Alfred Hitchcock gilt unbestritten als „Master of Suspense“; um so mehr war er auch ein Meister des Irrationalen. Bei Filmen von Alfred Hitchcock denken wir sofort an einen Bösewicht, der von der Freiheitsstatue fällt, an einen Helden, der aus heiterem Himmel von einem Flugzeug attackiert wird, oder an eine nackte Frau, die in einer Dusche niedergemetzelt wird. Die Gewalt in diesen, wie auch vielen anderen Szenen geschieht mit einer fast schon sagenhaften Vorherbestimmung, die sich weitab jeglicher rationaler Begründung des täglichen Lebens abspielt. Die Dinge, die diesen Hitchcock- Charakteren widerfahren, geschehen meist aus Gründen, die sie selbst –und manchmal auch der Zuschauer– sich nicht erklären können. Aus künstlerischer und menschlicher Sicht war Hitchcock dagegen ein sehr rationaler Zeitgenosse, dem es bei seinen Filmen sehr auf den Stil und die Montage der Szenen ankam. Ein weiteres Indiz für Hitchcocks rationelles Arbeiten ist mit Sicherheit auch die Tatsache, dass er sich gerne immer mit dem gleichen Stab von Mitarbeitern umgab: Die Bedeutung eines dieser „technischen Experten“, des Komponisten Bernard Herrmann, für die Filme Alfred Hitchcocks soll die vorliegende Arbeit anhand der Filme Vertigo (1958), North By Northwest (1959) und Psycho (1960) untersuchen. Diese drei Filme wurden ausgewählt, weil sie nicht nur von vielen Kritikern als die besten Filme Hitchcocks angesehen werden. Daneben stehen die Filme dieser Trilogie auch für den totalen Verlust von Identität. Der Hauptgrund für die Betrachtung von Vertigo, North By Northwest und Psycho liegt jedoch darin, dass diese drei Filme auch für Bernard Herrmann Meilensteine, wenn nicht sogar die größten Erfolge seiner Karriere darstellten. Eine getrennte Betrachtung der beiden Künstler scheint daher unmöglich. Die Musik Bernard Herrmanns ist untrennbar mit diesen Filmen verbunden. Alfred Hitchcock hatte zuvor mehrmals mit anderen bekannten und erfolgreichen Hollywood-Komponisten gearbeitet, wie z.B. mit Franz Waxmann, Dimitri Tiomkin, und Miklós Rózsa, jedoch keine Zusammenarbeit währte so lange wie die mit Bernard Herrmann. Nachfolgend wird auf die Person Bernard Herrmann eingegangen, was für die Zusammenarbeit mit Hitchcock von nicht unerheblicher Bedeutung ist, danach auf das wichtige Verhältnis des Regisseurs zur Musik und schließlich werden die genannten Filme anhand von drei Szenen genauer auf die Bedeutung der Musik hin untersucht.
Inhaltsverzeichnis
1.EINLEITUNG
2. ZUR PERSON BERNARD HERRMANN
2.1. Werdegang
2.2. Die Persönlichkeit Bernard Herrmann
3. ALFRED HITCHCOCK UND DIE FILMMUSIK
3.1. Die Bedeutung von Musik
3.2. Hitchcock und Herrmann – Zwei Welten treffen aufeinander
4. BERNARD HERRMANNS MUSIK IN ALFRED HITCHCOCKS FILMEN
4.1. Vertigo
4.1.1. Musikalischer Grundaufbau
4.1.2. „Scène d’amour“
4.2. North By Northwest
4.2.1. Musikalischer Grundaufbau
4.2.2. Die „Crop-Dusting Scene“
4.3. Psycho
4.3.1. Musikalischer Grundaufbau
4.3.2. Die Duschszene
5. SCHLUSSBEMERKUNG
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die essenzielle Bedeutung der Filmmusik von Bernard Herrmann für das filmische Schaffen von Alfred Hitchcock, insbesondere anhand der Meisterwerke Vertigo, North By Northwest und Psycho. Ziel ist es, das komplexe Zusammenspiel zwischen den Kompositionen Herrmanns und Hitchcocks inszenatorischer Vision zu analysieren und aufzuzeigen, wie die Musik zur psychologischen Tiefe und atmosphärischen Wirkung der Filme beiträgt.
- Biografie und künstlerische Persönlichkeit von Bernard Herrmann
- Hitchcocks theoretisches und praktisches Verhältnis zur Filmmusik
- Analyse des musikalischen Aufbaus in Vertigo, North By Northwest und Psycho
- Untersuchung zentraler Filmszenen zur Verdeutlichung der musikalischen Funktion
- Die symbiotische Beziehung zwischen Regie und Komposition
Auszug aus dem Buch
4.2.2. Die „Crop-Dusting Scene“
In dieser wohl berühmtesten Sequenz wartet Roger Thornhill an einer verlassenen Autobahnkreuzung mitten im Nirgendwo auf den mysteriösen George Kaplan und wird dann von einen Düngemittel versprühenden Flugzeug attackiert. Nach dem dritten Angriff flüchtet er in ein Maisfeld und stürzt sich kurz darauf mit Todesmut vor einen herannahenden Tanklastzug, der unmittelbar vor ihm abbremst. Der Pilot des Flugzeugs, welches gerade eine weitere Attacke starten wollte, verliert die Kontrolle und es explodiert in dem Tanklastzug.
