Ich schreibe, also bin ich - Nachweis der eigenen Existenz durch eine Hausarbeit zu Descartes‘ erster Gewissheit?


Seminararbeit, 2009

15 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
Was ist Descartes‘ erste Gewissheit und welche Konsequenzen hat dies für meine Existenz als Verfasser oder Leser eines philosophischen Textes?

2. Die Suche nach einer ersten Gewissheit
Warum waren die vorherigen Grundlagen des Denkens unzureichend?
Wofür wird diese erste Gewissheit benötigt?
Wie kann nach Descartes Wahrheit festgestellt werden?
Welche Probleme zieht diese Definition nach sich?

3. Entdeckung der ersten Gewissheit in „ego sum, ego existo“
3.1. „Ego sum, ego existo“ als notwendige Wahrheit
Inhaltliche Darstellung der cartesischen Argumentation
3.2. „Ego sum, ego existo“ als einzig mögliche erste Gewissheit
Was unterscheidet „ego sum, ego existo“ vom Gebrauch beliebiger anderer Sätze?
Kann „denken“ beliebig durch „zweifeln“ ersetzt werden?
3.3. Descartes‘ erste Gewissheit – ein logischer Schluss?
Ist Descartes‘ erste Gewissheit ein syllogistischer Schluss?
Kann die erste Gewissheit überhaupt ein logischer Schluss sein?

4. Descartes‘ erste Gewissheit und sein Körper-Seele-Dualismus
Darstellung der Argumentationskette von der ersten Gewissheit zur Unterscheidung von „res cogitans“ und „res extensa“

5. „Ich schreibe, also bin ich“ – ein möglicher Beweis?
Reflexion, ob eine Hausarbeit eher eine „Selbstbestätigung“, denn ein Beweis oder gar eine erste Gewissheit sein kann

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Cogito, ergo sum.“ – „Je pense, donc je suis.“ – „Ich denke, also bin ich.“

Als Descartes diesen Satz 1637 anonym im „Discours de la méthode“[1] veröffentlichte, war ihm mit Sicherheit die intellektuelle Sprengkraft dieser Worte bewusst. Dass in Anspielung auf diese Erkenntnis mehr als 350 Jahre später Hörgeräte[2], Luxusautos[3] und Parfums[4] beworben werden, wäre dem Rationalisten Descartes hingegen wohl weder realistisch vorgekommen, noch wird es seinem philosophischen Werk gerecht. So gehört Descartes‘ Cogito „mit all seinen bewussten Umformulierungen zweifelsohne zu den populärsten Zitaten der Weltliteratur“[5], aber mit Sicherheit nicht zu den bestverstandenen.

Das Cogito als erste Gewissheit der Philosophie Descartes‘ und der darauf aufbauende Körper-Seele-Dualismus stellen einen Wendepunkt der menschlichen Selbstwahrnehmung dar und waren richtungsweisend für die moderne Philosophie. Als Reflexionsphilosophie problematisierte Descartes die Frage, mit welcher Gewissheit wir von einer Welt außerhalb unseres Bewusstseins reden können – eine Problemstellung an der sich alle Philosophen nach ihm messen lassen mussten und die uns bis heute beschäftigt.[6] In dieser Hausarbeit soll daher die Frage untersucht werden, was diese erste Gewissheit Descartes‘ genau darstellt und welche Konsequenzen dies für meine Existenz als Verfasser oder Leser eines philosophischen Textes hat. Dazu stelle ich, zeitgeistgemäß eher frei nach Descartes, die These „ich schreibe, also bin ich“ auf, um kritisch zu überprüfen, ob ich mir selbst, oder sogar Ihnen, dem Leser dieses Textes, meine Existenz durch das Verfassen dieser Hausarbeit beweisen kann.

