Jugend und Protest im 20. Jahrhundert

Historische Analyse des Jugendprotestes vom Kaiserreich bis zur Gegenwart


Diplomarbeit, 1991
115 Seiten, Note: 1

Leseprobe

INHALT

I. EINLEITUNG
1.Einführung in die Thematik
2. Die zugrunde liegende These
3. Kurzer Überblick über die Vorgehensweise

II. VOM WANDERVOGEL BIS ZUR MACHTERGREIFUNG - JUGENDLICHES PROTESTPOTENTIAL ZWISCHEN JUGENDBEWEGUNG UND ANPASSUNG
1. Die Genese des Wandervogels bis 1914
2. Der Wandervogel- eine Protestbewegung?
3. Die weitere Entwicklung der deutschen Jugendbewegung bis 1933

III. JUGEND UND PROTEST IM DRITTEN REICH
1. Jugendbewegung und Nationalsozialismus
2. Jugend im NS-Staat
3. Jugendprotest im Dritten Reich
4. Die Gegenmaßnahmen des NS-Staates

IV. JUGENDKULTUREN IN DER NACHKRIEGSZEIT
1. Jugendnot- und Jugendschutzkultur
2. Die 'Halbstarken'- Kultur
3. Rocker und Existentialisten

V. DIE 'ANTI-AUTORITÄRE' JUGEND- UND STUDENTENBEWEGUNG
1. Die Vorboten einer neuen Zeit
2. Jugend und Gesellschaft Mitte der 60er Jahre
3. Entwicklung und Verlauf der Studentenbewegung
4. Die sozio - kulturellen Auswirkungen der68er Bewegung

VI. DIE WEITERE ENTWICKLUNG IN DEN SPÄTEN 70ER UND FRÜHEN 80ER JAHREN - JUGENDKULTUREN IM ZEICHEN VON DIVERSIFIKATION, HETEROGENITAT UND INKONSISTENZ
1. Der Weg in den 'Deutschen Herbst'- Von der Utopie zur Frustration
2. Jugendunruhen und Alternativkultur zu Beginn der 80er Jahre – ein Zwischenspiel
3. Jugendkulturen gegen Mitte der 80er Jahre bis heute

VII. ZUSAMMENFASSUNG UND SCHLUSSFOLGERUNGEN
1. Zusammenfassung
2. Schlussfolgerungen

VIII. LITERATURVERZEICHNIS

I. EINLEITUNG

1. Einführung in die Thematik

Die Vorstellung, dass jede neue Jugendgeneration wie ein Karma das Potential zur Rebellion in sich trage, besteht in der Öffentlichkeit wie in der Wissenschaft. Nun hat ein solches Charakteristikum des Jugendalters eine lange, wenn auch keineswegs widerspruchsfreie Tradition. So wird diese Einschätzung der Lebensphase Jugend quer durch die Jahrtausende durch Aussprüche von Hesiod, Plato, Aristoteles, Cicero, Melanchton und vielen anderen mehr (vgl. Hohmann, 1982, S.9) sowie durch mannigfache historische und literarische Abhandlungen untermauert.

Spätestens mit dem zu Beginn des Jahrhunderts vorgelegten ersten großen Entwurf der Jugendpsychologie, Hall 's Adolescence, its psychology and its relations to physiology, sociology, sex, crime, religion and education findet die Annahme, Jugend als Phase des 'Sturm und Drang' zu verstehen, auch in der Forschung vermehrt ihre Entsprechung (vgl. Schurian /ter Horst, 1976, S.96).

„Mit Sturm und Drang und Kraft und Feuer", so Linne (1970, S.7f), „ist die Jugend eine Wandlerin der Welt. Sie ist noch nicht niedergedrückt vom Ballast der Tradition und Historie, noch nicht niedergeknüppelt von Erfahrungen oder vom täglichen Existenzkampf, noch nicht unsicher gemacht durch die Kategorien der Kritik. Unbeschränkt greift sie aus in ihrer Phantasie, in ihren Träumen, Plänen und Zielen. (...)

Jugend ist Unruhe und Veränderung, ist Herd anarchischer Gefahren und zugleich das Reservoir unerschöpflicher Kräfte für neues Beginnen.“

Allerdings springt bereits bei einer flüchtigen Hinwendung zur Thematik "Jugend [1] und Protest [2]" der stetige, phänomenale Wandel von auffällig protestgeneigten und tendenziell angepassten Jugend generationen ins Auge

Von daher ist es naheliegend, dass die Ansicht, das Radikale sei der Jugend schlichtweg 'im Blute', in Zeiten juvenilen Aufruhrs eher Gehör zu finden vermag. So konstatierte bspw. Heinrich Dietz 1970 (S.65):

„Jugend aller Zeiten - und nicht zuletzt die Jugend unserer Tage ist im Anderssein und in Veränderung verliebt. Sie erlebt ja diese Veränderung im eigenen Körper, in Leib und Seele, und sie erfährt die Konflikte mit den bestehenden Normen wie den Konflikt der Generationen in oft revolutionärer Weise."

Für ein solches Bild von Jugend, verstanden als Motor der sozialen Veränderung, versehen mit emem genuin angelegten Protestpotential fanden und finden sich in den vorwiegend sozial wissenschaftlichen Forschungsdisziplinen eine Reihe renommierter Fürsprecher.

In den zwanziger Jahren gingen die Vertreter des klassischen jugendpsychologischen Ansatzes - und hier in erster Linie Bühler und Spranger - davon aus, dass die Zunahme sexuell stimulierender Hormone in der Jugendzeit eine extreme Störung des psychischen Gleichgewichts, mit anderen Worten: einen "Sturm und Drang" von Gefühlen, Antrieben und Stimmungen hervorrufe (vgl.Thomae.1982, S.117). Ein typisches Merkmal des Jugendalters ist nach Spranger (1925,S.43D die Befreiung von äußeren Zwängen [3].

