In der deutschen Literaturgeschichte ist eine besonders intensive Mythenrezeption in den Literatursystemen der Weimarer Klassik und der Romantik, sowie in der Moderne und den letzten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts zu verzeichnen. Unterbrochen wurde dieser Prozess radikal nach Alfred Rosenberg, der den Mythos für den Nationalsozialismus instrumentalisierte. Renata Cieślak sieht darin die Ursache für die nur vereinzelt vorliegenden literarischen Bearbeitungen mythischer Stoffe in der Nachkriegszeit.
Weshalb es ab den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts wieder verstärkt zur Rezeption von Mythen kam, soll im Folgenden ausführlicher dargestellt werden, einschließlich des Versuchs einer Charakterisierung der postmodernen Mythenrezeption. Die zur Verdeutlichung angeführten literarischen Beispiele stammen größtenteils aus Christoph Ransmayrs Roman "Die letzte Welt", ein Werk, das die meisten Kritiker als postmodern einstufen.
Inhaltsverzeichnis
1. Mythenrezeption seit der Antike
2. Mythenrezeption in der Postmoderne
2.1.Grundsätzliches zur Mythenrezeption
2.2. Aktuelle Diskussionen um die Mythenrezeption
2.3. Besonderheiten der postmodernen Mythenrezeption
2.3.1 Inhalte
2.3.2 Rezeptionsstrategien
2.3.2.1 Schmeling: Nutzbarmachung topologischer und konstruktivistischer Elemente für die Arbeit am Text
2.3.2.2 Mythosrezeption als Rezeption einer Rezeption
2.3.2.3 Eco: Ästhetisierung des Mythos als charakteristisch postmoderne Rezeptionsstrategie
2.3.2.4 Fiedler: Einsatz des Mythos als Kriterium zur Unterscheidung zwischen Moderne und Postmoderne
2.3.2.5 Crӑciun: Definition der literarischen Postmoderne über den Umgang mit dem antiken Mythos
3. Zusammenfassung der Ergebnisse
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle der Mythenrezeption in der Literatur der Postmoderne. Dabei wird insbesondere der Frage nachgegangen, ob sich die Mythenrezeption als valides Unterscheidungskriterium zwischen der Moderne und der Postmoderne eignet und welche spezifischen Rezeptionsstrategien dabei zum Einsatz kommen.
- Historischer Abriss der Mythenrezeption von der Antike bis zur Gegenwart
- Analyse der postmodernen Mythenrezeption am Beispiel von Christoph Ransmayrs Roman "Die letzte Welt"
- Diskussion aktueller theoretischer Ansätze zur Ästhetisierung und Funktionalisierung von Mythen
- Kritische Auseinandersetzung mit Thesen zur Abgrenzung von Moderne und Postmoderne
Auszug aus dem Buch
2.3.2.3 Eco: Ästhetisierung des Mythos als charakteristisch postmoderne Rezeptionsstrategie
Die wichtigste Rezeptionsstrategie, die für die literarischen Werke der Postmoderne nachzuweisen ist, ist die Ästhetisierung des überlieferten Mythos. Umberto Eco sieht diese sogar als charakteristisch für die Postmoderne an. Wichtigste Zeugnis um diese Auffassung zu belegen ist seine Nachschrift zum „Namen der Rose“.36
Die knappe Formel Mythisierung sei „eine Form der Ästhetisierung“37 ist mit Sicherheit zutreffend und findet sich in zahlreichen Werken. Um diese Form der Mythosrezeption zu verdeutlichen sei ein Vergleich mit Schillers Ballade „Die Kraniche des Ibykus“ herangezogen38. Der verarbeitete Mythos hat bei Schiller eine gänzlich andere Funktion als in Werken der Postmoderne: Die Erinnyen, welche auftreten, dienen nicht der Verflüchtigung des Mythos zum ästhetischen Spiel, wie es die Postmoderne gerne arrangiert, sondern soll die mythische Macht präsent halten, das Publikum sollte an die mögliche Existenz der Götter zumindest während des Vortrages glauben. Das Verhältnis von Kunst und Mythos bei Schiller verhält sich im Grunde umgekehrt proportional zu Texten der Moderne und Postmoderne: Die Ballade steht für eine Mythisierung der Kunst, daraus folgt, dass die Kunst in diesem Falle nicht autonom ist sondern der Stütze durch den Mythos bedarf. In postmodernen Werken ist hingegen eine Ästhetisierung des Mythos zu verzeichnen, sie betonen die bei Schiller versagte Kunstautonomie. In postmodernen Romanen wird deutlich, das der Mythos Objekt einer Behandlung ist, während dies bei Schiller nicht zutrifft.39
Zusammenfassung der Kapitel
1. Mythenrezeption seit der Antike: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über die historische Entwicklung der Mythenrezeption, von den antiken Ursprüngen bis hin zur Instrumentalisierung in der deutschen Literaturgeschichte.
