Diese Arbeit analysiert die erste Reise der Wienerin Ida Pfeifer, die sie in das Osmanische Reich in der Biedermeierzeit führte, und beleuchtet, welche Formen von Subjektivierung sie während dieser Reise erfuhr.
In der heutigen Zeit hat Reisen längst den Status eines kommodifizierten Konsumguts erreicht. Distanzen lassen sich in mehr oder weniger bequemen Sitzen von Flugzeugen, Zügen oder Bussen ohne größere körperliche Anstrengungen innerhalb von Stunden überbrücken. Daher wird am Reisen oft nur noch der gebuchte Aufenthalt vor Ort als spektakulär empfunden. Der Raum zwischen Hotelzimmer und Strand oder auf für Touristen präparierten Touren in den umliegenden Orten dient mehr als Trophäe einer fotografischen Safari. Bis weit in das 19. Jahrhundert hinein war der Weg jedoch nicht nur eine Distanz, die man schnell und bequem überbrücken wollte, sondern die Überbrückung dieser Distanz war ein wichtiger Teil der Reise – nicht selten strapaziös und entbehrungsreich und im Verhältnis zur Distanz stets sehr zeitaufwendig. Gerade dieser Umstand hinterließ wiederum intensive Eindrücke bei einem reisenden Individuum – sowohl physisch als auch psychisch, da unter anderem das eigene Selbstbild gestützt, geschwächt oder gar gestärkt wurde und das Subjekt damit stets mit einem die Persönlichkeit verändernden Erlebnis konfrontiert war.
Lag das Ziel der Reise zudem in einem fremden Land mit einer fremden Kultur, ergab sich ein zusätzlich die Persönlichkeit prägendes Moment, das entweder durch die Annahme und das Eintauchen in diese fremde Welt wirken konnte oder durch eine ablehnende Haltung, die reflexiv das Eigene, Bekannte exponierte.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Frauenreisen im Biedermeier als Subjektivierung(?)
2.1. Subjektivierung durch Reisen
2.2. Subjektivierung durch Schreiben
3. Eine Wienerin auf Reisen
3.1. Ida Pfeiffer
3.2. Idas Reisen
4. (Reise-)Tagebücher und Subjektivierung
4.1. Allein als Frau in der Fremde
4.2 Am weitesten von zu Hause entfernt
4.3. Erfahren einer anderen Kultur
5. Fazit
6. Quelle
7. Literatur
Zielsetzung und Forschungsgegenstand
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen der Subjektivierung am Beispiel von Ida Pfeiffer und ihrem Reisebericht über ihre erste Reise ins Heilige Land. Dabei steht die Frage im Zentrum, wie eine Frau des 19. Jahrhunderts durch das Reisen und die schriftliche Reflexion darüber aus bürgerlichen Konventionen ausbricht und individuelle Identitätsbildungsprozesse durchläuft.
- Die gesellschaftliche Rolle der Frau im Biedermeier
- Reisen als Form der Selbstermächtigung und Subjektivierung
- Die Bedeutung von Reisetagebuch und Bericht als Selbsttechnologie
- Die Wahrnehmung des Orients und dessen Einwirkung auf die Identität
- Kritische Analyse kolonial-imperialer Sichtweisen in der Reiseliteratur
Auszug aus dem Buch
4.1. Allein als Frau in der Fremde
Ida Pfeiffer begann ihre Reise am Nachmittag des 22. März 1842. Ihr erster Weg führte sie „zu den Kaiser-Mühlen, dem Platze, von welchem die Dampfschiffe nach Pesth (Budapest) u.s.w. abgehen“. Dort wurde sie durch „die Anwesenheit einiger Verwandte(r) und Freunde“ überrascht, die ihr „nochmals Lebewohl sagen wollten“. Denn, wie Ida im Satz darauf schreibt: „Die Trennung war freilich wieder recht hart, denn unwillkührlich erfaßte uns der Gedanke, ob wir uns in dieser Welt wohl noch sehen würden.“ Bereits an dieser Stelle wird kurz nach ihrem Betreten des Schiffes deutlich, wie der Umstand, dass eine Frau allein auf Reisen ging, perzipiert wurde, denn sie schreibt: „Bald hörte man vom Schiffskapitän, daß eine Frau auf dem Schiffe sei, die bis Konstantinopel zu reisen gedenke“, was als Reaktion zur Folge hatte, dass „man mich von allen Seiten (betrachtete)“. Diese Aufmerksamkeit erfuhr sie, weil sie allein als Frau diese weite Strecke zurückzulegen gedachte, was im Weiteren durch die folgende Stelle deutlich wird: „Einer der Herren, der dieselbe Reise machte, sprach mich an, und bot mir seine Dienste an, wenn ich deren benöthigen sollte, und wirklich stand er mir überall schützend zur Seite.“
Über die Flussfahrt nach Konstantinopel hat Ida wenige aussagekräftige Stellen hinterlassen, die eine Aussage zur Subjektivierung in Bezug auf Punkt 1 erlauben. An einer Stelle, die sie nach dem Schiffswechsel in Pest notiert hat, heißt es: „Von Pesth abwärts sind die Frauen gezwungen mit den Männern in einer Kajüte die Nacht zuzubringen. Dieß ist unangenehm und auch unschicklich. Ich lernte später die Schiffe des österr. Lloyd’s, auch französische und italienische kennen, und mit ihnen eine gute zweckmäßige Eintheiliung, Absonderung beider Geschlechter, und keine Vernachlässigung des zweiten Platzes (der zweiten Klasse).“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik des Reisens von Frauen im 19. Jahrhundert ein und benennt Ida Pfeiffer als zentrale Fallstudie zur Untersuchung von Subjektivierungsprozessen.
