Ist Fußball ein Mittel der Entwicklungspolitik?

Analyse der Bedeutung und der Wirkung des Fußballs auf die Gesellschaft, Politik und Entwicklungsziele aus afrikanischer Perspektive


Magisterarbeit, 2008

89 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung

2. Sport fer Entwicklung und Frieden
2.1. Der Fullball: Kein Politikum?
2.2. Staat und Fullball in Afrika: Brot und Spiele?
2.3. Theorie vom „Nationbuilding" — Ist der Sport eine Lösung?
2.4. Die Rolle der Fédération Internationale de Football Association (FIFA)
2.5. Die UN-Resolution 58/5

3. Arbeitsfelder des Fullballs
3.1. Bedingungen und Potenziale des Fullballs als Mittel zur Entwicklung
3.2. Fullball als „Lebensschule" — Schulung des sozialen Verhaltens
3.3. Der mögliche Wirkungsgrad der Projektumsetzung
3.4. Konkrete Arbeitsfelder fer Sportprojekte
3.4.1. HIV/Aids — Prävention
3.4.2. Trauma- und Versöhnungsarbeit
3.4.3. Gleichberechtigung — Kann Fullball helfen? — Ein Fallbeispiel.

4. Entwicklung durch Fullball - Die Arbeit der „NonGovermentOrganizations"
4.1. „Fullball" als Programm fer die Entwicklungsarbeit
4.2. Fullball als Mittel gegen soziale Isolation - „Streetfootballworld"
4.2.1. Warum wird bei „Streetfootballworld" gerade Fullball verwendet?
4.3. Fullball als Waffe gegen HIV — „Grassrootsoccer"
4.3.1. Warum wird bei „Grassrootsoccer" gerade Fullball verwendet?
4.3.2. Evaluationsergebnisse in Entwicklungsregionen

5. Fullballschulen in Afrika — Ausbildung und „Football drain"
5.1. Von den Slums ins Nou Camp - Migration von Afrikanischen Fullballspielern in Europa
5.2. Fullballmigration — „Satellitenklubs" als Exporthafen fiir Talente
5.3. „Culture Foot Solidaire" — Zum Schutz des Menschen

6. Resiimee und Ausblick

7. Anhang 1: Resolution der Generalversammlung der Vereinten Nationen vom 17. November 2003
Anhang 2: Die Spitznamen aller afrikanischen Fullballnationalteams siidlich der Sahara

8. Literaturverzeichnis

9. Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

„Der Sport ist ein Instrument von Entwicklung und Konfliktlösung, von Gesundheit, Bildung, nachhaltiger Entwicklung und Frieden, das wir bisher noch gar nicht wirklich in seinem Wert erkannt und noch gar nicht wirklich systematisch eingesetzt haben."1

Fullball ist weltweit einer der beliebtesten, wenn nicht sogar die beliebteste Sportart. Fullball begeistert und prägt aktive und passive Teilnehmer. Im letzten Jahrhundert entwickelte der Fullball sich zu einem Sport, der wahrscheinlich nicht zuletzt wegen seiner Einfachheit zu einem wichtigen Element im Leben der unteren Bevölkerungsschichten geworden ist.

Am 26. Oktober 1863 fing alles an. An diesem Tag wurde in England die Football Association gegründet, die das weitgehend bis heute gültige Regelwerk für das Fullballspiel definierte und kodifizierte. Mit dieser Verregelung wurde ein entscheidender Schritt zur Beilegung der Gewalt getan. Seitdem gilt: Fullball ist ein auf Regeln basierendes Spiel und kein Krieg, wie es einmal der holländische Trainer Rinus Michels gesagt haben soll.2 Im Krieg geht es um die Vernichtung des Feindes, im Fullball um den sportlichen Wettkampf mit einem Gegner. Im Gegensatz zum Krieg ist die Grundstruktur des Fullballs kooperativ und egalitär. Ohne eine gegnerische Mannschaft wäre kein Spiel möglich. Gespielt wird nach den für alle gültigen Regeln, die vom Schiedsrichter und gegebenenfalls von der zuständigen Sportsgerichtsbarkeit durchgesetzt werden.

Insofern ist die Fullballwelt der internationalen Politik und deren Fähigkeiten zur friedlichen Konfliktregelung weit voraus. Inwiefern jedoch der Fullball ein Mittel der Entwicklungspolitik sein kann, soll in der vorliegenden Arbeit analysiert werden.

Im Laufe der Zeit reifte der Fullball aber nicht nur im Profisport, sondern prägte ebenfalls sehr stark den Charakter vieler Regionen und Länder. Man spricht heutzutage beispielsweise von dem „Fullballland" Brasilien oder der „Fullballkultur" des deutschen Ruhrgebiets. Fullball ist demnach mehr als nur eine physische Betätigung.

Sicherlich gibt es viele Aspekte des Fullballs, die die nicht sportliche Perspektive betreffen. Insbesondere der Geschäftssinn der Vereine und Verbände ist dabei mallgebend. Allein fiber Marketing, Merchandising und Sponsoring, mit denen durch das „Zugpferd Fullball" Geld verdient werden kann, gibt es zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten und Studien. Dieser Aspekt soll in der vorliegenden Arbeit jedoch völlig ausgespart werden. Es geht hier vielmehr um den sozialen, wahrscheinlich auch weniger zu berechnenden Charakter des Fullballs. Dieser Sport hat eine aullerordentliche Magnetwirkung. Gerade in Regionen, in denen die wirtschaftlichen Rahmenbedinungen begrenzt sind. Auch dort, wo junge Menschen nicht regelmällig zur Schule gehen können und sogar traumatische Erfahrungen machen, bietet dieser Sport manchmal die einzige Möglichkeit, zu einer sozialen Freizeitgestaltung.

Weltweit ist die Zahl derer, die sich fer Fullball interessieren, regelmällig zuschauen oder spielen unzählbar. In Afrika spielen nach Schätzungen des Weltverbandes FIFA 80 Millionen Menschen regelmällig Fullball.3 Bei 924 Mio. in Afrika lebenden Menschen ist dieses ein Anteil von etwa 9 Prozent an der Gesamtbevölkerungszahl.4 Das ist enorm! Die Antwort auf die Frage, welche Kraft und Möglichkeiten der Fullball auf Kinder, Männer und Frauen in Afrika hat, ist daher einerseits einfach andererseits vielschichtig.

