Schweiz „1968“ am Beispiel Zürich

Die Protestformen der 68er Bewegung in der Schweiz


Seminararbeit, 2008
14 Seiten, Note: 1

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung
1.1 Motivation
1.2 Vorgehensweise
1.3 Neuerscheinungen

2 Wohnverhältnisse in Zürich um 1960 / Wohnungsnot
2.1 Kultureller Freiraum

3 Autoritätenkonflikt, Familienverhältnisse

4 Der Protest formiert sich
4.1 Fortschrittliche Studentenschaft Zürich (FSZ)
4.2 Die „Monsterkonzerte“– erste Krawalle

5 1968 – Der Kampf um das Globusprovisorium
5.1 Erste Vorstöße für ein Jugendzentrum
5.2 Das Globusprovisorium wird frei
5.3 Die Besetzung des Globusprovisorium
5.4 Die Globuskrawalle
5.5 Reaktionen auf die Krawalle

6 Der Lindenhofbunker – „Good Will“ des Stadtrats
6.1 Die Eröffnung des Lindenhofbunkers 11m
6.2 Der Abbruch des Experiments- Autonome Republik Bunker

7 Die Opernhausproteste 1980 – „züri brännt“
7.1 Erste Krawalle

8 Schlussfolgerungen

9 Literaturverzeichnis:

1. Einleitung

1.1 Motivation

Nach den zahlreichen, medialen Kampagnen für Götz Aly`s neuestes Buch „Unser Kampf“ begann ich mich vorschnell für die vermeintliche Hauptthese des Autors: 33 = 68 zu interessieren. Da ich die bisherigen Publikationen Aly`s überaus schätze, dachte ich mir im Vorfeld das Buch würde den Versuch unternehmen die 68er-Protestgeneration als Folge der 33er-Kriegsgeneration zu deuten – und zwar europaweit. Schließlich waren nur wenige Länder Europas nicht direkt in die Geschehnisse des 2.Weltkriegs involviert gewesen.

Genau deshalb wollte ich die Ausdrucksform von „1968“ in einem nicht in den Krieg involvierten Land Europas untersuchen, sozusagen um mittels der Ergebnisse Aly`s Thesen auf ihre Plausibilität hin abzuklopfen. Bei der anschließenden Lektüre von Aly`s Buch musste ich jedoch leider feststellen, dass sich seine Untersuchungen unsinnigerweise nur auf Deutschland beschränken und wenn man die 256 Seiten seines Buchs von der unwissenschaftlichen Polemik befreien würde – nur die Seitenanzahl eines Zeitungsartikel übrig bleiben würde.

1.2 Vorgehensweise

Infolgedessen nahm ich eine inhaltliche Umorientierung vor, und beschäftige mich vorerst unreflektiert mit den Geschehnissen des Schweizer 68. Dabei entdeckte ich zunächst ähnliche, wenn auch abgeschwächte, Ausdrucksformen der 68-Protestbewegung in der Schweiz[1]. Bei der weiteren Recherche wurde dann sehr schnell eine spezifische Besonderheit in den Ereignissen des Schweizer 68 sichtbar – der erbitterte Kampf der Jugend um so genannte Autonome Jugend Zentren (AJZ). Infolgedessen beschäftigte ich mich fortan mit dieser schweizer „Kuriosität“ und suchte nach den ursächlichen Gründen für diese Protestbewegung. Durch den Begriff „AJZ“ werden auch die Grenzlinien der involvierten Gesellschaftsgruppen deutlich – es handelt sich keinesfalls um ein rein studentisches, intellektuelles Milieu, sondern vielmehr wird die Bewegung von einer breiten, jugendlichen Allianz bestehend aus Arbeitern, Schülern und Studenten getragen.