2. Frauenreisen im Biedermeier als Subjektivierung(?): Dieses Kapitel beleuchtet den historischen Kontext der Biedermeierzeit, in dem Frauen auf das häusliche Milieu beschränkt wurden, und definiert die theoretische Grundlage von Reisen und Schreiben als Selbsttechnologien.
3. Eine Wienerin auf Reisen: Hier wird die Biografie von Ida Pfeiffer skizziert, wobei ihre Kindheit und ihre Motivation für das Reisen, insbesondere für die erste Reise ins Heilige Land, beleuchtet werden.
4. (Reise-)Tagebücher und Subjektivierung: Dieses Kapitel stellt das Herzstück der Analyse dar und untersucht anhand der Kategorien Alleinreise, Distanz und Kulturerfahrung die Identitätsentwicklung von Ida Pfeiffer.
5. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Ida Pfeiffers Reiseberichte eine frühe Form des Ausbruchs aus gesellschaftlichen Konventionen darstellen und ihre Subjektivierung trotz kolonial geprägter Sichtweisen maßgeblich prägten.
6. Quelle: Auflistung des primär untersuchten Reiseberichts von Ida Pfeiffer.
7. Literatur: Verzeichnis der in der Arbeit zitierten wissenschaftlichen Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Ida Pfeiffer, Biedermeier, Subjektivierung, Frauenreisen, Orient, Osmanisches Reich, Reisetagebuch, Selbstermächtigung, Geschlechterrollen, Identitätsbildung, Reisebericht, Postcolonial Studies, Selbsttechnologie, Heiliges Land, Grenzüberschreitung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Ida Pfeiffer als Frau des 19. Jahrhunderts durch ihre Reisen ins Osmanische Reich und das Heilige Land ihre persönliche Identität weiterentwickelte und gesellschaftliche Rollenmuster durchbrach.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Schwerpunkte liegen auf der Rolle der Frau zur Biedermeierzeit, den Konzepten der Subjektivierung und Selbsttechnologie durch Reisen und Schreiben sowie der Wahrnehmung des Fremden.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass Ida Pfeiffers Reiseberichte als performative Akte der Selbstermächtigung verstanden werden können, die ihr eine Grenzüberschreitung vom häuslichen Milieu in die Welt ermöglichten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt einen kulturwissenschaftlichen Ansatz, der Begriffe Michel Foucaults zur Subjektivierung und Selbsttechnologie auf die historische Reiseliteratur anwendet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert Pfeiffers Biografie, ihre psychologische Auseinandersetzung mit Alleinreisen, die Bewältigung räumlicher Distanz und ihre spezifische Wahrnehmung fremder Kulturen.
Welche Schlagworte charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Subjektivierung, Biedermeier, Autorenschaft reisender Frauen und die Auseinandersetzung mit der Alterität (dem Fremden) definieren.
Warum war Ida Pfeiffers Reise als Frau besonders bemerkenswert?
Weil sie im 19. Jahrhundert als bürgerliche Frau und mehrfache Mutter ohne männliche Begleitung reiste, was den damals üblichen Konventionen und dem Bild der Frau als schutzbedürftiges Wesen massiv widersprach.
Welche Rolle spielte das Reisen für ihre Rolle als Autorin?
Das Schreiben über ihre Reisen diente ihr als Möglichkeit, sich als Autorin zu etablieren und finanziell unabhängig zu werden, was für eine Frau ihrer Zeit eine außergewöhnliche Leistung war.
Wie bewertete Ida Pfeiffer die fremden Kulturen, denen sie begegnete?
Ihre Bewertungen waren ambivalent: Einerseits zeigte sie Anerkennung für fremde Architektur oder Toleranz, andererseits urteilte sie oft aus einer europäisch-kolonialen Sichtweise heraus pejorativ über die Lebensumstände der Einheimischen.
Warum wird die Pilgerreise als zentrales Motiv erwähnt?
Die Form der Pilgerreise diente ihr als strategisches Mittel, um gegenüber ihrer Familie und der Gesellschaft ihr Vorhaben zu legitimieren und den Widerstand gegen ihr Alleinreisen zu mindern.
- Arbeit zitieren
- Silvia Denzler (Autor:in), 2022, Ida Pfeiffers Reise ins Heilige Land. Subjektivierende Reise in die Fremde, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1441667