Fullball ist nicht nur die oft einzige Chance, mit einem Engagement als professioneller Spieler einem wirtschaftlich schwachen Milieu zu entfliehen, sondern die Politik möchte ebenso die Möglichkeit nutzen, die Entwicklung in den betroffenen Ländern durch Sport zu fördern. Inwiefern das diskutiert, geplant und sogar schon praktiziert wird, wird hier dargelegt und analysiert. Es zeigt, wie viel Potenzial fer die Entwicklungsarbeit tatsächlich im Fullball steckt.

Ein wichtiges politisches Signal haben die Vereinten Nationen bereits gesetzt: Die Generalversammlung der Vereinten Nationen verabschiedete am 17. November 2003 die Resolution 58/5 „Sport als Mittel zur Förderung der Bildung, der Gesundheit, der Entwicklung und des Friedens". Der Sport soll als Werkzeug dienen, Entwicklungsziele zu erreichen.

Diese Resolution ist als Zugeständnis der internationalen Politik zu werten, dass Sport nicht nur als körperliche Betätigung verstanden, sondern durchaus als Mittel zum Erreichen der Entwicklungsziele in der sogenannten Dritten Welt ernst genommen wird. „Das UN-Jahr des Sports und der Leibeserziehung 2005"5 war der Anstoll, um weltweit auf die Potenziale von Sport als Mittel in der Entwicklungszusammenarbeit aufmerksam zu machen. Inwiefern diese Ziele der UN-Resolution und die damit zusammenhängende Politik des Dachverbandes FIFA und der betroffenen Staaten interpretiert werden und welche Wirkung sie haben, soll im ersten Teil der Arbeit dargelegt und diskutiert werden.

Zuerst muss aber eine grundlegende Frage beantwortet werden, wie Entwicklung in diesem Sinne definiert wird. Es ist unumgänglich, den entwicklungspolitischen, theoretischen Rahmen abzustecken. Die Antwort soll sich hier aber lediglich auf den nötigen Rahmen beschränken. Der Sport, insbesondere der Fullball, kann keine grollflächigen Wirtschaftshilfen ersetzen. Die Entwicklungshilfe der westlichen Staaten, die laut „UN-Ziel"6 der 70er Jahre jeweils 0,7 Prozent des Bruttosozialproduktes (BSP) betragen soll, ist im Laufe der letzten 25 Jahre stetig gesunken. Ende der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts beträgt der Durchschnitt der Organisation fer wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) nur noch 0,22 Prozent, was ein Indiz für die sinkende Bereitschaft oder Fähigkeit ist, grolle Geldsummern fer die Entwicklungsländer zu generieren.7 Deshalb muss die Unterstützung fer die Entwicklungsmallnahmen immer vielfältiger werden. Nichtregierungsorganisationen, private Initiativen und kirchliche Vereinigungen springen in die Bresche und übernehmen insbesondere humanitäre Entwicklungsaufgaben. Diese Aufgaben haben keinen messbaren Einfluss auf die Wirtschaftsfähigkeit eines Landes, leisten aber einen grollen Beitrag für die lokalen bzw. regionalen Entwicklungen.8 Beim Sport ist dies ähnlich. Es geht hier vor allem um die mit in die Programme eingebundenen Menschen vor Ort. Die Wirkung und Vorgehensweise sowie das Verhältnis zum Aufwand zu analysieren, ist einer der Aspekte dieser Arbeit.

Ein weiteres Kapitel der Arbeit ist dem Einfluss des Fullballs auf die Politik gewidmet. Nicht wenige Sportwissenschaftler, Historiker und Journalisten behaupten, dass der Erfolg bzw. Misserfolg der jeweiligen Fullballnationalmannschaft durchaus Einfluss auf die Wirtschaft oder sogar auf die innenpolitische Sicherheitslage eines afrikanischen Staates haben kann, weil die Fullballnationalmannschaft oft als patriotisches Machtmittel der Politik instrumentalisiert wird.9

Ein europäisches Beispiel waren die nach dem verlorenen Weltmeisterschaftsfinale 1954 ausbrechenden Unruhen in Ungran. Da die „unbesiegbare" Fullballnationalmannschaft damals als „sozialer Kitt" zwischen Sozialistischem Regime und der Arbeiterklasse galt, wurde die Hoffnung auf eine bessere wirtschaftliche Zukunft auf den sportlichen Erfolg des Teams projiziert. 10

Diese Entwicklungen oder Reaktionen auf Misserfolge sind in Afrika heute ebenso zu beobachten. Der Fullball wird in den politisch labilen Staaten des afrikanischen Kontinents oftmals dafür benutzt, um diktatorische Regime aufrecht zu erhalten oder Regierungen zu stürzen. Misserfolge der Fullballnationalmannschaft in afrikanischen Staaten können die Sicherheitslage in einem Land ebenso bedrohen wie grolle Erfolge die Regierung deutlich festigen können.

Da das Thema Entwicklung durch bzw. mit Sport in der Forschung wie oben erwähnt mehrere Ansatzpunkte liefert, ist es besonders wichtig, die methodische Herangehensweise zu erläutern. Um das Ziel der vorliegenden Arbeit zu definieren, ist die Analyse von zwei Schwerpunkten nötig.

- Die Darstellung der Entwicklungspolitik und der Plan der Vereinten Nationen, mit Hilfe der Resolution 58/5 den Sport als Mittel einzuspannen, wird im zweiten Kapitel dargestellt. Dabei soll auf die politische Bedeutung des Fullballs im afrikanischen „Nationbuilding"-Prozess und die daraus folgende Politik der FIFA eingegangen werden.

- Die sportpädagogische Tätigkeit des Fullballs in der Entwicklungsarbeit „am Menschen". Die Darlegung der Arbeitsfelder sowie die aktuelle Realisierung am Beispiel von Nichtregierungsorganisationen soll im dritten und vierten Kapitel im Fokus stehen.