Ungefähr ein halbes Jahrhundert später wird aus den Reihen der Sozialpsychologie eine leidenschaftliche Debatte über eine potentiell krisenhafte Jugendzeit (vgl. u.a. Erikson, 1970; 1971; zur Kritik auch Helsper, 1983) bzw. Adoleszenzphase (vgl. Döbert/ Nunner-Wink- ler, 1982 ;sowie Nummer - Winkler, 1985) entfacht.

Darüber hinaus scheint es immer wieder plausible Indikatoren zu geben, Jugendprotest als ehernes Problem intergenerativer Spannungen zu deuten.

Nun sind all diesen Konzeptionen, die in der Jugend eine quasi von Natur aus rebellische Attitüde vermuten, gewichtige Argumente entgegengestellt worden.

So erscheint die Theorie vom ewigen Generationenkomflikt besonders nach heutigem Forschungsstand äußerst fragwürdig (vgl. Baacke/Heitmeyer,1986,S.8)j insbesondere die Empiriker weisen in diesem Kontext auf die große Zahl konfliktarmer bzw. -freier Bezie- hungen zwischen Jugendlichen und ihrer Parentalgeneration hin (vgl.Thomae,1982,S.125; Ewert,1986,S.122f; Olbrich/Todt, 1984).

Ein Einwand, der zu Recht auch gegen Eriksons Ansatz erhoben wurde. Überhaupt, und darüber bestehen aus heutiger Sicht eigentlich keine Zweifel, krankt auch diese Konzeption an mangelhafter Generalisierbarkeit.

Schließlich erhärteten die kulturanthropolgischen Feldstudien Meads (1970,1971a, 1971b) in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts den Befund, daß sehr wohl Kulturkreise existieren, in denen sich Jugendliche keineswegs protestorientiert verhalten. Ein gewichtiges Indiz, dass die Jugendzeit anscheinend kein genuin angelegtes Protestpotential impliziert.

2. Die zugrunde liegende These

Wenngleich wir also einerseits konstatieren müssen, dass dem Ju- gendalter keine genuin festgelegte Protesthaltung immanent ist, ist es andererseits doch auffällig, dass sich als soziokulturelles Phänomen vieler Gesellschaften zumindest phasenweise ein kulturbzw. sozialisationsbedingtes juveniles Protestverhalten manifestiert hat. Wenn wir nun von der Annahme ausgehen, dass sich ein Protestpotential ubiquitär in nahezu allen Jugendkulturen unserer industrialisierten Gesellschaften entwickelt hat, so drängt sich hier die Frage auf, warum sich jugendlicher Protest anscheinend nur in unbestimmten Zeitabsänden offenbart respektive, warum dieses Potential von einem großen Teil der Jugendlichen allen Anschein nach kaum oder nur spärlich in aktiven Protest transformiert wird. Grosso modo, und recht verkürzt dargelegt, hat sich in vielen Kulturkreisen eine Dichotomie von Jugend dergestalt ausgeformt [4], dass zum einen eine Ausbildung von nonkonformistischen Protestidentitäten, zum anderen eine Bildung von gesellschaftskonformen, angepassten Identitäten zu verzeichnen ist [5].

Nun wird diese Entwicklung von Protestidentitäten in vielen For- schungsbeiträgen mit "negativer" Identität gleichgesetzt (vgl. Hammel, 1985, S.88). Es ist jedoch lange bekannt, dass Jugendliche zur Entwicklung ihrer Identität Reibungspunkte brauchen. Ein gewisses Maß an Protest wäre von daher der Identitätsentwicklung im Sinne eines "Ich rebelliere also bin ich" förderlich.

Somit wäre es doch denkbar, dass eine mit dem gesellschaftlichen status quo harmonierende angepasste Identität auch als Symptom einer problematischen Identitätsentwicklung gedeutet werden könnte. Der Erfolg eines reibungslosen Übergangs von der Jugend zum Erwachsenenalter müsste dann als Pyrrhussieg verstanden werden; so gesehen wäre Anpassung also das Resultat eines nicht genügend ausgelebten Protestpotentials. Für Helsper sind die Versuche, Gegenidentitäten zu bilden, eine „Verweigerung gegenüber einer Erstarrung von Subjektivität", die als Schicksal der 'Normalen' und vieler Erwachsener gesehen wird. „Der Versuch, in der Anpassung an gesellschaftliche Anforderungen Identität zu erreichen, endet aus der Sicht der bewegten Jugendlichen mit der Dominanz des Zwanges über das Versprechen der Freiheit" (1983, S.128).

Wenn wir also davon ausgehen, dass viele Jugendliche anscheinend mit der "Dominanz des Zwanges" (Helsper) vorliebnehmen und ihr Protestpotential kaum in aktiven Protest umsetzen, so bedarf diese, zugegebenermaßen noch etwas luftige, Annahme weiterer Erläuterungen.

So korreliert erstens die Verhaltensattitüde 'Anpassung' mit einer ganzen Reihe stiller, ja oft verdeckter Protestformen wie bspw. Süchten, Rückzugsverhalten, Suizidabsichten etc. Aber auch diese Protestformen müssen als Tendenzen in Richtung nonkonformistische Identität verstanden werden.

Zweitens scheint sich Jugend in einem problematischen gesellschaftlichen Wirkungszusammenhang zu befinden. Auf der einen Seite kommt offenbar in dieser Lebensphase, wie bereits beschrieben, immer wieder das Bedürfnis zur Geltung, als Triebfeder der Veränderung, als Motor des sozialen Wandels zu fungieren (vgl. Rosenmayr, 1970).

