Dialekt als Sprachbarriere


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

18 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorbemerkung zum Dialekt als Sprachbarriere

2. Der Begriff des Dialektes

3. Die Theorie Basil Bernsteins

4. Sprachbarrierenforschung in Deutschland

5. Anhang (Handout und Folie zum Referat)

6. Literatur

1. Vorbemerkung zum Dialekt als Sprachbarriere

Innerhalb eines Landes/einer Nation sind regionale sprachliche Unterschiede festzustellen. Dies liegt daran, dass sich verschiedene Sprachgemeinschaften entwickelten, die nun nebeneinander herleben. Daraus ergibt sich das Problem, dass die Angehörigen einer Sprachgruppe bezüglich der ihrer Belange informations- und artikulationsfähig sein müssen. Auch die soziale und lokale Mobilität sollte nicht durch Sprachschranken behindert werden. Also müsste es ein einheitliches Kommunikationsnetz geben, die Artikulationsfähigkeit und der Kommunikationsradius aller Staatsangehörigen sollte gleich groß sein. Folgende drei Ziele ergeben sich daraus:

1. Bewahrung der Identität der Sprachgruppen
2. Gewährleistung von Artikulationsfähigkeit und Mobilität
3. Anschluss an übergreifende Kommuniklationsnetze

Aber wie man nun diese drei Ziele am besten miteinander vereinen sollte, darüber herrscht noch Uneinigkeit. SCHLIEBEN-LANGE[1] eröffnet in ihrem Buch zunächst drei extreme Möglichkeiten eines Staates, dieses Problem zu lösen. Man könnte zum Beispiel sämtliche offiziellen Belange in allen Staatssprachen – in unserem Fall Dialekten - gleichermaßen behandeln. Das beträfe zum Beispiel Gerichtsverhandlungen, Schulen, etc.

Eine weitere Lösung wäre die Durchsetzung einer Einheitssprache im öffentlichen Staatsbetrieb. Das heißt, alle offiziellen und halb offiziellen Angelegenheiten werden in einer Einheitssprache abgehalten. Gruppensprachen könnten allenfalls in Famlie und Freundeskreis fortbestehen. Da aber der offizielle Bereich (Schule, etc) weit in den Privaten Bereich hineinreicht, wird sich die Einheitssprache auch dort durchsetzen.

Dialekte sind areal auf bestimmte Geltungszonen und auf personal bestimmte Personengruppen zugeschnitten und haben dadurch einen unterschiedlichen Gebrauchswert in Abhängigkeit von den kommunikativen Bedürfnissen der jeweiligen Sprecher.

Durch Verwendung des Dialektes grenzen sich die Sprecher nach außen hin ab. Gegenüber nichtdialektsprechenden Personen oder Gruppen ergeben sich zwangsläufig Sprachbarrieren. Besonders deutlich wird das Problem, wenn auch die unterstützende Funktion des gemeinsamen Sprachcodes auch auf der Beziehungseben nicht mehr funktioniert. Daraus ergeben sich besonders für den Dialektsprecher Schwierigkeiten, da normalerweise das Urteil über Gelingen oder Misslingen einer Kommunikationssituation dem Situationsmächtigen zusteht, wie zum Beispiel dem Lehrer in der Schule, etc.

Spricht zum Beipiel so ein „Situationsmächtiger“[2] keinen Dialekt, dann wird meist ihm die Schuld am Misslingen einer angestrebten Kommunikation zugeschoben.

Dialektbedingte Sprachbarrieren gelten über große Areale hinweg, zum Beispiel Nord – und Süddeutschland aber auch zwischen Stadt und Land. Generell weist SCHMID (1973) darauf hin, dass die Schuld an der Gestörtheit der Kommunikation häufig den Dialektsprechern zugewiesen wird. Das zeigt, dass nicht der Dialekt Schuld an den Kommunikationsstörungen trägt, sondern die negative Einstellung der sogenannten Privilegierten („Situationsmächtigen“). Die kommunikative Benachteiligung der Dialektsprecher hat aber zunächst auch einen rein linguistischen Aspekt. Manchmal kommt es zu sogenannten dialektalen „Stilblüten“. Dass heißt, unterschiedliche Sprachsysteme decken sich nur teilweise, können sich auch aufgrund der strukturellen Nähe überlagern. Es kommt zu Indeferenzen und dadurch zu Pannen und Fehlleitungen.

Ein weiteres Problem stellt das oft niedrige Prestige eines Dialektes da. Dialekte erfahren oft deswegen eine Mindereinschätzung durch dessen Sprecher. Oft werden Dialektsprechern in weiten Teilen Deutschlands kognitive Defizite, einen sozial niedriger Status und geringe Bildung nachgesagt. Tatsächlich wurde festgestellt, dass Dialektsprecher mehr vom Land als aus der Stadt kommen, einen sozial niedrigereren Status haben und damit zur Sprachbarriere auch noch die soziale und sozialpsychologische Barriere hinzukommt. Nach bisherigen Beobachten scheint die Barriere da am größten zu sein, wo der Dialekt soziographisch beinahe verschwunden ist. Seine Existenz wird von den Nichtdialektsprechern geradezu ignoriert und geleugnet. So kann auch die Beziehungsebene nicht gepflegt werden, da das Vorhandensein des Dialektes ja geleugnet wird.