Als ein in sich geschlossener Exkurs soll darüber hinaus im fünften Kapitel noch auf den afrikanischen Kontinent als „Investitionsfeld" fer professionelle Nachwuchsförderung eingegangen werden. Denn Fullball bietet fer die Beteiligten nicht nur Chancen im entwicklungspolitischen Sinne. Fullball hat sich gerade im Europäischen Profisport mehr denn je zu einem Geschäft entwickelt. Talentierte ausländische Spieler aus dem verarmten Afrika zu verpflichten, hat insbesondere in den europäischen Profiligen Schule gemacht. Zahlreiche Vereine nutzen die hiesige Armut in Afrika aus, um möglichst günstig an gutes „Spielermaterial" zu kommen, sie nach Europa zu lotsen und später an gröllere Vereine teuer weiter zu verkaufen. Das Modell des Geschäfts mit Fullball und deren Akteuren birgt auch viele Gefahren fer junge Afrikaner. Ob es sich jedoch um die Gefahr einer modernen Art des Sklavenhandels handelt, soll im letzten Kapitel ebenso Beachtung finden.

Die wissenschaftliche Analyse wird durch zwei Faktoren geprägt, was in der Forschung stets bedauert wird: Trotz vieler Projekte in Afrika gibt es aufgrund des noch sehr jungen Arbeitsfeldes zu wenig wissenschaftliche Evaluation. Des Weiteren können direkte Zusammenhänge zwischen dem Einsatz von Sport und positiven Veränderungen in der Entwicklungsarbeit bis jetzt kaum nachgewiesen werden.

Dennoch ist die Zielsetzung der Politik, Sport mehr in die Entwicklungsarbeit zu integrieren, evident. Den beliebtesten Sport der Welt, der als „kleinster gemeinsamer Nenner" oder „Weltsprache" bezeichnet wird, zu nutzen, um Entwicklung zu fördern und einen Teil zur Linderung von Leid und Lösung von Problemen beizutragen.

2. Sport für Entwicklung und Frieden

Wie bereits erwähnt, wird der Sport von den Vereinten Nationen als ein Instrument von Entwicklung und Konfliktlösung durchaus ernst genommen. Jedoch ist die tatsächliche Kraft des Sports wohl nur an seinem Einfluss im sozialen Bereich abzulesen. Die soziale Rolle des Sports, insbesondere des Fullballsports, ist wahrscheinlich seine wichtigste Aufgabe. Nicht nur, dass Fullball als Armen- oder Arbeitersport der populärste Sport der Welt ist. Er ist eine der Sportarten, die mit jeglichen Gegenständen als Spielgerät zu spielen ist. Wenn afrikanische Kinder gegen eine aus Stofffetzen zusammengenähte Kugel treten, so ist dies ein vergleichbares Fullballspiel wie das, was die sogenannten „Strallenfullballer" der deutschen Nachkriegszeit ausmachte. Es wird „gespielt". Dass dieses Spiel alle sozialen Schichten, ob passiv oder aktiv, interessiert, steht dabei mittlerweile auller Frage. Aber wie reagieren die Entwicklungspolitiker und Staatsoberhäupter auf einen solchen mächtigen Faktor eines gemeinsamen Nenners? Kann Fullball Politik machen? Kann Politik den Fullball fer ihre Zwecke instrumentalisieren? Sport hat selbstverständlich eher einen praktischen Charakter. Daher ist es auf den ersten Blick ungewöhnlich, von einem Zusammenhang zwischen Politik und Sport zu sprechen. Im Nachfolgenden soll gezeigt werden, inwiefern Politik und Fullball in Beziehung stehen. Ob es dabei überhaupt einen Zusammenhang gibt und was die Politik bewerkstelligt, um den Sport zu fördern, zu organisieren und ihn fer andere Ziele auszunutzen, soll hier beleuchtet werden.

2.1. Der Fußball: Kein Politikum?

Obwohl Fullball seinem Selbstverständnis nach eigentlich universalistisch ist, spielen nationale Grenzen, auch im Zeitalter der Globalisierung, eine wichtige Rolle. Nach Artikel 10 des FIFA-Statuts, können normalerweise nur Verbände Mitglied werden, die in einem von der Staatengemeinschaft anerkannten Land fer die Organisation und Kontrolle des Fullballs verantwortlich sind. Fullball und Staatlichkeit bilden also in gewissem Sinne eine Einheit.11

Gerade weil dieser Sport auch mit Hilfe der Massenmedien die Welt umreillt, ist er ein mächtiges Mittel, die Menschen zu erreichen. Daher lassen sich die beiden Komponenten „Sport" und „Politik" bzw. „Staat" nicht voneinander trennen. Gerade nicht in der multimedialen Welt von heute. Aber ist die Politik und der Fullball eine moderne Synergie? Die Geschichte gibt eine klare Antwort: Nein! Zwei bekannte Beispiele sprechen dabei für sich.

Das wahrscheinlich bekannteste Beispiel der deutschen Fullballgeschichte der europäischen Nachkriegszeit ist das Finale der Fullballweltmeisterschaft 1954 in der Schweizer Hauptstadt Bern, das Deutschland sportlich unerwartet mit 3:2 gegen Ungarn für sich entschied. Es war mehr ein politischer als ein sportlicher Wendepunkt.

