Die biopsychosozialen Voraussetzungen der Dissoziativen Identitätsstörung als Ansatzpunkte präventiver Sozialarbeit


Vordiplomarbeit, 2009

57 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Phänomen der Multiplen Persönlichkeiten

3. Biopsychosoziale Voraussetzungen der DIS
3.1. Biologische Voraussetzungen
3.1.1. Kindesalter: 4. und 5. Lebensjahr
3.1.2. Weibliches Geschlecht
3.1.3. Erblichkeit
3.2. Psychische Voraussetzungen
3.2.1. Hypnotisierbarkeit
3.2.2. Der Schutzmechanismus der Dissoziation
3.2.3. Traumatische Belastung
3.3. Soziale Voraussetzungen
3.3.1. Häusliche Gewalt
3.3.1.1. Vernachlässigung von Kindern
3.3.1.2. Physische Gewalt an Kindern
3.3.1.3. Psychische Gewalt an Kindern
3.3.1.4. Sexuelle Gewalt an Kindern
3.3.1.5. Häufigkeit, Dauer und Ausprägung
3.3.1.6. Opfer-Täter-Beziehung

4. Ansatzpunkte präventiver Sozialarbeit
4.1. Prävention Häuslicher Gewalt gegen Kindern
4.1.1. Verhältnisprävention: Züchtigungsverbot
4.1.2. Verhaltensprävention: Aufklärung
4.1.3. Primäre Prävention: Beseitigung von Risikofaktoren
4.1.4. Sekundäre Prävention: Früherkennung
4.1.5. Tertiäre Prävention: Reaktivierung vorbeugen

5. Resümee

Anmerkungen

Quellenverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

Im Rahmen meines Studiums habe ich über ein Jahr einen Tag in der Woche in der Tagesstätte für Menschen mit seelischen Behinderungen in Norden gearbeitet. Diese Praxistätigkeit habe ich im Rahmen eines Projektstudiums absolviert.

Während dieser Zeit wurde eine neue Klientin zur Besucherin der Tagesstätte. Die Klientin befindet sich im mittleren Erwachsenenalter und leidet an der psychischen Krankheit der Dissoziativen Identitätsstörung. Diese Diagnose bedeutete für die Mitarbeiter der Einrichtung eine neue Herausforderung. Der größte Teil der Besucher leidet an Psychosen, die häufig daraus entstanden waren, dass Drogen, Alkohol oder Medikamente missbraucht wurden. Bei anderen lagen Depressionen vor, die vielfach auf der Basis chronischer Schmerzen entstanden waren. Menschen mit Dissoziativer Identitätsstörung waren bisher nicht Besucher der Tagesstätte.

Für mich wurde das Projektstudium gerade mit diesem Neuzugang sehr spannend. Mich hat die Klientin sehr fasziniert, da es sich um eine sehr intelligente und kreative Persönlichkeit handelt, die sich ihrer verschiedenen Persönlichkeiten bewusst ist und offen damit umgeht. Mit Hilfe ihrer Therapeutin hatte sie bereits die Persönlichkeiten kennen gelernt, mit denen sie ihren Körper teilen muss und konnte so auch über die Wechsel und Gründe für das Wechseln der Persönlichkeiten Auskunft geben. Darüber hinaus kannte sie deren Funktion im System der Persönlichkeiten und wusste über deren Eigenschaften Bescheid.

Das erste Erleben eines solchen Wechsels ergab sich für mich in einem anderen Zusammenhang. Ich arbeite in der Einrichtung Tomtes Hof e.V., einem Hof, der sich darauf spezialisiert hat für Menschen in allen Lebenslagen einen Raum zu schaffen, in dem die Begegnung mit Tier und Natur ermöglicht wird. Eine Gruppe der Tagesstätte besucht regelmäßig diese Einrichtung und wird von mir dort betreut.

Eines Tages war auch die Klientin mit der Dissoziativen Identitätsstörung für einen dieser Besuche auf dem Hof eingeplant. Ihr selbst, den Betreuern und auch mir war bewusst, dass sich gerade in diesem Zusammenhang einige ihrer Kind-Persönlichkeiten nicht nehmen lassen würden, zum Vorschein zu kommen, um auch etwas von diesem Besuch haben zu können. Im Vorfeld wurde deshalb mit der Klientin besprochen, wie wir im Falle des Persönlichkeitswechsels zu reagieren haben. Sie erklärte uns, dass sie mit ihrer Therapeutin eine Möglichkeit erarbeitet habe, mit ihren Persönlichkeiten zu kommunizieren. So könne sie den einzelnen Persönlichkeiten, die gerne an dem Besuch auf dem Hof teilhaben möchte ein gewisses Zeitfenster zur Verfügung stellen. Wichtig sei nur darauf zu achten, dass die Abmachung auch eingehalten werde und andernfalls die einzelnen Persönlichkeiten daran zu erinnern. Mit dieser Absprache konnten wir den Besuch auf dem Hof schließlich durchführen. Was folgte war eines der faszinierendsten Erlebnisse, die ich hinsichtlich psychischer Erkrankungen erleben durfte.