Zunächst sollen daher die Grundlagen einer ersten Gewissheit nach Descartes analysiert und anschließend insbesondere auf den Satz „ego sum, ego existo“ in Descartes‘ zweiter Meditation eingegangen werden. Dieser mag zwar nicht die Plakativität besitzen, die dem „cogito, ergo sum“ zu Weltruhm verhalf. Er vermeidet jedoch einige inhaltliche Probleme, auf die ich im Kapitel 3.3 gesondert eingehen werde und stellt meiner Ansicht nach Descartes’ Wunsch nach einem festen gedanklichen Fundament am besten dar.

Danach werde ich zeigen, warum dieser Satz als einziger eine Basis sicherer Erkenntnis bilden kann und darauf aufbauend Descartes Körper-Seele-Dualismus erläutern. Auf dieser Wissensgrundlage schließe ich mit einer Einschätzung, welche Aussagen die Erkenntnisse der folgenden zehn Seiten über Ihre und meine Existenz zulassen.

2. Die Suche nach einer ersten Gewissheit

Descartes‘ erste Meditation beginnt mit einem philosophischen Paukenschlag:

„Schon vor einer Reihe von Jahren habe ich bemerkt, wieviel Falsches ich in meiner Jugend habe gelten lassen und wie zweifelhaft alles ist, was ich hernach darauf aufgebaut, daß ich daher einmal im Leben alles von Grund aus umstoßen und von den ersten Grundlagen an neu beginnen müsse, wenn ich jemals für etwas Unerschütterliches und Bleibendes in den Wissenschaften festen Halt schaffen wollte.“[7]

In diesem einleitenden Satz skizziert er die Grundidee des methodischen Zweifels, wonach auf der Suche nach einer ersten Grundlage alles zu bezweifeln ist, was nicht vollkommen sicheres Wissen darstellt. Anhand praktischer Beispiele, wie dem Träumen oder perspektivischen Sehen, zeigt er, inwiefern Sinneseindrücke der Außenwelt den Menschen täuschen können und somit die empirische Wahrnehmung der Außenwelt nicht das Fundament für wahre Erkenntnisse darstellen kann. Gibt es keine solche unbezweifelbare erste Gewissheit, so muss auch alles folgende, darauf aufbauende Wissen bezweifelt werden und es kann folglich überhaupt kein sicheres Wissen geben. Um aber eine solche endgültige Sicherheit sowohl im Gebrauch der gedanklichen (Logik), wie in der Beherrschung der materiellen Welt (Physik) zu ermöglichen[8], versucht der überzeugte Naturwissenschaftler Descartes eben einen solchen Archimedischen Punkt zu finden, um die (gedankliche) Welt seiner Zeit aus den Angeln zu heben.[9] Aber warum sollte eine einzige wahre Erkenntnis ausreichen, um Sicherheit über darauf folgende Erkenntnisse zu ermöglichen? Zwei Antworten erscheinen formal als plausibel: Entweder, weil sich alle weiteren Erkenntnisse deduktiv aus der ersten Gewissheit ableiten lassen oder weil sie uns die Methode zeigt, wie wir weitere, sichere Erkenntnisse erlangen können.[10] Ersteres würde in der praktischen Anwendung jedoch bedeuten, dass bereits die gesamte Erkenntnis über die innere und äußere Welt in einem Satz zusammengefasst werden könnte. Da dies sehr zweifelhaft erscheint, nehmen wir stattdessen an, dass die erste Gewissheit als Maßstab genommen wird, an dem sich jede weitere Erkenntnis messen lassen muss. Besitzt sie die gleichen Eigenschaften wie die erste Gewissheit, so muss sie ebenso wahr sein.[11] Doch welche Eigenschaften sind dies?

Eine Erkenntnis kann für Descartes nur dann wahr sein, wenn sie intuitiv evident ist. Intuition darf dabei nicht im Sinne eines subjektiven Gefühls verstanden werden, wie es der heutige Sprachgebrauch nahelegt, sondern bezeichnet ein „einfaches und distinktives Begreifen des reinen aufmerksamen Geistes.“[12] Es bezeichnet daher einen erforderlichen Erkenntnisvorgang bei unbestreitbaren Denknotwendigkeiten, der in der Natur des Menschen angelegt ist.[13] Durch einen eben solchen Vorgang kann dann die Evidenz eines Gedanken erkannt werden.[14]

