Analyse und Vergleich von Valentin de Boulognes "Die Wahrsagerin"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

21 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe


Gliederung:

1. Valentin de Boulogne: ein kurzer Lebenslauf

2. Valentin de Boulogne: Wahrsagerin
2.1 Barock und Genremalerei
2.2 Bildbeschreibung
2.3 Moralische Lehre im Bild
2.4 Thematisierung von Schicksal

3. Vergleichspeispiele
3.1 Falschspieler und Trickbetrüger
3.2 Wahrsagerinnen
3.2.1 Vergleich mit Caravaggio
3.2.1 Vergleich mit Manfredi
3.3 Wirtshausszenen
3.3.1 Bei Caravaggio
3.3.2 Bei Manfredi

4. Musik in der Malerei

5. Schlussbemerkung

6. Bibliographie

1. Valentin de Boulogne: ein kurzer Lebenslauf

Valentin de Boulogne wurde 1591 in Frankreich, in Coulommiers- en Briegeboren. Mit nur 41 Jahren starb er schon sehr jung, im Jahre 1632. Es heißt, erstarb an einer Grippe, die er sich geholt hatte nachdem er feiern und trinken warund danach in einen Brunnen baden ging. Sein Vater war ebenfalls Maler, undaußerdem Glasbläser. Es wird vermutet, dass Valentin zuerst von seinem Vaterunterrichtet wurde, dann weitere künstlerische Erfahrungen in Paris undFontainbleau sammelte, bevor er nach Italien ging. Es ist nicht ganz klar, wanngenau er in Italien auftauchte, aber das erste Mal definitiv erwähnt wurde er 1620,als er in der Pfarrgemeinde von Santa Maria del Popolo wohnte. Dort lebte er ineiner Wohngemeinschaft zusammen mit zwei ebenfalls französischen Künstlern,Gérad Douffet und David Lariche. Es heißt, in Rom war er Schüler von SimonVouet, einem fast gleichaltrigen, ebenfalls französischem Künstler. 1624 warValentin unter dem pseudonym „Amador“ oder „Inamorato“ Mitglied einerhauptsächlich holländischen und flämischen Malergemeinschaft namensSchildersbent. In seinem sehr kurzen Leben schuf Valentin 75 Gemälde, wobeiman vor allem über seine letzten Lebensjahre und die Werke, die er in dieser Zeitgeschaffen hatte, weiß. Damals bekam er sehr viele Aufträge aus der francophilenBarberini Familie. Das Gemälde der Wahrsagerin allerdings gehörte Ludwig demXIV. von Frankreich.

2. Valentin de Boulogne: Wahrsagerin

2.1 Barock und Genremalerei

Barock ist der in Europa vorherrschende Kunststil von etwa 1600 bis 1750.Er ging von Italien aus und verbreitete sich über ganz Europa und in einigenKolonien. Auch das entsprechende Zeitalter wird oft Barock genannt. DieBezeichnung Barock wurde zunächst abwertend gebraucht, hierzu einer derwichtigsten Kunsthistoriker Erwin Panofsky: „das Wort Baroco diente dazu allesWild- Verworrene, Unklare, Wunderliche und Nutzlose zu kennzeichnen“1. Heutesteht das Wort auch für verschnörkelt, überladen und vereinzelt für seltsam- grotesk. Die geistige Grundlage des Barock war nicht mehr Optimismus, wie nochin der Renaissance, sondern nun prägte Pessimismus das allgemeineLebensgefühl. Kunstgeschichtlich wird der Barock unterteilt in die EpochenFrühbarock, Hochbarock und Spätbarock. Die kunstgeschichtliche Spätphase desBarock, das Rokoko, wird häufig als eigener Stil bezeichnet. In der Barockmalereikam es zu einer Synthese von Manierismus und Hochrenaissance. Mit demManierismus widmete sich die Malerei zum ersten Mal explizit demUnausgewogenen und Bizarren, menschliche Affekte wurden thematisiert. Heutewird solch eine Darstellung Genre- Malerei genannt. Valentin de Boulogne istberühmt für seine Genre Darstellungen und Schenkenszenen mit Musikanten,Trinkern und Wahrsagerinnen. Das vorliegende Gemälde Wahrsagerin gehörtauch zu dieser Gruppierung. Es wird eine Szene aus dem Alltagsleben dargestellt,wobei es sich hierbei meistens um das Leben des normalen oder niederen Volkeshandelte, des Bürgertums, der Bauern oder der sozialen Randgruppen. Der BegriffGenre entwickelte sich namentlich im „bürgerlichen“ 19. Jahrhundert. Da „Genre“mit „Gattung“ übersetzt werden kann, waren einige Ästhetiker im 19. Jahrhundertder Meinung, sie sehen „in den Bildern des Alltagslebens den<Gattungscharakter> des menschlichen Geschlechts, sein <Naturleben>, sein<Thun und Treiben auf eine mehr instinktive Weise ausgeprägt> “2. DieseThemen aus dem Volksleben fanden Anklang durch ihre Neuartigkeit, wecktenaber auch tief im Inneren verborgene soziale Ängste und Zwangsvorstellungen,die Besorgnis über die Wechselfälle von Glück und Schicksal, von Täuschungund Betrug.3