Rituell beginnen wir bei einem Besuch der Tagesstätte auf dem Hof mit einem ausgiebigen, gemeinsamen Frühstück. Dafür treffen wir uns mit den Besuchern im Seminarraum und stimmen uns auf den Besuch ein. Häufig befindet sich auch der Hofhund Joschi mit im Raum. Die oben genannte Klientin, kam so in den Raum hinein und wurde wie die anderen Besucher vom Hund freudig begrüßt. Einen Augenblick später saß die Klientin vor dem Hund auf allen Vieren und hat versucht diesen zu streicheln. Das dem Tier nicht entgangen ist, dass auf einmal eine andere Person vor ihm auf den Knien sitzt, konnte man deutlich an seinem Verhalten merken. Er war etwas verunsichert und hat kurz gebellt, sich dann aber auf die Klientin eingelassen, wie er es sonst mit den Kindern macht, die den Hof besuchen. Die Person die nun vor ihm hockte und ihn ausgiebig streichelte war die vierjährige Persönlichkeit der Klientin. Das Mädchen ist sehr aufgeweckt und liebt Tiere über alles. Der Hund hat sie dazu veranlasst, sich nach vorne zu drängen, um mit Hilfe des Körpers der Klientin mit dem Hund zu schmusen und ihn zu streicheln. Die primäre Person1 wurde einfach überrumpelt. Nach kurzer Zeit war es uns dann gelungen das Mädchen davon zu überzeugen, sich zurückzuziehen und Platz zu machen. Widerwillig und nicht ohne den Hund erneut zu streicheln zog sie sich wieder ins Innere zurück. Das dieser Wechsel an der tatsächlichen Person nicht vorbei gegangen war, war deutlich an deren Verwirrtheit zu erkennen. Sie hatte nicht mitbekommen, was in den letzten Minuten vorgegangen war. Nun fand sie sich wieder, auf dem Boden hockend und mit einem Verlust an Zeit, welche sie nicht selbst mit ihrem Körper verbracht hatte. Nachdem wir sie aufgeklärt hatten, haben wir uns an den Frühstückstisch begeben und das gemeinsame Frühstück begonnen.

Während des Frühstücks konnte ich ein weiteres faszinierendes Erlebnis machen. Während ich mich mit der betreffenden Klientin unterhalten habe, hatte sie mir angekündigt, dass ein Wechsel der Persönlichkeiten bevorstünde, da sie mit einer ihrer Innenpersonen ausgemacht hatte, dass diese Käse essen darf, wenn sie am Frühstück auf dem Hof teilnehmen. Kaum ausgesprochen, hatte ich vor mir die zwölfjährige Persönlichkeit sitzen, die sich freudig ein Käsebrötchen belegte. Sie erzählte mir in kindlicher Weise, dass alle anderen Persönlichkeiten keinen Käse mögen und gar welche dabei sind, die diesen nicht vertragen. Um Käse essen zu dürfen sei mit der Therapeutin ausgemacht, den Verzehr von Käse abzusprechen und nach dem Essen eine Tasse Tee zu trinken, um den anderen zu ersparen, dass sie bei einem Wechsel den Geschmack von Käse im Mund haben. Nachdem das Brötchen gegessen und der Tee getrunken war, konnte ich mich meiner vorherigen Gesprächspartnerin gegenüber wieder finden.

Bei der Begegnung mit den Hoftieren konnte ich weitere ihrer Innenpersonen kennenlernen.

Als wir alle gemeinsam bei den Hühnern waren und ihr das Huhn Anna auf den Arm gegeben habe, war plötzlich wieder die Vierjährige an der Oberfläche und hat sich intensiv mit dem Huhn beschäftigt. Neugierig, wie Kinder in dem Alter sind hat sie viele Fragen über das Tier gestellt, die mir alle aus der Arbeit mit Kindergartenkindern vertraut waren. Nach einiger Zeit, trat eine andere Persönlichkeit an die Oberfläche, ein Achtjähriges Mädchen. Dieses ging deutlich behutsamer mit dem Tier auf ihrem Schoß um und war wesentlich zurückhaltender mit Fragen über das Tier. Dennoch musste ich ihr erst erklären, wen sie auf dem Schoß hat und wie sie sich dem Huhn gegenüber zu verhalten hat, wie ich es bei dem jüngeren Mädchen bereits getan hatte. Schließlich konnte die primäre Persönlichkeit Zeit mit dem Tier verbringen.

Bis heute wird die Begegnung mit dem Huhn immer wieder zum Auslöser eines Persönlichkeitswechsels. Ein Mittagessen in der Tagesstätte hatte einen solchen Wechsel ausgelöst. Es wurde Huhn serviert und prompt fragt mich die Stimme eines kleinen Mädchens, ob dass das Huhn Anna sei, was dort auf dem Teller liege. Als ich antwortete, dass unsere Hühner nicht geschlachtet und schon gar nicht gegessen werden, zog sich das Mädchen erleichtert und zufrieden wieder ins Innere zurück.

