Zu Heinrich Heines "Rabbi von Bacherach"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009
15 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Gliederung

1) Vorwort

2) Entstehungsgeschichte

3) Der „Rabbi“ – ein historisches Fragment ?!

4) Der „Rabbi“ – ein Symbol für Heines Marranentum

5) Schlussfolgerung

Literatur

1) Vorwort

Kaum ein Werk Heines wirft so viele Fragen auf, wie sein „Rabbi von Bacherach“. Dazu tragen der fragmentarische Charakter des Werkes, die stilistische Mischung von Tragik, Humor und Ernsthaftigkeit und die Darstellung jüdischer Geschichte und Kultur bei.

Das Fragment eröffnet zwei Wege der Analyse. Zum einen kann dieses als ein historischer Roman betrachtet werden, denn innerhalb des „Rabbis“ lassen sich verschiedene Eckdaten und historisch-belegbare Ereignisse aus der jüdischen Geschichte finden; so beispielsweise die Geschehnisse in Bacherach, im Frankfurter Ghetto und das Schicksal der jüdischen Bevölkerung während des Mittelalters. Auf der anderen Seite erscheint das Werk als ein autobiographischer Auf- und Verarbeitungsprozess seitens des Autors. Die Konflikte bezüglich seiner jüdischen Identität spiegeln sich zudem in der Tatsache wieder, dass sich der Schaffensprozess des „Rabbis“ über 15 Jahre erstreckte. Die ersten beiden Kapitel aus den Jahren 1824/25 weichen deutlich von dem dritten Kapitle aus dem Jahr 1840 ab, welches eine veränderte Motivation und Ansicht bezüglich des (seines?) Judentums widerspiegelt.

Dementsprechend soll diese Arbeit mit einer allgemeinen Einführung zum Werk beginnen, in der ich die Entstehungsgeschichte und –umstände näher beleuchte. Anschließend möchte ich die historischen Ereignisse innerhalb des „Rabbis“, die von Heine verwendeten Quellen und die Wirkung der historischen Darstellungen untersuchen. Abschließend soll der Fokus auf den autobiographischen Elementen des Fragments liegen. In diesem Zusammenhang möchte ich die Figuren „Rabbi Abraham“ und „Don Isaak“ genauer analysieren und anhand derer die Thematiken „Diaspora“ und „Marranentum“ diskutieren.

2) Entstehungsgeschichte

Der „Rabbi von Bacherach“ ging aus einem 15 Jahre andauernden Prozess der Identitätsfindung seitens eines jüdischen Schriftstellers im frühen 19. Jahrhundert hervor. So kurz Heines Werk auf den ersten Blick erscheint, so komplex und umfangreich ist es zu verstehen. Diesbezüglich ist die Entstehungsgeschichte von großer Bedeutung.

Anhand seiner Biographie ist ersichtlich, dass Heine Zeit seines Lebens eine gewisse Außenseiterexistenz verkörperte und stetig um Anerkennung seiner (schriftstellerischen) Fähigkeiten kämpfte, die ihm jedoch, aufgrund seiner jüdischen Herkunft verwehrt blieb. Daraus ableitend lässt sich verstehen, warum das Judentum im Allgemeinen und speziell die Assimilation der Juden ein stetiges Thema seiner Schriften war.

Für die Entstehung des „Rabbi“ sind drei Zeitpunkte bzw. Ereignisse von großer Bedeutung, die die Motivation Heines prägten. Ausschlaggebend war die Mitgliedschaft im „Verein für Cultur und Wissenschaft der Juden“, welcher 1819 gegründet wurde. Innerhalb des Vereins war er im Kreise jüdischer Intellektueller aufgehoben und fühlte sowohl auf geistiger bzw. künstlerischer, als auch auf freundschaftlicher Ebene ein Zugehörigkeitsgefühl, welches seine Arbeit produktiv beeinflusste. So waren es unter anderem seine Freunde Moses Moser und Leopold Zunz, die ihn mit Übersetzungen aus dem Hebräischen und Materialien für seine Arbeit am „Rabbi“ unterstützten.

Der Verein sah seine Aufgabe in der Erforschung des Judentums und darin „ […] die Juden durch Akkulturation, d.h. durch Hinführung ihrer Bildung und Lebensbestimmung auf denjenigen Standpunkt, zu welchem die übrige europäische Welt gelangt ist, die Assimilierung an die christlich-deutsche Gesellschaft erleichtern.“[1]

Aus diesem Verständnis heraus versuchten die Vereinsmitglieder das Judentum, dessen Geschichte und die jüdische Kultur wissenschaftlich zu erforschen und selbst zu erleben. Folglich war das Zelebrieren jüdischer Traditionen eine gewisse Selbstverständlichkeit. Für Heine, dem die Feierlichkeiten aus seiner frühen Kindheit durchaus bekannt waren, wurden die Treffen zu einem Antrieb für sein Schreiben. Endgültig würde der Keim für den „Rabbi“ im Jahr 1824 gesetzt und kurze Zeit nach der Teilnahme mit seinen Freunden am Sederabend des Passahfestes am 12./13. April begann er mit dem ersten Kapitel. Seine diesbezügliche Motivation trotzte der Auflösung des Vereins im selben Jahr, doch wurde sein Projekt bereits 1825 auf eine harte Probe gestellt. Höhn formuliert den Einschnitt wie folgt: „Aus praktischen Gesichtspunkten heraus war Heine dazu bereit, seine bürgerliche Integration um den Preis der Selbstverleugnung zu betreiben.“[2] Hiermit beschreibt Höhn einen Schritt, für den, vor Heine, zahlreiche andere Juden bereit waren. Heine ging ihn am 28. Juni 1825; er ließ sich taufen.[3] Daran anknüpfend folgten einige private und berufliche Probleme bzw. Differenzen und so schien es kaum verwunderlich, dass Heine den „Rabbi“ nach dem zweiten Kapitel auf Eis legte.