2.2 Bildbeschreibung

Das Gemälde der Wahrsagerin (ca.1628) wurde mit Öl auf Leinwandgemahlt, umfasst die Maße 125 x 175 cm, und hängt heute im Louvre in Paris.Es ist in zwei Bildgründe unterteilt. Der Hintergrund ist mit einer dunklen Wandsehr einfach gehalten. Der Vordergrund ist ausgefüllt von einer Gruppe mit sechsPersonen, die um einen großen Holztisch stehend oder sitzend versammelt sind.Es ist anzunehmen, dass sich diese Szene in einem Wirtshaus abspielt. Ein Mannund eine Frau in der rechten Bildhälfte musizieren. Die Frau spielt auf einer Laute, ihren Blick auf den ihr gegenübersitzenden Mann im Schatten gerichtet.Der Mann musiziert auf einer Harfe, den Blick aus dem Bildgeschehen heraus inRichtung des Betrachters gerichtet. In der Bildmitte ist das Hauptthemadargestellt, eine Zigeunerin, die einem jungen Mann aus der Hand liest. Diesersitzt im Gegensatz zu allen anderen mit dem Rücken zum Betrachter, mit dereinen Hand sich am Stuhl abstützend, so als ob er sich etwas unwohl in seinerHaut fühlt und verängstigt und unsicher ist was ihm seine Zukunft bringen wird.Das Gesicht ist gebannt auf seine Handfläche gerichtet mit dem Ausdruck vonErwartung und Vorsicht was die Wahrsagerin ihm für seine Zukunft voraussagenwird. Die junge, sehr unschuldig wirkende Wahrsagerin steht zu seiner Linkenund sieht mut anmutigem Blick auf die Hand des Jünglings, merkt dabei abernicht, wie ihr von hinten die Geldbörse aus der Tasche geklaut wird. Der Dieb,ganz links im Bildrand abgebildet, ist kaum sichtbar, es ist nur der Schatten einesMannes erkennbar. Sein Gesicht ist im Dunklen verborgen, das einzig Sichtbareund in den Vordergrund Gerückte ist seine stehlende Hand. Im Gegensatz zu denanderen Figuren, ist sowohl bei der Zigeunerin als auch bei dem Dieb das Gesichtkaum sichtbar, es ist verborgen im Schatten dargestellt. Dies hebt noch einmalihre Verbindung zueinander hervor, aber auch ihre Funktion als Schattenfigureninnerhalb der Gesellschaft.

Im Hintergrund am anderen Ende des Tisches, sichtbar zwischen der Wahrsagerin und dem jungen Mann sitzt eine weitere Person. Der Jüngling schaut mit verträumtem, abwesendem Blick in die Richtung der Wahrsagerin. Es scheint als ob er den Diebstahl zwar mitbekommt, aber nichts weiter unternimmt, dem Schicksal einfach seinen Lauf lassen will.

2.3 Moralische Lehre im Bild

Es ist unschwer zu erkennen, dass Valentin de Boulogne dem Betrachter hier eine moralische oder psychologische Lehre übermitteln will: man sollte seinen Nächsten nicht bestehlen oder betrügen, denn es kommt immer zurück wie man es austeilt. Während die Wahrsagerin den jungen Mann ausnimmt und ihm vortäuscht sie könne ihm sein Glück und Schicksal vorhersagen, wird ihr Glück, hier dargestellt als ihre Geldbörse, gestohlen. Somit fällt sie einem anderen Dieb zum Opfer und wird zum betrogenen Betrüger.

