugriff 2.10.2009].

5 Gilmore, Harry, Kauzlarich, Richard, Yalowitz, Kenneth: Pay attention to the South Caucasus, Januar 2002, in: http://web.archive.org/web/20050317223619/http://www.csis.org/ruseura/caucasus/pubs/0201_sc.htm [Zugriff 1.10.2009].

6 Smith, Tony: Foreign Attachments. The Power of Ethnic Groups in the Making of American Foreign Policy, Cambridge 2000.

7 Ambrosio, Thomas: Irredentism. Ethnic Conflict and International Politics, Westport 2001.

8 Shain, Yossi: Marketing the American Creed Abroad. Diasporas in the U.S. and their Homelands, Cambridge 1999.

9 Goldberg, David H.: Foreign Policy and Ethnic Interest Groups. American and Canadian Jews Lobby for Israel, Westport 1999.

10 Rubenzer, Trevor: Campaign Contributions and U.S. Foreign Policy Outcomes: An Analysis of Cuban- American and Armenian-American Interests, 2008, in: http://www.allacademic.com/meta/p250668_index.html [Zugriff 7.11.2009].

11 Huseynov, Tabib: Influencing American Foreign Policy. A Case on Ethnic versus National Interests, 2003, in: http://www.stradigma.com/english/june2003/articles_04.html [Zugriff 7.11.2009].

12 Gregg, Heather S.: Divided the Conquer. The Success of Armenian Ethnic Lobbies in the United States, 2002, in: http://www.allacademic.com/meta/p65642_index.html [Zugriff: 7.11.2009].

13 Newhouse, John: Diplomacy, Inc., in: Foreign Affairs, 88. Jg. (2009), Nummer 3, S. 74.

14 Vgl. Schieder, Siegfried: Neuer Liberalismus, in: Schieder, Siegfried / Spindler, Manuela (Hg.): Theorien der Internationalen Beziehungen, Opladen 2006, S. 175.

15 Ebd., S. 177.

16 Ebd., S. 178.

17 Moravcsik, Andrew: Taking Preferences Seriously: A Liberal Theory of International Politics, in: International Organization, 51. Jg. (1997), Nummer 4, S. 513.

18 Moravcsik, Andrew: Taking Preferences Seriously, S. 516.

19 Ebd., S. 519.

20 Ebd., S. 518.

21 Ebd.

22 Vgl. Ebd., S. 520f.

23 Schieder, Siegfried: Neuer Liberalismus, S. 186.

24 Ebd., S. 525.

25 Moravcsik, Andrew: Taking Preferences Seriously, S. 528.

26 Vgl. Schieder, Siegfried: Neuer Liberalismus, S. 188.

27 Moravcsik, Andrew: Taking Preferences Seriously, S. 530.

28 Moravcsik geht auf die Notwendigkeit dieses Kriteriums an unterschiedlicher Stelle ein, da es die Voraussetzung für die Relevanz der weiteren Kriterien des „Republican Liberalism“ ist. Unter anderem führt er an, da “many representative institutions and practices exist, each of which privileges particular demands; […] the nature of state institutions, alongside societal interests themselves, is a key determinant of what states do internationally”. Ebd., S. 518.

29 Auch dieses Kriterium ist zwingend für die Analyse notwendig, da die in der Hypothese angenommene Durchsetzung von Präferenzen letztendlich nur anhand realer politischer Entscheidungen messbar ist, die signifikant die Position armenienfreundlicher Interessensvertreter wiederspiegeln. Moravcsik nennt diesen Vorgang „to ‚capture’ government institutions“. Ebd., S. 530.

30 Dieses letzte Kriterium ist vonnöten, da nachgewiesen werden muss, dass die getroffene Entscheidung nicht auch auf einem anderen Weg als durch die Einwirkung armenienfreundlicher Akteure hätte getroffen werden können. Bei einer Entscheidung, die bei der überwiegenden Mehrheit der Gesellschaft Kosten verursacht, kann dies ausgeschlossen werden. Vgl. Ebd., S. 530.

31 Smith, Tony: Foreign Attachments. The Power of Ethnic Groups in the Making of American Foreign Policy, Cambridge 2000, S. 86.

32 Der Präsident ist demnach Oberbefehlshaber der Streitkräfte, höchster Diplomat, Regierungschef, Staatschef, Gesetzesinitiator, sowie Stimme des Volkes. Vgl. Hübner, Emil: Das Politische System der USA, München 2003, S. 107-111.

33 So kann der Präsident nicht durch das Misstrauensvotum einer Parlamentsmehrheit abgesetzt werden. Er ist gemäß Verfassung Oberbefehlshaber der Streitkräfte, höchster Diplomat, Regierungschef, Staatschef, Gesetzesinitiator, sowie Stimme des Volkes. Vgl. Neustadt, Richard Elliot: Presidential Power and the Modern Presidents: The Politics of Leadership, New York 1990, S. 29.

34 Vgl. Hübner, Emil: Das Politische System der USA, S. 111-128.

35 Huseynov, Tabib: Influencing American Foreign Policy. A Case on Ethnic versus National Interests.

36 Watanabe, Paul: Ethnic Groups, Congress, and American Foreign Policy: The Politics of the Turkish Arms Embargo, Westport 1984, S. 26f.

37 Newhouse, John: Diplomacy, Inc., S. 74.

38 Smith, Tony: Foreign Attachments, S. 88.

39 Watanabe, Paul: Ethnic Groups, Congress, and American Foreign Policy, S. 41.

40 Zitiert in: Excerpts From Remarks on First Day of Campaign Finance Hearings, in: The New York Times, 9. Juli 1997, http://www.nytimes.com/1997/07/09/us/excerpts-from-remarks-on-first-day-of-campaign-finance-hea- rings.html?pagewanted=8 [Zugriff 25.10.2009].

41 Goldberg, David Howard: Foreign Policy and Ethnic Interest Groups, Westport 1990, S. 9

Ende der Leseprobe aus 50 Seiten

Details

Titel
Die Armenienpolitik der USA
Hochschule
Universität Regensburg  (Internationale Politik)
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
50
Katalognummer
V143851
ISBN (eBook)
9783640543168
ISBN (Buch)
9783640542956
Dateigröße
885 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Zitate aus dem Gutachten des Dozenten: " [...] theoretisch reflektiert, stringent argumentiert, faktographisch dicht, intelligent aufgebaut und mit großer Reflexionskraft [...] gut geschrieben, der wissenschaftliche Apparat ist ohne Fehl und Tadel, der Anhang gut ausgewählt und hilfreich [...] konzeptionell, kompositorisch, inhaltlich und formal so gelungen, dass ich sie ohne zögern mit der Bestnote 1,0 bewerte."
Schlagworte
USA, Vereinigte Staaten, Amerika, Außenpolitik, Liberalismus, Foreign Policy, Kongress, Lobby, Lobbyismus, Beeinflussung, Moravcsik, Armenien, Entwicklungshilfe, Section 907, Azerbaijan, Türkei, Genozid, Abgeordnete, Parlament, Spenden, Wahlkampf, Interessengruppen
Arbeit zitieren
Josef Eibauer (Autor), 2009, Die Armenienpolitik der USA, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/143851

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