Das Argumentieren gehört nicht nur zum Handwerkszeug des Rhetorikers, es ist die Grundlage jeder Ethik, die Moral begründet, rechtfertigt oder untermauert. In dem Sinne ist das Argumentieren eine wichtige Fähigkeit, die Schüler im Ethik- bzw. im LER-Unterricht nicht nur verstehen, sondern gar praktisch beherrschen müssen, z.B. wenn über ethische Themen, wie Todesstrafe, Gerechtigkeit oder Glück in der Klasse diskutiert, debattiert oder gestritten wird. Die Fragen, die sich dabei jedem Ethik- bzw. LER-Lehrer zwangsläufig aufdrängen, sind mannigfaltig: Mit wem hat es der Lehrer zu tun? Wer sind die Schüler? Welche Moral bringen Sie aus welcher Gesellschaft in die Klasse? Was ist überhaupt Ethik? Was heißt überhaupt „argumentieren“? Können Schüler, Kinder und Jugendliche überhaupt argumentieren? Sind sie nicht zu jung, zu unreif, zu unerfahren dafür, v.a. wenn es um so abstrakte, komplizierte und hochgradig niveauvolle Fragen der Moral geht? Sind Kinder und Jugendliche damit nicht gar überfordert? Wenn ja, wie legitimiert sich dann überhaupt die E-Dimension von LER, wie legitimiert sich der Ethik-Unterricht? Wenn nein, welche Ansätze können Lehrer verfolgen, um Kinder und Jugendliche zum ethischen Argumentieren zu bewegen? Jene Fragen will ich versuchen, im Folgenden zu beantworten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
1.1. Die Risikogesellschaft und ihre Auswirkungen auf Jugendliche
1.2. Die „Bastel-Moral“, die „Lebensgestaltungskompetenz“ und das „Denken der Schüler“ im LER-Unterricht
2. Ethisches Argumentieren in der Schule
2.1. Der Begriff Ethik
2.2. Die Systematisierung der Ethik
2.3. Voraussetzungen, Ethik zu betreiben
2.4. Argumentieren und Argumentierkompetenz
2.5. Ethisches Argumentieren in der Schule
3. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die theoretischen und didaktischen Grundlagen des ethischen Argumentierens im Unterricht (LER), um Wege aufzuzeigen, wie Jugendliche trotz gesellschaftlicher Pluralität und moralischer Individualisierung zu einer begründeten ethischen Urteilsfähigkeit gelangen können.
- Die Auswirkungen der „Risikogesellschaft“ auf die jugendliche Moralentwicklung.
- Die Rolle der „Bastel-Moral“ und der „Lebensgestaltungskompetenz“ im Bildungskontext.
- Methodische Ansätze für den Ethikunterricht (z.B. Toulmin-Schema, praktische Syllogismen).
- Die notwendige Balance zwischen Vermittlung von Argumentationstechniken und der inhaltlichen Reflexion moralischer Fragen.
