Wie unabhängig ist die Forschung? Nicht sehr, meinen Kritiker und zeigen mit dem Finger auf die Pharmafirmen. Doch ohne den großen Partner aus der Industrie ist die Entwicklung eines neuen Medikaments nahezu unmöglich. Abhilfe aus dem Dilemma verspricht die Stärkung unabhängiger Studieninstitute. Noch ist die Medikamentenforschung in staatlich geförderten Einrichtungen jedoch chronisch unterfinanziert. Wissenschaftler hoffen auf mehr Zuschüsse. Bis es soweit ist, verlaufen viele neue Ideen und Therapieansätze im Sande.
Inhaltsverzeichnis
1. Forschung, Pharma und Profit
2. Schönheitstricks für Studien
3. Nicht klein zu kriegen: der Schubladenvorbehalt
4. Nur sechs Prozent werden veröffentlicht
5. Aus Wirkung wird Zufall
6. Wichtiger als Forschung: das Marketing
7. Die schwächsten Glieder in der Kette
8. Ohne Partner geht es nicht
9. Mut zur Unabhängigkeit
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht das komplexe Spannungsfeld zwischen der unabhängigen medizinischen Forschung und den ökonomischen Interessen der Pharmaindustrie. Dabei wird insbesondere analysiert, wie sich finanzielle Abhängigkeiten und selektive Publikationspraktiken auf die Transparenz und Validität von Studienergebnissen auswirken und welche strukturellen Herausforderungen für die Wissenschaft daraus resultieren.
- Publikations-Bias und das Phänomen der in der „Schublade“ verschwundenen Studienergebnisse.
- Einfluss von industrieller Finanzierung auf das Design und den Ausgang klinischer Studien.
- Die Rolle des Pharmamarketings im Vergleich zu Investitionen in Forschung und Entwicklung.
- Herausforderungen bei der Finanzierung unabhängiger Grundlagenforschung und klinischer Studien.
- Strategien zur Stärkung der Unabhängigkeit in Forschungseinrichtungen durch staatliche Programme.
Auszug aus dem Buch
Schönheitstricks für Studien
Durch die Verquickung wirtschaftlicher Interessen und Forschung kommt es unweigerlich zu verzerrten Ergebnissen. „Es gibt eine systematischen Verzerrung in den Forschungsergebnissen, die von der pharmazeutischen Industrie gesponsert werden“, so das Fazit von Joel Lexchin. Der kanadische Gesundheitsexperte veröffentliche 2003 im British Medical Journal eine umfangreiche Übersichtsarbeit zum Thema „Pharma und Forschung“. Gesponserte Studien unterscheiden sich nicht hinsichtlich ihrer Qualität von nicht gesponserten Studien. Jedoch werden erstere deutlich später veröffentlicht, verschwinden manchmal in der Schublade und favorisieren – wenn veröffentlicht – in der Regel das eigene Produkt. Das geschieht unter anderem dadurch, dass das Produkt mit einer nicht gleichwertigen Substanz oder mit einer vergleichbaren, aber niedriger dosierten Substanz verglichen wird. Laut einer Analyse von Justin Bekelman im JAMA von 2003 kommen industriefinanzierte Studien viermal häufiger zu einem positiven Ergebnis für das Produkt des Sponsors als Forschungsergebnisse, die von den National Institutes of Health (NIH) finanziert wurden. Brustkrebs-Studien machen bei diesem Trend keine Ausnahme, dies zeigten Jeffrey Peppercorn und Kollegen in einer 2007 in Cancer veröffentlichten Übersicht.
Zusammenfassung der Kapitel
Forschung, Pharma und Profit: Einführung in das Dilemma der Abhängigkeit der Medikamentenforschung von industriellen Partnern bei gleichzeitiger Unterfinanzierung staatlicher Einrichtungen.
Schönheitstricks für Studien: Darstellung systematischer Verzerrungen in industriefinanzierten Studien, die häufiger zu positiven Ergebnissen führen.
Nicht klein zu kriegen: der Schubladenvorbehalt: Analyse der Schwierigkeiten bei der verpflichtenden Registrierung klinischer Studien zur Vermeidung des Zurückhaltens negativer Daten.
Nur sechs Prozent werden veröffentlicht: Empirische Untersuchung der geringen Erfolgsquote bei der Veröffentlichung industriefinanzierter onkologischer Studienergebnisse.
Aus Wirkung wird Zufall: Demonstration des Publikations-Bias am Beispiel der verzerrten Wirksamkeitsdarstellung von Antidepressiva.
Wichtiger als Forschung: das Marketing: Analyse der hohen Ausgaben für Marketing im Vergleich zu F&E und der Einflussnahme auf die Ärzteschaft durch Opinion-Leader-Strategien.
Die schwächsten Glieder in der Kette: Untersuchung neuer Einflusswege über Patientenorganisationen und Selbsthilfegruppen bei der Vermarktung medizinischer Produkte.
Ohne Partner geht es nicht: Diskussion über die Abhängigkeit der Forschung von Industriegeldern und die chronische Unterfinanzierung an Universitätskliniken.
Mut zur Unabhängigkeit: Aufzeigen von staatlichen Förderprogrammen und Modellen zur Stärkung der Unabhängigkeit von Grundlagenforschung und Klinik.
Schlüsselwörter
Pharmaforschung, Publikations-Bias, klinische Studien, Pharmaindustrie, Interessenkonflikte, Medikamentenentwicklung, Gesundheitswesen, Schubladeneffekt, Forschungsfinanzierung, Unabhängigkeit, onkologische Forschung, Arzneimittelmarketing, Studienqualität, Transparenz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der problematischen Verflechtung von wirtschaftlichen Interessen der Pharmaindustrie und der unabhängigen medizinischen Forschung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Kernbereichen gehören der Publikations-Bias, industriefinanzierte Forschung, Methoden der Marketingeinflussnahme sowie die Finanzierungsproblematik in der universitären Medizin.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Auswirkungen von Interessenkonflikten auf die Veröffentlichung klinischer Studien aufzuzeigen und die Notwendigkeit größerer Unabhängigkeit in der Forschung zu verdeutlichen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin stützt sich auf eine Analyse von Fachpublikationen, Meta-Studien aus renommierten Journalen wie dem BMJ oder JAMA und wertet aktuelle gesundheitspolitische Entwicklungen aus.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil beleuchtet die Mechanismen der Ergebnisverzerrung („Schönheitstricks“), die Diskrepanz zwischen Marketing- und Forschungsausgaben sowie Strategien zur stärkeren rechtlichen und finanziellen Absicherung unabhängiger Institute.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Pharmaforschung, Publikations-Bias, Interessenkonflikte, Medikamentenentwicklung und klinische Studien.
Welche Rolle spielen „Megabrands“ für den Forschungsverlauf?
Megabrands sind umsatzstarke Medikamente, deren Erfolgsaussichten oft die Entscheidung darüber beeinflussen, welche medizinischen Fragestellungen überhaupt finanziert und erforscht werden.
Warum fordern Experten wie das IQWIG strengere Registrierungspflichten?
Um dem „Schubladeneffekt“ entgegenzuwirken, bei dem negative Studienergebnisse unter Verschluss gehalten werden, fordert das IQWIG die verpflichtende Registrierung aller klinischen Studien bei Beginn.
- Quote paper
- Fabienne Hübener (Author), 2009, Pharma, Forschung und Profit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/144061