Diese Hausarbeit hat den malerischen Umgang Tizians mit der biblischen Szene in seinem "Noli me tangere" von 1512 zum Thema. Grundlage stellt dabei die augustinische Auslegung des entsprechenden Bibeltextes dar. Folgend soll mithilfe von Markus Ewels das Darstellungsproblem ‚Figur und Landschaft‘ in der venezianischen Malerei des 16. Jahrhunderts sowie die Beziehung der Figur zur Baumfigur näher beleuchtet werden. Anschließend erfolgen mit Ulrike Tarnows Überlegungen erste interpretative Schritte zum Verständnis von Tizians malerischem Umgang mit der Bibelstelle. Darauf aufbauend soll unter Bezugnahme von Ewel die Figurenkomposition im Licht der augustinischen Auslegung untersucht werden. Schließend wird diese Hausarbeit die Frage beantworten, wie Tizian das seinem Sujet zugrunde liegende Problem auf der Leinwand verhandelt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Werkbeschreibung
3. Noli me tangere
3.1 Biblische Erzählung
3.2 Die augustinische Auslegung
3.3 Augustinus in Venedig
4. Figur und Landschaft - Gegenstände werden figurativ
5. Ulrike Tarnows Zwitterstatus des Auferstandenen
6. Berührung durch Berührungsverweigerung
6.1 Doppelte Ähnlichkeit in Figur-Gewächs Beziehung
6.2 Offenbarung durch Entzug
7. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht den malerischen Umgang Tizians mit der biblischen Szene des „Noli me tangere“ in seinem Werk von 1514. Dabei wird analysiert, wie das theologische Spannungsfeld zwischen der körperlichen Berührungsverweigerung Jesu und der Notwendigkeit des geistigen Glaubens durch die Bildkomposition und die Einbindung der Landschaft sowie der Baumfigur auf der Leinwand verhandelt wird.
- Theologische Auslegung des Berührungsverbots nach Augustinus von Hippo
- Analyse der Beziehung zwischen Figur und Landschaft in der venezianischen Malerei des 16. Jahrhunderts
- Untersuchung des Zwitterstatus des Auferstandenen in der Kunst
- Die Rolle der Baumfigur als kompositorisches und inhaltliches Bindeglied
- Verräumlichung der Bildaussage als Mittel zur profunden Auseinandersetzung mit medialen Grenzen
Auszug aus dem Buch
6.2 Offenbarung durch Entzug
Jean Luc-Nancy liefert den Impuls, um diese vermeidliche Verwirrung des Bildes zu verstehen. In seinen Überlegungen zum Noli me tangere konstatiert er, dass die Berührung durch den Imperativ „Rühre mich nicht an“ überhaupt erst vollzogen werden würde. Durch die sensorische Berührungsverweigerung würde es zu einer affektiven Berührung kommen, da sich diese immer direkt und in einem intimen Rahmen vollziehe.
Übertragen auf die Begegnung zwischen Jesu und Maria und auf Grundlage der augustinischen Auslegung ließen sich ähnliche Schlüsse ziehen. Dadurch, dass sich Jesus Maria Magdalenas körperlichen „Fassung“ entzieht, macht er eine Berührung auf der geistlichen Ebene überhaupt erst möglich. Der Auferstandene verhindert die taktile Verifikation, damit eine Begegnung im Glauben stattfinden kann. Wenn der Baum nun sowohl „verwandtschaftliches Gehalt“ zu Maria Madalena (greifend), als auch zum Auferstandenen (ausweichend) aufweist, dann würde in ihm genau dieser vermeidlich widersprüchliche Umstand internalisiert und personifiziert. Berührung und Berührungsverweigerung werden eins, was folglich auch eine Harmonisierung des Konfliktes von Glauben und Wissen durch die kohäsive Kraft der Baumfigur bedeutet.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das theologische und kunsthistorische Thema der Berührungsfurcht ein und formuliert die Forschungsfrage bezüglich Tizians malerischem Umgang mit dem Noli me tangere.
2. Werkbeschreibung: Es erfolgt eine detaillierte Beschreibung des Gemäldes von 1514, seiner formalen Merkmale und der ikonografischen Anordnung der Figuren in der Landschaft.