Diese Art der Verhaltenskritik und Moralisierung in der Kunst erinnert sehr an den niederländischen Maler Hieronymus Bosch aus dem 15. Jahrhundert. Bosch (1450-1516) versuchte durch seine satirische Darstellungsweise mangelhafte Tugend oder gesellschaftliche Missstände anzuklagen. Ein gutes Beispiel hierfür ist sein Gemälde Tod eines Geizhalses (1490, National Gallery, Washington), in dem Bosch die Raffgier und Geldscheffelei privilegierter Personen darstellt, die die Bedürftigkeit des einfachen Volkes ausnutzen und sich auf Kosten der Armen immer weiter bereichern. Sein Bild ist eine Ermahnung, sich im Angesicht des Todes nicht für den falschen Weg zu entscheiden.

Anm. des Lektorats: Abbildung aus urheberrechtlichen Gründen entfernt

Bosch, Tod eines Geizhalses Auf dem Gemälde ist der Geizhals zweimal abgebildet. Einmal zu sehen imVordergrund zu einer früheren Zeit, als er noch Rosenkranz betend, Gold inseinen prall gefüllten Geldsack in eine Truhe wirft. Dies soll eine Rückblende aufsein Leben als Geizhals darstellen. Die Truhe ist bis zum Rand gefüllt mitSilbergut und Briefen, wobei diese Schuldschreibungen und Verpfändungensymbolisieren sollen. Die Ritterrüstung im rechten unteren Bildrand weist aufseine privilegierte Herkunft hin. Im Hintergrund ist der Geizhals ein zweites Mal zu erkennen, hier als sterbender Mann im Bett. Während im linken Bildrand der Tod in Person im Türrahmen steht, versucht der Engel, der rechts vom Geizhals auf dem Bett kniet, seine Aufmerksamkeit auf das Kruzifix im Fenster zu lenken. Doch dieser ist nur fasziniert von dem Geldsack, den ihm der Dämon zu seiner Linken überreicht. Über dem Bett beugt sich der Teufel zu ihm herunter, der nur darauf wartet, seine Seele aufzufangen.

Auch wenn in dem Gemälde von Bosch eine andere Thematik dargestellt ist als bei der Wahrsagerin, ist die moralische Lehre der beiden Bilder trotzdem vergleichbar. Während bei Bosch das Schicksal noch auf das Leben nach dem Tod ausgedehnt wird, geht es bei Valentin um das aktuelle Schicksal, allerdings beinhalten doch beide die gleiche Moral: alles Handeln und Tun eines jeden Menschen ist wie ein Spiegelbild, es kommt alles so zu einem zurück wie man sich selbst seiner Umwelt gegenüber verhält.

2.4 Thematisierung von Schicksal

Jede Figur im Gemälde hat eine ganz bestimmte Rolle, bzw. eine direkteVerbindung zueinander. Nur der verträumte Jüngling im Hintergrund scheint dieeinzige Figur zu sein, die nicht so richtig in diesen Rahmen passt. Doch beinäherer Betrachtung erkennt man auch in ihm eine ganz besondere Rolle. Er istder Reflexionsspiegel zum Betrachter des Gemäldes, ein Reflexionsbild auf dasLeben. Er sieht, wie dem jungen Mann der ihm gegenüber sitzt, aus der Handgelesen wird, wie die Wahrsagerin diesem Lebensweg und Schicksal prophezeit.Der junge Mann erfährt somit sein Schicksal schon im Vorhinein und könnte aufdiese Weise seinen Lebensweg beeinflussen. Dieser Akt der Prophezeiung ist eineAllegorie auf das menschliche Streben nach dem richtigen Lebensweg, demStreben nach Glück, und dem Wissen um den richtigen Weg. Der Mensch stehtvor einer ständigen Entscheidung des Lebenswegs, je nachdem welcheEntscheidungen getroffen werden, kann das Leben komplett unterschiedlichverlaufen. Die Kunst ist es, die richtigen Entscheidungen zu treffen, wenn esdarum geht eine Richtung einzuschlagen. Der nachdenkliche Blick des Jünglingslässt darauf schließen, dass er in diesem Moment vor genau einer solchenEntscheidung steht. Er beobachtet den Diebstahl und stellt sich nun die Frage, ober dem Schicksal seinen Lauf lässt, oder sich einmischt und den Betrug aufklärt, und somit dem Schicksal eine andere Richtung gibt. Auf diese Weise wird er zumReflexionsspiegel des Betrachters, der täglich vor Lebensentscheidungen, vorSchicksalsentscheidungen steht. In vielen von Valentins Gemälden werden dieFiguren noch durch Bilddiagonalen zueinander in Beziehung gesetzt, so auch indiesem. Bei genauerem Betrachten erkennt man eine Diagonale von demverträumten Jüngling zum alten Mann (Musiker in der rechten Bildhälfte). DieDarstellung des alten Mannes, neben seiner Funktion als Musiker, könnte man mitdieser Verbindung also auch als retrospektiven Rückblick auf das Leben deuten.

