(M)any Feyerabend - Eine bunte Collage

Über den Wissenschaftskritiker Paul Feyerabend


Hausarbeit, 2009
37 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Gliederung

1) Vorbemerkung

2) Biographischer Luxus

3) Wissenschaft — von wo wohin?

4) Pl a doyer ffir einen bunten Acker Kopfsalat
4.1) Tradition
4.2) Relativismus
4.3) Offentlich-demokratische Kontrolle

5) Dramatische Exempel & logische Groteske

6) Conclusio

7) Feierabend

8)Literatur

1) Vorbemerkung

Paul Feyerabend gilt als „enfant terrible"1 der Wissenschaftstheorie. Selten, vielleicht viel zu selten, hat jemand im Karussell der Wissenschaft so he ftig gegen den Strich gebörstet. Feyerabend selbst war sich gegenöber bescheiden, verstand das groBe Aufheben um seine Person nicht und hatte die Publikation seines idiotischen Hauptwerkes gar bereut, weil er sich grundlegend missverstanden föhlte.2 Dabei gab er der Wissenschaft doch nur einen Schlag auf das Hinterköpfchen, um ihr beschränktes Denkvermögen zu erhöhen. Doch Feyerabend konnte nicht anders. Er liebte die Provokation.3 Als begeisterter Theatergänger kommt das sicherlich nicht von unge fähr. Und nicht zuletzt ist es sein GroBmaul, auf das er seine Reputation zu erheblichem Anteil zuröckföhrt.4

Wohl wissend, dass ich hier an mancher Stelle dick auftrage, halte mich selbst nicht för ein GroBmaul. Dennoch sehe ich meinen Beitrag als nötzlichen AnstoB re flektierter Wissenschaft, wenngleich ich daför keine allgemeingöltige, standardisierte Form wähle. Mein Ansatz ist nicht strikt linear, sondern assoziativ. Ich versuche einen roten Faden zu weben und knöp fe diverse Querverbindungen (an denen durchaus auch Spinnweben hängen). Einerseits schlöp fe ich in die Rolle des terriblen Feyerabend und äuBere eine „antizipierende Kritik"5, andererseits widerspreche ich seinem Hang zum Pragmatismus, dem ein Autor lieber war, „der sich auf die Handlung konzentriert (...) als einer, bei dem die Dichtung oder Innerlichkeit oder Gesellschaftskritik im Vordergrund stehen."6

För diese Hausarbeit meint das folgendes: Von o ffizieller Seite aus sind för sie rund zehn Seiten als Maximum vorgesehen und sie soll objektiven Richtlinien allgemein anerkannter Wissenschaftlichkeit genöge tun. Augenscheinlich wird diese Vorgabe jedoch öberschritten — die Arbeit umfasst 28 Seiten und sie strotzt nur so von subjektiver Rezeption und Interpretation. Warum? Nun, diese Arbeit soll eindröcklich sein. Etwas nachhaltig zu vermitteln, gelingt am besten, wenn man zum (korperlich) aktiven Handeln aufge fordert wird. Dies jedoch ist einer Hausarbeit gemeinhin nicht vergönnt. Dennoch kann sie körperlich sein, sprich verkörpern. Ihr Umfang und die Art und Weise ihres Inhaltes zeichnen die Form genuiner Plastizität. Ich bestimme die Ausgestaltung also zu gewissem und besonderem Teil selbst und konsumiere nicht lediglich; erst selbstständiges Handeln bewirkt einen hohen Lerne ffekt7, und so fern ich Studieren richtig verstehe, schreibe ich diese Arbeit far mich und nicht, um dem Professor einen Ge fallen zu tun. Wenn ich allerdings den gewohnten Weg verlasse, laufe ich aufgrund des Ungewohnten Ge fahr, eine gewisse Angst zu provozieren und konservativ-rigider Beurteilung anheim zu fallen, denn die Bewertung einer antizipierenden Kritik heiBt ja, neue MaBstäbe anzusetzen.8

