Ethisches Argumentieren in der Schule

Gesellschaftliche, psychologische und philosophische Grundlagen und didaktische Ansätze


Hausarbeit, 2009

21 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung
1.1. Die Risikogesellschaft und ihre Auswirkungen auf Jugendliche
1.2. Die „Bastel-Moral“, die „Lebensgestaltungskompetenz“ und das „Denken der Schüler“ im LER-Unterricht

2. Ethisches Argumentieren in der Schule
2.1. Der Begriff Ethik
2.2. Die Systematisierung der Ethik
2.3. Voraussetzungen, Ethik zu betreiben
2.4. Argumentieren und Argumentierkompetenz
2.5. Ethisches Argumentieren in der Schule

3. Fazit

1. Einführung

Das Argumentieren gehört nicht nur zum Handwerkszeug des Rhetorikers, es ist die Grundlage jeder Ethik, die Moral begründet, rechtfertigt oder untermauert. In dem Sinne ist das Argumentieren eine wichtige Fähigkeit, die Schüler im Ethik- bzw. im LER-Unterricht nicht nur verstehen, sondern gar praktisch beherrschen müssen, z.B. wenn über ethische Themen, wie Todesstrafe, Gerechtigkeit oder Glück in der Klasse diskutiert, debattiert oder gestritten wird. Die Fragen, die sich dabei jedem Ethik- bzw. LER-Lehrer zwangsläufig aufdrängen, sind mannigfaltig: Mit wem hat es der Lehrer zu tun? Wer sind die Schüler? Welche Moral bringen Sie aus welcher Gesellschaft in die Klasse? Was ist überhaupt Ethik? Was heißt überhaupt „argumentieren“? Können Schüler, Kinder und Jugendliche überhaupt argumentieren? Sind sie nicht zu jung, zu unreif, zu unerfahren dafür, v.a. wenn es um so abstrakte, komplizierte und hochgradig niveauvolle Fragen der Moral geht? Sind Kinder und Jugendliche damit nicht gar überfordert? Wenn ja, wie legitimiert sich dann überhaupt die E-Dimension von LER, wie legitimiert sich der Ethik-Unterricht? Wenn nein, welche Ansätze können Lehrer verfolgen, um Kinder und Jugendliche zum ethischen Argumentieren zu bewegen? Jene Fragen will ich versuchen, im Folgenden zu beantworten.

1.1. Die Risikogesellschaft und ihre Auswirkungen auf Jugendliche

Die gesellschaftliche Wirklichkeit hat sich in den letzten Jahrzehnten rapide verändert. Während noch in den 50er Jahren traditionelle Prinzipien für die Lebensgestaltung galten, Grundsätze, die die Gesellschaft zusammengehalten haben, so gilt heute in unserer fragmentarisierten Gesellschaft der Pluralismus, die Heterogenität von Standpunkten bzgl. der Lebensgestaltung. Dieser Pluralismus führt nicht nur zu mehr Kontroversen, Debatten oder zu mehr Konflikten, sondern auch zu Flexibilisierungen auf den Arbeitsmarkt, der eine zentrale Rolle in der Lebensgestaltung des Menschen im Westen spielt. Während früher das Prinzip galt, dass man nach der Schule eine Ausbildung anzustreben hatte, die zur lebenslangen Festanstellung mit der Aussicht auf eine Karriereleiter führte, so reden wir heute von Ich-AGs, von Zeitarbeit, von Projekten, Umschulungen, von der „digitalen Bohéme“[1], in der Folge von gebrochenen Lebensläufen, etc.…, von Arbeitskonzeptionen, die uns mehr Freiheiten, aber gleichzeitig weniger Sicherheiten bringen und zwar aufgrund von mehr Risiken (z.B. jederzeit gekündigt zu werden, keine Aufträge mehr zu bekommen oder nach der befristeten Stelle keinen Anschluss mehr zu finden). Ulrich Beck bezeichnet in diesem Zusammenhang die Gesellschaft, in der wir heute leben, als „Risikogesellschaft“ und redet im Rahmen unserer individualisierten Lebensgestaltung von der „Bastel-Biografie“[2] .

