Ein Vergleich: Das Weltende bei Jakob van Hoddis und Georg Heym


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

18 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Gliederung:

1. Jakob van Hoddis und Georg Heym im Expressionismus

2. Jakob van Hoddis: Weltende
2.1 Wirkungsgeschichte
2.2 Formale Aspekte
2.3 Interpretation
2.4 Darstellung des Bürgers

3. Georg Heym : Die Menschen stehen vorwärts in den Straßen
3.1 Wirkungsgeschichte
3.2 Formale Aspekte
3.3 Interpretation

4. Vergleich und Resümee

5. Bibliographie

1. Jakob van Hoddis und Georg Heym im Expressionismus

Die Epoche des Expressionismus ist gekennzeichnet durch Industrialisierung und Automatisierung sowie Anonymisierung und Verelendung. Der Erfahrungsbereich der Großstadt spielte in der Zeit des Expressionismus eine wichtige Rolle in der Literatur. Ohne die unmittelbare Großstadterfahrung wäre der Expressionismus kaum denkbar gewesen. Die Stadt bot den Schriftstellern eine schier unerschöpfliche Vielfalt an Themen und Bildern, auf die sie in ihren Werken zurückgreifen konnten. Gegenstand dieser Arbeit sind die Gedichte Weltende von Jakob van Hoddis und Die Menschen stehen vorwärts in den Straßen von Georg Heym, welche zum Signal der Zeit um 1910 wurden. Beide Gedichte thematisieren ein Weltende. Ich werde in meiner Arbeit jedes Werk vorstellen und interpretieren und im Resümee auf die Unterschiede und Gemeinsamkeiten in der Umsetzung des Themas Weltende eingehen.

Jakob van Hoddis kam 1887 in Berlin als Sohn einer jüdischen Familie zur Welt. Berühmtheit erlangte er vor allem durch das Gedicht Weltende. Sein ursprünglicher Name war eigentlich Hans Davidsohn; erst im Jahr 1909, als sein Vater starb, legte er sich das Pseudonym Jakob van Hoddis zu, wobei van Hoddis ein Anagramm seines Nachnamens Davidsohn ist. Während seines Altphilologie-Studiums in Berlin stand er der studentischen Verbindung Freie wissenschaftliche Vereinigung nahe, über die er den Jurastudenten und späteren Schriftsteller Kurt Hiller kennenlernte. 1908 konnte er, gefördert durch Hiller, mit einigen Gedichten debütieren. Zusammen mit Erwin Loewenson gründeten sie 1909 in den Hackeschen Höfen in Berlin den Neuen Club1 und organisierten unter dem Namen Neopathetisches Cabaret literarische Abende. Seine ersten Psychosen (Schizophrenie) machten sich 1912 bemerkbar, und ab 1922 befand er sich deshalb in ständiger privater Pflege. Aufgrund der nationalsozialistischen Machtübernahme wurde er am 30. April 1942 aus seiner „Israelitischen Heil- und Pflegeanstalt“ in Bendorf-Sayn nach Polen deportiert und in Sobibór noch im selben Jahr im Alter von 55 Jahren ermordet.

Georg Theodor Franz Artur Heym ist 1887 in Hirschberg, Schlesien geboren. Das Verhältnis zu seinem gut bürgerlich-konservativen Elternhaus war sehr problematisch. Georg Heym studierte in Berlin Jura, obwohl er eigentlich die Rechtwissenschaften hasste. Es war das Metier seines Vaters, durch den er sich zu dieser akademischen Laufbahn genötigt sah. Am 29. November 1910 hält er dazu in seinem Tagebuch fest:

„Meine Natur sitzt wie in der Zwangsjacke. Ich platze schon in allen Gehirnnähten. [...] Und nun muss ich mich vollstopfen wie eine alte Sau auf der Mast mit der ... Juristerei, es ist zum Kotzen. Ich möchte das Sauzeug lieber anspeien, als es in die Schnauze nehmen. Ich habe solchen Trieb, etwas zu schaffen. Ich habe solche Gesundheit, etwas zu leisten. Ja, es ist zum Scheil3en. ... Wenn ich blol3 etwas, etwas Geld hätte, ich hätte schon lange was anderes angefangen.“2

Entscheidend für die Entwicklung des Lyrikers Heym wird der Winter 1909/1910, in den die Gründung des Neuen Clubs fällt (s.o.) und in dem er fortan Mitglied war. Im Jahr 1912 verunglückte er tödlich beim Schlittschuhlaufen auf der Havel, als er seinem Freund Ernst Balcke das Leben retten wollte. Trotz seines kurzen Lebens (er wurde nur 24 Jahre alt) gilt Heym heute als einer der bedeutendsten Lyriker deutscher Sprache und Wegbereiter des literarischen Expressionismus.

