Wie kann dem ethischen Subjektivismus und dem Relativismus innerhalb der normativen Theorien in den Internationalen Beziehungen begegnet werden?

Ein Versuch anhand der Konzeptionen von Peter Singer und Martha Nussbaum


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1.EINLEITUNG

2. ETHISCHER RELATIVISMUS UND ETHISCHER SUBJEKTIVISMUS

3. DIE SINGER’SCHE KONZEPTION
3.1 SINGERS UTILITARISTISCHE ARGUMENTATION
3.2 INHALTLICHE DISKUSSION DER SINGER’SCHEN SPENDENPFLICHT

4. MARTHA NUSSBAUMS ESSENTIALISTISCHE KONZEPTION
4.1 DIE NEOARISTOTELISCHE METHODE DES ESSENTIALISMUS
4.2 INHALTLICHE DISKUSSION DER THEORIE:

5. ZUSAMMENFASSUNG

6. LITERATURVERZEICHNIS

1.Einleitung

Normen bilden die Leitideen für die Rechtsprechung und die Struktur des politischen Zusammenlebens. Die Legitimität und der Geltungsanspruch dieser Pfeiler der politischen Gemeinschaft ist Untersuchungsgegenstand der vorliegenden Arbeit. Die Schwierigkeit einer angemessenen Rechtfertigung von handlungsanleitenden verallgemeinerten Werturteilen ist bedingt durch die Tatsache, dass es in der Welt eine Fülle von divergierenden Beurteilungsmaßstäben für moralische Handlungen gibt. Der Pluralität und Diversität von Normen in den Gemeinschaften der Welt muss Tribut gezollt werden. Es ist ein philosophischer Gemeinplatz, dass es keine absoluten Normen geben kann. Der Rekurs auf objektiv gute und richtige Normen ist bei der Formulierung einer Theorie nicht zulässig. Diese Position bezeichne ich als ethischen Relativismus. Hinzu kommt die Standardauffassung in der Philosophie, dass es keine objektive Verwendung von moralischen Werturteilen gibt, die präskriptiv sind. Der ontologische Status der Wörter „gut“ und „schlecht“ ist fraglich. Um nicht eine de gustibus non est disputandum Mentalität in der Ethik einreißen zu lassen muss man Alternativlösungen zur Begründung normativer Werturteile heranziehen. Ich beziehe mich auf zwei Theoriekonzeptionen, die den Anspruch auf universale Normen erheben ohne jedoch fundamentale Annahmen zu machen Die eine Theorie legt die Verpflichtung am Individuum an, die andere Theorie gibt ein präskriptives Manual für die politisch-institutionelle Planung an. Beide Theorien sind nicht relativistisch und schaffen es, subjektivistische Elemente zu integrieren. Anfangend mit einer genauen Begriffsbestimmung der verwendeten Terme wende ich mich den Theoriekonzeptionen von Martha Nussbaum und Peter Singer zu. Die unterschiedliche Argumentation der Ansätze wird nachgezeichnet und deren Umgang mit der relativistischen Herausforderung hebe ich hervor. Es wird angenommen, dass es keine objektiven theorieunabhängigen Fakten gibt1. Somit gibt es auch keinen objektiven Test für die Richtigkeit oder Falschheit der Erklärungen. Darum wird in meiner inhaltlichen Diskussion der Ansätze der beiden Theoretiker die Theorie auf ihre argumentative Koheränz und ihre Relevanz für politische Belange bewertet.

