Der Roman "Die Wahlverwandtschaften" ist nicht nur aufgrund seiner Interferenzen von Naturwissenschaften und Literatur für die Forschung von Bedeutung, sondern weil er darüber hinaus den Umbruch, der sich wissenschaftshistorisch vollzog, verhandelt. Diese These wurde in der Forschung bereits mehrfach aufgestellt, allerdings ohne sie weiter auszuführen. Deshalb ist es das Ziel dieser Arbeit, darzulegen, inwiefern der Roman den Umbruch vom Einheits- zum Differenzdenken reflektiert und problematisiert.
Goethe gilt als einer der letzten Universalgelehrten, der bestrebt war, Dichtung und Naturforschung in seinem Schaffen zu verbinden. Dies ist bemerkenswert vor dem Hintergrund, dass sich im Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert ein tiefgreifender Paradigmenwechsel vollzog, in dessen Folge sich die seit der Antike bestehende Einheit von Naturwissenschaft und Dichtung allmählich auflöste. Diese Trennung festige sich im Laufe des 19. Jahrhunderts und mündete in dem bis heute bestehenden Dualismus von Natur- und Geisteswissenschaften.
Die Relation von Literatur und Wissenschaft rückte Mitte des 20. Jahrhunderts ins Interesse der Forschung und ist seitdem Gegenstand verschiedenster kultur- wissenschaftlicher sowie wissenschaftshistorischer Forschungsrichtungen.
Das Forschungsinteresse galt dabei auch immer wieder Goethes Roman "Die Wahlverwandtschaften", der "wie kein anderer Text auf der Grenze zwischen wissenschaftlichen und poetischen Argumentationsfeldern steht".
Da "Die Wahlverwandtschaften" ein breites Spektrum zeitgenössischer Naturwissenschaft verhandeln, ist es erforderlich, sich auf einen Aspekt zu beschränken. Das Experiment eignet sich, wie gezeigt werden wird, dafür in besonderem Maße, weil es als tertium comparationis von Wissenschaft und Literatur sowohl deren Einheit als auch Differenz offenlegt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Naturwissenschaft und Dichtung um 1800
2.1 Goethes Wissenschaftsbegriff
2.2 Naturwissenschaft und Dichtung bei Goethe
3. Das Experiment um 1800
3.1 Goethes Haltung zu Experimenten
3.2 Experiment und Literatur
3.3 Das Experiment in den Wahlverwandtschaften
4. Die Wahlverwandtschaften als Gattungsexperiment
4.1 Goethes Haltung zum Gattungsexperiment
4.2 Tagebuch und Aphorismus: zwischen Naturwissenschaft und Dichtung
4.3 Ottilies Tagebuch
5. Der Erzähler als Naturforscher
5.1 Objektivität des Erzählers
5.2 Wandel der Erzählhaltung
5.3 Ironisierung des Erzählers
6. Die Figuren als chemische Substanzen
6.1 Die Figuren als Objekte und Subjekte
6.2 Die Experimente der Figuren
6.2.1 Die Vermessungen des Hauptmanns
6.2.2 Die Gleichnisrede
6.2.3 Das Pendelexperiment
6.2.4 Eduards Selbstversuch
6.3 Exkurs
6.3.1 Die Polarität der Figuren
6.3.2 Einheit und Trennung
7. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht das Verhältnis von Naturwissenschaften und Poesie in Goethes Roman „Die Wahlverwandtschaften“. Das primäre Ziel ist es, das Experimentalparadigma des Romans auf Gattungs-, Erzähler- und Figurenebene zu analysieren und aufzuzeigen, inwiefern der Roman den zeitgenössischen Umbruch vom Einheits- zum Differenzdenken reflektiert und dabei eine subtile Kritik an den modernen, strikt empirischen Naturwissenschaften leistet.
- Goethes Verständnis von Naturforschung und Experiment
- Der Roman als „Gattungsexperiment“ unter integration aphoristischer Elemente
- Der Erzähler in der Rolle des beobachtenden Naturforschers
- Die Allegorisierung der Figuren als chemische Substanzen
- Die Problematisierung der Polarität von Einheit und Trennung
Auszug aus dem Buch
3.2 Experiment und Literatur
Experimente sind an der Schnittstelle von Naturwissenschaft und Literatur angesiedelt. Diese zunächst kontraintuitive Feststellung erklärt sich vor dem Hintergrund eines Umbruchs im Dichterkonzept, der zu einer neuen Sichtweise auf Literatur und Ästhetik führte: Anstelle des poeta doctus, der sich an den Regelpoetiken orientierte, setzte sich der Geniebegriff und damit eine autonomiebestimmte Herangehensweise durch. Mit der Emanzipation aus den „Verflechtungen des Gelehrtendiskurses“ gewann die Literatur Raum zur freien Entfaltung, konnte Möglichkeiten und deren Konsequenzen durchspielen, Szenarien beschreiben, ohne sie umsetzen zu müssen und wurde insofern zu einem „Experimentierfeld“. Die Einsicht in „eine prinzipiell ergebnisoffene“ und kontingente Weltordnung verbindet literarische und naturwissenschaftliche Sphäre miteinander.
Allerdings besitzt nicht nur die Literatur eine Disposition zum Experiment: Aufgrund der Tatsache, dass Experimente immer inszeniert und konstruiert sind, ist ihnen von vornherein ein poetisches Gehalt inhärent, wodurch sie sich als „gleichermaßen wissenschaftliche und literarische Kategorie“ qualifizieren.