Zwei andere Tierarten, die zu einem Wechsel veranlassten waren die Ponys und die Meerschweine. Während bei den Ponys zwei jugendliche Mädchen mit dem Pony schmusten, es knuddelten und putzen, war die primäre Persönlichkeit nicht anwesend. Sie trat erst wieder an die Oberfläche, als das Pony wieder auf der Weide stand. Verwundert war sie nur darüber, dass ihre Kleidung eingestaubt und voll mit Ponyhaaren war. Nach einer kurzen Aufklärung musste sie schmunzeln und sagte, dass sie bei der Anwesenheit von Pferden von den beiden Mädchen einfach weggedrängt wird und kaum die Gelegenheit hat, sich gegen sie durchzusetzen. Mädchen in dem Alter seien zu vernarrt in Pferde um sie daran zu hindern, mit ihnen in Kontakt zu treten.

Bei den Meerschweinen hatten die jüngeren Mädchen wieder die Gelegenheit zum Tierkontakt. Nachdem die beiden Zeit mit dem Tier hatten, haben sie den Platz geräumt und der primären Person Raum gegeben. Mit ihr habe ich dann über die Reaktion von Tieren auf ihre Wechsel gesprochen. Mir war aufgefallen, dass sich das Meerschwein jeweils anders verhalten hatte. Sie erklärte mir, dass das tatsächlich auch der Fall ist. Die Tiere spüren den Wechsel und nehmen die neue Person deutlich war. Das Wechseln der Persönlichkeiten sei nicht immer von uns Menschen wahrzunehmen, Tiere spüren diesen aber deutlich.

Als die Gruppe dann zur Abfahrt bereit stand, fand meine Begegnung mit dem Phänomen der Multiplen Persönlichkeit einen letzten Höhepunkt. Die Tagesstättenbesucher standen zum Rauchen in der Nähe des Misthaufens, so auch die Besucherin mit der Dissoziativen Persönlichkeitsstörung. Urplötzlich warf sie die Zigarette auf den Boden und rannte auf den Misthaufen. Dort stand nun freudestrahlend die Vierjährige und freute sich darüber, dass sie es geschafft hatte „die Anderen“ auszutricksen und trotz Verbot auf den Misthaufen zu steigen. Sie musste dann vom Misthaufen runtergeholt werden. Nur mit Widerwillen zog sie sich schließlich wieder zurück.

Dieses Erlebnis hat mich lange beschäftigt. Wird doch in der Sozialen Arbeit der Mensch als ein eigenes Individuum gesehen, mit einem eigenen Körper, einer eigenen Biographie, mit eigenen Empfindungen und eigenem Willen. Multiple Menschen teilen all dies. Sie leben in einem Körper, den sie mit anderen teilen müssen. Sie haben eine Biographie, die von den Erlebnissen anderer Persönlichkeiten mitgeprägt wurde. Ihre Empfindungen können sie nur ausleben, wenn sie an der Reihe sind, den Körper zu nutzen. Ihr Wille kann durch andere Persönlichkeiten übergangen werden. Schließlich fehlt ihnen Lebenszeit, die ihnen die anderen Persönlichkeiten nehmen, von welcher ihnen keine Erinnerung bleibt. Inwieweit können sich die Betroffenen noch als Individuum fühlen? Sie sind nicht Einer, sie sind Viele; sie besitzen nur einen Körper, nur ein Leben, welches mit vielen Anderen geteilt werden muss.

Die Erlebnisse mit der Tagesstättenbesucherin haben mich dermaßen beeindruckt, dass ich mich umfangreich damit auseinandergesetzt habe. Das war zu einer Zeit, wo ich mich mit einem Thema für mein Propädeutikum befasst habe, in dem ich mich mit der Tiergestützen Arbeit auseinandersetzen wollte. Dieses Thema habe ich schließlich fallen lassen, da das Thema bereits regen Zulauf von Mitstudenten fand und mich zu sehr das Thema der Dissoziativen Identitätsstörung gefesselt hatte.

Die erste Fassung meines Propädeutikums beschäftigte sich mit der Anerkennung der Dissoziativen Identitätsstörung als Krankheit und der Historie welche der Anerkennung vorausgingen. Eine sehr spannende Auseinandersetzung, die aber so umfangreich wurde und so sehr dem Bezug zur Sozialen Arbeit entrückte, dass ich mich umorientiert habe.

Im Laufe der Auseinandersetzung entstand ein größeres Interesse daran, die Voraussetzungen zu betrachten, die zum Entstehen dieser psychischen Erkrankung vorliegen. Welche biologischen, psychischen und sozialen Faktoren müssen zusammentreffen, damit eine Dissoziative Identitätsstörung überhaupt entstehen kann? Die Psychotherapeutin Monika Huber sieht aus therapeutischem Blickwinkel die Gründe zum Entstehen der dissoziativen Persönlichkeiten in vier Voraussetzungen: weibliches Geschlecht, gut dissoziieren können, schwerste Kindheitstraumata und niemand hilft. (vgl. Huber,1995.)