2. Ethischer Relativismus und ethischer Subjektivismus

Relativismus und Subjektivismus sind Überbegriffe für eine Vielzahl von unterschiedlichen Positionen. Auf die verschiedenen Positionen der skeptischen Fraktion unter den Ethikern soll hier nicht eingegangen werden. Es scheint mir sinnvoll, dass zur Klärung der Thematik einige terminologische Präzisierungen vorgenommen werden. Man unterscheidet generell zwischen deskriptiven und normativen Theorien. Versteht man unter einer Theorie eine Menge von Sätzen, abgeschlossen unter logischer Folgerung, so liegt es nahe, deskriptive Theorien als solche auszuzeichnen, in denen keine normativen Sätze vorkommen. Eine Theorie ist hingegen normativ , wenn sie nicht deskriptiv ist. Normative Sätze besagen typischerweise, dass es geboten/erlaubt/verboten ist, eine Handlung auszuüben oder zu unterlassen. Man sagt auch, dass jemand etwas tun soll oder dies nicht darf. Das normative Vokabular ist jedem Sprecher der Alltagssprache weitestgehend vertraut, sodass die Einteilung der Sätze in normative und deskriptive als unproblematisch vorausgesetzt werden kann. Um relativistische von nicht-relativistischen normativen Theorien abzugrenzen, unterscheidet man zwischen relativierten und nicht- relativierten normativen Sätzen . Folgende Beispielsätze dienen zur Charakterisierung dieses Unterschieds:

S1) Es ist geboten, dass die Person a nicht stiehlt.

S2) Es ist geboten für Mitglieder der Gesellschaft g, dass p.

S3) Es ist zum Zeitpunkt t geboten, dass p.

S4) Es ist erlaubt für Mitglieder der Gesellschaft g’, dass nicht p.

S5) Es ist erlaubt, dass die Person b stiehlt.

Bei S1 soll es sich um einen nicht-relativierten normativen Satz handeln. S2 und S3 entstehen aus S1 durch die Relativierung auf einen Parameter, in diesem Fall auf Gese]llschaften und Zeitpunkte, wobei der eingebettete Satz abgekürzt mitgeteilt wird. Es lassen sich ganz andere Formen der Relativierung denken, die ihrerseits miteinander kombiniert wieder zur Bildung relativierter Sätze führen. Allgemein ist für relativierte normative Sätze die Einbeziehung eines oder mehrerer zusätzlicher Parameter für die Angabe ihrer Wahrheitsbedingungen im Vergleich zu ihrer nicht relativierten Form charakteristisch. Daraus lässt sich bereits eine notwendige Bedingung für nicht-relativistische Theorien gewinnen. Eine solche Theorie soll nämlich für jeden in ihr vorkommenden relativierten normativen Satz S* auch die Sätze enthalten, die durch Ersetzung des in S* im vorkommenden Parameters durch einen Parameters gleichen Typs gebildet werden können. Die Gesellschaften g und g’ in S2 und S4 sind sicherlich Parameter gleichen Typs, sodass ausgeschlossen ist, dass S2 und S4 Elemente einer konsistenten nicht-relativistischen Theorie sind. Um noch eine parameterunabhängige Form der Relativierung abzudecken, wird zudem gefordert, dass eine solche Theorie für jeden normativen Satz S* auch die Sätze enthält, die durch Ersetzung der in S* enthaltenen personenbezeichnenden Ausdrücke durch andere Ausdrücke dieser Kategorie gebildet werden können. Hier kann man von der Ausschaltung subjektabhängiger Relativierungen sprechen. Somit ist auch ausgeschlossen, dass eine konsistente nicht relativistische Theorie S1 und S5 enthält. Diese Definitionsstrategie basiert auf einer Forderung der Universalisierbarkeit von Normen, die besagt, dass moralische Urteile, welche über bestimmte Sachverhalte gefällt wurden, übertragbar sind auf analoge Sachverhalte. Das kann durch die Substituierbarkeit von bestimmten Ausdrücken gleichen Typs expliziert werden.

Die zuletzt behandelte Form der Relativierung ist charakteristisch für den ethischen Subjektivismus. Nach traditioneller Auffassung handelt es sich um eine ontologische These, die besagt, dass es keine objektiven Werte gibt. Die obigen Beispielsätze zeigen allerdings, dass normative Sätze üblicherweise nicht besagen, dass so etwas wie objektive Normen existieren. Dieses Problem lässt sich anhand einer metatheoretischen Umformulierung der ontologischen These umgehen. Demnach behauptet der ethische Subjektivist, dass normative Theorien, die keine subjektabhängigen Relativierungen zulassen, falsch bzw. sinnlos sind. Die Annahme der Sinnlosigkeit liegt nahe, da de facto die Vertreter des ethischen Subjektivismus auch meist sprachphilosophische Thesen vertreten, gemäß denen ethische Theorien auf einer Fehlinterpretation der Alltagssprache beruhen2 und es sich bei normativen Sätzen lediglich um subjektive Berichte handelt. In dieser Untersuchung soll unter ethischem Subjektivismus stets die Kombination der metatheoretischen und sprachphilosophischen These verstanden werden.

