Leopold von Rankes Rede "Gefühl der Nation" von 1871 - Eine Textanalyse


Rezension / Literaturbericht, 2010

14 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Textanalyse

Beim vorliegenden Text handelt es sich um eine Rede Leopold von Rankes zur Gründung des Deutschen Kaiserreichs unter der Dynastie der Hohenzollern, welche um 1871 vollzogen worden war.

Er hielt sie als Erster Vorsitzender der Historischen Kommission der Bayrischen Akademie der Wissenschaften zu den Themen der Reichsgründung und der implizierten Frage des Verhältnisses Deutschlands zum Kaiserreich Österreich.

In der neueren deutschen Geschichte ist die Reichsgründung 1871 eines der herausragendsten Ereignisse, weil es die Mehrheit der deutschen Bevölkerung in einem Reich einte, welches in weiten Teilen auch dem damaligen Siedlungsraum entsprach. Nach der Vernichtung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation durch Napoleon, welches zwar kein moderner Nationalstaat im heutigen Sinne war, aber dennoch eine Art verbindende Klammer um die zum Reich gehörenden selbständigen Gliedstaaten und deren Bevölkerung faßte, gab es keine einende Staatlichkeit für die Bevölkerung Zentraleuropas mehr.

Vielmehr bildete sich in der Folge des Wiener Kongresses ein Dualismus zwischen den erfolgreichsten ehemaligen Territorialmächten des zerstörten Heiligen Römischen Reiches, nämlich Preussen und Österreich, heraus. Auf der einen Seite versuchten diese Regionalmächte ihren Einfluß auf den neuen Deutschen Bund und damit auf die verbliebenden deutschen Länder auszubauen, auf der anderen Seite unterließen sie eine zu starke Integration in supranationale Strukturen, um die eigene Machtposition nicht zu gefährden. Insofern standen bei beiden Reichen die Konsolidierung der eigenen Machtposition, vor allem nach außen, und innenpolitisch die Zerschlagung einer deutsch- nationalen Opposition im Vordergrund. Da sich in den jeweiligen Reichen, durch die enormen Fortschritte in wissenschaftlicher und ökonomischer Hinsicht, zudem ein neues selbstbewußtes Bürgertum herausbildete, welches an machtpolitischen Prozessen zu partizipieren gedachte, die monarchistischen Strukturen aber an immer weniger legitimierten und legitimierenden Instrumenten der Herrschaft festhielten, war es für den Fortbestand der Monarchie in der damaligen Form essentiell eine demokratische Opposition, welche vor allem von den Studenten und ihren Studentenverbindungen (insbesondere den Burschenschaften) getragen wurde, gar nicht erst erstarken zu lassen und sie effektiv zu bekämpfen. Nachfolgend formte sich in beiden Staaten, aber auch in anderen deutschen Herrschaftsgebieten, ein äußerst repressives Regime heraus, welches nach seinem Initiator auch Metternichsches Regime genannt wurde.

Zwar führte diese Politik zur demokratischen Revolution von 1848, diese wurde allerdings niedergeschlagen. Es ist jedoch heute davon auszugehen, daß trotz dieser Niederschlagung eine gewisse Auswirkung dieser Revolution auf die Regime stattgefunden hat und, zur Herrschaftskonsolidierung aber auch zur wirtschaftlichen Entfaltung der Menschen, ein gewisser indirekter Einfluß gegeben war. So wurden nachher bestimmte Reformen durch- und Mitbestimmungsmöglichkeiten eingeführt, wenn auch nicht so weitereichend wie ursprünglich gefordert.