Aber welche Bedingungen liegen vor wenn die psychische Erkrankung aus dem Blickwinkel der Sozialen Arbeit betrachtet wird? Dieser Frage folgend, hat sich für mich eine neue Gliederung erschlossen, welche sich differenzierter darstellt.

Im Folgenden sollen nun meine Gedankengänge verdeutlicht und der Versuch verstanden werden, eine psychische Erkrankung, wie die Dissoziative Identitätsstörung, aus der Perspektive der Sozialen Arbeit zu betrachten ist.

Das zweite Kapitel dieser Arbeit widmet sich dem Phänomen der Multiplen Persönlichkeiten. Die Beschreibung des Phänomens steht hier im Vordergrund. Das Krankheitsbild soll beleuchtet werden und die Ausprägungen dieser Störung verdeutlicht werden. Dabei soll vermittelt werden, was es für einen Menschen bedeutet, mit einer multiplen Persönlichkeit zu leben. Hierzu werden wissenschaftliche Erkenntnisse zur Dissoziativen Identitätsstörung, wie auch die diagnostischen Kriterien herangezogen.

Im dritten Kapitel werden die biopsychosozialen Voraussetzungen zum Entstehen dieser Störung betrachtet. Diese Voraussetzungen werden in die biologischen, psychischen und sozialen Voraussetzungen gegliedert und auf ihre Einflüsse auf die Entwicklung der Dissoziativen Identitätsstörung hin betrachtet. Dabei soll deutlich werden, welche verschiedenen Faktoren zusammentreffen, um eine Krankheit dieses Ausmaßes zu bedingen. Gleichzeitig dienen die einzelnen Faktoren als Ansatzpunkte für die Soziale Arbeit.

Das Kapitel sechs widmet sich den Ansätzen präventiver Sozialarbeit. Darin sollen Möglichkeiten präventiven Handelns aufgezeigt werden. Ausgangspunkte und Ansätze hierfür ergeben sich aus den biopsychologischen Voraussetzungen zur Entstehung der Dissoziativen Identitätsstörung. Diese Ausführung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern ist der Versuch deutlich zu machen, welches Potential die Betrachtung der biologischen, psychischen und sozialen Voraussetzungen für die Prävention psychischer Störungen in sich birgt. Betrachtet werden Beispiele zu universeller und selektiver Prävention. Die Überlegungen beziehen sich in dieser Auseinandersetzung auf die Dissoziative Identitätsstörung, können aber auch bei der Vorbeugung vieler anderer psychischer Störungen wirksam sein.

Im letzten Kapitel soll ein Rückblick auf die Ausarbeitung erfolgen. Darüber hinaus sollen die Erkenntnisse aus dieser Auseinandersetzung zusammengefasst und reflektiert werden.

2. Das Phänomen multiple Persönlichkeit

Jeder Mensch vereint in sich verschiedene Rollen. Wir sind Kind, Bruder, Schwester, Vater, Mutter, Arbeitskollege, Chef, Untergebener, Freund und Feind in einer Person. Jedes Umfeld, jede Position bringt eine neue Rolle mit sich. In dieser Rolle unbewusst aufgehend, nehmen wir unterschiedliche Handlungen vor, sehen Dinge aus einer anderen Perspektive, die Selbst- und die Fremdwahrnehmung ändert sich. Dabei handelt es sich jedoch um eine „gesunde“ Verhaltensweise des Menschen. „Gesunde Menschen sind sich ihres jeweils unterschiedlichen Verhaltens bewusst“ (Voss, 2008. S.84) und wissen um ihre Rollen.

Menschen mit einer multiplen Persönlichkeit hingegen sind sich ihren unterschiedlichen Identitäten nicht bewusst. „Bei multiplen Persönlichkeiten ist das Gedächtnis der einzelnen >Charaktere< wie von einer Mauer umgeben“ (Voss, 2008. S.84) Sie können nicht auf die Erinnerungen, Erlebnisse und Fähigkeiten der anderen Persönlichkeiten zugreifen. Liegt eine Multiple Persönlichkeit vor, leidet der Betroffene an einer Fragmentierung seiner Identität. Es handelt sich um ein Netzwerk aus einzelnen Teilidentitäten, die gemeinsam die Gesamtpersönlichkeit ausmachen.

Die einzelnen Persönlichkeiten unterscheiden sich in verschiedenen Merkmalen, die sich in vier Bereiche gliedern lassen. Diese Unterschiede finden sich in den Persönlichkeitsmerkmalen (Charaktereigenschaften), Sozialdaten (Alter, Geschlecht, Hautfarbe, Familiengeschichte), Fähigkeiten und Vorlieben (Handschriften, beherrschen von Instrumenten, Autofahren, Fremdsprachen), sowie in ihrer physiologischen Aktivität (Aktivität des vegetativen Nervensystems, Blutdruck, Menstruationszyklen, Unterschiede in der visuellen Schärfe, der Schmerztoleranz, in Symptomen von Asthma, in der Sensibilität gegenüber Allergenen und der Reaktion von Glukose im Blut auf Insulin). (vgl. Walter, 2006)

Jede Teilidentität ist demnach ein eigenes Ich, mit einer eigenen Biographie, Lebensalter, Namen, Geschlecht, aber auch Vorlieben, Abneigungen und sexueller Gesinnung. So kann eine Teilidentität sehr belesen sein, eine andere aber auch Analphabet. Eine Teilidentität ist gerne Käse essen, eine andere wiederum reagiert darauf allergisch. Dies offenbart, wie sehr jede Teilidentität bzw. Persönlichkeiten ein eigenes Profil hat, eine autarke Persönlichkeit ist.