Nach Aristoteles mössen wir die Handlungen prüfend danach beschauen „wie man sie ausf1hren soll. Denn von ihnen hängt es entscheidend ab, daB auch die Eigenschaften entsprechend werden".9 Wenn nun meine Handlungsschritte folgerichtig von den zu erzielenden Eigenschaften (eine gute Zensur durch Erfüllung der üblichen Anforderungen) abgeleitet werden, dörften sie als deduktionistisch gerechtfertigt gelten. Darüber wörde sich Karl Popper freuen, seines Zeichens Deduktivist und Falsi fikator, nicht aber der Verfechter des Schaffens von Wissen, Paul Feyerabend, denn der richtete sich in seiner späteren Philosophie entschieden gegen Popper. Viele meiner Aussagen sind indessen nicht falsifizierbar und sonach im Sinne Poppers auch nicht wissenschaftlich.10 So geht es also nicht. GemäB Feyerabend ist es keine Frage, „ob die Neuerung in einen bekannten Rahmen paBt; die Frage ist, ob es einen Rahmen gibt, der der Neuerung Sinn verleiht".11 Feyerabend mochte ein starres Prüfungssystem nicht, da es keine klare Linie zwischen Denken und Routine erkennen lieBe.12 Eine Hausarbeit fiber Paul Feyerabend muss also widersprechen, will man einem charakteristischen Portrait desselben Rechnung tragen.

Ich allein aber kann Feyerabend nicht ausleuchten — dafür hat meine Birne zu wenig Watt. Doch ich kann mit ihr nach fremden Leuchten suchen, die einen womoglich helleren Lichtkegel werfen und den wissenschaftskritischen Ansatz Feyerabends vielleicht ungewohnt, jedoch umseitig anstrahlen. Darum bemöhe ich Menschen wie Nietzsche, Diirrenmatt, oder Luhmann. Ich versuche Feyerabend durch andere zu sehen, die selbst Paul Feyerabend in den gewahlten Perspektiven nie erwahnt haben und zuweilen gar nicht haben kennen können, weil sie weit vor seiner Zeit lebten. Das Ergebnis ist ein bunter Acker Kop fsalat, gegossen mit einem iippigen Regen aus FuBnoten. Dieser Acker heiBt: (M)Any Feyerabend.

SchlieBlich: Ich verspiire keine groBe Lust, mich an zu viele orthodoxe Richtlinien zu halten und verlasse darum zuweilen den markierten Weg. Ich tue dies aber nicht, um den Protagonisten dieser Arbeit nachzuaffen, sondern weil ich selbst gespannt bin, was es abseits des Weges Abenteuerliches zu sehen gibt — und darin eint mein Bestreben das von Feyerabend: Was auch immer es dort zu sehen gibt, es tragt ganz gewiss zur Viel falt von nicht zu unterschatzender Bedeutung bei. Der Leser sei nun herzlich eingeladen, mit mir diesen Exkurs zu erleben.

2) Biografischer Luxus

Paul Karl Feyerabend — Pragmatiker? Opportunist? Pessimist? Anarchist? Relativist? Oder Physiker? Philosoph? Oder doch eher Sanger und Theaterstiickeschreiber? Feyerabend war vieles davon und nichts zugleich. Zuweilen wusste er es selbst kaum. Erst zum Ende seines Lebens fand er seine Balance und degradierte den Weg dahin als Zeitverschwendung. Zeitverschwendung, etwas das nicht unbedingt notwendig ist — iippige Fruchtbarkeit, eine Biographie des Luxus.13 Aber stimmt das? Ist sein wissenschaftliches Vermachtnis, das ihm selbst zuletzt belanglos war, nicht grundlegend aus seinem Werdegang zu verstehen? Ich denke nicht, das ein Blick auf sein Leben verschwendete Zeit ist. Meines Erachtens sind darin Ziige zu erkennen, die fiir sein wissenschaftliches Werk als eine Art Propadeutik gelesen werden können. Darum bleiben wir vorerst bei ein paar Stichpunkten aus seiner Autobiographie „Zeitverschwendung".