Der sportliche Sieg der deutschen Fullballmannschaft wurde als „eigentliche Geburtsstunde"12 der Bundesrepublik zitiert. Die Niederlage der Ungarn dagegen stürzte das Land in eine grolle politische Krise.13 Historiker Peter Kasza bezieht sich in seinem Buch auf seinen Kollegen Joachim Fest, der in Konrad Adenauer, Ludwig Erhard und Mannschaftskapitän Fritz Walter die „drei Gründungsväter der Bundesrepublik Deutschland" sieht.14 Kasza benennt das Verhältnis Politik, Volk und Sport als magisches Dreieck, das nicht auseinander zu reillen ist. „Wenn Fullballmannschaften auf internationaler Ebene gegeneinander antreten, dann finden sich ganze Nationen hinter ihren Teams zusammen."15

Interessant wird es jedoch beim Umgang der Politik mit diesen Ereignissen. In West-Deutschland leugnete man von Seiten der Politik zwanghaft jegliche politische Bedeutung des Sportes — in Ungarn wurde der Sport am Volk vorbei zum Zeichen der Uberlegenheit eines ganzen Gesellschaftssystems stilisiert.16 Während des Kalten Krieges sollte der Sport als weiterer „Kriegsschauplatz", wie bei den Olympischen Spielen, immer wieder im Mittelpunkt stehen. Insbesondere im Verhältnis der beiden „Klassenfeinde" UdSSR und den Vereinigten Staaten von Amerika. Die beiden Weltmächte projizierten stets den bilateralen Machtvergleich in sportliche Grollereignisse, worauf aber nicht weiter eingegangen werden soll.

Während die Krise in Ungarn nach dem verlorenen Spiel lediglich einen bedingten Zusammenhang mit dem sportlichen Misserfolg hatte, ist die direkte Folge eines Fullballspiels bei dem zweiten Beispiel nicht zu leugnen.

Nach dem entscheidenden WM-Qualifikationsspiel zwischen Honduras und El-Salvador am 26. Juni 1969 in Mexiko Stadt kam es zum wiederholten Mal zu Strallenunruhen. In den zwei Spielen zuvor, aus denen sportlich kein Qualifikant hervorging, verbrannten die Zuschauer der beiden Mannschaften die Nationalflaggen des Gegners. Bei den folgenden Strallenunruhen kamen Menschen zu Tode, die als Auslöser einer kriegerischen Auseinandersetzung gewertet wurden. Zwischen dem 14.7.1969 und dem 18.7.1969 fand darauf der sogenannte „Fullballkrieg" statt, der ca. 3000 Opfer forderte.17 Der eigentliche Grund waren Spannungen wegen sogenannter Wirtschaftsflüchtlinge aus El Salvador und nicht die sportliche Niederlage. Deshalb ist diese Bezeichnung „Fullballkrieg" sicherlich falsch, was ebenso Ehrhart bestätigt.18 Aber allein die Tatsache, dass das sportliche Aufeinandertreffen der beiden Nationen zum Auslöser eines Krieges mutierte, weist darauf hin, welchen Einfluss der Fullball auf andere Sphären wie die Politik haben kann.

Die beiden Beispiele, denen noch unzählige Beispiele folgen könnten, zeigen, dass die Politik und der Sport durchaus verbunden und keinesfalls zu trennen sind.

2.2. Staat und Fußball in Afrika: Brot und Spiele?

In Afrika sind seit der Unabhängigkeit der Staaten unzählige soziale und politische Problemherde aufgetreten. Nicht nur wegen Armut und Aids stehen die einzelnen Staaten vor schier unlösbaren Problemen, sondern Bürgerkriege und malllose Korruption erschweren zusätzlich die Entwicklungsarbeit.19 Diese Probleme sollen für die Staatschefs dann oftmals durch die Erfolge der Fullballnationalmannschaft gelöst bzw. beschönigt werden.20 Insbesondere bei fragilen autokratischen Regierungen der subsaharischen Länder werden die Fullballnationalmannschaften oftmals für politische Zwecke instrumentalisiert. Gewinnt die Nationalmannschaft, geht das Volk auf die Stralle und feiert, akzeptiert Fehler und Misserfolge von Regierungen, ist zufrieden.21

Bleibt der sportliche Erfolg aus, werden komplette Mannschaften von der Regierung sanktioniert. Die Formen lassen da grollen Spielraum. Das reicht von Kasernierung der Spieler bis zur angekündigten Folter bei einer eventuellen Niederlage.22

Aber die Namen einer afrikanischen Fullballnationalmannschaft tragen bereits eine politische Aussage in sich. Die meisten afrikanischen Teams haben einen Namen aus der Welt der Fauna: Von den „Sperbern" Togos über die „Kathargo-Adler" Tunesiens bis zu den „Hengsten" Burkina Fasos schwingt immer nationaler Stolz, Geschichte und Kultur mit.23 Einen politischen Beigeschmack gibt es, wenn die „Leoparden" Zaires sozusagen durch die „Simbas" der Demokratischen Republik Kongo verjagt werden — nach der gewaltsamen Beendigung der Mobutu-Diktatur im gröllten Staat Zentralafrikas. Natürlich sind Rivalitäten, die durch nationale Kultur und Stolz auf den Sport übertragen werden, durchaus nicht ungewöhnlich. Beispielsweise wird von einem „Derby", einem „Revierkampf" oder „Duell" gesprochen, wenn zwei lokal oder regional rivalisierende Vereine gegeneinander antreten. Dabei geht die Initiative eher von den Fangruppen als von den Vereinen aus, da die Spieler meist nicht mit dem Verein verwurzelt sind.

Anders ist es bei den internationalen Vergleichen der Nationalteams. Ein Spiel, bei dem beispielsweise Nigeria gegen Kamerun oder ein afrikanische Mannschaft gegen das Nationalteam der ehemaligen Kolonialmacht antritt, hat natürlich aus historischen Gründen mehr Brisanz als andere Partien. Sportlich wahrscheinlich nicht attraktiver, bieten solche Spiele aus kulturellen und historischen Gründen sowohl bei den Fangruppen als auch bei den Akteuren eine besonders grolle Rivalität. Im Fullballjargon finden sich viele kriegerische Begriffe und Redewendungen wieder wie „Killerinstinkt", „bomben" oder „kämpfen bis auf Messer". Die Fernsehreporter sprechen je nach Spielverlauf dann auch gerne von einem „Abnutzungskrieg" oder einer „Abwehrschlacht".24

Im Vergleich zu Afrika hält sich jedoch die tatsächliche Politik in Europa heutzutage aus dem öffentlichen Leben des Fullballs heraus — Sport bleibt meist Sport und Politik bleibt meist Politik. Jedenfalls muss schon viel passieren, damit eine Kontroverse zwischen Politik und Sport entsteht. Beispielsweise wie im Vorfeld der Olympischen Spielen 2008 in Peking.25 Eine Ausnahme stellen dabei sicherlich die grollen Turniere wie Welt- und Europameisterschaften dar, bei denen die Staatschefs selbstverständlich anwesend sind. Dies ist jedoch nicht ungewöhnlich. Bundeskanzlerin Angela Merkel etwa gab sich wie andere Staatschefs und Politiker bei der WM 2006 stets als Fullballbegeisterte aus. Für politische Aussagen instrumentalisierte kein Staatschef das Grollereignis, dennoch sonnten sich Politiker aller teilnehmenden Staaten in der Aufmerksamkeit für den Fullball.