Niederländischen Wissenschaftlern ist es überdies gelungen, durch Gehirnscans nachzuweisen, das bei den einzelnen Persönlichkeiten eines multiplen Menschen eine andere Hirnaktivität messbar ist. Jede Persönlichkeit hat eine eigene Verknüpfung zu den Nervenzellen des Gehirns. Das bedeutet, dass die einzelnen Persönlichkeiten ihre Eindrücke in andere Hirnregionen verarbeiten. (vgl. Deewald, 2004)

Multiple Menschen besitzen zwischen 2 bis 100 Persönlichkeiten. Es zeigt sich jedoch, dass über die Hälfte der multiplen Menschen mit „nur“ 10 und weniger Persönlichkeiten leben. Dabei stehen die einzelnen Persönlichkeiten in Beziehung zueinander. Es lassen sich drei Beziehungsarten unterscheiden. Die einzelnen Identitäten können in einer Beziehung der wechselseitigen Amnesie zueinander stehen. In diesem Fall wissen die Identitäten nicht voneinander. Dieses Nicht-Wissen kann dabei auch einseitig sein, dabei weiß eine Persönlichkeit von der anderen, diese jedoch nicht von der Existenz dieser Persönlichkeit. Schließlich gibt es noch die Beziehung des wechselseitigen Wissens, in der die Identitäten voneinander wissen und miteinander in Kontakt treten können. (vgl. Walter, 2006)

Jede dieser Identität steht für bestimmte Funktionen die in bestimmten Situationen übernommen werden, innerhalb und außerhalb der Gesamtpersönlichkeit. Helferpersönlichkeiten können den Betroffenen durch Umgehen von schwierigen Situationen schützen, andere Teilpersönlichkeiten helfen den Alltagsanforderungen gerecht zu werden.

Dabei tritt immer nur eine der Persönlichkeiten zum Vorschein, bestimmt das Verhalten und tritt mit der Außenwelt in Kontakt. In der Regel kommt die primäre Persönlichkeit häufiger zum Vorschein als die anderen Persönlichkeiten. Der Wechsel zwischen den Persönlichkeiten erfolgt spontan, die Persönlichkeiten schlummern in der betroffenen Person und schieben sich in auslösenden, nicht vorhersagbaren Situationen in den Vordergrund. (vgl. Walter, 2006)

Auf nicht eingeweihte Außenstehende wirkt dieser Wechsel unwirklich. Es ist schwer nachzuvollziehen, warum die noch eben so erwachsene und intelligente Person nun mit kindlich alberner Stimme spricht und es lustig findet sich unter dem Tisch zu verstecken. Hinein interpretiert werden Schauspielerei, Verrücktheit und Aufmerksamkeitseinforderung.

Der Betroffene selbst jedoch weiß nicht um das was mit ihm geschieht. Er erleidet in dieser Zeit eine Amnesie. Die Kontrollübernahme durch eine andere Identität ist ihm nicht bewusst, er hat keine Erinnerung. Dadurch fehlt ihm die Zeit, welche die andere Identität mit dem Körper verbracht hat. Auch unnachvollziehbare Ortswechsel gehen mit diesen Amnesien einher. Der

Betroffene fragt sich, wo die Zeit geblieben ist, oder warum er sich nun an diesem Ort befindet, ohne zu wissen wie man dort hingekommen ist.

Psychiatrisch bezeichnet wird das Phänomen der Multiplen Persönlichkeiten als Dissoziative Identitätsstörung bzw. Multiple Persönlichkeitsstörung. Die Diagnostischen Kriterien, die zur Diagnose der Dissoziativen Identitätsstörung vorliegen müssen, sind in der ICD-10 F44.81 und der DSM-IV 300.14 verankert.

a. Die Anwesenheit von zwei oder mehr unterscheidbaren Identitäten oder Persönlichkeitszuständen (jeweils mit einem eigenen, relativ überdauernden Muster der Wahrnehmung von, der Beziehung zur und dem Denken über die Umgebung und das Selbst).
b. Mindestens zwei dieser Identitäten oder Persönlichkeitszustände übernehmen wiederholt die Kontrolle über das Verhalten der Person.
c. Eine Unfähigkeit, sich an wichtige persönliche Informationen zu erinnern, die zu umfassend ist, um durch gewöhnliche Vergesslichkeit erklärt zu werden.
d. Die Störung geht nicht auf die direkte körperliche Wirkung einer Substanz (z.B. blackouts oder untergeordnetes Verhalten während einer Alkoholintoxikation) oder eines medizinischen Krankheitsfaktors zurück (z.B. komplex-partielle Anfälle). Beachte: Bei Kindern sind die Symptome nicht durch imaginierte Spielkameraden oder andere Phantasiespiele zu erklären.