Neben den Konvergenzen von Experimenten und Literatur gibt es aber auch Differenzen, die darauf zurückzuführen sind, dass literarische Experimente nicht in identischer Form zum Vorgehen in den Naturwissenschaften umgesetzt werden können: Naturwissenschaften besitzen Zugriff auf die Objektwelt, während Literatur der Imagination verhaftet bleibt. Aufgrund dieser Diskrepanz wurde die Verwendung des Experimentbegriffs für den Bereich des Literarischen kritisiert, weil eine Übertragung nur im metaphorischen Sinne möglich sei. Da der Künstler keine richtigen Prozesse darlegen, sondern nur Ergebnisse präsentieren könne, kokettiere die Literatur lediglich mit der wissenschaftlichen Methode. Vom Experiment in Literatur zu sprechen, wäre ein „Bluff“ und könne einem wissenschaftlichen Anspruch nicht gerecht werden. Es kann also nur dann am Begriff des Experiments für Literatur festgehalten werden, wenn es über eine rein inhaltliche Implementierung hinaus als form- und gestaltgebendes Prinzip im Text wirksam wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die historische Differenzierung von Naturwissenschaft und Dichtung um 1800 ein und stellt die Relevanz von Goethes Roman als Diskursfeld für dieses Spannungsverhältnis heraus.
2. Naturwissenschaft und Dichtung um 1800: Dieses Kapitel verortet das philosophische Umfeld und Goethes ambivalenten Wissenschaftsbegriff zwischen romantischer Naturbetrachtung und empirischer Genauigkeit.
3. Das Experiment um 1800: Hier wird die Bedeutung des Experiments als erkenntnistheoretisches Instrument sowie dessen theoretische Übertragbarkeit auf literarische Texte problematisiert.
4. Die Wahlverwandtschaften als Gattungsexperiment: Untersuchung des Romans als textuelle Anordnung, die durch Gattungsmischung und die Integration von Briefen und Aphorismen experimentellen Charakter annimmt.
5. Der Erzähler als Naturforscher: Analyse der Erzählhaltung, die zwischen distanzierter Beobachtung und subjektiver Involvierung schwankt und somit die Souveränität des auktorialen Experiments unterläuft.
6. Die Figuren als chemische Substanzen: Untersuchung der Protagonisten als Versuchssubjekte, deren Handlungen in Analogie zu chemischen Gesetzmäßigkeiten beschrieben werden, während sie gleichzeitig individuelle Subjektivität beanspruchen.
7. Fazit: Zusammenfassende Einschätzung des Experimentalparadigmas als Mittel zur kritischen Auseinandersetzung mit wissenschaftshistorischen Wandlungsprozessen und der Allegorisierung der Differenz zwischen Vernunft und Emotion.
Schlüsselwörter
Naturwissenschaft, Dichtung, Goethe, Die Wahlverwandtschaften, Experiment, Experimentalparadigma, Erzähler, Aphorismus, Figurenanalyse, Gattungsexperiment, Subjektivität, Objektivität, Chemische Substanzen, Einheit, Trennung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Verschränkung von naturwissenschaftlichen Verfahren und literarischen Formprinzipien in Goethes Roman „Die Wahlverwandtschaften“.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Mittelpunkt stehen das Experiment als Erkenntnisinstrument, der Wandel der Erzählerhaltung sowie die Analogie zwischen menschlichen Beziehungen und chemischen Reaktionen.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, darzulegen, wie Goethe durch das „Experimentalparadigma“ im Roman den Umbruch im Wissenschaftsverständnis um 1800 reflektiert und die Trennung von Naturwissenschaft und Dichtung problematisiert.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die das Werk auf der Gattungs-, Erzähler- und Figurenebene untersucht und diese mit wissenschaftshistorischen Kontexten sowie zeitgenössischen Definitionen des Experimentbegriffs kontrastiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Gattungsexperiments, die Rolle des Erzählers als „Naturforscher“ und die Analyse der Figuren als agierende Experimentalsubjekte bzw. -objekte.
Durch welche Schlüsselbegriffe ist die Arbeit charakterisiert?
Wichtige Begriffe sind unter anderem „Experimentalparadigma“, „Subjekt-Objekt-Beziehung“, „Analogiebildung“, „Ironie“ und die „Auflösung der Einheit“ von Natur und Geist.
Inwiefern ist der Erzähler in Goethes Roman als Naturforscher zu verstehen?
Der Erzähler imitiert den Gestus eines Forschers, der die Figuren wie Parameter in einer Versuchsanordnung beobachtet. Gleichzeitig zeigt die Arbeit jedoch auf, dass diese Neutralität durch die subjektive Nähe und Inkonsistenzen in der Erzählweise ironisch unterlaufen wird.
Welche Funktion hat das Tagebuch der Ottilie innerhalb des Experiments?
Das Tagebuch fungiert als „Versuchscharakter“-Element, das aufgrund seiner aphoristischen Struktur den Rezipienten zur analogen Sinnstiftung zwingt und somit das literarische Werk in ein ergebnisoffenes Experimentierfeld transformiert.
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- Anonym (Autor:in), 2023, Naturwissenschaften und Dichtung bei Goethe. Eine Untersuchung des Experimentalparadigmas im Roman "Die Wahlverwandtschaften", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1441051