1.3 Neuerscheinungen

Die Krawalle die um das Jahr 1968 ihren Ausgangspunkt nehmen und sich bis zu den so genannten „80er Unruhen“ verfolgen lassen, finden vor Allem in der Forschungsliteratur der frühen 80er Jahre ihren Niederschlag. Einige wenige Publikationen werden dann noch in den 90ern bzw. zu Beginn des Milleniumswechsel nachgeschoben. Anlässlich des Jubiläumsjahrs 2008 wurden schließlich zahlreiche Bände termingenau zum Mai / Juni veröffentlicht, die mich zur Einarbeitung in die Arbeit leider zu spät erreichten.

2 Wohnverhältnisse in Zürich um 1960 / Wohnungsnot

Durch den wirtschaftlichen Aufschwung und die Etablierung von Zürich als internationales Finanzzentrum Anfang der 60er Jahre wurde der Verwaltungs- und Büroraum auf Kosten des Wohnraums ausgeweitet. Die Zürcher City wuchs und dehnte sich immer weiter aus, um Geschäfts- und Verwaltungsgebäuden Platz zu schaffen, alte Wohnhäuser wurden abgerissen oder anderswertig genutzt. Eine zeitgenössische Wohnungsgenossenschaft- Broschüre behauptet, 963 Wohnungen seien innerhalb von zwei Jahren durch Abbruch, Umbau oder Zweckänderung verloren gegangen.[2]

Die ansteigende Studierendenzahl auf der einen Seite und der sich verringernde Wohnraum in Zürich andererseits standen sich verhängnisvoll gegenüber. Der Wohnungsmangel in den frühen 60er Jahren drückte die Mietpreise nachhaltig in die Höhe – man sprach von „Phantasiepreisen“, und sorgte für ein engeres Zusammenrutschen innerhalb der Familien.1963 schien in Zürich der Höhepunkt erreicht, als 150 Familien, von der Obdachlosigkeit bedroht, in Notwohnungen untergebracht werden mussten. Die NZZ titelte „katastrophale Lage des schweizerischen Wohnungsmarktes“, die National-Zeitung sprach von „Wohnungsnot – ein ungelöstes Problem“.

Nach einer verhaltenen Bautätigkeit hatte sich die Situation der Wohnungsnot 1968 abermals verschärft, als der Leerwohnungsstand praktisch wieder auf null gesunken war. Die Wohnungsknappheit wurde jetzt zu einem öffentlichen Thema, das mit politischen Forderungen verknüpft, Ursache für Protest wurde.[3]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Leerstandsziffer, die Ende der 60er Jahre zeitweise lediglich 0,03 Prozent betrug, was umgerechnet ca. 50 freie Wohnungen in der ganzen Stadt Zürich entsprach.

Statistiker sprechen von einem funktionierenden Wohnungsmarkt bei 0,5 bis 2,0 Prozent leer stehende Wohnungen.

2.1 Kultureller Freiraum

Die aufkommende Subkultur traf zusehends auf Unverständnis bzw. auf Ablehnung von Seiten der Bevölkerung sowie der Behörden, die sie in die Nähe von latenten Kriminellen rückten. Privatclubs die auf Eigeninitiative gebildet wurden blieben nicht lange unbehelligt und mussten großteils wieder geschlossen werden. „Der Fall des Clubs Platte 27 der Musik, Theater und kritische Gespräche anbietet, ist in dieser Hinsicht typisch[…][4] Den Betreibern des Clubs wurde nach vorübergehenden, finanziellen Schwierigkeiten vom Eigentümer der Liegenschaft, dem Zürcher Konsumverein, äußerst kurzfristig gekündigt. Daraufhin wurde das alte Gebäude abgerissen und in einen Parkplatz umgewandelt.

„Der Wohnungsmangel ist keinesfalls die alleinige Ursache der Jugendunruhen. Ausschlaggebend für den Ausbruch der Unruhen sind in der Schweiz unter anderem auch die Schließung von immer mehr Lokalen für Jugendliche und der Mangel an Räumen, um eigene Clubs zu eröffnen.“[5] Es ging nicht nur um Wohnraum, sondern, vor allem auch um kulturellen Freiraum.