(http://www.dissoc.de/issd13.html. Zugriff am 16.10.2008 / Dirnberger&Schopp, 2008)

Zugeordnet wird die DIS2 den Dissoziativen Störungen. Die Hauptmerkmale Dissoziativer Störungen sind Funktionsunterbrechungen in den Bereichen des Bewusstseins, des Gedächtnisses, der Identität und in der Wahrnehmung der Umwelt. Die Dissoziativen Störungen umfassen die Dissoziative Amnesie, die Dissoziative Fugue, Die Depersonalisationsstörung, die nicht näher bezeichneten Dissoziativen Störungen, sowie die Dissoziative Identitätsstörungen. (vgl. Dirnberger&Schopp, 2008)

Die Dissoziative Identitätsstörung wird dabei als „die schwerste Form im Symptomspektrum der Dissoziativen Störungen“ (vgl. Gast, 2002) aber auch „als eine der ungewöhnlichsten und erstaunlichsten aller psychischen Strukturen“ (Putman, 1989. In: Gast, 2002) gesehen.

Das Erkennen der Dissoziativen Identitätsstörung wird erschwert durch die Begleitsymptomatik die damit einhergeht. Diese Symptome überschatten häufig die Kernsymptomatik. Aufgrund der „diskreten Kernsymptomatik“ und der „komorbiden Begleitsymptomatik“ spricht Ursula Gast in diesem Zusammenhang vom „Chamäleon“ unter den psychiatrischen Erkrankungen. Aufgrund der Überschattung durch die Komorbiditäten werden oft falsche Diagnosen gestellt und die Kernstörung unzureichend behandelt. Diagnostiziert werden häufig Schizophrenie, Angststörungen, Persönlichkeitsstörungen, Depressionen, Essstörungen, Somatisierungsstörungen und Suchterkrankungen.

Aufgrund der Begleitsymptomatik wird häufig der erste therapeutische Kontakt aufgenommen und damit erst der Zugang zu einer Diagnose der Dissoziativen Identitätsstörung gelegt. Die betroffenen Personen durchlaufen deshalb vielfach lange Behandlungswege bis die richtige Diagnose gestellt wird und eine adäquate Therapie angestrebt werden kann. (vgl. Gast, 2002 / Walter, 2006) In vielen Fällen wird die Diagnose erst sechs bis sieben Jahre nach Auftreten der ersten Symptome gestellt. (vgl. http://www.dissoc.de/issd13.html)

Die Dissoziative Identitätsstörung wird vielfach erst in der Adoleszenz und im Erwachsenenalter diagnostiziert. Es wird jedoch angenommen, dass die Ursachen für das Störungsbild bereits in der frühen Kindheit der Betroffenen zu finden sind. (Walter, 2006)

3. Biopsychosoziale Voraussetzungen der DIS

Frühere Annahmen gingen davon aus, dass es sich bei der Dissoziativen Identitätsstörung um eine seltene psychische Erkrankung handelt. Verschiedene Statistiken belegen jedoch, dass 0,5 bis 1 % der Gesamtbevölkerung unter einer dissoziativen Identitätsstörung leidet. Im psychiatrischen Kontext wird die Störung sogar bei bis zu 5% der Personen diagnostiziert. Demnach handelt es sich um eine Krankheit, von der mehr Menschen betroffen sind, als es bei der Ausprägung dieser Störung anzunehmen ist. (vgl. Gast, 2002)

Bei der Betrachtung dieser Zahlen und im Hinblick auf das Krankheitsbild stellt sich die Frage, welche Voraussetzungen zum Entstehen dieser ungewöhnlichen Krankheit vorliegen müssen. Betrachtet werden sollen im Folgenden die biologischen, psychischen und sozialen Voraussetzungen, welche zur Manifestierung der Dissoziativen Identitätsstörung führen können.

3.1. Biologische Voraussetzungen

Die Dissoziative Identitätsstörung wird häufig erst im Erwachsenenalter diagnostiziert. Die Voraussetzungen zum Entstehen dieser Krankheit finden sich jedoch in einem früheren biographischen Abschnitt der betroffenen Personen.

Um zu Verstehen, wie diese Krankheit entsteht und wodurch sie ausgelöst wird, müssen die Bedingungen zum Entstehungszeitpunkt betrachtet werden. Dieser Abschnitt wird im frühen Kindesalter gesehen. Neben dem Lebensalter fällt auf, dass diese psychische Störung häufiger bei Frauen als bei Männern diagnostiziert wird. (vgl. Walter, 2006)

Im Folgenden sollen nun diese Faktoren hinsichtlich ihres Einflusses auf das Krankheitsentstehen betrachtet werden, auch die Vererbung soll dabei Berücksichtigung finden.