2. Mythenrezeption in der Postmoderne: Hier erfolgt eine tiefgehende Analyse der Mythenrezeption in der Postmoderne, wobei verschiedene Rezeptionsstrategien theoretisch beleuchtet und an literarischen Beispielen, insbesondere Ransmayrs Werk, verdeutlicht werden.
3. Zusammenfassung der Ergebnisse: Das abschließende Kapitel resümiert, dass die Mythenrezeption kein hinreichendes Kriterium zur scharfen Trennung von Moderne und Postmoderne darstellt und viele Kontinuitätslinien zwischen den Epochen bestehen.
Schlüsselwörter
Mythenrezeption, Postmoderne, Moderne, Christoph Ransmayr, Die letzte Welt, Ästhetisierung, Umberto Eco, Mythos, Literaturwissenschaft, Rezeptionsstrategien, Erzähltheorie, Mythologie, Literaturgeschichte, Intertextualität, Narrativik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie antike Mythen in der postmodernen Literatur aufgegriffen und neu interpretiert werden und ob dies als spezifisches Merkmal zur Abgrenzung von anderen Epochen dienen kann.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zu den zentralen Themen gehören die historischen Kontinuitäten mythischer Stoffe, die Rolle der Literatur im modernen Zeitalter und die theoretische Fundierung verschiedener Rezeptionsstrategien.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es zu klären, ob die Mythenrezeption als Kriterium zur Unterscheidung zwischen Moderne und Postmoderne taugt und wie Autoren der Postmoderne den antiken Mythos als künstlerisches Arbeitswerkzeug nutzen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird ein literaturwissenschaftlicher Ansatz gewählt, der theoretische Konzepte (u.a. von Eco, Schmeling, Fiedler) mit der detaillierten Analyse eines Primärtextes (Christoph Ransmayr) verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden theoretische Diskussionen zur Mythenrezeption geführt, die Besonderheiten der postmodernen Herangehensweise definiert und verschiedene spezifische Strategien (wie Ästhetisierung oder "Rezeption einer Rezeption") dargelegt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Mythenrezeption, Postmoderne, Ästhetisierung und Narrativik charakterisiert.
Welche Rolle spielt Ransmayrs "Die letzte Welt" in der Untersuchung?
Der Roman dient als zentrales, praxisnahes Beispiel, an dem die theoretischen Annahmen zur postmodernen Mythenverarbeitung durch das Aufzeigen von apokalyptischen Motiven und der Transformation von Göttergeschichten demonstriert werden.
Wie definiert die Arbeit das Verhältnis von Mythos und Postmoderne?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass der Mythos in der Postmoderne primär als ästhetisches Konstrukt und als "Arbeitswerkzeug" fungiert, wobei der Fokus auf dem Erzählprozess selbst liegt und weniger auf der Vermittlung überzeitlicher Wahrheiten.
Warum hält die Autorin die Abgrenzung von Moderne und Postmoderne über Mythen für schwierig?
Die Autorin argumentiert, dass zu viele Kontinuitätslinien bestehen und die postulierten spezifisch "postmodernen" Verfahren oft auch in modernen Texten (wie bei Thomas Mann) nachweisbar sind.
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- Eva-Maria Burger (Author), 2009, Mythenrezeption in der Postmoderne, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/144017