2. Jakob van Hoddis: Weltende

Das Gedicht Weltende von Jakob van Hoddis sorgte Anfang des 20. Jahrhunderts für Begeisterungsströme. Für viele waren diese acht Verse der Beginn einer neuen Form der Lyrik, bei der weder zeitliche noch räumliche Begrenzungen existierten und somit die Totalität der behandelten Thematik offen blieb.3 Das Gedicht hatte den Nerv der Zeit getroffen, da das Gefühl, in einer Endzeit zu leben, ein verbreitetes Gefühl in dieser Epoche war.4

Weltende (1910)

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
in allen Lüften hallt es wie Geschrei.

Dachdecker stürzen ab und gehen entzwei

Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.5

2.1 Wirkungsgeschichte

Jakob van Hoddis` Gedicht Weltende erschien erstmals 1911 in der Berliner Zeitschrift Der Demokrat; entstanden ist es aber vermutlich schon Mitte 1910.6 Weltende wurde zur eigentlichen Basis des Frühexpressionismus: Gottfried Benn datierte von diesem Gedicht her den Beginn der expressionistischen Literaturbewegung.7

Jakob van Hoddis beschrieb in diesen acht Zeilen die Stimmung einer ganzen Generation und gab der Ahnung vom bevorstehenden Zusammenbruch (des deutschen Kaiserreichs) eine Sprache. Die Verse wurden für wenige Außenseiter, die dieses bemerkten, zum Signal dieser Zeit.8 Johannes R. Becher kommentierte die durchschlagende Wirkung des Gedichtes folgendermaßen:

„Meine poetische Kraft reicht nicht aus, um die Wirkung jenes Gedichtes wiederherzustellen, von dem ich jetzt sprechen will. Auch die kühnste Phantasie meiner Leser würde ich überanstrengen bei dem Versuch, ihnen die Zauberhaftigkeit zu schildern, wie sie dieses Gedicht „Weltende“ von Jakob van Hoddis für uns in sich barg. Diese zwei Strophen, o diese acht Zeilen, schienen uns in andere Menschen verwandelt zu haben, uns emporgehoben zu haben aus dieser Welt stumpfer Bürgerlichkeit, die wir verachteten, und von der wir nicht wussten, wie wir sie verlassen sollten. Diese acht Zeilen entführten uns. Immer neue Schönheiten entdeckten wir in diesen acht Zeilen [...]. Wir fühlten uns wie neue Menschen, wie Menschen am ersten geschichtlichen Schöpfungstag, eine neue Welt sollte mit uns beginnen, und eine Unruhe, schworen wir uns, zu stiften, daß den Bürgern Hören und Sehen vergehen sollte und sie geradezu als eine Gnade betrachten würden, von uns in den Orkus geschickt zu werden.“9

Auch der Verleger von Die Aktion, Franz Pfemfert, ist von van Hoddis` Gedicht fasziniert. In der ersten Gedichtsammlung von Jakob van Hoddis, erschienen 1918, stellt Pfemfert folgende Zeilen voran:

„...dieses Gedicht des genialen Jakob van Hoddis leitete im Januar 1911 die ‚Aktionslyrik’ ein, die jetzt das Schlagwort ‚expressionistische Lyrik’ nennt. Ohne Jakob van Hoddis wäre unser Alfred Lichtenstein, wären die meisten ‚fortschrittlichen’ Lyriker, undenkbar.“10

Sowohl Pfemfert als auch Johannes R. Becher sind der Ansicht, dass van Hoddis für Dichter wie Ernst Blass und Alfred Lichtenstein ein Vorbild gewesen sei. Mit dem Gedicht Weltende setze er der Hoffnungslosigkeit „radikale, in Ironie und Groteske gipfelnde Ablehnung des Daseins und durchgehende Negierung jeder überkommenen Wertsetzung“11 entgegen. Er trifft trotz Subjektivität und individuellem Schicksal den Nerv einer ganzen Epoche, denn das Gefühl in einer Endzeit zu leben, war ein verbreitetes Merkmal dieser Zeit.12 Nach Läufer wird die vordergründige Harmonie von van Hoddis durch die einfachsten lyrischen Mittel wie Ironisierung, Deformation und Desillusionierung zerstört. Dadurch wird die Skrupellosigkeit, Verlogenheit und Perversität des Bürgers sichtbar, allerdings werden so auch die irrationalen Ängste und Gehemmtheiten innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft aufgedeckt. Nach Läufer ist das Individuum bei van Hoddis immer das Opfer von gesellschaftlichen Zwängen, der spießbürgerlichen Genusssucht und Egozentrik. Für viele waren diese acht Verse der Beginn einer neuen Form der Lyrik, bei der weder zeitliche noch räumliche Begrenzungen existieren, und somit die Totalität der behandelten Thematik offen blieb.13