3.1.1. Kindesalter: 4. und 5. Lebensjahr

Die Voraussetzungen für das Entstehen der Dissoziativen Identitätsstörung werden in der klassischen psychoanalytischen Theorie in „Konflikten aus der ödipalen Phase bzw. ihrer Reaktivierung im Erwachsenenalter“ (Werning 2001/2007) gesehen. Erst im Erwachsenenalter kommen diese Konflikte wieder zu Tage und werden reaktiviert. Dadurch kann sich schließlich eine psychische Krankheit manifestieren. (vgl. Werning 2001/2007 / Walter, 2006)

Diese Angabe wird durch Erkenntnisse der modernen Psychoanalyse untermauert. Danach wird der Ausgangspunkt für die Entstehung von dissoziativen Störungen (und damit auch die DIS), im Kindesalter vom 4. bis zum 6. Lebensjahr gesehen. (vgl. http://www.beratung-therapie.de/193-0-Hysterie.html)

Doch warum entwickelt sich die Dissoziative Identitätsstörung gerade in diesem Kindesalter? Welche Voraussetzungen sind in dieser Entwicklungsphase in der Persönlichkeit der Kinder zu finden?

In der Theorie wird das Leben eines Menschen in acht Entwicklungsphasen betrachtet. Das Durchlaufen dieser Phasen hat einen entscheidenden Anteil an der Ich-Entwicklung des Menschen. Mit jeder der acht Phasen geht eine Weiterentwicklung der Persönlichkeit einher, mit einer neuen Perspektive zu sich selbst und zu den Personen der eigenen Lebenswelt. Die Entwicklung in diesen Phasen gehört zu unseren Anlagen, welche wir seit unserer Geburt in uns tragen. Die einzelnen Phasen werden dabei erst im entsprechenden Lebensalter aktiviert.

Das Modell von Erikson (1968) geht davon aus, dass sich jede dieser Phasen3 zu einer Krise zuspitzt, die bewältigt werden muss. Nur durch die Bewältigung der Krisen kann eine gesunde Persönlichkeit ausgebildet werden. Das Nicht-Bewältigen einer Krise kann zu einer Störung in der psychischen Entwicklung führen. Anhand dieses Modells kann dann herausgefunden werden, welche Entwicklungsphase nicht bewältigt wurde. So kann mit der Therapie „an der richtigen Stelle“ interveniert werden. (vgl. http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/PSYCHOLOGIEENTWICKLUNG/EntwicklungErikson.shtml. )

Die Entwicklungspsychologie sieht im Lebensalter eines Kindes im 4. und 5. Lebensalter die dritte Entwicklungsphase des Menschen Diese Phase der frühen Kindheit wird von Mück (2005) als Phase des Spielalters bezeichnet.

Diese Phase nennt Erik H. Erikson die psychosoziale Phase der „Initiative vs. Schuldgefühl“. In dieser Phase sieht er den Beginn der Differenzierung des Kindes von seiner Umwelt.

Die Wirklichkeit rückt in das Interesse des Kindes, für den Wissensdurst des Kindes bedeutet dies viele Fragen zu stellen, aber auch spielerisch verschiedene Rollen zu erproben (z.B. das Spiel „Vater, Mutter, Kind“). Unterstützt wird dieser Wissensdurst durch die Möglichkeit, sich freier zu bewegen. Das Kind kann nun laufen und die Welt auf eigene Faust erkunden.

Andererseits setzt sich das Kind mit seinem Geschlecht auseinander und gelangt in die ödipale Situation. Die ödipale Situation wird von Erikson als Krise dieser Phase betrachtet. In der Bewältigung der Krise wird das Gewissen ausgebildet. Das Kind hat die Phase bewältigt, wenn es die Fähigkeit erworben hat, Initiative zu ergreifen und mit seinen Schuldgefühlen umgehen zu können. (vgl. http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/PSYCHOLOGIEENTWICKLUNG/EntwicklungErikson.shtml. )

Bei Tücke 1999 (vgl. Anhang) wird dieser Aspekt der Entwicklungsphase in der sich das Kind spielerisch in anderen Rollen ausprobiert, als psychosoziale Funktionsweise des „Tun / tun-als-ob (spielen)“ bezeichnet. Er untermauert damit die Erkenntnis Eriksons, dass ein Kind in diesem Lebensalter den Drang danach hat, verschiedene Rollen sowie andere Perspektiven einzunehmen und diese spielerisch zu erleben.