Es ist kaum zu leugnen, dass die relativistischen und a forteriori die subjektivistische Position auch im Rahmen der Internationalen Beziehungen eine große Anziehungskraft ausübt und ihr eine gewisse Plausibilität zukommt. Die Arbeitshypothese dieser Untersuchung besteht in der Annahme, dass der ethische Subjektivismus diese Relevanz größtenteils seiner Hinwendung auf die konkrete Beschaffenheit und Verhaltensweise des ethischen Subjekts verdankt. Denn der moralische Reflexionsprozess ist in der individuellen Konkretisierung tief verwoben mit der Besonderheit des individuellen Menschen. Dieser Faktor wurde bei klassischen Moraltheorien abstrakter Natur weitgehend vernachlässigt. Allerdings ist klar, dass alleine eine gewisse Hinwendung auf das ethische Subjekt nicht unmittelbar zu relativistischen Konsequenzen führt. Bei der folgenden Beschreibung zweier Theorien wird gezeigt, dass eine Verknüpfung nicht-relativistischer Ansätze mit einer Hinwendung auf das konkrete ethische Subjekt durchaus vereinbar ist.

3. Die Singer’sche Konzeption

Singer stellt eine normative Theorie auf, deren Aussagen universelle Gültigkeit zukommen soll. Es handelt sich um eine teleologische Theorie, in der den Handlungskonsequenzen eine besondere Rolle zugewiesen wird. Die Normativität seiner Forderungen rechtfertigt er mittels des utilitaristischen Kalküls. Die Motivation seiner praktischen Ethikkonzeption ist es, auf der Individuenebene für die Umstrukturierung der Wertebasis in den Wohlstandsgesellschaften zu argumentieren. Seiner Ansicht nach muss das moralische konzeptuelle Schema von Wohlstandsländern verändert werden. Singers erklärtes Ziel ist es, die Hilfeleistung für Armutsländer zu erhöhen. Dazu postuliert eine universalistische Spendenpflicht.

3.1 Singers Utilitaristische Argumentation

P.I.: Singer geht von dem Prinzip aus, dass wenn es in unserer Macht steht, etwas Schlechtes zu verhindern, ohne dass dabei etwas von vergleichbarer moralischer Bedeutung geopfert wird, dann sollten wir es tun.

Die Argumentation für das Prinzip baut auf folgenden Annahmen3 :

A1: Wenn wir etwas Schlechtes verhindern können, ohne irgendetwas von vergleichbarer moralischer Bedeutsamkeit zu opfern, sollten wir es tun.

A2: Absolute Armut ist schlecht4.

A3: Es gibt ein bestimmtes Maß von absoluter Armut, das wir verhindern können, ohne irgendetwas von vergleichbarer moralischer Bedeutsamkeit zu opfern.

K: Wir sollten ein bestimmtes Maß von absoluter Armut verhindern.

[...]


1 Quine (2003): Ontologische Relativität und andere Schriften, S.20

2 Mackie (1981), S. 39f.

3 Siehe Singer (1984), S.231

4 ebd., S. 216

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Wie kann dem ethischen Subjektivismus und dem Relativismus innerhalb der normativen Theorien in den Internationalen Beziehungen begegnet werden?
Untertitel
Ein Versuch anhand der Konzeptionen von Peter Singer und Martha Nussbaum
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Geschwister-Scholl-Institut für Politische Wissenschaften)
Veranstaltung
Normative Theorien in den Internationalen Beziehungen
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
19
Katalognummer
V143872
ISBN (eBook)
9783640532223
ISBN (Buch)
9783640532414
Dateigröße
453 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Utilitarismus, Internationale Beziehungen, Essentialismus, Spendenpflicht, Normative Theorien, Ethischer Relativismus
Arbeit zitieren
Barbara Kowatsch (Autor), 2006, Wie kann dem ethischen Subjektivismus und dem Relativismus innerhalb der normativen Theorien in den Internationalen Beziehungen begegnet werden? , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/143872

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