2.2 Formale Aspekte

Das Gedicht Weltende von Jakob van Hoddis besteht aus zwei Strophen mit jeweils acht Versen. Die beiden Strophen unterscheiden sich der Form nach im Reimschema. Während die Verse 1 - 4 durch einen umarmenden Reim (a b b a) verbunden werden, bringt der Kreuzreim (c d c d) in der zweiten Strophe eine formale Eigendynamik in das Gedicht hinein. Der achtzeilige Text ist im typisch expressionistischen Reihungsstil - das heißt, jede Zeile entspricht einem eigenen, in sich abgeschlossenen Bild – dargestellt. Darüber hinaus fällt auf, dass allen Substantiven ein bestimmter Artikel vorangestellt ist, welcher den einzelnen Ereignissen einen gewissen Grad an Allgemeingültigkeit zukommen lässt. Das entscheidende formale Merkmal jedoch ist die starke Diskrepanz zwischen Form und Inhalt. Während das Reimschema und das Metrum (5-hebiger Jambus) regelmäßig sind, steht der Inhalt im starken Kontrast zur Form. Eine weitere formale Eigenschaft dieser acht Verse ist das Prinzip der losen Reihung von Einzelbildern. Nach Reiter bedeutet für das Gedicht diese lose Reihung, dass es sich nicht von Vers zu Vers entwickelt, sondern dass keine im Zusammenhang stehenden Visionen auftauchen, diese aber beliebig und ohne erkennbares System aus einer Skala von möglichen Ereignisse herausgegriffen sind. So kommt es dazu, dass ein Schnupfen neben einer Sintflut steht und ein davonfliegender Hut neben zu Tode gefallenen Dachdeckern und hinabstürzenden Eisenbahnen dargestellt ist. Das Gedicht gibt die Flut, der auf das in der Großstadt lebende Individuum einströmenden Eindrücke wieder. Diese Reizüberflutung führt zu einer simultanen Gedichtstruktur, welche als Mittel zur Wiedergabe zeitgleicher Wahrnehmungen verwendet wird.14 Nach Reiter hält diese Technik des „Simultanismus“ das Gedicht in einer offenen Gedichtstruktur, und somit könnte man die Reihe der Ereignisse beliebig erweitern und fortsetzen. Für van Hoddis war es wichtig, dass er mit seiner offenen Gedichtstruktur und dem „Simultanismus“ eine gewisse Weltweite erzeugt.15 Die Parenthese "liest man" in der Schlusszeile der ersten Strophe gibt dem ganzen Gedicht den Charakter eines Zeitungs-Cross-readings, d.h. einer Montage verquer zusammengesetzter Nachrichten.

2.3 Interpretation

Das Gedicht wirkt auffallend klar und im Ton fast ein wenig unterkühlt ironisch. Bereits in der ersten Zeile des Gedichtes wird der Leser darauf aufmerksam gemacht, wer von dem losbrechenden Chaos betroffen sein wird: der Bürger (bzw. das Bürgertum).

[...]


1 Nach Loewenson: „eine Vereinigung von Studenten und jungen Künstlern, die sich geschworen haben, den Blasphemien dieser Zeit nicht länger untätig zuzusehen und ihren Ekel vor allem Commishaften im Kunst- und Wissenschaftsbetrieb und ihre Bewunderung der Einzelgeister öffentlich kundzutun“ (in: Schneider, Karl Ludwig. Georg Heym- Dichtungen und Schriften, Band 4. München 1981, S.394)

2 Heym, Georg. Dichtungen und Schriften- Gesamtausgabe, Band 3. Hg. von Karl Ludwig Schneider. München 1981, S.152

3 Reiter, Udo. Jakob van HoddisLeben und lyrisches Werk. Göppingen 1970, S.140

4 es war das Ende des deutschen Kaiserreichs und eine signalisierenden Umbruchstimmung erfasste vor allem die junge Generation

5 Nörtemann, Regina. Jakob van Hoddis Dichtungen und Briefe. Zürich 1987, S.248/49

6 er schrieb das Gedicht in zeitlicher Nähe zum Wiedererscheinen des Halleyschen Kometen im Mai 1910, das in ganz Europa Panikstimmung auslöste: man fürchtete, dass es beim Durchgang der Erde durch den Schweif des Wandelsterns zu weltzerstörenden Explosionen kommen würde

7 Riha, Karl: Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut. In: Gedichte und Interpretationen. Vom Naturalismus bis zur Jahrhundertmitte, Band 5. Hg. von Harald Hartung. Stuttgart 1987, S.119

8 Hornbogen, Helmut . Jakob van Hoddis- Die Odyssee eines Verschollenen. München 1986, S.69

9 Reiter, 1970, S.30f

10 Reiter, 1970, S.31

11 Reiter, 1970, S.115

12 Reiter, 1970, S.115

13 Reiter, 1970, S.140

14 Läufer, Bernd. Jakob van Hoddis: Der Varieté-Zyklus. Frankfurt am Main 1992, S.27

15 Hornbogen, 1986, S.73

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Ein Vergleich: Das Weltende bei Jakob van Hoddis und Georg Heym
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Deutsche Philologie)
Note
2,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
18
Katalognummer
V144114
ISBN (eBook)
9783640530793
ISBN (Buch)
9783640530908
Dateigröße
466 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Vergleich, Weltende, Jakob, Hoddis, Georg, Heym
Arbeit zitieren
Corinna Friedrich (Autor), 2007, Ein Vergleich: Das Weltende bei Jakob van Hoddis und Georg Heym, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/144114

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