Diese ungewöhnliche Szene dauert annähernd 10 Minuten, doch bis auf die letzte Minute der Sequenz ist keine Musik zu hören. Bemerkenswert ist, daß die Musik erst genau zu dem Zeitpunkt einsetzt, als das Flugzeug am Tanklastzug explodiert. Hier zeigt sich das hervorragende Gespür, das sowohl Hitchcock als auch Herrmann für den Einsatz von Musik bewiesen. Bis zum Zeitpunkt der Explosion herrscht vor allem Stille, die einzigen Geräusche sind Umgebungsgeräusche. Es sind dies vorbeifahrende Autos, eine kurze Konversation mit einem Passanten, der auf den Bus wartet und schließlich das nahende Flugzeug. Das Fehlen jeglicher Hintergrundmusik unterstreicht den Realismus der Szene und läßt die gesamte Umgebung nicht bedrohlich erscheinen. Durch die langsame Steigerung der Toneffekte, vor allem des sich nähernde Flugzeugs, wird gleichzeitig eine Steigerung der Spannung erzielt.
Zusammenfassung der Kapitel
1.EINLEITUNG: Die Einleitung etabliert die Fragestellung zur Zusammenarbeit zwischen Hitchcock und Herrmann und begründet die Auswahl der drei zentralen Filme als Meilensteine ihres Schaffens.
2. ZUR PERSON BERNARD HERRMANN: Dieses Kapitel zeichnet den beruflichen Werdegang Herrmanns nach und beleuchtet seine schwierige, aber künstlerisch kompromisslose Persönlichkeit.
3. ALFRED HITCHCOCK UND DIE FILMMUSIK: Hier wird Hitchcocks grundsätzliche Auffassung von Filmmusik als atmosphärisches und psychologisches Gestaltungsmittel analysiert.
4. BERNARD HERRMANNS MUSIK IN ALFRED HITCHCOCKS FILMEN: Dieser Hauptteil widmet sich der detaillierten Analyse des musikalischen Aufbaus und spezifischer Schlüsselszenen in den drei ausgewählten Filmen.
5. SCHLUSSBEMERKUNG: Die Arbeit schließt mit einer Würdigung der einzigartigen, synergetischen Partnerschaft zwischen Hitchcock und Herrmann ab.
Schlüsselwörter
Alfred Hitchcock, Bernard Herrmann, Filmmusik, Vertigo, North By Northwest, Psycho, Filmmontage, Suspense, Musikdramaturgie, Filmkomposition, Scène d’amour, Crop-Dusting Scene, Duschszene, Sounddesign, Psychologie im Film
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die tiefgreifende Bedeutung der Filmmusik von Bernard Herrmann für die Filme von Alfred Hitchcock und analysiert, warum ihre Zusammenarbeit als eine der bedeutendsten Partnerschaften der Kinogeschichte gilt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Fokus stehen die Biografie Herrmanns, Hitchcocks ästhetischer Umgang mit Musik, die Analyse musikalischer Strukturen in ausgewählten Filmen sowie die Wirkung von Stille und Klang auf die filmische Narration.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit analysiert, wie Herrmann durch seine Kompositionen Hitchcocks visuelle Visionen ergänzte, intensivierte und oft erst zu ihrer vollen psychologischen Wirkung verhalf.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Untersuchung basiert auf einer filmwissenschaftlichen und musiktheoretischen Analyse, die sich auf Fachliteratur, Interviews und detaillierte Szenenanalysen stützt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die musikalische Analyse der Filme Vertigo, North By Northwest und Psycho, wobei jeweils der musikalische Grundaufbau und eine ausgewählte Schlüsselszene genauer betrachtet werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Filmmusik, Suspense, Filmmontage, Psychologie im Film, Musikdramaturgie sowie die spezifischen Filmtitel der behandelten Trilogie.
Warum ist die „Crop-Dusting Scene“ für die Musiktheorie so relevant?
Die Szene ist ein Paradebeispiel für die effektive Nutzung von Stille statt Musik, wodurch Herrmann und Hitchcock einen außergewöhnlichen Realismus und eine schleichende Spannung erzeugen, die erst zum Höhepunkt musikalisch explodiert.
Wie beeinflusste Herrmann den Film Psycho?
Herrmann überzeugte Hitchcock davon, ausschließlich ein Streichorchester einzusetzen, was zu einem neuartigen, kalten und durchdringenden Klangbild führte, das die schwarzweiße Ästhetik des Films perfekt ergänzte.
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- Uwe Sperlich (Author), 1998, Herrmann - Hitchcock. A Partnership in Terror. Die Bedeutung von Bernard Herrmanns Musik für "Vertigo", "North By Northwest" und "Psycho", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/14455