2. Der Begriff des Dialektes

Adelung (1798)

Mundart ist „die besondere Art zu reden, wodurch sich die Einwohner einer Gegend von den Einwohnern anderer Gegenden unterscheiden, die Abweichungen einzelner Gegenden in der gemeinschaftlichen Sprache, wohin also nicht nur die Abweichungen in der Aussprache, sondern auch in der Bildung, der Bedeutung, und dem Gebrauch der Wörter gehöret.“

Jacob Grimm (19. Jh.)

„Die Sprache [...] zerfällt in dialecte und mundarten; doch pflegt man mit beiden letzten ausdrücken selten genau zu sein, da wenn dialect als sprache gesetzt wird auch seine mundarten sich zu dialecten erheben, es kann aber die sprache wiederum je höher in alterthum aufgestiegen wird, als dialect oder gar mundart einer früheren, weiter zurückliegenden erscheinen. Dialecte sind also große, munarten kleiner geschlechter.“

Löffler

„Mundart ist stets eine der Schriftsprache vorangehende, örtlich gebundene, auf mündliche Realisierung bedachte und vor allem die natürlichen, alltäglichen Lebensbereiche einbeziehende Redensweise, die nach eigenen, im Verlaufe der Geschichte durch nachbarmundartliche und hochsprachliche Einflüsse entwickelten Sprachnormen von einem großen heimatgebundenen Personenkreis in bestimmten Sprechsituationen gesprochen wird.“

Ammon

Nach Ammon ist ein Dialekt, was folgende Eigenschaften hat:: Er muss eine Varietät, eine Langue sein, muss kleinregional und nicht standardisiert (=oral) sein.

Die hier genannten Autoren sind sich beim Dialektbegriff einig, dass dieser eine Grenze zwischen Personengruppen darstellt.

3. Die Theorie Basil Bernsteins

Bernstein interviewte 309 Londoner Lehrlinge und Laufburschen sowie eine Kontrollgruppe von 45 Mittelschichtschülern. Der Inhalte des Interviews bestand aus Diskussionen über die Todesstrafe, die in der Gruppe vorgenommen wurde. Diese Diskussion erprobte Bernstein zunächst mit den Mitgliedern der Unterschicht. Zur Auswertung zog Bernstein syntaktische

Kriterien heran, denen jedoch kein grammatisches Konzept zugrunde lag.

Basil Bernsteins Thesen beziehen sich ausschließlich auf die sozialen und schulischen Verhältnisse Englands. Er unterscheidet dabei zwei Formen des Sprachgebrauchs. In die „working class“ und die „middle class“. Die working class bezeichnete Bernstein erst als public language, später als restricted code und die middle class als formal language, später als elaborated code. Jedoch versteht Bernstein unter „code“ nicht das , was die Sprachwissenschaft allgemein als „langue“ oder „Kompetenz“ bezeichnet. Für ihn geht es vielmehr um eine Art Steuerungsfunktion auf psychologischer Basis . „ ...die Konsequenzen, die sich aus der Form der Sozialbeziehungen ergeben, werden durch den Code auf psychologischer Ebene vermittelt und aufrechterhalten.“[3] Sprachliche Codes stellen für ihn eine Vermittlungsinstanz zwischen Kognition und Sozialstruktur dar. Ein Kind lernt in seiner Entwicklung die Sozialstruktur und sprachlichen Code seiner Umwelt in einem. Nur die Richtung, die ihm in durch den Code vermittelt wird, wird das Kind in seinem Denken reproduzieren können.

„Verschiedene Sozialstrukturen legen Nachdruck auf verschiedene, dem Sprachgebrauch inhärente Möglichkeiten. Und sobald dieser Akzent gesetzt ist, wird die daraus resultierende sprachliche Form eines der wichtigsten Mittel, bestimmte Gefühls- und Denkbahnen, die der betreffenden sozialen Gruppe zugeordnet sind, hervorzubringen und zu festigen.“[4]

[...]


[1] Brigitte Schlieben – Lange. Soziolinguistik – Eine Einführung. 3.Auflage 1991

[2]. In: Heinrich Löffler. Germanistische Soziolinguistik. 2. Auflage. Berlin 1994

[3] Bernstein 1962/1970, S. 67

[4] Bernstein 1961/1970, S. 44

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Dialekt als Sprachbarriere
Hochschule
Universität Rostock  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Deutsche Dialekte-Soziale, regionale und funktionale Aspekte ihrer Verwendung
Note
2
Autor
Jahr
2003
Seiten
18
Katalognummer
V14391
ISBN (eBook)
9783638198073
ISBN (Buch)
9783638758123
Dateigröße
600 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Gibt einen Überblick über die Sprachbarrierenforschung in Deutschland und stellt die Theorie Basil Bernsteins vor.
Schlagworte
Dialekt, Sprachbarriere, Deutsche, Dialekte-Soziale, Aspekte, Verwendung
Arbeit zitieren
Katrin Niemann (Autor), 2003, Dialekt als Sprachbarriere, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/14391

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