Herbert Mück 2005 (vgl. Anhang) strukturiert die Erkenntnisse Eriksons und Tückes neu und ergänzt diese zu einer umfangreichen Tabelle. Die einzelnen Entwicklungsphasen entwickelt er, unter Einbezug neuere Erkenntnisse von der Entwicklungspsychologie, weiter. Er bezeichnet die Phasen der psychosozialen Entwicklung als psychosoziale Krisen und benennt die Phasen des Lebensalters um. Die dritte Entwicklungsphase eines Kindes, welche Erikson als „Initiative vs. Schuldgefühle“ bezeichnet, benennt Mück als Phase des Spielalters. Er vermeidet in seiner Darstellung die Angabe von Lebensjahren und berücksichtigt damit, dass Kinder, im selben Lebensalter, sich nicht immer auf dem gleichen Entwicklungsstand befinden. Eine Verzögerung oder ein schnelleres Durchlaufen einzelner Phasen deutet dabei nicht auf Entwicklungsprobleme oder -vorteile hin, sondern kann in einem gewissen Maße individuell voneinander abweichen ohne unmittelbar auf Auffälligkeiten schließen zu müssen. Den Aspekt der psychosozialen Funktionsweise nach Tücke bezieht Mück in die Ich-Erkenntnis mit ein. Die Ich-Erkenntnis, die ein Kind im Spielalter beschäftigt, fasst Mück in seiner tabellarischen Darstellung als „Ich bin was ich mir vorstellen kann zu sein“ zusammen. Auch in der Ausführung Mücks erhält der Aspekt der Vorstellung jemand oder etwas anderes zu sein, also in dessen Rolle zu schlüpfen, eine besondere Bedeutung für die Entwicklung eines Kindes in dieser Lebensphase.

Es lässt sich also festhalten, dass ein Kind im Lebensalter von 4. und 5. Lebensjahr eine Phase durchleben, in der die Fähigkeit andere Rollen oder Perspektiven einzunehmen besonders stark ausgeprägt ist und einen elementaren Entwicklungsschritt ausmacht. Vor Eintritt in die Phase des Spielalters, kann dass Kind noch nicht entscheiden, was richtig und was falsch ist. Es kennt den Unterschied zwischen Recht und Unrecht nicht, die Dinge werden so hingenommen, wie sie sind. Erst in dieser Phase beginnt das Kind sich die Wirklichkeit zu entdecken und eine andere Sicht von sich und der Welt zu entwickeln. Zu diesem Zeitpunkt lebt das Kind noch in einer eigenen Welt und muss sich die reale Welt erst noch erschließen und sich darin einbringen.

Ein Kind in dieser Entwicklungsphase steht aber auch vor der Aufgabe ein Gewissen zu entwickeln. Dies bedeutet, dass sich in dieser Lebensphase erst die Fähigkeit ausbildet Schuld und Unschuld zu unterscheiden. Es weiß vor dem Bewältigen dieser Phase nicht, was moralisch das Richtige und das Falsche ist. Die Einschätzungsfähigkeit Recht von Unrecht zu unterscheiden erwirbt das Kind erst mit dem Austritt aus der Phase des Spielalters.

In dieser Phase der kindlichen Entwicklung liegt also die Grundlage zum Entstehen der Dissoziativen Identitätsstörung. Doch welche weiteren Faktoren spielen bei der Krankheitsentstehung eine Rolle?

3.1.2. Weibliches Geschlecht

Bei Frauen wird die Dissoziative Identitätsstörung drei- bis neunmal so häufig diagnostiziert wie bei Männern. (vgl. Walter, 2006) Hingegen werden bei Patienten im forensischen Bereich, also bei straffällig gewordenen Personen, vermehrt Männer mit Dissoziativen Identitätsstörungen diagnostiziert. (vgl. Gast, 2002)

Doch warum wird diese Krankheit gerade bei Frauen so viel häufiger diagnostiziert? Bringen Frauen gegenüber Männern andere Voraussetzungen mit, psychische Erkrankungen auszubilden? Warum finden sich, im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung, besonders viele Männer mit dissoziativen Störungen in den Gefängnissen?

Die Studie der WHO „Womens Mental Health“ aus dem Jahr 2000, belegt, dass Frauen im Allgemeinen häufiger an einer psychischen Störung erkranken als Männer. Hierzu werden zwei Einflussfaktoren benannt, die bei Frauen die vermehrte Ausbildung von psychischen Störungen beeinflussen. Diese Einflussfaktoren liegen im biologischen (sex) und dem sozialen Geschlecht (gender). Das biologische Geschlecht wirkt sich durch den Einfluss von Sexualhormonen auf das seelische Befinden der Frauen aus. Darüber hinaus geraten Frauen häufiger durch die vielfältigen Rollenanforderungen, welche sie in ihrer sozialen Rolle ausgesetzt sind, unter psychischen Druck. (vgl. BApK,2006)

[...]

Ende der Leseprobe aus 57 Seiten

Details

Titel
Die biopsychosozialen Voraussetzungen der Dissoziativen Identitätsstörung als Ansatzpunkte präventiver Sozialarbeit
Hochschule
Fachhochschule Oldenburg/Ostfriesland/Wilhelmshaven; Standort Emden
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
57
Katalognummer
V143868
ISBN (eBook)
9783640532865
ISBN (Buch)
9783640532575
Dateigröße
1532 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Dissoziative Identitätsstörung, Multiple Persönlichkeitsstörung, DIS, Opfer von Gewalttaten, Switchen, Identität, Persönlichkeiten, Abspaltung, Persönlichkeitszustand
Arbeit zitieren
Mareke Bokelmann (Autor), 2009, Die biopsychosozialen Voraussetzungen der Dissoziativen Identitätsstörung als Ansatzpunkte präventiver Sozialarbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/143868

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