Auf der anderen Seite wachsen Jugendliche in traditionelle Struk- turen hinein, wo ganz evident auf Bewahrung ausgerichtete Kräfte der dominanten Kulturen zum Tragen kommen. Eine auf Veränderung abzielende Jugend konkurriert somit zwangsläufig immer mit den auf Bewahrung abzielenden Kräften der herrschenden Schichten. Mit welchen Vermeidungsbzw. Domestikationsstrategien die dominanten Kulturen in der Gesellschaft dem jugendlichen Protestpotential begegnen, wird eine wichtige Frage sein, die es in dieser Arbeit zu eruieren gilt.

Wir gehen also im folgenden, so unsere These, von einem breit an- gelegten, sozialisations- und kulturbedingten Protestpotential aus, das aber bei einem beträchtlichen Teil der Jugend sublimiert wird, d.h.: bei vielen Jugendlichen wird dieses Protestpotential offenbar, ob durch mangelnde Verwirklichungschancen oder durch gesellschaftliche Eindämmungsstrategien bedingt, anderweitig transponiert bzw. abgeleitet.

Ob und in welcher Weise dieses Protestpotential zum Ausbruch kommt, hängt dabei nicht zuletzt von den historischen Gegeben- heiten ab. Auf der Grundlage der oben entwickelten These soll nun im folgenden eine sozialgeschichtliche Exploration von Jugend und Protest im Deutschland [6] des 20.Jahrhunderts versucht werden, wo- bei neben der Analyse der jeweiligen Protesterscheinungen auch der Frage nach möglichen gesellschaftlichen Protestvermeidungs- strategien nachgegangen werden soll.

3. Kurzer Überblick über die Vorgehensweise

Da in dieser Arbeit vorrangig Entwicklungslinien von Jugend und Protest in Deutschland analysiert werden sollen, bietet sich hier eine genetisch - chronolgische Untersuchungsform an". Dabei wäre es im Sinne des oben beschriebenen erkenntnisleitenden Interesses keineswegs sinnvoll, 'protestärmere' Zeiten einfach auszusparen. Gilt doch unser Augenmerk auch dem gesellschaftlichen Bemühen, jugendlichen Protest apriori zu vermeiden.

Gerade am Beispiel von Jugend und Protest im Dritten Reich (Kapitel III) werden die perfektionistischen Eindämmungsstrategien eines totalitären Regimes offenkundig. Gleichwohl wird dieses Kapi- tel zeigen, daß es trotzdem nicht gelang, das jugendliche Protestpo- tential in seiner Gänze zu bändigen.

Auch die Nachkriegszeit (Kapitel IV) steht nicht in dem Ruf, eine überaus protestgeneigte Jugendgeneration hervorgebracht zu ha- ben. Im Mittelpunkt unseres Interesses in diesem Kapitel stehen die Halbstarkenbewegung und die einsetzende Kommerzialisierung die- ser Jugendkultur.

In besonderer Weise wird im fünften Kapitel die unruhige Zeit der späten 60er und frühen 70er Jahre akzentuiert. Schließlich sind von der Studenten- und Jugendbewegung für die weitere Ausgestaltung der Jugendkulturen im Besonderen und für die gesamt- gesellschaftliche Entwicklung im Allgemeinen kaum zu leugnende Folgewirkungen ausgegangen.

Die späten 70er und frühen 80er Jahre (Kapitel VI) sind schließlich hinsichtlich unserer Thematik durch Inkonsistenz und Unüber- sichtlichkeit gekennzeichnet.

Last but not least wird sich in den Schlussfolgerungen des ab- schließenden siebten Kapitels zeigen, ob unsere eingangs konzipierte These in Bezug auf Validität wie auf inhaltliche Ausformung einer Verfeinerung bzw. einer Modifizierung bedarf.

Doch zunächst gilt es im Folgenden zweiten Kapitel, gemäß einer relativ strengen Chronologie, den Themenkomplex Jugend und Pro- test zu Beginn dieses Jahrhunderts, und hier besonders die Genese der Jugendbewegung, zu untersuchen.

II. VOM 'WANDERVOGEL BIS ZUR MACHTERGREIFUNG - JUGENDLICHES PROTESTPOTENTIAL ZWISCHEN JUGENDBEWEGUNG UND ANPASSUNG

1. Die Genese des 'Wandervogels" bis 1914

Die Zeitspanne vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis etwa 1945/50 wird in der historischen Forschung gegenwärtig häufig als Moderni- sierungskrise bezeichnet. Darunter wird folgendes verstanden: In- folge der am Ende des 19.Jahrhunderts immens durchgreifenden Industrialisierung mit ihren mannigfaltigen Auswirkungen auf das sozio - ökonomische bzw. sozio - kulturelle Gefüge der europäischen Industrienationen ließen sich die bislang im 19. Jahrhundert vor- herrschenden Ideologien und Wertvorstellungen des Bürgertums nicht mehr aufrechterhalten [8] (vgl. Reulecke, 1988, S.13). Zwar war diese Modernisierungskrise unstrittig kein deutsches Spe- zifikum; ihre Auswirkungen und Folgen waren allerdings im Deut- schen Reich am Gravierendsten. Dieses Phänomen speist sich insbe- sondere aus dem Sachverhalt, dass Deutschland in sozio - politischer Hinsicht - man denke nur an den gering ausgeprägten Parlamenta- rismus - ein rückständiges Land war.