Jene „Risikogesellschaft“ hat Auswirkungen auf die Lebensgestaltung der Jugendlichen und somit auf die Schüler der 7. bis zur 10. Klasse im LER-Unterricht. Zunächst ist zu verdeutlichen, dass die Jugend als soziale Kategorie nicht mehr als homogene Gruppe verstanden werden kann, sondern, wie die Gesellschaft an sich, als heterogene, plurale und zutiefst komplexe Gruppe[3], die sich von Erwachsenen lediglich hinsichtlich entwicklungspsychologischer und sozialer Anforderungen und Erwartungen unterscheidet.[4] Entsprechend gibt es eine Reihe von Jugendstudien, die die Vielfalt der Jugend hinsichtlich unterschiedlicher Aspekte verdeutlicht. Die Shell-Studie 2006 differenziert Jugendliche gemäß ihrem Verhalten bzgl. der Zukunftsperspektive auf dem Arbeitsmarkt in resignierend („Zögerliche Unauffällige“ und „Robuste Materialisten“) und optimistisch („Selbstbewusster Macher“ und „Engagementelite“).[5] Einerseits gibt es Jugendliche, die aufgrund einer Perspektivlosigkeit in Unsicherheiten, Ängste, Aggressionen oder Depressionen geraten, da sie im Rahmen der Risikogesellschaft, ihre Prinzipien, ihre Werte, wie „Sicherheit“, „Zusammenhalt“ oder „Ordnung“ in ihrer Zukunft nicht realisiert sehen. Andererseits betrachten Jugendliche ihre Zukunft optimistisch, in dem Sinne, dass sie realisieren, dass es heute weit mehr Möglichkeiten gibt, sich selbst zu verwirklichen, statt vorgegebenen Mustern zu folgen. In dieser Multi-Optionalität predigen sie Werte, wie „Offenheit“, „Vielfalt“ und „Freiheit“ und gestalten ein pragmatisches Leben, in dem Entscheidungen nicht nach Idealen getroffen werden, sondern individuell danach, was im Einzelfall als sinnvoll erscheint. Diese Jugendlichen besitzen also nicht mehr nur die Werte ihrer Bezugsgruppe (z.B. ihrer Familie), sondern dazu noch Werte, die sie im Laufe der Zeit über Freunde, Familie, Medien, Internet, etc.… individuell gesammelt haben und die sie sich so zu einer Individualmoral „zurechtgebastelt“ haben. So entsteht im jugendlichen Individuum, angelehnt an den Beck’schen Begriff der „Bastel-Biografie“ eine „Bastel-Moral“, die sich flexibel jederzeit und überall „vorzeigen, ausprobieren und umbauen lässt.[6]

1.2. Die „Bastel-Moral“, die „Lebensgestaltungskompetenz“ und das „Denken der Schüler“ im LER-Unterricht

Eine „Bastel-Moral“ zu entwickeln, um sie dann vorzuzeigen, auszuprobieren oder umzubauen, kann heißen, in Beliebigkeit zu verfallen, kann aber auch heißen, Moralitäten stets zu reflektieren, über Moral an sich häufig nachzudenken, Grundlegendes, z.B. Ideologien und Utopien stets zu hinterfragen, statt blind den Prinzipien und Sehnsüchten der älteren Generation zu folgen. Wo können Jugendliche ihre „Bastel-Moral“, die sie regelmäßig individuell entwickeln, vorzeigen, ausprobieren oder umbauen? Wo können Jugendliche ihre „Bastel-Moral“ reflektieren? Nicht nur im Alltag, nicht nur unter Freunden und in der Familie, vor allem in der Schule, konkret im Ethik- bzw. im LER-Unterricht spielt die Reflexion über Moral und in dem Sinne die Reflexion über die eigene individuelle „Bastel-Moral“ im Rahmen der Lebensgestaltung in der Gesellschaft eine Rolle. Im Fach LER ist die E-Dimension (Ethik-Dimension) für das rationale, analytische und kritische Nachdenken über Moral vorgesehen:

Die E-Dimension entwickelt ethisch-moralisches Denken, Argumentieren sowie Urteilen und fragt nach Kriterien und Maßstäben dafür.[7]