Nichtsdestotrotz zeichnete sich bei Preussen, welches bereits während der napoleonischen Kriege tiefgreifende Reformen in Heer- und Bildungswesen durchgeführt hatte, unter zunächst ähnlichen politischen Bedingungen wie in Österreich, immer deutlicher ab, daß es dieses viel größere Land ökonomisch und geistig zunehmend überflügelte. Die Reformen im Militär sind bis heute fester Bestandteil der deutschen Armee und auch die Bildungsreformen Humboldts hatten bis vor wenige Jahre Bestand. Sie waren wesentlich am Aufbau und Erfolg der deutschen schulischen und universitären Ausbildung, und betrachteten, insbesondere letzteres, als zweckfreies Streben nach Wissen zur Erbauung des Individuums. Gerade diese unabhängige und zunächst zweckfreie Wissenschaft war interessanterweise eine der Ursachen des deutschen wirtschaftlichen Erfolges bis weit ins 20. Jahrhundert hinein. Erst als 1999 ein rechtlich nicht bindender Vertrag zwischen den Bildungsministern der europäischen Staaten geschlossen wurde, vernichtete man das deutsche -universitäre- Bildungswesen sukzessive, aber nachthaltig und bezeichnete dies als „Bologna- Prozeß“.

Durch die Wirkung der Emser Depesche 1870 erklärte Frankreich Preussen und seinen Verbündeten den Krieg. Das Königreich Preussen nutzte die gesamtdeutsche Stimmung propagandistisch aus und konnte im Zuge des erfolgreichen Krieges, nach der Schlacht von Sedan, eine Einigungsbewegung initiieren, steuern und nutzen, um ein einiges Deutsches Kaiserreich unter Preussens Führung, also unter Erbmonarchie der Könige Preussens, zu etablieren. Österreich, welches durch die deutschen Bevölkerungsteile des Reiches und im Hinblick auf die selbstverstandene kontinentale Führungsrolle- auch in bezug auf den Deutschen Bund-, kein Interesse an einer solchen Entwicklung haben konnte, schied aus dem dualistischen Ringen als Verlierer aus und mußte als schwächerer Juniorpartner in eine enge Beziehung zum Deutschen Reich treten.

Allerdings schied mit dieser Kleindeutschen Lösung, welche vor allem den Interessen Preussens entsprach, auch die großdeutsche Lösung (dies entsprach einem Reich mit der deutschstämmigen Bevölkerung Österreichs) als auch die teilweise utopische Lösung eines „Reichs der 150 Millionen“ (dieses Reich sollte das Gebiet des ehemaligen HRR und des Kaiserreichs Österreich vollständig umfassen) aus.

Es handelt sich bei dem vorliegenden Text also um eine Rede zu genau dem o.g. Sachverhalt und soll vor dem persönlichen historistischen Hintergrund Rankes dessen Einschätzung dieser Prozesse verständlich machen.

Ranke gilt als einer der prominentesten Vertreter des Historismus im allgemeinen und desselben in Deutschland im speziellen. Er wurde am 21.12.1795 in Thüringen geboren und gilt als wegweisender Vordenker der Geschichtswissenschaft und hier vor allem des Historismus. Beim Historismus handelt es sich um eine vor allem im 19. und 20. Jahrhundert in Deutschland sehr populäre und einflußreiche geschichtswissenschaftliche Strömung, welche auch philosophische Denkweisen integrierte.

[...]


[1] Vgl. Ranke, Leopold von: Das Gefühl der Nation; in: http://www.deutschlanddokumente.de/hstRanke.htm, 28.01.10

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Leopold von Rankes Rede "Gefühl der Nation" von 1871 - Eine Textanalyse
Hochschule
Université Toulouse II - Le Mirail
Note
2
Autor
Jahr
2010
Seiten
14
Katalognummer
V144552
ISBN (eBook)
9783640539086
ISBN (Buch)
9783640538645
Dateigröße
431 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Arbeit ohne Sekundärliteratur (Anm. der Red.)
Schlagworte
Leopold, Rankes, Rede, Gefühl, Nation, Eine, Textanalyse
Arbeit zitieren
Christina Herzog (Autor), 2010, Leopold von Rankes Rede "Gefühl der Nation" von 1871 - Eine Textanalyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/144552

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