In Afrika ist es ähnlich, aber im Detail doch entschieden anders. Fast alle afrikanischen Staatschefs verfolgen aufmerksam ihre nationalen Teams und nutzen sie auch durch Intervention für ihr politisches Kalkül. Einmischung in sportliche Entscheidungen sind dabei keine Seltenheit. 26

Die enge Verquickung von Politik und Spiel führt auch dazu, dass Spieler und Trainer die Nähe zum Präsidenten suchen.27 Genauso suchen Spieler den Präsidenten auf, um nach Ihrer sportlichen Karriere in ihrem Heimatland politischen Einfluss zu erhalten oder lukrative Geschäftspartner zu finden.28 In Angola befördert der Sport politische Karrieren, indem zahllose Politiker sich im Vereinsfullball engagieren. Der Staatspräsident lässt es sich nicht nehmen, den Benfica-Legionär Mantorras bei Besuchen in der Heimat zu empfangen und mit ihm zu speisen.29 Kameruns Starspieler Roger Milla verdankte seine sportlich nicht mehr gerechtfertigte Aufstellung bei der WM 1994 der Gnade des Präsidenten. Leider schnitt die Nationalmannschaft dann nicht so gut ab wie vier Jahre zuvor. Bei der WM 1990 in Italien sicherte der sportliche Erfolg Kameruns fer den innenpolitisch unter Druck geratenen Präsidenten Biya den Machterhalt.30 Bei weiteren Beispielen wurden die Kündigungen afrikanischer Nationaltrainer durch die politischen Machthaber veranlasst. Winfried Schäfer räumte seinen Stuhl als Kamerunischer Nationaltrainer, weil der Staatspräsident ihm 2005 vorschrieb, wen er aufzustellen habe.

Aber in Afrika geht es meistens um mehr als um sportliche Entscheidungen. Vor der WM 2006 in Deutschland war die politische Situation in den teilnehmenden südafrikanischen Staaten Angola, die Elfenbeinkiiste, Ghana und Togo schwierig. Diese Situation sollte mit einem Erfolg des jeweiligen Nationalteams verbessert, wenn nicht sogar gelöst werden. Eine in der Tat grolle Verantwortung, die die Staatschefs den Sportlern fer, in der Regel, drei WM-Spiele auferlegen.

In Teilnehmerland Togo wurde nach 40 jähriger Militärdiktatur unter Eyadéma 2005 sein Sohn mit Hilfe einer gefälschten Präsidialwahl zum Staatsoberhaupt gemacht.31 Die Korruption innerhalb des Verbandes macht es den Sportlern immer schwieriger fer ihr Land anzutreten.32 Kurz vor Turnierbeginn streikten zuerst die Spieler, später verliell der deutsche Trainer Otto Pfister das Hotel, da der Verband seit mehreren Monaten vertraglich zugesicherte Prämien nicht auszahlte, die von der FIFA fer die Spieler an den Verband gezahlt wurden.33 Dennoch ist Fullball die beliebteste Sache in Togo. Rund 150 Vereine sind registriert und an Wochenenden gehen Zehntausende zu den Spielen. „Das Land ist mit seinen vielen Ethnien stolz auf seine Fullballnationalmannschaft, die ein Vorbild geben soll fer ein friedliches Zusammenleben."34 So beschreibt der Spiegel in seiner Sonderausgabe zur WM 2006 die Bedeutung des Fullballs im Land.

Der Nationalmannschaft der Elfenbeinkiiste wurde ebenfalls eine psychologische Biirde im Vorfeld des Turniers auferlegt. Wie bei den anderen afrikanischen WM-Teilnehmern sollte der vermeintliche Erfolg genauso emotionale Liicken des Landes fiillen und fiir Frieden sorgen. Seit 2002 befindet sich das Land in einem biirgerkriegsahnlichen Zustand und ist in einen muslimisch gepragten Norden und einen eher christlichen Siiden gespalten.35 Zwischen den Fronten standen zwischenzeitlich bis zu 4000 franzosische Soldaten und 7000 Blauhelme. Seit Ende 2007 beruhigt sich im Zuge der Abriistung der kampfenden Partien die Sicherheitslage im Land. Um den Konflikt zu verstehen, miisste naher darauf eingegangen werden, was aber nicht moglich ist. Fiir das vorliegende Thema ist es lediglich wichtig zu wissen, dass es in diesem Konflikt auch um die Vielschichtigkeit der Ivorischen Kultur geht.36