Erst nach mehreren Jahren und zahlreichen anderen Projekten wandte sich Heine dem „Rabbi“ erneut zu. Ausschlaggebend für die Rückbesinnung war ein politisches Ereignis, welches Heine zutiefst bewegte. 1840 ging die Damaskus-Affäre durch die Presse und erreichte auch Deutschland und die dortigen Juden. Hierbei handelte es sich um einen erneuten Ritualmordvorwurf gegen Juden im Vorderen Orient (Damaskus). Die damit verbundenen Konflikte und Folgen führten zu antisemitischen Übergriffen in Europa und zu Problemen für jüdische Gemeinschaften und Organisationen. Von den Ereignissen und den weitreichenden Folgen dieser Verleumdung entsetzt, entschied sich Heine für eine öffentliche Stellungnahme, aus der seine tiefe Ablehnung für den Rückfall in mittelalterliche Methoden und Ansichten hervorgeht.

"Die heutigen Pariser Blätter", schreibt Heine am 7. Mai 1840 in der Allgemeinen

Zeitung, bringen einen Bericht des k.k. österreichischen Konsuls zu Damaskus an den k.k. österreichischen Generalkonsul in Alexandria, in bezug der Damaszener Juden, deren Martyrtum an die dunkelsten Zeiten des Mittelalters erinnert. Während wir in Europa die Märchen desselben als poetischen Stoff bearbeiten und uns an jenen schauerlich naiven Sagen ergötzen, womit unsere Vorfahren sich nicht wenig ängstigten; während bei uns nur noch in Gedichten und Romanen von jenen Hexen, Werwölfen und Juden die Rede ist, die zu ihrem Satansdienst das Blut frommer Christenkinder nötig haben; während wir lachen und vergessen, fängt man an im Morgenlande sich sehr betrübsam des alten Aberglaubens zu erinnern und gar ernsthafte Gesichter zu schneiden, Gesichter des düstersten Grimms und der verzweifelnden Todesqual! Unterdessen foltert der Henker, und auf der Marterbank gesteht der Jude, daß er bei dem herannahenden Paschafeste etwas Christenblut brauchte zum Eintunken für seine trocknen Osterbröde, und daß er zu diesem Behufe einen alten Kapuziner abgeschlachtet habe!“[4]

Es wird ersichtlich welche starke Sympathie Heine für die Juden und ihre Geschichte hegt und wie sehr ihn das Fortbestehen des Leidens und der Anschuldigungen betrübt. Entgegen aller Hoffnungen, dass die Neuzeit und das aufgeklärte Europa eine positive Wendung für das Zusammenleben zwischen Juden und Christen darstellen würden, konnten sich zahlreiche Menschen, Länder und Kulturen von den judenfeindlichen Bildern nicht lösen und führten somit die Leidensgeschichte des Judentums fort. So war es nicht verwunderlich, dass Heines anfängliche Überzeugung den „Rabbi“ schnell niederschreiben zu können, einem „harte[n] Ringen mit dem Stoff“ wich.[5]

Trotz des dritten Kapitels aus dem Jahr 1840 blieb das Werk fragmentarisch und es ist umstritten, ob der Schwerpunkt des Fragments auf den Kapiteln von 1824/1825 lag oder auf dem Kapitel von 1840. Trotz der Kürze des Werkes verkörpert es eine umfangreiche Darstellung der jüdischen Geschichte und autobiographischer Erlebnisse Heine. Die historischen Bezüge und Quellen des „Rabbi“ sollen im folgenden Kapitel dargestellt werden.

[...]


[1] Vgl.: Höhn, Gerhard: Heine – Handbuch. Zeit, Person, Werk. Dritte, überarbeitete und erweiterte Auflage. Stuttgart 2004. S. 34.

[2] Vgl.: ebd. S.35.

[3] Welche Bedeutung dieser Schritt für seinen Werdegang hat, soll im späteren näher betrachtet und unter dem Aspekt „Marranentum“ diskutiert werden.

[4] Hessing, Jakob: Wahrheit und Dichtung. Die Damaskusaffäre und Heines Rabbi von Bacherach. Potsdam 2006 (Vortrag); als Quelle aufrufbar unter: http://opus.kobv.de/ubp/volltexte/2008/2260/pdf/pardes_12_Art04.pdf (Stand: 11.06.2009)

[5] Vgl.: Höhn 2004. S. 437.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Zu Heinrich Heines "Rabbi von Bacherach"
Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
15
Katalognummer
V144410
ISBN (eBook)
9783640553921
ISBN (Buch)
9783640553549
Dateigröße
579 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Heine, Rabbi von Bacherach, Judentum, Marranentum
Arbeit zitieren
Marlen Berg (Autor), 2009, Zu Heinrich Heines "Rabbi von Bacherach", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/144410

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