Angesichts rapider Urbanisierung, ausufernder Klassenantagonis- men sowie der fortschreitenden Zerstörung traditioneller Lebens- welten fühlten sich zudem eine ganze Reihe von Gesell- schaftsgruppen, die vormals eine bedeutende Rolle gespielt hatten, in zunehmendem Maße gesellschaftlich marginalisiert.

Dies galt in erster Linie für das humanistisch geprägte Bil- dungsbürgertum, das seine gesellschaftliche Funktion als "zu- kunftsdeutende" und "sinnstiftende" Elite zugunsten von auf- steigenden Gruppierungen wie dem geldaristokratischen Besitz- bürgertum oder naturwissenschaftlich-technischer Eliten einzu- büßen schien( vgl. Reulecke, 1988,S.14).

„Das nach außen so säbelrasselnd und selbstbewusst auftretende Kaiserreich," so Reulecke, „basierte also auf einer Gesellschaft, in der es immer mehr Kreise gab, die an ihrer Identität zu zweifeln be- gannen oder die - wie die schnell wachsende sozialistische Arbeiter- bewegung - sich erst gar nicht mit diesem Staat identifizieren woll- ten"(ebd.).

Die Jugendbewegung war nun die Generation, die diesen sozio - öko- nomischen Wandel in ihren formativen Jahren bewusst erlebt hatte. Besaßen Vorgängergenerationen noch einen durchaus konsensuellen Wertekanon [9]. so wurde eben dieser nun zusehends brüchig. Dazu Friedrich Musall (1987, S.31) [10]:

„Alte Maßstäbe wurden unter den neuen Gegebenheiten obso- let, ohne dass neue bereits vorhanden gewesen wären. Mochten die Alten sich darüber hinwegtrösten, indem sie an Althergebrachtem festhielten und auf die sichtbaren Erfolge stolz waren; das Verhält- nis der Generationen jedoch geriet ins Wanken, wo der Rat der Vä- ter die Lebenswelt der Söhne verfehlen musste, für die das Bewusst- sein der Kontinuität zwischen Vergangenheit und Zukunft erschüt- tert war und der Kampf und der Sinn der eigenen Gegenwart ohne Leitung von außen begann."

In diesem Kontext erscheint es wichtig, auf den Funktionsverlust der Familie hinzuweisen, der wesentlich auf die sozio - ökonomischen Umwälzungen der Industrialisierung zurückzuführen war. Ein Pro- zeß, der im übrigen grosso modo bis in unsere Zeit angedauert hat. Zu diesem Funktionsverlust nochmals Musall (S.32):

„Das Berufsleben des Vaters entzieht sich dem Erlebnisbereich des Kindes In zunehmendem Maße, die Rolle des Vaters als Haushaltsvorstand verliert ihre sinnliche Begründung durch dessen Arbeit. Er ist nunmehr viele Stunden am Tage einfach abwesend. Gerade in den Mittelschichten sind die Fähigkeiten und Kenntnisse aus dem Berufsleben für den Familienalltag nicht verwertbar. Die Arbeitsleistung des Vaters besitzt für das Kind respektive den Ju- gendlichen besonders in den Angestellten- und Beamtenbereichen keine Anschaulichkeit mehr."

Als Folge dieser Entwicklung schmilzt der Vorbildcharakter der Vä- ter dahin. Mitgau konstatierte gar, Mitscherlieh vorgreifend, bereits die Jugendkohorten des Kaiserreiches seien im Grunde genommen eine "vaterlose" Generation(vgl.ebd.,S.33).

Als Kitt für diese immer transparenter werdenden Brüche fungierte der um die Jahrhundertwende immer deutlicher zum Ausdruck kommende Nationalismus des Kaiserreiches. Dabei wurde dem Nachwuchs seit Ende des 10. Jahrhunderts eine immer größere Aufmerksamkeit zuteil.

Richtschnur dieser neu gewonnenen Bedeutung der Heranwachsenden war die konsensfähige Einsicht, ein großes Volk müsse auf einer wehrhaften, gesunden Jugend fußen (vgl. Reulecke, 1988, S.15ff). Jugendfürsorge wurde somit auch aus nationalistischen Erwägungen heraus als sinnvolle Investition in die Zukunft verstanden.

In diesem Sinne wird in der Forschung neuerdings davon gesprochen, dass Jugend Ende des 19. Jahrhunderts als eigenständige Lebensphase zwischen Ende der Kindheit und Wehrdienst bzw. Eheschließung im Sinne einer gesellschaftlichen Herausforderung entdeckt wurde (vgl. ebd., S.21).

So hoffte man, Jugend als manövrierfähige Masse den gesellschaftlichen Desideraten entsprechend erzieherisch umformen zu können.

Gleichwohl boten zunächst weder die Proletarierjugend noch die bürgerlichen Jugendlichen Anlass zu überschwänglichem Optimis- mus.

Reulecke bemerkt dazu(1988, S.16):

„Wenn man nicht aufpasste, dann schien sogar eme systembe- drohende politische Gefahr von der Jugend auszugehen, besonders von der Jugend der Unterschichten, die immer renitenter auftrat und in den großen Streiks seit 1889 eine wichtige Rolle gespielt hatte. Aber auch die Jugend der gehobenen bürgerlichen Schichten bot Anlaß zu der Besorgnis, daß sie das Erbe an Wer- ten, Normen, Sitten und traditionellen Sinngebungen nicht antreten würde. Religion, Heimat und Vaterland, Beruf und Familie, Autori- tät schienen auch hier gefährdet zu sein."

Die in dieser Zeit gewaltig forcierte staatlich wie kirchlich institu- tionalisierte Jugendpflege wird in jedem Fall im Kontext dieser Be- fürchtungen und Besorgnisse über die junge Generation ein gutes Stück verständlicher.

Vor diesem kurz angerissenen gesellschaftlichen Hintergrund vollzog sich das Aufkommen des bürgerlichen Wandervogels. Aus soziologischem Blickwinkel betrachtet sieht Ferchhoff (1990, S.44f) in prägnant - komprimierter Form in dieser Bewegung eine" weitgehend sozialromantische - lebenssinnsuchende Reaktion auf:

-die abnehmende sozialisatorische Fähigkeit der wilhelminischen Gesellschaft, bestimmte bildungsbürgerliche Gesellschaftsmitglie- der, insbesondere Teile der Gymnasialjugend an die in ihr geltenden und institutionalisierten Lebensformen, Normen und Wertvorstel- lungen anzupassen; der rapide ökonomisch-soziale Wandel kor- respondierte faktisch mit einer ebenso raschen Entwertung neuhu- manistischer Bildungsideale, traditioneller Wissensbestände, Ver- haltensnormen und Wertmaßstäbe;

-die zutiefst 'menschliche Entfremdung´, angesichts eines ge- sellschaftsstrukturell bedingten Übermaßes an Unnatürlichkeit, Entwurzelung, Erosion, Zersplitterung, Überreizung, Vereinseitigung, Oberflächlichkeit, Veräußerlichung und Mechanisierung der Lebensverhältnisse;
-das Gefühl der metaphysischen Obdachlosigkeit und starken ideali- stischen Überforderung, Unsicherheit und Orientierungslosigkeit der entwurzelten bildungsbürgerlichen Mittelschichten im Moderni- sierungsprozess;
-die entseelten Mechanismen der Industriegesellschaft, die techno- logischen Umbrüche der Hochindustrialisierung, wachsende Urba- nität und industriell-bürokratische Zivilisation (Kritik am einseiti- gen und überzogenen Rationalismus und an der 'Religion' des Fort- schritts, Kritik an den unnatürlichen Lebensräumen, den gestaltlo- sen und toten Steinhaufen der Mietskasernen und ihrer Asphaltkul- tur, aber auch Kritik an der dekadenten und zugleich 'ungesunden' Großstadtkultur);
-die Öde und Langeweile der mechanischen Disziplin von 'Bil- dungsvermittlungsbeamten' sowie den Druck und die Tretmühle des grauen Schulalltags in der 'Lernkaserne' Oberschule bzw. des Gymnasiums;
-den biederen und langweiligen sonntäglichen Familiensparziergang sowie die Philostrosität manches Familienlebens;
-die permanente Beaufsichtigung, partikularen Funktionalisierun- gen und massiven Gängelungsversuche vieler Erwachsener, der Kir- chen und des Staates;
-neue Leitbilder, Lebensstile und Ideen in Kunst, Musik und Li- teratur sowie in einer Reihe anderer, der Jugendbewegung nahe- stehender kulturkritischer Reformbewegungen (Landerziehungs-, Lebensreform-, Freikörperkultur-, Gartenstadt-, Siedlungsreformbewegung, neue religiöse Bewegungen wie die Theosophie), Zivilisa- ions- und Zeitkritik (Nietzsehe, Lagarde, Langbehn etc.), Natur- sehnsucht, Freiheit und Einheit von Körper, Seele und Geist, Echt- heit und Wahrhaftigkeit, Gemeinschaftsgeist, Heimatgebundenheit, Wiederentdeckung des Volkstümlichen, der einfachen und echten Lebensformen, das geradezu parareligiös angehauchte, idealistisch- schöpferische und sinnsuchende Streben nach dem noch nicht Ver- dorbenen, nach der substantiellen Sittlichkeit, dem innerweltlich und transzendent Höchsten, die opferbereite Hingabe an das als wahr und richtig Erkannte; "

Der genetisch-chronologische Entstehungsprozess des Wandervogels ist rasch erzählt. Um die Jahrhundertwende organisierte der Jura- student Karl Fischer - aufbauend auf Aktivitäten von Hermann Hoffmann Fölkersamb - mit Gymnasiasten aus Berlin - Steglitz an Sonn- und Ferientagen Wanderungen, wobei sich Fischer am Ideal der mittelalterlich fahrenden Schüler, der Vaganten bzw. Bacchan- ten orientierte.

Am 4. November 1901 mündeten diese informellen Wanderfahrten

in einem Verein, dem Ausschuß für Schülerfahrten (AfS).

Abgesichert durch die Rückendeckung eines Eltern- und Freundeskreises von zumeist angesehenen Steglitzer Bürgern konnte Fischer mit dieser Organisationsform das Verbot außerschulischer Schüler- verbindungen umgehen. Zwar wurden die wandernden Schüler in Scholarenbuch des Vereins eingeschrieben, sie waren aber nicht eigentliche Mitglieder. Die erwachsenen Vereinsmitglieder hingegen hatten mit dem Wanderbetrieb überhaupt nichts zu schaffen [11].

Der "Wandervogel", wie die Jugendgruppe des Ausschusses auf der Gründungsversammlung benannt wurde [12],konnte nun offizielle Werbung für die außerschulischen Wanderaktionen betreiben. Folgerichtig wurde dem jungen Verein in zunehmendem Maße gesellschaftliche Anerkennung zuteil. Bereits 1902 fand die erste Sonnenwendfeier des AfS als Gast des national - konservativen All- deutschen Verbandes statt (vgl. Musall, 1987, S.37).