Eine Erkenntnis muss mit anderen Worten folglich klar, deutlich und unzweifelhaft sein, um als erste Gewissheit angesehen werden zu können. Dies führt jedoch zu dem Paradoxon, dass Descartes Kriterien für eine solche Erkenntnis anlegt, die im Sinne des methodischen Zweifels auch für die Kriterien selbst gelten müssten.[15] Woher weiß ich beispielsweise, was die Worte „klar“, „deutlich“, „unzweifelhaft“ und alle weiteren Gegenstände der Erkenntnis bedeuten? Descartes selbst entgegnet in einem Kommentar zu den Principia philosophiae auf diese Frage wenig überzeugend:

„[B]ecause these are very simple notions, and ones which on their own provide us with no knowledge of anything which exists, I did not think they needed to be listed.”[16]

Die Erklärung, woher wir unser Wissen über die Bedeutung von Wörtern haben, wird Descartes uns daher weiterhin schuldig bleiben. Diese Frage sei jedoch zu Gunsten einer besseren Argumentation von jetzt an beiseite gestellt, unter der Annahme, dass der Mensch natürlicherweise über das benötigte Sprachverständnis verfügt.

Viel wichtiger bleibt nämlich die Frage: Woher weiß ich, dass die erste Erkenntnis klar, deutlich und unzweifelhaft sein muss? Denn auch dieses Prinzip an sich, dass nach Ansicht Descartes’ keiner weiteren Begründung bedarf, müsste im Sinne des methodischen Zweifels erst gerechtfertigt werden, bevor wir es annehmen können.

[...]


[1] Descartes, René: Discours de la Méthode. Bericht über die Methode. Stuttgart 2001 [1637]. S. 65.

[2] Vgl. Mieder, Wolfgang: „Cogito, ergo sum“ – Ich denke, also bin ich. Das Descartes-Zitat in Literatur, Medien und Karikaturen. Wien 2006. S. 218. „Ich höre, also bin ich.“

[3] Vgl. ebd. S. 223. „I pursue, therefore I am.” - Lexus

[4] Vgl. ebd. S. 225. „I sense, therefore I am.“ – Giorgio Armani.

[5] Ebd. S. 8.

[6] Vgl. Holz, Hans Heinz: Descartes. Frankfurt a. M. und New York 1994. S. 142.

[7] Descartes, René: Meditationen über die Grundlagen der Philosophie. Hamburg 1993 [1641]. S. 31.

[8] Vgl. Prechtl, Peter: Descartes zur Einführung. Hamburg 2000. S. 22f.

[9] Vgl. Descartes 1993. S. 43.

[10] Vgl. Hatfield, Gary: Routledge Philosophy Guidebook to Descartes and the Meditations. Abingdon u. New York 2003. S. 101.

[11] Sarkar, Husain: Descartes‘ Cogito. Saved from the Great Shipwreck. Cambridge 2003. S. 92f.

[12] Prechtl 2000. S. 58.

[13] Vgl. ebd. S.58f.

[14] Vgl. Ebd. S.68.

[15] Vgl. Sarkar 2003. S. 83.

[16] Curley, Edwin: The Cogito and the Foundations of Knowledge, in: Gaukroger, Stephen (Hg.): The Blackwell Guide to Descartes’ Meditations. Malden u. a. 2006. S. 39.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Ich schreibe, also bin ich - Nachweis der eigenen Existenz durch eine Hausarbeit zu Descartes‘ erster Gewissheit?
Hochschule
Universität Rostock
Veranstaltung
Philosophie der Neuzeit
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
15
Katalognummer
V144105
ISBN (eBook)
9783640535057
ISBN (Buch)
9783640535170
Dateigröße
506 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Cogito ergo sum, Descartes, erste Gewissheit, Existenz
Arbeit zitieren
Peer Klüßendorf (Autor), 2009, Ich schreibe, also bin ich - Nachweis der eigenen Existenz durch eine Hausarbeit zu Descartes‘ erster Gewissheit?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/144105

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