Auszug aus dem Buch
2.4. Argumentieren und Argumentierkompetenz
Insofern wir Behauptungen, Thesen oder Urteile begründen, so argumentieren wir. Die Fähigkeit, zu argumentieren ist im Grunde eine sprachliche Fähigkeit, denn das Argumentieren an sich ist nicht nur eine geistige Fähigkeit; Es ist eine Sprechhandlung. Ziel jeder Argumentation ist es, die jeweilige Meinung mit vertiefenden Aussagen, mit mindestens einem Grund oder gar mit mehreren Gründen, zu untermauern, um so die jeweilige Ansicht zu stützen, um so im Endeffekt einen Gesprächspartner zu überzeugen. Beim ihm soll ein Verständnis für die Meinung geweckt werden. Mit dem Argument soll gezeigt werden, dass „eine jeweils bestimmte von mehreren möglichen konkurrierenden Sichtweisen angemessener ist, als andere.“
Brüning unterscheidet im Rahmen des Argumentierens mit Kindern und Jugendlichen zwischen empirische und nicht-empirische Gründe. Zu den empirischen Gründen zählt Brüning nachprüfbare Tatsachen oder Fakten. Für das ethische Argumentieren wichtig sind aber eher nicht-empirische Gründe entscheidend. Zu ihnen gehören abstrakte Konstruktionen, z.B. Regeln, Normen, Konventionen, denen man im Rahmen eines „Common Sense“ in der Gruppe der in der Gesellschaft anerkannt hat, aber auch Folgen, Zwecke oder Konsequenzen, die jeder Gesprächspartner nachvollziehen kann. Aber auch die Bezugnahme auf Autoritäten, auf Respektpersonen, gar die Bezugnahme auf Gott gehört zu den nicht-empirischen Gründen, während die Bezugnahme auf literarische oder heilige Schriften widerum nachvollziehbar sind und daher als empirisch gelten. Schließlich beschreibt Brüning emotionale Gründe bzw. die Bezugnahme auf subjektive Gefühle, wie Ängste oder Abneigungen. Alle Gründe sollen, so Brüning, als gleichwertig betrachtet werden, Schüler sollten gar eine „Kombination mehrerer Gründe“ nutzen, nicht nur z.B. emotionale Gründe.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Analysiert den Wandel zur Risikogesellschaft und die damit einhergehende Entstehung einer individuellen „Bastel-Moral“ bei Jugendlichen.
2. Ethisches Argumentieren in der Schule: Erörtert philosophische Begriffe, methodische Voraussetzungen sowie konkrete Modelle wie das Toulmin-Schema zur Vermittlung ethischer Urteilsfähigkeit.
3. Fazit: Fasst zusammen, dass die Schule Jugendliche darin unterstützen muss, ihre komplexe Individualmoral durch Argumentationstechniken in einen reflexiven Prozess der Lebensgestaltung zu überführen.
Schlüsselwörter
Ethisches Argumentieren, LER-Unterricht, Bastel-Moral, Lebensgestaltungskompetenz, Risikogesellschaft, Argumentierkompetenz, Ethik, Urteilsfähigkeit, Didaktik, Pluralismus, Toulmin-Schema, Moralpsychologie, Diskursfähigkeit, Jugendliche, Philosophie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit befasst sich mit der didaktischen Umsetzung des ethischen Argumentierens im schulischen Fach LER (Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde) unter Berücksichtigung der heutigen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Themen umfassen die soziologische Lage der heutigen Jugend, den Kompetenzerwerb zur moralischen Reflexion und die methodische Gestaltung von Ethikunterricht.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, Wege aufzuzeigen, wie Schüler dazu befähigt werden können, ihre subjektiven moralischen Vorstellungen kritisch zu hinterfragen und fundiert zu begründen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich primär auf eine theoretische Literaturanalyse sowie auf die Anwendung fachdidaktischer Modelle, wie dem Toulmin-Schema oder dem praktischen Syllogismus.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Begriffsdefinition von Ethik, die Analyse der Voraussetzungen für ethisches Argumentieren und eine Diskussion didaktischer Methoden zur Förderung der Argumentierkompetenz.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Ethisches Argumentieren, Bastel-Moral, Lebensgestaltungskompetenz, Risikogesellschaft und Urteilsfähigkeit.
Welche Rolle spielt die „Bastel-Moral“ bei der Argumentation?
Sie dient als Ausgangspunkt der Schüler im Unterricht, die nicht als fertige Norm, sondern als individuell zusammengesetztes Wertesystem reflektiert und geordnet werden muss.
Warum ist das Toulmin-Schema für den Unterricht geeignet?
Es erlaubt die visuelle Strukturierung von Argumenten, was Schülern hilft, die logischen Komponenten eines Urteils besser nachzuvollziehen und kritisch zu prüfen.
- Quote paper
- Udo Lihs (Author), 2009, Ethisches Argumentieren in der Schule, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/144125