Auf Initiative des Schulreformers Ludwig Gurlitt wurde der Wan- dervogel vom Unterrichtsministerium 1903 offiziell anerkannt. Neue Ortsgruppen stießen zum Wandervogel, aber auch sezessioni- stische Tendenzen, verursacht zumeist durch programmatische und personelle Diskrepanzen,traten nun au. So teilte sich der Wan- dervogel 1904 in den Alt-Wandervogel und den Wandervogel e.V. Steglitz. Charakteristikum des Steglitzer Vereins war der Tat- bestand, dass es hier viele schulreformerisch eingestellte, erwach- sene Mitglieder gab (vgl. Paetel, 1963, S.18).

Während der Steglitzer Verein auf Berlin beschränkt blieb, fand der Alt-Wandervogel besonders im norddeutschen Raum große Ver- breitung.

1906 legte Fischer die Leitung des Wandervogels nieder und ging zum Seebataillon nach China. An seine Position trat eine demo- kratische Bundesleitung. Im selben Jahr bildeten sich die ersten Wandervogel- Mädchengruppen [13] (vgl. Paetel, 1963, S.19).

Nach weiteren programmatischen Differenzen spalteten sich 1907 erneut Teile des Bundes ab. Ferdinand Vetter, Führer der Orts- gruppe Jena und Hans Breuer, der spätere Herausgeber des "Zupf- geigenhansel"[14] wurden die führenden Köpfe des "Wandervogel, Deutscher Bund für Jugendwanderungen".

Programmschwerpunkte dieses neuen Vereins waren (zit. nach Musall, 1987 , S.39):

1. Das Wandern auf alle Stände auszudehnen; auch der Volks- schüler soll in die Bewegung aufgenommen werden [15].
2. Aufnahme von Mädchen und gemeinsames Wandern beider Ge- schlechter.
3. Satzungsmäßiges Verbot von Alkohol auf allen Fahrten.

Die einzelne Ortsgruppe soll im Rahmen von Bundessatzungen Recht zur Anpassung an örtliche Verhältnisse, das Recht auf Selbstverwaltung und Selbstbestimmung erhalten.

5. Wiederherstellung der Einheit der gesamten Bewegung auf dem

Boden der Grundsätze des DB. "

Der Bund expandierte besonders im Süden Deutschlands sehr rasch. Bis 1910/11 weitete er sich auf 120 Ortsgruppen aus (vgl. Musall, 1987, S.40). Die allerdings nach wie vor bestehenden sezes- sionistischen Tendenzen fanden 1910 mit der Gründung des Jung- wandervogels ihre Entsprechung. In dieser Gruppe waren Ober- lehrer, sicher im Besonderen ein Affront gegen den Steglitzer Verein, grundsätzlich ausgeschlossen.

Gleichwohl gab es in der Wandervogelbewegung ganz evident das Bestreben, diesen Abspaltungstendenzen entgegenzutreten sowie darüber hinaus ein Gemeinschaftsgefühl aller Wandervogelmit- glieder auszubilden.

Auf der organisatorischen Ebene lief dieses An- liegen in einem großen Einheitsbund zusammen. Mit Ausnahme des Jungwandervogels und einer kleinen Gruppe von Altwandervögeln ließen sich die entscheidenden Kräfte dieser Bewegung in diesem Einheitsbund subsummieren.

Auf dieser Grundlage entwickelte sich der Wandervogel über die Reichsgrenzen hinweg. So entstanden ein Österreichischer, Schweizer, nach 1918 auch ein Baltendeutscher, Sudetendeutscher und Siebenbürger Wandervogel. Im Jahre 1913 umfassen die Wandervogelbünde insgesamt ca. 25 000 Mitglieder (vgl. Paetel, 1963, S. 19). Nur ein Jahr später, bei Ausbruch des Krieges, liegen die Schätzungen gar bei 50 000 bis 70 000 organisierten Anhängern (vgl. Hofstätter, 1975, S.122).

Diese Zahlen verdeutlichen das nicht zu unterschätzende, durchaus signifikante gesellschaftspolitische Gewicht, das dieser noch jungen Bewegung bereits zuteil wurde.

Wie schon oben erwähnt [16] und sicher nicht zufällig begannen auch Staat, Parteien und Kirche, sich dem Thema Jugend zuzuwenden. Verschiedene, meist militärisch ausgerichtete, jugendpflegerische Verbände wurden um 1910 gegründet. Die größte Bedeutung kam dabei den "Deutschen Pfadfindern" sowie dem "Jungdeutschlandbund" zu. Mit dem Jungdeutschlandbund wurde ein großer, staatlich protegierter Rahmen für eine Jugendpolitik ge- schaffen, in der die körperliche und sittliche Erziehung im vaterlän- dischen Geiste im Sinne einer Militarisierung der Jugend im Vor- dergrund stand (vgl. Gillis, 1980, S.156).

Wenngleich viele Wandervögel diese vormilitärische Jugendpolitik von Staat und Kirchen strikt ablehnten, so werden die Beziehungen zwischen Wandervogel und Jungdeutschlandbund in der Forschung recht kontrovers diskutiert. Gillis spricht in diesem Zusammenhang von einem "Näherrücken" des Wandervogels an den Jungdeutsch- landbund (1980, S.160).

Gewisse opportunistische bzw. utilitaristische Motive sind den Wandervogel-Jugendlichen kaum abzusprechen, bedenkt man doch, dass sich, mit Ausnahme des Jungwandervogels, die meisten Wan- dervogelgruppen der staatlichen Dachorganisation korporativ an- schlossen, um in den Genuss von vergünstigten Eisenbahnfahrten bzw. Beherbergungen zu kommen (vgl. Musall,1987,S.43).

Laqueur allerdings schätzt diesen Sachverhalt eher gering ein (zit. nach ebd.): " Dieser Schritt war allerdings nicht von großer politi- scher oder organisatorischer Bedeutung und wirkte sich kaum auf das interne Leben der Wandervögel aus."

Und in der Tat scheinen insbesondere die Ereignisse um das be- rühmte Fest auf dem Hohen Meißner den Schluss nahezulegen, dass der "immer wieder beschworene Gegensatz" zwischen Jugend- bewegung und staatlicher Jugendpflege auf eine lange Tradition bis zum Wandervogel zurückblicken kann (Reulecke, 1988, S.16).

Aus den Reihen der akademischen Gruppen des Wandervogels, also von älteren bzw. ehemaligen Mitgliedern, kam die Idee einer jugendgemäß - alternativen Hundertjahrfeier der Völkerschlacht bei Leipzig. In ungewohnter Schärfe verkündete der Aufruf zum "Ersten Freideutschen Jugendtag 1913 [17] (zit. nach Mogge, 1988, S.33):

„ Die deutsche Jugend steht an einem geschichtlichen Wendepunkt. Die Jugend, bisher aus dem öffentlichen Leben der Nation ausge- schaltet und angewiesen auf eine passive Rolle des Lernens, auf eine spielerisch - nichtige Geselligkeit und nur ein Anhängsel der älteren Generation, beginnt sich auf sich selbst zu besinnen. Sie versucht, unabhängig von den trägen Gewohnheiten der Alten und von den Geboten einer hässlichen Konvention sich selbst ihr Leben zu gestalten. Sie strebt nach einer Lebensführung, die jugendlichem Lehen entspricht, die es ihr aber zugleich auch ermöglicht, sich selbst und ihr Tun ernst zu nehmen und sich als einen besonderen Faktor in die allgemeine Kulturarbeit einzugliedern (... )."

Auf der Veranstaltung am 11./12. Oktober 191317 wurde ein gemeinsames Lebensgefühl dieser Bewegung spürbar. In diesem Sinne wurde auf dem Hohen Meißner der "Freideutsche Verband" von den aufrufenden Gemeinschaften gegründet. Angelehnt an den oben zitierten Aufruf kam die Botschaft des ersten Freideutschen Jugendtages in der berühmten Meißner - Formel zum Ausdruck (zit. nach Wyneken, 1965, S.13):

17. Vgl. zum Fest auf dem Hohen Meißner ausführlich Mogge, 1988. Die freideutsche Jugend will aus eigener Bestimmung, vor eigener Verantwortung, mit innerer Wahrhaftigkeit ihr Leben gestalten. Für diese innere Freiheit tritt sie unter allen Umständen geschlosen ein. Damit hatte sich Ende 1913 eine Jugendbewegung entwickelt, die "wirklich etwas Neues" (Wyneken, 1965, S.15) darstellte.

[...]


[1] 'Jugend' ist sicherlich kein klar determinierter Altersabschnitt, der mit einer konkreten Alterszahl beginnt und turnusgemäß endet. Negativ ausgedruckt wird der Begriff 'Jugend' schon eher als individuelle Lebensphase zwischen 'nicht mehr Kind' und 'noch nicht Erwach- sener' erfaßt. Zur Frage, was Jugend denn nun eigentlich sei, steht inzwischen ein ganzer Katalog von deskriptiven Charakterisierungen zur Verfügung (Jugend als Altersphase, Sub- kultur, Wertideal, Entwicklungsphase, Schutz- und Schonraum, biologisches Stadium, Ausbruchs- und Protestphase, etc.; vgl. noch umfassender Ferchhoff, 1985, S.51). An dieser Stelle erscheint es zunächst einmal zweckmäßig, einige Begriffe zu erläutern, die um das Be- griffsfeld 'Jugend' kreisen. Dazu Schäfers (1982,S.13):

„Altersgruppe. Hierunter werden Individuen gleichen Alters zusammengefasst, z.B. alle l0jährigen; alle l5-18jährigen. Der Begriff ist im Hinblick auf das Geschlecht, den Zeitpunkt der Erhebung und den Raum - z.B. Nation, Stadt, Schule usw. - zu differenzieren.

Kohorte. Diejenigen Individuen, die in einem bestimmten Zeitintervall geboren wurden oder durch soziale Faktoren - z.B. gemeinsamer Schuleintritt - miteinander verbunden sind. Kohorten verändern im allgemeinen ihre Größe im Zeitablauf durch Tod, Ausscheiden aus der Ausgangspopulation, Mobilität usw.; sie haben also am Beginn - z.B. einer Beobachtungs phase - ihre maximale Größe. Kohorten-Untersuchungen kommt in der Jugendsoziologie eine besondere Bedeutung zu.

Generation. Gesamtheit der Individuen, die in einem größeren Sozialverbund - z.B. einem Land - durch gemeinsame Werte, Erlebnisse, Einstellungen, usw. miteinander verbunden sind und sich von einer älteren und/oder jüngeren Generation deutlich unterscheiden."

Folgt man Schäfers weiter, so lässt sich eine grobe Unterteilung der Jugendphase in drei Altersgruppen vornehmen (vgl.ebd.,S.12):

-die pubertäre Phase (etwa 13-18 Jahre)
-die nachpubertäre Phase (etwa 18-23 Jahre)
-die jungen Erwachsenen, die aber von ihrem sozialen Status her noch eher als Jugendliche eingestuft werden (etwa 21-25 Jahre und älter).

Es bleibt festzuhalten, dass 'Jugend' nicht rein biologisch oder altersmäßig abgegrenzt werden darf. Die Eingrenzung des Jugendalters bedarf vielmehr einer Verknüpfung biologischer Faktoren mit kultur-spezifischen Einstellungen, Werten, Verhaltensweisen und sozialen Prozessen eines jeden Jugendlichen (vgl. ebd. ,S.14).