3 Autoritätenkonflikt, Familienverhältnisse

Aus einer Umfrage aus dem Quellenbericht „Der Aufstand der Söhne“ von Alfred Häsler, unter hundert radikalen und politischen Studierenden der Schweizer Universitäten um die Ursachen der Unruhen zu ergründen, erschließen sich aufschlussreiche Antworten. Mehr als ein Viertel der Befragten beschrieb das Verhältnis zu Ihren Eltern unbefriedigend, insofern das sie keine Zeit gehabt hätten sich mit ihren Problemen zu befassen. Vor allem die Väter wären von Beruf, Geschäft und Politik so vereinnahmt gewesen, als das sie ihren Söhnen und Töchtern Zeit widmen hätten können.[6]

Ein weiters Phänomen das sich in den Interviews abzeichnete war die die schon im Kindes und Jugendalter einsetzende Vereinsamung. Die Unfähigkeit wirkliche Freundschaften zu schließen oder Beziehungen zu anderen herzustellen in denen man sich öffnen konnte war damals ein weit verbreitete Erscheinung – eben auch an den Universitäten. Deshalb mag es für manche – ursprünglich politisch kaum interessierte Studierende – interessant gewesen sein, sich einer (politisch) aktiven Gruppe anzuschließen, in der man gemeinsam für eine bessere Welt kämpfte.[7] Im neusten, umstrittenen Werk von Götz Aly „Unser Kampf“ wird dazu im Abschnitt „Emotional frierende Kinder“ eine weitere Umfrage unter der rebellierenden, deutschen Studenten präsentiert die zum Befund kommt: „Das sich die Ergebnisse weder nach Geschlecht noch nach Studienort wesentlich unterscheiden, und die Ergebnisse als tiefgehende Auseinadersetzung mit der Vätergeneration zu interpretieren sind“ Besonders scharf fiel die Kritik von den gut situierten Söhne und Töchtern aus, der Studienleiter brachte das Phänomen auf die kurze Formel: „Viel Geld – wenig Nestwärme.“ Aly bezeichnet sie dann schließlich pauschal als die Generation der emotional frierenden Kinder.[8]

[...]


[1] Vgl.: Wisler, Dominique: Drei Gruppen der Neuen Linken auf der Suche nach der Revolution. Zürich 1996, S. 63.

[2] Vgl.: Niklaus Flüeler: Eine kleine Geschichte handelnd von Operetten, Eremiten und einer Siedlung, Zürich 1959, S. 1.

[3] Vgl.: Stahel Thomas: Wo-Wo-Wonige!, Zürich 2006, S.97.

[4] Wisler, Dominique: Drei Gruppen der Neuen Linken auf der Suche nach der Revolution. Zürich 1996, S.67.

[5] Nigg Heinz: Wir wollen alles, und zwar subito!, Zürich 2001, S. 338.

[6] Vgl. Häsler Alfred: Der Aufstand der Söhne. Die Schweiz und ihre Unruhigen, Zürich 1969, S.15.

[7] Vgl. Häsler Alfred: Das Ende der Revolte. Aufbruch der Jugend 1968 und die Jahre danach, Zürich 1976, S. 89.

[8] Vgl. Aly Götz: Unser Kampf. 1968 – ein irritierender Blick zurück. Frankfurt 2008, S. 196.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Schweiz „1968“ am Beispiel Zürich
Untertitel
Die Protestformen der 68er Bewegung in der Schweiz
Hochschule
Universität Wien  (Wirtschafts und Sozialgeschichte)
Note
1
Autor
Jahr
2008
Seiten
14
Katalognummer
V144254
ISBN (eBook)
9783640547937
ISBN (Buch)
9783640551743
Dateigröße
603 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schweiz 1968, Jugendproteste, AJZ, Autonome Jugendzentren, Globusprovisorium, Lindenhofbunker, Zürich, Züri Brännt
Arbeit zitieren
Andreas Kern (Autor), 2008, Schweiz „1968“ am Beispiel Zürich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/144254

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Schweiz „1968“ am Beispiel Zürich


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden