Das Leben des Brian - Rezeption, Intention, Interpretation

Diskussion um den Vorwurf der Blasphemie


Seminararbeit, 2009

18 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Rezeptionsästhetik

3. Produktionsästhetik

4. Jesus und Brian

5. Brians Lehre und Philosophie

6. weitere Interpretationsansätze

7. Aktualitätsbezug

8. Quellenverzeichnis

9. Einstellungsprotokoll

1. Einleitung

Die Pythons sind selten verstanden worden, und wenn, dann meist falsch. „There may be something harder to do than making good comedy but I’m not sure what it is“, wie John Cleese 1997 in einem Interview diesbezüglich treffend sagte.1 Absurde Namen, groteske Situationen, das rücksichtlose Spiel mit Tabus: Monty Python sind einer der wenigen, die zeigten, dass Comedy hochgradig albern sein kann und dann auch wieder tiefsinnig, fast philosophisch, aber kaum jemand machte es so eingängig wie sie. Sie kreierten eine neue Form des britischen Humors und übernahmen die bewährte stand-up comedy und ergänzten sie mit ätzender politischer Satire und derbem Klamauk. Die Bandbreite ihres Humors reichte von „philosophisch-reflexivem Meta-Witz über subtile Anspielung, verbal wit, groteske Überzeichnung, physischem Slapstick“2 bis hin zu plumpen Geschmacklosigkeiten. Zielscheibe ihres Spotts waren alle und alles.

Zu Beginn der 80er sind zwei Tendenzen sichtbar: Einerseits erneuert man das Ringen um authentische Bibelverfilmungen (z.B. Genesis-Projekt), andererseits entstehen kritische Jesus- Filme, die Grundfragen menschlicher Existenz aufgreifen und die Zuschauenden - teilweise provokativ - herausfordern, über die aufgezeigten Probleme nachzudenken und dementsprechend zu handeln.3 1979 kam Monty Python ’ s Life of Brian in die Kinos, eine Parodie, die die „Auswüchse religiöser Intoleranz, primitiven Wunderglaubens und politischer Borniertheit“4 beleuchtet, und unmittelbar nach Erscheinen zu heftigen Blasphemie-Vorwürfen und Zensurversuchen seitens dogmatischer religiöser Gruppierungen führte.

Diese vorliegende Arbeit beleuchtet in erster Linie Wirkung sowie Ziele und Intention des Films. Dabei soll zum einen untersucht werden, welche Wirkung der Film erzeugen will (Wirkungsintention) und erzeugt hat (Rezeption).5 Desweiteren werden weiterführende Interpretationsmöglichkeiten einzelner Filmszenen betrachtet bzw. erarbeitet. Dabei soll diskutiert werden, ob der Vorwurf der Blasphemie und der Zusammenhang mit der Bibel gerechtfertigt ist und - angesichts der Tatsache, dass der Film leicht missverstanden werden kann - inwiefern dieser heute noch relevant ist.

2. Rezeptionsästhetik

„Die Erklärung eines Werkes wird stets bei seinem Urheber gesucht […] [Doch] es ist die Sprache, die spricht, nicht der Autor. […] Jegliche Berufung auf das Innere des Schriftstellers [...] [erscheint] wie reiner Aberglauben.“6 So streitet Roland Barthes in seinem Aufsatz „Der Tod des Autors“ jegliches intendierte Wirken des Autors in dessen Werk ab, erklärt die Rechte des Autors an der Beeinflussung des Lesers für nichtig und ihn selbst für tot; im gleichen Zug rückt der Leser an seine Stelle: „Die Geburt des Lesers ist zu bezahlen mit dem Tod des Autors.“7 Anhand folgender Kontroversen und der offensichtlich verschiedenartigen Auslegungsmöglichkeiten lässt sich das gut belegen.

„I’m not gonna have people saying that I’m making fun of fucking Jesus Christ.“8 „[It] is obscene and sacrilegous, and would certainly not be in the interest of EMI’s image to make this sort of film”9, äußerte Lord Bernard Delfont, Chef der EMI, der Produktionsfirma für diesen Film, lange nach Vertragsabschluss und zwei Tage vor Drehbeginn. Doch nicht nur weil er ihn als blasphemisch und unerträglich empfand, sondern weil er bei seinem eigenen Bruder, Lew Grade, der gerade erst den monumentalen historischen TV-Mehrteiler Jesus of Nazareth (Regie: Franco Zeffirelli) produziert hatte, nicht in Ungnade fallen wollte10. Später wurde der Film trotzdem in EMI-Kinos überall im Land gezeigt. George Harrison, millionenschwerer Ex-Beatle und Python- Fan sprang kurzfristig ein und finanzierte den Film: „I just wanted to see the film.“11

Noch vor der Premiere kamen die Pythons in Konflikt mit religiösen und kirchlichen Gruppierungen. Einige Drehbuchseiten gelangten an die Öffentlichkeit. Mary Whitehouse, selbsternannte Wächterin der christlichen Moral und Kämpferin für saubere britische Medien, Chefin der National Viewers and Listeners Association und Wortführerin der christlichen Aktivisten von The Festival of Light12, propagandierte postwendend dessen Unterstützer:

„It is a parody of the life of Our Lord Jesus Christ, showing him as an ignorant zealot in the confused political scene of 1st century Palestine. Obscene language is put into the mouth of ‘Brian’ (=Jesus). His mother is made into a comic character. There seems little doubt that the film is blasphemous, and that there will be wave of Christian indignation when its contents are known.”13

The Festival of Light veröffentlichte einem Aufruf an alle alarmierten Christen für ein Scheitern dieses Filmprojekts zu beten, und dafür, dass man das Böse in diesem Film erkenne, und im Fall der Fertigstellung und Veröffentlichung des Films für eine schnelle und unzweideutige Reaktion von Kritikern, Gemeindeleitern und Kirchenoberhäuptern.14 Diese Vorwürfe wurden erhoben, ohne den Film gesehen zu haben. Angesichts eines solchen Klimas und einer drohenden Anklage wegen Blasphemie entschieden sich die Pythons den Film in den USA zu starten - einem Land, dass für seine Rechte auf Meinungsfreiheit und freier Religionswahl bekannt war. Doch noch vor der Weltpremiere am 17. August 1979 im New Yorker Cinema One15 starteten religiöse Gruppen Protestmärsche mit Transparenten: „Don’t sell the Lord“, „The Life of Brian …a vicious attack by Warner Bros. upon Christianity!” und “Why does any Warner Brother cheapen Jesus and his mother”16 stand auf den Schildern. Der erste Protest unmittelbar nach Kinostart kam vom Präsidenten der extrem konservativen und ultra-orthodoxen Rabbinical Alliance of America, Rabbi Benjamin Hecht17: „This film is so grievously insulting that we are genuinely concerned that its continued showing could result in violence.”18 Er ging mit seiner Meinung an die Öffentlichkeit, dass Brian „was produced in hell“19. Rabbi Hechts Anprangerung wurde schnell von Robert Lee unterstützt, Produzent eines Radio-Kommentars für das protestantische Lutheran Council. Eintausend Radiostationen in Amerika sendeten Lees Stellungname, dass Brian „was crude and rude mockery, colossal bad taste, profane parody […] [and] a disgraceful and distasteful assault on religious sensitivity”20.

Das Roman Catholic Office for Film and Broadcasting stufte Brian als ‘C’ für condemned ein und deklarierte es zur Sünde Brian zu sehen. The Roman Catholic Archdiocese von New York erklärte, Life of Brian “holds the person of Christ up to comic ridicule and is [...] an act of blasphemy.”21

Ohne den Film gesehen zu haben, veranlasste der Stadtrat in Devon (UK) ein Verbot des Films in seinem Distrikt mit der Begründung: „You don’t have to see a pigsty to know that it stinks.“22 Der Direktor des Festival of Light, Raymond Johnston, sagte schließlich im Gespräch mit der Church of England Newspaper, die den Film unter anderem als ‚cultural vandalism‘ bezeichnete:

„Despite considerable skill in the visual field, the film is in the worst possible taste without quit toppling over into blasphemy. Its theme is sick, its story veering unsteadily between sadism and sheer silliness. […] Though not in itself blasphemous, it will tend to discredit the New Testament story of Jesus in confused semi-pagan minds.”23

„Four hundred years ago, the Pythons might well have been burnt at the stake for making Life of Brian“24, so schrieb Robert Sellers in The Guardian Anfang 2003. Doch jetzt Ende des 20. Jahrhunderts konnten die Pythons nur feststellen, dass sie unwissentlich einen Beitrag zum eligiösen Abgleich und kirchlicher Einheit brachten. Life of Brian brach unterdessen alle Kinokassenrekorde im Cinema One, nicht zuletzt durch eben jene massiven Protestbewegungen.25 Doch es gab auch positive Stimmen. James Ferman vom British Board of Film Censors schrieb: „Not only does the film make clear that Brian could not reasonable be taken to be caricature of Jesus Christ, but the Christian faith itself is in no way maligned. Nor could the script really be described as containing ‘any contemptuous, reviling, scurrilous or ludicrous matter relating to God, Jesus Christ, the Bible, or the formularies of the Church of England as by law established,’ which is the legal formulation of blasphemy given in Article 214 of Stephen’s Digest of the Criminal law.”26

Auch der Evangelische Filmbeobachter argumentierte: „Gotteslästerlich, blasphemisch? Ach nein! […] Eine witzige Parodie auf alle Leben-Jesu-Filme, eine komische Entlarvung des falschen frommen Leinwandpathos, gelegentlich die Grenzen des guten Geschmacks überschreitend, aber gewiss keine Gotteslästerung.“27 Ähnlich hieß es beim Katholischen Institut für Medieninformation: „Wer […] von Blasphemie […] redet, hat die formal gewiss fragwürdige Satire […] mit allzu verkürztem Blickwinkel gesehen […] Geschmacklos, zum Schluss zynisch und in manchen Szenen für Christen beleidigend. - Wir raten ab.“28

Life of Brian wurde u. a. in einigen wenigen Kommunen Englands und lediglich in den südlichen US-Staaten (‚Bible-belt‘) verboten. Griechenland, Israel, Österreich, Schweiz, Holland und WestDeutschland gaben Life of Brian kommentarlos frei. Schweden warb für den Film sogar mit der Zeile „so witzig, dass er in Norwegen verboten wurde“29.

3. Produktionsästhetik

Die Pythons konnten zufrieden sein, mit den Reaktion und Kontroversen, mit den Kritikern und dem finanziellen Erfolg. Dabei hatten sie die heikelste Figur mit dem meisten Zündstoff herausgelassen: Otto (Eric Idle), jüdischer Nazi, der Brian für seine Bewegung zu gewinnen versucht, die einen reinen Zionismus propagandiert. Sein Erkennungszeichen: Ein zum Judenstern umgestaltetes Hakenkreuz.

Robert Hewison schreibt in seinem Buch, das all die Anklagen gegen den Film karikiert, wenn es etwas gäbe, das den Humor von Monty Python ganz wunderbar zusammenfasst, dann sei das Respektlosigkeit, Verleumdung, Lästerung, Schmähung und zügellose Beschimpfung.30 Doch als die sechs Komiker der Monty-Python-Gruppe die Evangelien lasen31 und sich zusammensetzten, um die Idee des Films herauszuarbeiten, stellte sich schnell heraus, dass Jesus nicht das Ziel ihres Spotts sein konnte. Immer wenn Jesus in ihrer Geschichte auftauchte, war die Comedy ziemlich schnell am Ende. Also flog Jesus raus. Eric Idle schrieb in einem unveröffentlichtem Essay: „We were drawn to the fact that this area was indeed taboo for all kinds of comedy.”32 John Cleese bestätigte, dass man sich zwar nie darauf hätte einigen können, was Religion ausmache, aber relativ schnell darauf, was nicht.33 Terry Jones sagte in einem Interview: „Christus sagt ungemein gute und richtige Dinge. Er ist eine wunderbare Person. Das ist kein Ansatz für Komik.“34 Ebenso machte Terry Gilliam deutlich: „Deshalb verarschten wir nicht Jesus. Wir ließen ihn stehen. Denn das macht keinen Sinn. Was er sagte, war ja in Ordnung. Was seine Anhänger daraus machten, ist eine andere Sache.“35 Michael Palin erklärte, man hätte sich schließlich auf den Ansatz geeinigt, die historische Lage in Judäa zu der Zeit zu beleuchten: „Da passierten spannende Dinge, wie eben das Messias-Fieber. [...] die Leute erwarteten, dass Gott herabstiege und die Welt läutere. Man erwartete einen Messias. Und die Idee, dass jemand zum Messias auserwählt wird, der nur zufällig zu der Zeit an dem Ort ist, schien uns der geeignete Ansatzpunkt zu sein.“36

Der Film richtet sich gegen religiöse Spießigkeit und Heuchelei, die sie oft erzeugt. Man denke nur an jene Leute im Film die der Bergpredigt beiwohnen - samt Sonnenschirm, sich rühmend an einer religiösen Veranstaltung teilzunehmen -, sich jedoch in keiner Weise der Botschaft Jesu annehmen37 (vgl. 0:08:17). Graham Chapman brachte es auf den Punkt, indem er den Film als „pro-Christ, but anti-church“38 beschrieb:

„What we were aiming at was churches. We did want to annoy them quite frankly because we felt they’d rather got the wrong end of the stick. They seem to forget like loving one another - more interested in joining their own club and then thinking of other people in terms of - ‘that lot won’t go to heaven, just us’ which is really stupid and rather un-Christian […] That movie […] said think for yourselves, don’t blindly follow, which I think isn’t a bad massage and I’m sure Mr. Christ would have agreed“39

Peter Chattaway von Christianity Today beschreibt es ähnlich: „Hence the focus of the film is on rival misunderstandings of Jesus’ teachings and on the absurdity off those groups that fight amongst themselves over trivial issues.

[...]


1 Bleeck: Kommen wir nun zu etwas völlig anderem, 16.

2 Thaler: Monty Python - Unterrichtsmodell, 6.

3 Tiemann: Jesus comes from Hollywood, 25.

4 Thaler: Monty Python - Unterrichtsmodell, 7.

5 Tiemann: Jesus comes from Hollywood, 9.

6 Barthes, Roland: Der Tod des Autors. In: Jannidis, Fotis u.a. (Hg.): Texte zur Theorie der Autorschaft. Stuttgart 2000, 186ff.

7 Ebd., 193.

8 Bleeck: Kommen wir nun zu etwas völlig anderem, 115.

9 Ebd., 96.

10 The Pythons: The Python’s Autobiography, 285.

11 Bleeck: Kommen wir nun zu etwas völlig anderem, 96.

12 Vgl. BBC News Online. Mary Whitehouse. http://news.bbc.co.uk/2/hi/uk_news/763998.stm (14.08.09).

13 Hewison: Monty Python: The Case Against, 67.

14 Hewison: Monty Python: The Case Against, 67.

15 Ebd., 78.

16 Ebd., 79.

17 Hecht trat als Repräsentant von 1.000 Rabbis und einer halben Million Juden auf.

18 Hewison: Monty Python: The Case Against, 78.

19 Welease Bwian. www.guardian.co.uk/culture/2003/mar/28/artsfeatures1#article_continue (15.08.09).

20 Hewison: Monty Python: The Case Against, 78f.

21 Ebd.

22 Bleeck: Kommen wir nun zu etwas völlig anderem, 117.

23 Hewison: Monty Python: The Case Against, 84.

24 Welease Bwian. www.guardian.co.uk/culture/2003/mar/28/artsfeatures1#article_continue (15.08.09).

25 Einspielergebnisse des Films belaufen sich heute auf über 24 Millionen US Dollar.

26 Hewison: Monty Python: The Case Against, 88.

27 Tiemann: Jesus comes from Hollywood, 139.

28 Ohly, H.: Das Leben des Brian. In: filmdienst Nr. 22602 (1980), 29.

29 Bleeck: Kommen wir nun zu etwas völlig anderem, 118.

30 Hewison: Monty Python: The Case Against, 61.

31 Vgl. Hardcastle: Monty Python and Philosophy, 13.

32 Hewison: Monty Python: The Case Against, 59.

33 Vgl. Bleeck: Kommen wir nun zu etwas völlig anderem, 113.

34 Terry Jones‘ Kommentar auf der Ultimate Edition DVD2, Titel 8, Kapitel 1.

35 Terry Gilliams Kommentar auf der Ultimate Edition DVD2, Titel 8, Kapitel 1.

36 Michael Palins Kommentar auf der Ultimate Edition DVD2, Titel 8, Kapitel 1.

37 Vgl. Hardcastle: Monty Python and Philosophy, 15.

38 Bleeck: Kommen wir nun zu etwas völlig anderem, 113.

39 The Pythons: The Python’s Autobiography, 287.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Das Leben des Brian - Rezeption, Intention, Interpretation
Untertitel
Diskussion um den Vorwurf der Blasphemie
Hochschule
Technische Universität Dresden
Veranstaltung
Filmanalyse
Note
2,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
18
Katalognummer
V144572
ISBN (eBook)
9783640528394
ISBN (Buch)
9783640528257
Dateigröße
474 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Life of Brian, Blasphemie, Gotteslästerung, Monty Python, Leben des Brian, Interpretation
Arbeit zitieren
Christoph Neupert (Autor), 2009, Das Leben des Brian - Rezeption, Intention, Interpretation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/144572

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