Schließlich sollte an dieser Stelle noch darauf hingewiesen werden, daß es selbstredend problematisch ist, von der 'Jugend' in ihrer Gesamtheit zu sprechen. Wenngleich es die Jugend nicht gibt (Scheuch,1975,S.54), vielleicht auch nie gegeben hat, ebenso auch keine Jugend­ kultur, sondern präziser - im Zeichen weitreichender Differenzierungsprozesse in diesem Bereich - Jugendkulturen, so lässt sich der sprachliche Gebrauch von 'Jugend' und 'Jugendkultur' nur schwer vermeiden; zumal, wenn klar ist, was gemeint ist. In diesem Sinne soll im Folgenden bei Verwendung der termini 'Jugend' bzw. 'Jugendkultur' der sachlogisch genauere Plural vorausgesetzt werden (vgl. Baacke/ Heitmeyer, 1985, S.7).

[2]. Protest soll in dieser Arbeit im weiten Sinne verstanden werden; 'Stille' Protestformen (Rückzugstendenzen, Süchte, gewisse psychische Störungen wie z.B. Magersucht, etc.), Ju- gendkriminalität, Auflehnung gegen parentale und schulische Autoritäten und natürlich politischer Protest von Jugendlichen sind ergo eingeschlossen. Es versteht sich jedoch, dass die letztgenannte Protestform in dieser Arbeit im Vordergrund steht. Vgl. zum politischen Pro- test auch Brand, 1982, S.31.

[3]. Vgl. hierzu u a. Bühler, 1967 sowie Spranger, 1925. Bühler, S. 23) unterteilt dabei die Jugendphase in zwei Epochen: in die Pubertät als Scheidegrenze zur Kindheit und in die Adoleszenz. Die Pubertät ist demnach die Phase der Verneinung. „Freudlos ist den jungen Menschen diese Zeit, und der innere Unfriede wird selbst gegen die bessere Einsicht, die sich sträubt, in Wildheit, Unfug und trotzigem ,lieblosem Wesen abreagiert und auf die Umwelt abgeladen" (ebd.). Spranger (1925, S.43f) hält Emanzipationsbestrebungen in dieser Lebens- phase für notwendig. Ihm zufolge wird die Jugend immer wieder „mit der Totalität der Men- schenkräfte geboren, die voll Sehnsucht nach Wirken und Genießen ist" (ebd., S.153).

[4]. Diese grobe Zweiteilung soll keineswegs den Sachverhalt kaschieren, dass natürlich auch Mischformen existieren.

[5]. Vgl. dazu Brand, 1984 ,S.197

[6]. Wenn sich auch der Schwerpunkt dieser Arbeit regional auf Deutschland beschränkt, wird mitunter ebenso auf internationale Einflüsse des Jugendprotests rekurriert. Auf eine Einbe- ziehung DDR-spezifischer Aspekte zur Thematik muss allerdings aus Gründen der Reduktion verzichtet werden.

[8]. Gleichwohl besaß das Symbol - und Normensystem des wilhelminischen Bürgertums bis weit in das 20. Jahrhundert hinein Einfluss. Fend weist in diesem Zusammenhang dem Begriff der Ehre eine Schlüsselrolle zu. Er deskribiert diesen Begriff wie folgt (1988, S.194f): „Ehrenhaf- tigkeit bedeutet dabei im Kern Übereinstimmung mit den Erwartungen der eigenen sozialen Bezugsgruppe, Übereinstimmung in der Kleidung, in der Körperkultur, im Beruf und in der Gestaltung des Privatlebens, in der Lebensweise insgesamt."

[9]. „Fleißig, sparsam, ehrenfest, patriarchalisch, gestrenge Väter, prüde und häuslich verengt die Frauen, die einen lästig in ihrem Standesdünkel, die anderen unter sozialem Druck voll Ressentiment und innerlich unfrei" (zit..nach Musall .1987. ,S.31).

[10]. Unter Rekurs auf Stürmer und Plessner

[11].Vgl. hierzu u.a. Musall, 1987, S.36ff; Paetel, 1963, S.18ff sowie Ehrenthal, 1966, S.7ff.

[12]. Dieser Name ging auf den einzigen Nichtschüler des Ausschusses, den Mechanikerlehrling Wolfgang Meyen, zurück. Er hatte den Namen Wandervogel zufällig auf einer Grabinschrift gesehen (vgl. Musall, 1987, S.27).

[13]. Die Aufnahme von Mädchen in die Wandervogel – Bewegung blieb jedoch bis in die 20er Jahre hinein sehr problematisch.

[14]. Dieses 1908 zusammengestellte Liederbuch wurde in den folgenden Jahren zum unverzichtbaren Wegbegleiter der wandernden Jugendbewegung

[15]. Musall merkt hierzu jedoch an, dass dieser Programmpunkt „nur in verschwindend geringem Maße“ in die Praxis umgesetzt wurde (1987, S.39).

[16]. Vgl. dazu II.1.

Ende der Leseprobe aus 115 Seiten

Details

Titel
Jugend und Protest im 20. Jahrhundert
Untertitel
Historische Analyse des Jugendprotestes vom Kaiserreich bis zur Gegenwart
Hochschule
Universität Bielefeld  (Fakultät für Pädagogik)
Note
1
Autor
Jahr
1991
Seiten
115
Katalognummer
V144183
ISBN (eBook)
9783640840700
ISBN (Buch)
9783640840281
Dateigröße
853 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Volker Brand Jugend und Protest im 20. Jahrhundert
Arbeit zitieren
Dr. Volker Brand (Autor), 1991, Jugend und Protest im 20. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/144183

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