3. Vergleichsbeispiele

3.1 Falschspieler und Trickbetrüger

Der Vorwurf der auf Gewinn bedachten Täuschung, der Ausnutzung einesarglosen Vertrauens wurde unter anderem den Bettlern und fahrenden Leutengemacht. Zu diesen gehörten Gaukler, aber auch die von Ort zu Ort ziehendenWahrsager. Weissagungen gerieten prestigemäßig seit der Antike immer mehr inVerruf und wurden in vulgarisierter Form von Leuten praktiziert, die von denEliten als Gauner und Kriminelle eingestuft wurden. Dieses Thema wurdeangeklagt als gesellschaftlicher Misstand, und wie meist, erfolgte die Kritikzunächst in Kunst und Literatur. Bei Cervantes Novelle „La gitanilla“ heißt esgleich zu Beginn:

„Es scheint als würden Zigeuner und Zigeunerinnen nur geboren um Diebe zu sein; ihreEltern sind Diebe, unter Dieben wachsen sie auf; sie erlernen das Diebeshandwerk undwerden schließlich mit allen Salben geschmierte Diebe. Die Lust am Stehlen selbst ist ihnen so zur zweiten Natur geworden, dass nur der Tod sie davon abbringt.“4

Gerade in der Zeit des 17. Jahrhunderts wurde das Vorurteil der betrügerischenAbsicht von Wahrsagerinnen, meistens Zigeunerinnen, sehr oft in der Kunstbehandelt. Rom galt während der Entstehungszeit des Gemäldes als „Paradies derSchwindler“5. Die römischen Straßen wurden als eine Art Theater gesehen, in denen nur die Abgebrühtesten überlebten. Der verführerische Glanz dieserrömischen Halbwelt war für Künstler sehr faszinierend und wurde oft thematisiert.Neben vielen Gemälden wurde dieses Thema zum Beispiel auch in Kupferstichendargestellt, wie in Giovanni Antonio de’ Paulus’ Stich Die Betrügereien der Welt(1590), der eine Mustersammlung von Tricks der Bettler und Hausierer zeigt. Mansieht eine Zigeunerin beim Wahrsagen stehlen, ein Beutelschneider schleicht sichvon hinten an einen Astrologen heran und macht sich lustig über dessen Versuche,die Zukunft vorherzusehen, oder ein Hühnerhändler zieht einem Dummkopf einenunerhörten Preis aus der Tasche.6

Anm. des Lektorats: Abbildung aus urheberrechtlichen Gründen entfernt Paulus, Die Betrügereien der Welt Auch in der Literatur hielt eine Welle der Begeisterung für Schelmenromane an,in denen die bunten Abenteuer von Vaganten, Schelmen und Zigeunern erzähltwurden. Einige dieser Romane waren sogar Grundlage für Gemälde. Künstler wieMichelangelo Merisi Caravaggio (1571-1610) begannen Szenen aus demAlltagsleben darzustellen, und das mit großem Erfolg. Für sie war es eineneugewonnene Freiheit, sich von den strengen Regeln der Werkstattpraxis zutrennen, in denen es bisher galt, nur die ideale Schönheit in den Figurendarzustellen.

[...]


1 Panofsky, Erwin. Was ist Barock?. Hamburg 2005, S.14

2 Schneider, Norbert. Geschichte der Genremalerei. Wiss. Buchgesellschaft 2004, S.8

3 Brown, Beverly Louise (Hrsg.). Die Geburt des Barock. Stuttgart 2001, S.44

4 Schneider, 2004, S.8

5 Brown, 2001, S.44

6 Brown, 2001, S.46

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Analyse und Vergleich von Valentin de Boulognes "Die Wahrsagerin"
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Kunstgeschichte)
Note
2,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
21
Katalognummer
V144113
ISBN (eBook)
9783668673618
ISBN (Buch)
9783668673625
Dateigröße
526 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Valentin de Boulogne, Die Wahrsagerin, Kunst
Arbeit zitieren
Corinna Friedrich (Autor:in), 2007, Analyse und Vergleich von Valentin de Boulognes "Die Wahrsagerin", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/144113

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