Le Bon: „Unter bestimmten Umständen, und nur unter diesen Umständen, besitzt eine Versammlung von Menschen neue, von den Eigenschaften der einzelnen, die diese Gesellschaft bilden, ganz verschiedene Eigentümlichkeiten. Die bewusste Persönlichkeit schwindet, die Gefühle und Gedanken aller einzelnen sind nach derselben Richtung orientiert. Es bildet sich eine Gemeinschaftsseele, die wohl veränderlich, aber von ganz be-stimmter Art ist. Die Gemeinsamkeit ist nun das geworden, was ich mangels eines besseren Ausdrucks als organisierte Masse oder, wenn man lieber sagen will, als psychologische Masse bezeichnen werde. Sie bildet ein einziges Wesen und unterliegt dem Gesetz der seelischen Einheit der Massen.“
Diese erste allgemeine Beschreibung von Le Bon beinhaltet bereits alle wesentlichen Aspekte, die hier näher betrachtet werden sollen. Vor allem möchte ich mich mit dem Grundprozessen in der Bildung organisierter Massen und ihren eigentümlichen Eigen-schaften im Detail auseinander setzen. Dazu werde ich Le Bons Grundannahme einer Opposition von Masse und Individuum, Unbewusstheit und Bewusstsein, mit Unterstützung des Textes, konkret sichtbar machen. Als zentrales Merkmal, in diesem Zusammenhang, steht die Ersetzung der bewussten Aktivität des Einzelnen durch die unbewusste Masse und dem, was Le Bon mit der Bildung einer Gemeinschaftsseele bezeichnet. Abschließend werde ich versuchen, die herausgearbeiteten Kernhypothesen Le Bons exemplarisch anhand von Beispielen kritisch zu hinterfragen.
Grundsätzlich benötigt eine organisierte Masse bestimmte Voraussetzungen um überhaupt entstehen zu können. Dabei reicht die alleinige Tatsache, dass viele Individuen sich zufällig zusammenfinden noch lange nicht aus, um zu einer organisierten Masse zu werden. Diese unterscheidet sich in mehreren Punkten von einer bloßen Ansammlung von Menschen. Das von Le Bon formulierte Gesetz von der seelischen Einheit der Masse scheint konstituierend für die Massenbildung zu sein. Die Gemeinschaftsseele ist das, was die Masse gegenüber einer bloßen Ansammlung einzelner Individuen im besonderen unterscheidet, denn „durch den bloßen Umstand ihrer Umformung zu Masse besitzen sie eine Art Gemeinschaftsseele, vermöge deren sie in ganz andrer Weise fühlen, denken und handeln, als jedes von ihnen für sich fühlen, denken und handeln würde.“ Allein die Gemeinschaftsseele ermöglicht das Zusammengehen oder Zusammenschmelzen der Individuen zur Masse.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Grundprozesse der Bildung organisierter Massen
2.1 Die Gemeinschaftsseele
2.2 Die psychologische Masse als beseeltes Wesen
2.3 Hauptmerkmale des Einzelnen in der Masse
3. Ursachen der spezifischen Charaktereigenschaften
3.1 Triebkraft der Masse
3.2 Geistige Übertragung und Ansteckung
3.3 Beeinflussbarkeit und Leichtgläubigkeit
4. Die Rolle der Einbildungskraft
5. Aktuelle Interpretation: Masse und Führung
6. Fallbeispiel: Der Film „Die Welle“
Zielsetzung & Themen
Das Ziel dieser Arbeit ist es, die theoretischen Konzepte von Gustave Le Bon zur Massenpsychologie – insbesondere den Prozess der Bildung einer „Gemeinschaftsseele“ sowie die Entpersönlichung des Individuums – zu analysieren und kritisch anhand moderner Beispiele wie dem Film „Die Welle“ zu reflektieren.
- Die psychologische Opposition zwischen Individuum und Masse
- Mechanismen der Massenbildung und die Rolle des Unbewussten
- Die Relevanz von Führungspersönlichkeiten für den Zusammenhalt von Massen
- Die Macht von Bildern und Symbolen in der Massenbeeinflussung
- Kritische Übertragung theoretischer Konzepte auf zeitgenössische Phänomene
Auszug aus dem Buch
Die Hauptmerkmale des Einzelnen in der Masse
Da sich die Masse als beseeltes Wesen aber immer noch aus Individuen konstituiert, müssen die Eigenschaften des Individuums in der Masse näher bestimmt werden, um von diesen auf den Charakter der Masse schließen zu können. „Die Hauptmerkmale des einzelnen in der Masse sind also: Schwinden der bewussten Persönlichkeit, Vorherrschaft des unbewussten Wesens, Leitung der Gedanken und Gefühle durch Beeinflussung und Übertragung in der gleichen Richtung, Neigung zur unverzüglichen Verwirklichung der eingeflößten Ideen. Der einzelne ist nicht mehr er selbst, er ist ein Automat geworden, dessen Betrieb sein Wille nicht mehr in der Gewalt hat.“ Signifikant für das Individuum in der Masse ist demnach, dass es vom Unbewussten beherrscht wird, und gerade dieses im Individuum angelegte Unbewusste tritt hervor und steuert die Handlungen. Das Bewusstsein, das den einzelnen als selbstständiges Subjekt kennzeichnet, verschwindet in der Masse. Man könnte an dieser Stelle auch von einer Entpersönlichung sprechen. Eine zentrale Frage in diesem Kontext ist die nach den neuen Dispositionen, die eine Masse bildet, wenn sie nicht lediglich als Summe ihrer Teile verstanden wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Fragestellung ein, wie sich organisierte Massen bilden und welche psychologischen Veränderungen der Einzelne dabei durchläuft.
2. Grundprozesse der Bildung organisierter Massen: Dieses Kapitel erläutert, wie sich durch den Verlust der bewussten Persönlichkeit eine homogene „Gemeinschaftsseele“ formt.
3. Ursachen der spezifischen Charaktereigenschaften: Hier werden die drei Hauptfaktoren – Machtgefühl, geistige Übertragung und Beeinflussbarkeit – identifiziert, die das Handeln der Masse steuern.
4. Die Rolle der Einbildungskraft: Dieser Abschnitt beschreibt, wie Massen primär in Bildern denken und ihre Urteilskraft durch eine Bilderflut verlieren.
5. Aktuelle Interpretation: Masse und Führung: Die Autorin reflektiert, ob Massen ohne eine externe Führungspersönlichkeit dauerhaft bestehen können.
6. Fallbeispiel: Der Film „Die Welle“: Die theoretischen Ansätze von Le Bon werden anhand des Films „Die Welle“ auf ihre praktische Anwendbarkeit und Aktualität hin überprüft.
Schlüsselwörter
Gustave Le Bon, Massenpsychologie, Gemeinschaftsseele, Individuum, Unbewusstes, Entpersönlichung, Massenbildung, Beeinflussbarkeit, Führungspersönlichkeit, Die Welle, Sozialexperiment, Triebverhalten, Suggestion, Kollektivhalluzination, Machtgefühl
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der klassischen Massenpsychologie von Gustave Le Bon und untersucht, welche psychologischen Prozesse ablaufen, wenn Individuen zu einer organisierten Masse verschmelzen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Entpersönlichung, die Macht des Unbewussten, die Suggestibilität der Masse sowie die notwendige Rolle einer Führungskraft für den Erhalt massenpsychologischer Strukturen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Le Bons theoretische Hypothesen zu erläutern und ihre Gültigkeit durch eine kritische Betrachtung anhand des Spielfilms „Die Welle“ zu hinterfragen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturgestützte Analyse und theoretische Interpretation, die durch den Vergleich mit einem filmischen Fallbeispiel ergänzt wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Entstehung der Gemeinschaftsseele, die spezifischen Charaktereigenschaften der Masse (z.B. Triebhaftigkeit) und die Rolle der medialen Bilderflut bei der Steuerung der Massen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Massenpsychologie, Gemeinschaftsseele, Entpersönlichung, Unbewusstes und Beeinflussbarkeit zusammenfassen.
Welche Rolle spielt der Film „Die Welle“ für die Argumentation?
Der Film dient als exemplarisches Fallbeispiel, das Le Bons Theorie der Massenbildung in einer fiktionalisierten Umgebung „par excellence“ demonstriert und auf seine historische Aktualität prüft.
Wie bewertet die Autorin die Notwendigkeit von Führung für Massen?
Die Autorin argumentiert, dass eine Masse ohne eine „Führerfigur“, die durch permanente Reize (Bilder, Reden) die Gemeinschaftsseele nährt, instabil ist und zerfallen würde.
- Citar trabajo
- Dipl.-Ing. Dipl.-Wirtschaftsing. Karin Ulrich (Autor), 2010, Zu Gustave Le Bons: "Psychologie der Massen", Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/144175