Abbilung 1: Ethnien der Elfenbeinkiiste37

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In der Elfenbeinkiiste leben nicht weniger als 60 grundverschiedene Ethnien auf einem Gebiet zusammen, das ein wenig kleiner ist als das der Bundesrepublik Deutschland. Neben der Amtsprache Französisch (die aus der Kolonialzeit resultiert) bestehen 70 verschiedene Landessprachen. Die Fullballnationalmannschaft ist aus dieser komplizierten Ethnien-Konstellation zusammengestellt. Sicherlich ist dies ein stabilisierender Faktor fiir das Land. Bis heute ist das Team der Elfenbeinkiiste eine Mischung der verschiedenen Landesstämme und Religionen, was innerhalb der Mannschaft auch noch nie ein Problem war.38 Im Landeskonflikt geht es darum, wer ein „richtiger" Ivorer und wer „zugewandert" ist.39 „Dass Sport und Politik miteinander nichts zu tun hätten, das ist kaum irgendwo eine so leere Behauptung wie im Lande der Cote d'Ivoire",40 stellt Fichtner weiterhin fest. Die Spieler fühlen sich seit dem Bürgerkrieg zum Siegen verpflichtet, da sie wissen, dass ein Sieg die Menschen glücklich macht und die ethnische Herkunft vergessen lässt. In der Tat kam das öffentliche Leben im Lande in den Tagen nach der WM-Qualifikation für 2006 fast zum Erliegen. Diskotheken hatten zwei Tage durchgehend geöffnet und sowohl im Süden als auch im Norden wurde unablässig gefeiert.41 Die Spieler bekundeten bei der Siegesfeier öffentlich den Wunsch nach einer Aussöhnung des Landes, worauf sich Verbandpräsident Anouma an den Staatspräsidenten Gbago wandte.42 Obwohl die militärische Abrüstung bis dahin schleppend verlief, kam doch ein Friedensprozess in Gang, der auch von den Vereinten Nationen gefordert wurde. Inwiefern der Fullball einen Anteil daran hatte ist nicht messbar, aber allein die sportliche Qualifikation trug dazu bei, dass sich die vielen verfeindeten Ethnien als Nation und somit als Ivorer fühlten und so agierten.

In Angola sieht es ähnlich aus. Nach 27 Jahren Bürgerkrieg und den Korruptionsvorwürfen gegen den Präsidenten José Eduardo dos Santos ist es nicht einfach, einen friedlichen Staat zu errichten.43 Mit dem grollen Olvorkommen hat Angola grolle (wirtschaftliche) Möglichkeiten, jedoch hat das Land bisher keine Chance erhalten, sie zu nutzen.44 Nach der „Hitliste"45 von Transparency International gehört das Land zu den zehn korruptesten der Welt. Während der Erdölverkauf sich jährlich auf gut zehn Milliarden Dollar beläuft, müssen 90 Prozent der Bevölkerung mit weniger als zwei Dollar am Tag auskommen.46 Zur Einigung der Nation soll hier ebenso der Fullball verhelfen.

Die Nationalmannschaften dienen in ganz Afrika als besonderes Symbol nationaler Einheit. Jede Nation steht begeistert hinter ihren „Schwarzen Antilopen", „Super Adlern" oder „Elefanten", verkennt jedoch ihre politische Instrumentalisierung. Umso wichtiger ist es, dass Verbände und die internationale Politik von aullen Stellung beziehen, worauf später noch einzugehen ist.47

2.3. Theorie vom „Nationbuilding“ – Ist der Sport eine Lösung?

Nationbuilding ist ein Begriff, der bereits in den 1950er und 1960er Jahren populär war. Im Zuge der Modernisierungsplanung der ehemaligen Kolonien, sollten insbesondere afrikanische Staaten den Industriestaaten strukturell angepasst werden.

Das Nationbuilding hat sich laut Hippler als Begriff in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre in der Forschung auf breiter Front durchgesetzt.48 Die Erfahrungen der internationalen Gemeinschaft haben in Ländern wie Somalia, die vom Bürgerkrieg vieler Ethnien beherrscht wurden, den Blick dafür geschärft, dass Staatszerfall und die Fragmentierung von Gesellschaften Gewaltkonflikte entweder auslösen oder unlösbar werden lassen.49 Solche Situationen können wirtschaftliche, soziale und politische Entwicklungen längerfristig zum Scheitern bringen, gro(le humanitäre Katastrophen nach sich ziehen und ganze Regionen destabilisieren. Aus diesem Grund ist das Nationbuilding eine sinnvolle Politikoption zur Vermeidung von Staatszerfall und gesellschaftlicher Fragmentierung. Eine Politik des Nationbuildings bildet daher ein Scharnier zwischen Au(len-, Entwicklungs- und Militärpolitik, das Gewaltkonflikten vorbeugen oder sie bearbeiten, lokale und regionale Stabilität erreichen und Entwicklung ermöglichen kann und soll.50

Es lassen sich nach Hippler drei zentrale Elemente für erfolgreiches Nationbuilding unterscheiden, die meist eng verknüpft sind:

- eine gemeinschaftsbildende, überzeugungskräftige Ideologie,
- die Integration der Gesellschaft und
- ein funktionsfähiger Staatsapparat.51

Auf Dauer erfolgreich wird Nationbuilding nur sein, wenn es entweder aus einer integrativen Ideologie entspringt oder ab einem bestimmten Punkt eine solche hervorbringt. Eine grundlegende Umstrukturierung von Politik und Gesellschaft bedarf besonderer Legitimierung, sowohl was die Rechtfertigung der Politik als auch die soziale Mobilisierung zu ihren Zwecken betrifft. Als klassische Ideologie des Nationbuilding müssen offensichtlich die verschiedenen Spielarten des Nationalismus gelten — wobei „Nationalismus" hier alles meint, was von der sinnstiftenden Herausbildung gemeinsamer nationaler Identität bis hin zur gewaltsamen Abgrenzung von anderen nationalen oder ethnischen Gruppen reicht. 52 Nationbuilding setzt notwendigerweise die Herausbildung einer „Nation" voraus, die allerdings höchst unterschiedlich konstituiert sein kann. Eine solche nationale Abgrenzung findet in einem internationalen, sportlichen Vergleich immer statt. Dies ist der einfache, aber wichtige Sinn eines internationalen Vergleichs. Jedes Team, aus welcher Sportart auch immer, repräsentiert in diesem Moment sein Land, seine Nation und nicht seine Familie, seinen Stamm oder seine Heimatstadt. Eine solche integrative Ideologie kann in der Praxis aber nur entstehen, wenn es gesellschaftliche Gemeinsamkeiten gibt.53 Eine Sportart wird nicht zum nationalen Aushängeschild, wenn es an ihr kein öffentliches Interesse gibt. Es muss schon ein Sport sein, der die Massen anspricht. Ein Sport, der an jeder Ecke gespielt wird, den jeder versteht und theoretisch auch jeder mitspielen kann. Fullball hat in dieser Hinsicht einzigartige Möglichkeiten, die soweit gehen, dass dieser Sport als eine integrative Ideologie bezeichnet werden kann.

Die zweite Voraussetzung für einen erfolgreichen Prozess von Nationbuilding besteht in der Integration einer Gesellschaft aus den zuvor bestehenden, lose verbundenen Gruppen. Paschtunen, Belutschen und Pundschabis müssen nicht allein davon überzeugt sein, zu einer gemeinsamen Nation zu gehören, diese Vorstellung muss sich in der sozialen Realität auch wieder finden. Dazu ist es nötig, dass sich die Kommunikationsmuster zwischen den sozialen Gruppen so weit verdichten, dass Kommunikation nicht im Wesentlichen innerhalb der Gruppen stattfindet.54 Das heillt aber nicht, dass es einen ethnischen Austausch in Form von „Gesprächsrunden" geben muss. Wichtig ist, dass die Menschen sich von ihrem Stamm abgrenzen. Es ist dabei wichtiger, dass die Gruppen sich zu ihrem Land, zu ihrer Nation bekennen und sich als Stamm oder Gruppe als Teil der Nation sehen. Wie im vorigen Kapitel erwähnt, besteht dieser Fall bereits. Die Elfenbeinküste besteht aus vielen Ethnien. Dessen Fullballnationalmannschaft jedoch gibt den Menschen eine übergeordnete Vorgabe. Im Fullball fiebern die Bevölkerungsgruppen nicht mit dem Stammessohn im Team, sondern mit der kompletten Mannschaft, in der auch Stammessöhne anderer Bevölkerungsgruppen spielen. Dies liegt selbstverständlich in der Natur des Fullballspiels: Keiner gewinnt oder verliert alleine!

Zuletzt ist die Herausbildung eines funktionsfähigen, sein Staatsgebiet tatsächlich kontrollierenden Staatsapparats eine entscheidende Komponente von Nationbuilding. Es impliziert einmal, dass die entsprechende Gesellschaft sich als politische Gemeinschaft konstituiert hat, was mit den beiden oben skizzierten Prozessen korrespondiert, insbesondere der Herausbildung einer sich selbst bewussten, gemeinsamen Gesellschaft. Der Staat wird so zur politischen Organisationsform einer handlungsfähigen Gesellschaft — wenn er nicht schon zuvor bestand und eine Schlüsselrolle bei der gesellschaftlichen Integration spielte.55 Hier wird ein komplexer Punkt angesprochen. Sicherlich hat der Fullball nur einen geringen, wenn überhaupt, indirekten Einfluss auf den Staatsapparat. Lediglich die Organisation des Spiels selbst soll deswegen hier im Fokus stehen. Wenn nämlich kein Fullball gespielt werden kann, kann das Volk auch nicht mitfiebern. Daher muss die Teilnahme an internationalen Vergleichen, sprich der offizielle Spielbetrieb überhaupt, gesichert sein. Also kann nach Hipplers Theorie der nationale Fullballverband die Rolle des kontrollierenden Staatapparates fer den Fullballsport ersetzen. Somit sind alle drei Voraussetzung fer das Nationbuilding nach Hippler auf den Fullball anwendbar.

Folglich ergibt sich fer das erfolgreiche Nationbuilding ein Dreieck aus den jeweils sehr komplexen Elementen Statebuilding, gesellschaftlicher Integration und ideologischer Legitimation. Bestimmte Komponenten können relativ leicht von aullen bereitgestellt werden, etwa Teile der Infrastruktur, andere können von aullen schwer oder gar nicht erbracht werden, zum Beispiel beim ideologischen Nationbuilding. Erst das sich gegenseitig verstärkende Ineinandergreifen wird allerdings fiber Erfolg oder Scheitern von Nationbuilding entscheiden.56 Fullball ist fer dieses Ineinandergreifen, quasi als Kitt, nahezu ideal. Wie sich dies aus Sicht des Weltverbandes (FIFA) in der Praxis darstellte, soll im Folgenden dargelegt werden.

[...]


1 Zitat „Sonderberater für Sport im Dienste von Entwicklung und Frieden des Uno-Generalsekretärs“ Adolf Ogi, in: Ogi, Adolf „Unglaublich positive Kraft“, in: Zeitschrift für Entwicklungspolitik 19/2005 September, S.23-26.

2 Hemker, Reinhold: Die friedliche Seite des Sports, in: Zeitschrift für Entwicklungspolitik 19/2005 September. S.2.

3 http://de.fifa.com/worldcup/organisation/committees/fifa.html [03.06.08]

4 http://www.dsw-online.de/pdf/dswdatenreport06.pdf [03.06.08]

5 Vgl. Ogi, Adolf „Unglaublich positive Kraft“, in: Zeitschrift für Entwicklungspolitik 19/2005, Frankfurt am Main 2005, S.23f.

6 Vgl. Nucheler, Franz: Entwicklungspolitik, Bonn 2006, S. 12f.

7 Vgl.Ebenda.

8 Vgl.Ebenda.

9 z.B. Unruhen in Ungarn nach dem verlorenen Weltmeisterschaftsfinale 1954.

10 Vgl. Kasza, Peter: 1954 – Fußball schreibt Geschichte, Das Wunder von Bern, Bonn 2004, S. 43ff.

11 Vgl. Ehrhart, Hans-Georg: Fußball und Völkerverständigung, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 19/2006, Bonn 2006, S. 20f.

12 Vgl. Kasza, Peter: 1954 – Fußball spielt Geschichte, Bonn 2004, S.8f.

13 Vgl. Ehrhart, Hans-Georg: Fußball und Völkerverständigung, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 19/2006, Bonn 2006, S. 20f.

14 Vgl. Kasza, Peter: 1954 – Fußball spielt Geschichte, Bonn 2004, S.8f.

15 Vgl.Ebenda.

16 Vgl.Ebenda.

17 Vgl. Kapuściński, Ryszard: Der Fußballkrieg. Berichte aus der Dritten Welt, Frankfurt Juli 2001, S.25ff.

18 Vgl. Ehrhart, Hans-Georg: Fußball und Völkerverständigung, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 19/2006, Bonn 2006, S. 22f.