Schüler bringen also ihre pragmatische, individuelle „Bastel-Moral“ aus der pluralistischen Gesellschaft, aus ihrer Lebenswelt, in der sie leben, in den Ethik- bzw. in den LER-Unterricht. Dort soll diese weiter entwickelt werden, in ein „ethisch-moralisches Denken“ weiter vertieft werden. So steht im Lehrplan des Ministeriums für Bildung, Jugend und Sport im Land Brandenburg für das Schulfach LER, der Unterricht

„…zielt auf die Entwicklung einer Lebensgestaltungskompetenz im weiten Sinne. Darunter ist die Fähigkeit der Schülerinnen und Schüler zu verstehen, ihr Leben auf der Grundlage moralischer Urteilskompetenz verantwortungsbewusst und reflexiv in einer pluralistischen Gesellschaft zu gestalten. (…) Das geschieht im Hinblick auf ethisch-moralische Kriterien für die Lebensgestaltung des Einzelnen und der Gesellschaft, unterschiedlicher religiöser bzw. weltanschaulicher Konzeptionen und von biografischen Erfahrungen, die in den Jahrgangsstufen 7 bis 10 besonderen

Veränderungen und Belastungen unterliegen.“[8]

Das Fach LER erhebt also den progressiven Anspruch, dass die Schüler die Fähigkeit besitzen und weiter entwickeln sollen, ihr Leben selbst gestalten und zwar auf mannigfaltigen Grundlagen, einerseits auf individuelle, anderseits auf gesellschaftliche Kriterien, einerseits auf religiöse bzw. weltanschauliche Konzeptionen, andererseits auf eigene biografische Erfahrungen. Das heißt: Der LER-Unterricht fördert die eigenständige Lebensgestaltung auf der Grundlage des Pluralismus. Der LER-Unterricht fördert somit die jugendliche „Bastel-Moral“, fördert die Auseinandersetzung mit vielfältigen Moralitäten und führt somit den Begriff „Lebensgestaltungskompetenz“ ein, fernab von jeder kanonisierten, gleichschrittigen Allgemeinbildung für alle Schüler. Was ist hier unter „Kompetenz“ zu verstehen? Eine zentrale Definition des Kompetenzbegriffs finden wir bei Weinert:

„Unter Kompetenzen versteht man die bei Individuen verfügbaren oder durch sie erlernbaren kognitiven Fähigkeiten und Fertigkeiten, um bestimmte Probleme zu lösen, sowie die damit verbundenen motivationalen, volitionalen und sozialen Bereitschaften und Fähigkeiten, um Problemlösungen in variablen Situationen erfolgreich und verantwortungsvoll nutzen zu können.“[9]

Insofern Schüler „kognitiven Fähigkeiten und Fertigkeiten“ nutzen, um so „Lebensgestaltungskompetenz“ zu erwerben, so heißt dies, dass der Schüler vom Lehrer stimuliert werden muss, selbst zu denken, was bedeutet, dass der Lehrer seine Schüler zu keiner fertigen Moral leiten oder führen sollte. Edelstein und Oser betonen:

„Nun soll der Unterricht in LER Maximen des guten Lebens nicht durch eine affirmative Indoktrinierung, moralische Normen nicht durch Konformität gegen die jeweilige Autorität (…) vermitteln.“[10]

Entsprechend fordern Edelstein und Oser von Lehrkräften ein „Denken an das Denken der Schüler“[11] Das heißt, LER-Lehrer müssen bzw. sollten, statt sich selbst und ihre eigene Moral zu vermitteln, Schüler anregen, geistige Handlungen (Operationen) selbst zu begehen, wie z.B. vergleichen, bewerten, darstellen, ordnen, umgestalten, anwenden, etc…. Jene kognitiven Leistungen können in dem Sinne Lernziele des Faches LER sein. Und in diesem Sinne ist auch das Argumentieren eine kognitive Leistung und somit ein Lernziel und in dem Sinne Teil der Lebensgestaltungskompetenz.

Im Folgenden soll auf das ethische Argumentieren in der Schule konkreter eingegangen werden. Dazu werden zunächst die philosophischen Begriffe „Ethik“ und „Argumentieren“ geklärt.

[...]


[1] Von Selbstständigen und Freiberuflern wird das flexible Arbeiten in Projekten als positiv gesehen, die 8-Stunden-pro-Tag-Festanstellung dagegen als Belastung empfunden, so z.B. bei Holm Friebe und Sacha Lobo, die in der „digitalen Bohéme“, in der „Solo-Selbstständigkeit“ im „Web 2.0“, im Internet die Zukunft sehen und dafür positive Kritik ernten, vgl.: Friebe, Holm; Lobo, Sascha: "Wir nennen es Arbeit: Die digitale Boheme …", Heyne Verlag, 2006

[2] Beck, Ulrich: „Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne“, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1986: S. 217

[3] Krüger, Heinz-Hermann, Grunert, Cathleen (Hrsg.): „Handbuch Kindheits- und Jugendforschung“, Leske & Budrich, Opladen 2002: S. 234

[4] So wird von Jugendlichen erwartet, z.B. zu lernen oder unabhängiger von den Eltern zu werden, während von Erwachsenen erwartet wird, z.B. einer Beschäftigung auf dem Arbeitsmarkt nach zugehen oder Verantwortung für eine Familie zu übernehmen. Jene Differenz soll hier aber nicht weiter vertieft werden.

[5] Shell Deutschland Holding; „Jugend 2006. Eine pragmatische Generation unter Druck“, Fischer, Bonn 2006: S.

38-42

[6] Kuld, Lothar; Schmid, Bruno: „Lernen aus Widersprüchen“, Auer, Donauwörth 2001: S. 116

[7] Ministerium für Bildung, Jugend und Sport im Land Brandenburg (Hrsg.): „Rahmenlehrplan für die Sekundarstufe I. Jahrgangsstufen 7-10. Lebensgestaltung – Ethik – Religionskunde, 01.08.2008: S. 11

[8] ebd.: S.12

[9] Weinert, F. E.: „Vergleichende Leistungsmessung in Schulen – eine umstrittene Selbstverständlichkeit.“ In: Weinert, F. E. (Hrsg.): „Leistungsmessungen in Schulen“, Weinheim und Basel, Beltz 2001: S. 17–31

[10] Edelstein, Wolfgang; Grözinger, Karl E.; Gruehn, Sabine; Hillerich, Imma; Kirsch, Bärbel; Leschinsky, Achim; Lott, Jürgen; Oser, Fritz: „Lebensgestaltung – Ethik – Religionskunde. Zur Grundlegung eines neuen Schulfachs“, Beltz, Weinheim & Basel 2001: S. 72

[11] ebd.: S. 156

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Ethisches Argumentieren in der Schule
Untertitel
Gesellschaftliche, psychologische und philosophische Grundlagen und didaktische Ansätze
Hochschule
Universität Potsdam  (Kollegium LER)
Veranstaltung
Modul Fachdidaktik (Modul III)
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
21
Katalognummer
V144125
ISBN (eBook)
9783640526413
ISBN (Buch)
9783640525980
Dateigröße
504 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Argumentieren ist eine Fähigkeit, die Schüler in Ethik beherrschen müssen, z.B. wenn über Themen, wie Todesstrafe diskutiert wird. Die Fragen, die sich Ethik- bzw. LER-Lehrer dabei aufdrängen, sind mannigfaltig: Wer sind die Schüler? Welche Moral bringen Sie aus welcher Gesellschaft mit? Was ist Ethik? Können Kinder und Jugendliche überhaupt argumentieren? Sind sie nicht zu jung, zu unreif, zu unerfahren dafür? Wenn ja, wie legitimiert sich dann der Ethik-Unterricht? Wenn nein, welche Ansätze können Lehrer verfolgen, um Kinder und Jugendliche zum Argumentieren zu bewegen?
Schlagworte
Ethik, Schule, Argument, Argumentieren, Unterricht, Didaktik
Arbeit zitieren
Udo Lihs (Autor), 2009, Ethisches Argumentieren in der Schule, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/144125

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