3. Noli me tangere: Dieses Kapitel betrachtet die biblische Grundlage der Szene, die augustinische Auslegung des Berührungsverbots und dessen historische Relevanz im Venedig der Renaissance.
4. Figur und Landschaft - Gegenstände werden figurativ: Der Abschnitt widmet sich der Transformation der Landschaftsdarstellung und der Bedeutung der Baumfigur als aktiver, narrativer Bestandteil des Bildes.
5. Ulrike Tarnows Zwitterstatus des Auferstandenen: Aufbauend auf Ulrike Tarnows Thesen wird der Umgang mit der Nicht-Berührung und der Verräumlichung des Bildgeschehens bei Tizian diskutiert.
6. Berührung durch Berührungsverweigerung: In diesem Teil werden die Korrespondenzen zwischen Figuren und Gewächsen untersucht sowie die philosophische Idee einer Offenbarung durch den Entzug der taktilen Berührung hergeleitet.
7. Fazit: Die Arbeit schließt mit dem Ergebnis, dass Tizian das theologische Problem der Szene nicht durch Kaschierung, sondern durch eine konfrontative Auseinandersetzung mit der Bildlogik reflektiert.
Schlüsselwörter
Tizian, Noli me tangere, Renaissance, Malerei, Augustinus, Berührungsverbot, Berührungsfurcht, Glauben und Wissen, Baumfigur, Bildkomposition, Ikonografie, Auferstehung, Mediale Grenzen, Deu Absconditus, Raumlogik
Häufig gestellte Fragen
Was ist das zentrale Thema dieser Arbeit?
Die Arbeit analysiert Tizians Gemälde „Noli me tangere“ (1514) im Hinblick auf das theologische Problem, wie die körperliche Berührungsverweigerung Jesu mit dem Anspruch einer geistigen Offenbarung vereinbar ist.
Welche theologische Basis wird herangezogen?
Primär wird die augustinische Auslegung des Johannesevangeliums genutzt, die das Berührungsverbot als Aufforderung versteht, Jesus primär im Glauben und nicht taktil zu erlernen.
Mit welcher wissenschaftlichen Methode arbeitet der Autor?
Es handelt sich um eine kunsthistorische Bildanalyse, die formale Aspekte der Komposition mit ikonografischen Traditionen und philosophischen Ansätzen (u.a. von Jean-Luc Nancy und Markus Ewel) verbindet.
Was unterscheidet Tizians Darstellung von anderen Versionen des Themas?
Tizian überwindet die rein flächige Trennung durch eine Verräumlichung der Szene, bei der die Baumfigur eine aktive Rolle in der Vermittlung zwischen den Figuren und dem Betrachter übernimmt.
Welche Bedeutung kommt der Baumfigur im Gemälde zu?
Die Baumfigur stellt ein kompositorisches und inhaltliches Bindeglied dar, das die widersprüchlichen Konzepte von Wissen und Glauben, Berührung und Verweigerung innerhalb des Bildes harmonisiert.
Welches Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie Tizian mediale Grenzen nutzt, um eine profunde Auseinandersetzung mit der „Darstellbarkeit des Undarstellbaren“ zu führen.
Wie geht die Arbeit mit dem Begriff des „Zwitterstatus“ um?
Der Begriff bezieht sich auf die ambivalente, teils materielle und teils transzendente Natur der Erscheinung Christi, die Tizian durch geschickte Bildsprache und Tiefenwirkung für den Rezipienten reflektierbar macht.
Welche Rolle spielt der Betrachter in der Analyse?
Der Betrachter wird durch die spezifische Komposition, besonders durch die „aufgehobene Distanz“ zwischen den Figuren, dazu gezwungen, das Bild nicht oberflächlich naturalistisch, sondern in seiner komplexen Raumlogik wahrzunehmen.
Was bedeutet der Titel „Offenbarung durch Entzug“?
Der Titel deutet an, dass der Verzicht auf die physische Berührung in der Szene notwendig ist, damit sich die wahre, geistige Natur des Auferstandenen gegenüber der Maria Magdalena (und dem Betrachter) offenbaren kann.
- Quote paper
- Johann de Silentio (Author), 2021, Die malerische Annäherung an das theologische Problem der "Noli me tangere" von Tizian (1514), Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1442314