19 Nucheler, Franz: Entwicklungspolitik, Bonn 2006, S.

20 Vgl. Mehler, Andreas: GIGA Focus, Nummer 6, Juni 2006, Hamburg 2006, S. 2.

21 Vgl.Ebenda.

22 Vgl. Ehrhart, Hans-Georg: Fußball und Völkerverständigung, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 19/2006, Bonn 2006, S. 22f.

23 Die Spitznamen aller Afrikanischen Mannschaften im Anhang S.79.

24 Vgl. Ehrhart, Hans-Georg: Fußball und Völkerverständigung, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 19/2006, Bonn 2006, S. 23f..

25 Hier wurden die deutschen Athleten von der Politik vor die Wahl gestellt, die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele aufgrund der Menschenrechtsverletzungen Chinas gegenüber der tibetischen Bevölkerung zu boykottieren.

26 Vgl. Mehler, Andreas: GIGA Focus, Nummer 6, Juni 2006, Hamburg 2006, S. 2.

27 Vgl.Ebenda.

28 Fichtner, Ullrich: Der Krieg der Elefanten, in: Spiegel Special, Nr.2 2006, Planet Fußball, Hamburg 2006.

29 Vgl. Schmitz, Manfred, Doppelpass, Fußball und Politik in Angola, in: Afrika Süd, Zeitschrift zum südlichen Afrika, Nr.3 Mai/Juni 2006, S.28.

30 Vgl. Mehler, Andreas: GIGA Focus, Nummer 6, Juni 2006, Hamburg 2006, S. 2.

31 Hofmeier: R., Afrika-Jahrbuch: Politik, Wirtschaft and Gesellschaft in Afrika südlich der Sahara. Opladen 2005.S.25ff.

32 http://www.stern.de/sport-motor/wm2006/news/:Pfister-Interview-Das-Sklavenhandel/562579.html [26.06.08]

33 Vgl.Ebenda.

34 Vgl. Fußball Almanach, in: Spiegel Special, Nr.2 2006, Planet Fußball, Hamburg 2006, S.171.

35 Ebenda.

36 Vgl. Itzel, Ralf: Das Ende der Drogbamanie, in: Süddeutsche Zeitung WM Bibliothek, Die Fußball-Welmeisterschaft 2006 Deutschland, München 2006, S..47.

37 http://www.abidjan.net/actualites/reportages/tableroudeparis/images/ethnies.jpg [15.06.08]

38 Vgl. Fußball Almanach, in: Spiegel Special, Nr.2 2006, Planet Fußball, Hamburg 2006, S.152.

39 Vgl. Fichtner, Ullrich: Der Krieg der Elefanten, in: Spiegel Special, Nr.2 2006, Planet Fußball, Hamburg 2006, S.53.

40 Vgl.Ebenda.

41 Vgl. Fußball Almanach, in: Spiegel Special, Nr.2 2006, Planet Fußball, Hamburg 2006, S.152.

42 Vgl.Ebenda.

43 Vgl.Ebenda.

44 Vgl. Schmitz, Manfred: Doppelpass, Fußball und Politik in Angola, in: Afrika Süd, Zeitschrift zum südlichen Afrika, Nr.3 Mai/Juni 2006, S.27.

45 Vgl.Ebenda.

46 Vgl.Ebenda.

47 Vgl. Ebenda.

48 Vgl. Hippler, Jochen: Gewaltkonflikte, Konfliktprävention und Nationenbildung – Hintergründe eines politischen Konzepts, unter: http://www.jochen-hippler.de/Aufsatze/Nation-Building/nation-building.html [29.04.2008]

49 Vgl. Ebenda.

50 Vgl. Ebenda.

51 Vgl. Ebenda.

52 Vgl. Ebenda.

53 Vgl. Ebenda.

54 Vgl. Ebenda.

55 Vgl. Ebenda.

56 Vgl. Ebenda.

Ende der Leseprobe aus 89 Seiten

Details

Titel
Ist Fußball ein Mittel der Entwicklungspolitik?
Untertitel
Analyse der Bedeutung und der Wirkung des Fußballs auf die Gesellschaft, Politik und Entwicklungsziele aus afrikanischer Perspektive
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Institut für Politische Wissenschaft)
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
89
Katalognummer
V144498
ISBN (eBook)
9783640548361
Dateigröße
1874 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit untersucht, inwiefern der Fußball in Afrika mehr als Sport ist und findet u.a. heraus, welche Entwicklungsorganisationen bereits mit dem Sport arbeiten, um Ihre Ziele zu erreichen. Gerade nach der Resolution 58/5 der UNO (Entwicklung durch Sport) und im Hinblick auf die WM 2010 ist dies ein Politikfeld, an dem keiner mehr vorbeikommt. Der Sport bietet einiges an Potenzial!
Schlagworte
Entwicklung, Entwicklungspolitik, Afrikawissenschaft, Afrika, Fußball, WM 2010, FIFA 2010, Südafrika, Entwicklung durch Sport, Sport und Entwicklung, Streetfootballworld, UNO, Resolution 58/5
Arbeit zitieren
Colin Kraft (Autor), 2008, Ist Fußball ein Mittel der Entwicklungspolitik?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/144498

Kommentare

  • Colin Kraft am 1.2.2010

    Die Arbeit untersucht, inwiefern der Fußball in Afrika mehr als Sport ist und findet u.a. heraus, welche Entwicklungsorganisationen bereits mit dem Sport arbeiten, um Ihre Ziele zu erreichen.

    Gerade nach der Resolution 58/5 der UNO (Entwicklung durch Sport) und im Hinblick auf die WM 2010 ist dies ein Politikfeld, an dem keiner mehr vorbeikommt. Der Sport bietet einiges an Potenzial!

  • Colin Kraft am 1.2.2010

    Es ist sicherlich auch eine Hilfe, um sich auf eine Tätigkeit im Sport auf dem afrikanischen Kontinent vorzubereiten.

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