Geboren wird Feyerabend als Osterreicher in der Zeit nach dem ersten Weltkrieg, 1924 in Wien. Dort wachst er auf als Sohn eines einfachen Beamten; seine Mutter ist depressiv und nimmt sich das Leben als er noch Kind ist. Die Wirren der Nachkriegszeit sind alles andere als iippige Fruchtbarkeit. Feyerabend erinnert sich an seine erste Lebenszeit nur bruchstiickhaft. Bedeutsam wird ihm seine Familiengeschichte erst im hohen Alter.14 Praktisch in der ganzen ersten Häl fte seiner Autobiographie holpert er iiber Fetzen seiner Vergangenheit. Dabei ist auffällig wie distanziert er sich durchaus intimen Details widmet. Geradezu parataktisch rattert er die ersten Stationen seines Lebens durch und schildert niichtern sein soziales Umfeld, das die Attribute Armut, Tod, Zweckheirat, Alkoholismus, Vergewaltigung und Inzucht trägt.15 Feyerabend nimmt dazu kaum emotional Stellung, er spaltet die Ereignisse als Notiz ab; genauso wenig liest man von Phasen der Heiterkeit. Freude oder vielleicht auch nur Ablenkung bieten ihm hingegen Biicher. Feyerabend liest sein ganzes Leben hindurch wie ein Besessener. Doch was ab seiner Studienzeit zu pro funder Kenntnis naturwissenschaftlicher Fachbiicher rei ft, beginnt mit wahlloser Lektiire. Die Biicherhändler verkaufen ihre Ware in Biindeln. Entweder man nimmt alles, oder gar nichts. Feyerabend nimmt jedoch nicht nur alles, sondern er liest auch alles. So kommt er per Zufall an die Philosophie, denn die Biicherpacken sind zuweilen mit Platon und Descartes bestiickt; aus seiner Sicht lässt sich Philosophie also nicht vermeiden.16 Neben den Philosophen verzaubern ihn Abenteuer und Spannung von Karl May und anderen fiktionalen Autoren. Strikten Sachzwang hingegen mag er nicht. Darum miss fällt ihm beispielsweise die Soziologisierung des Theaters durch Brecht.17 Dariiber hinaus liest er Liebesgeschichten, Krimis und Dramen. Vorsichtig kann man fragen, inwieweit nicht schon hier eine O ffenheit angelegt wird, die sich später in einer Art Queerbeetansatz des „Anything goes" mani festiert.

Auf dem Realgymnasium sticht Feyerabend mit iiberdurchschnittlichen Leistungen hervor — besonders in Physik.18 Dann kommt der zweite Weltkrieg. Noch in seiner Jugendbliite wird Feyerabend zum Kriegsdienst eingezogen. Doch während die meisten Kriegsveteranen sich fast an jeden Tag erinnern, muss Feyerabend sein Soldbuch zu Rate ziehen, um sagen zu können, wo er stationiert war und zu welchen Rängen er wann befördert wurde. Immerhin machte er im Krieg eine kleine Karriere zum Leutnant. Womöglich miissen ihn die Ereignisse so stark beriihrt haben, dass er sie und besonders seine Ge fiihle dazu verdrängt. Beispielsweise schildert er den tödlichen Unfall eines Kameraden mit einer Pistole in geradezu wissenschaftlicher Manier, dass nämlich das Blut aus dem Korper des Betro ffenen „in einer perfekten Parabelkurve"19 stromt. Bei Gottfried Benn ware das Lyrik — bei Feyerabend ist es Spiegel seiner allgemeinen unerschiitterten Haltung. Als Jugendlicher nimmt er den Krieg gleichgiiltig wahr. Mit unpolitischer Gesinnung20 ist Krieg in der damaligen Zeit fiir ihn nur ein Ereignis von vielen. Lediglich in einer Klammer(!) erwahnt er: „(Die Leichen und die blutbespritzten StraBen, die ich wahrend des Biirgerkrieges von 1934 in Wien sah, und die Ereignisse der Nazi-Zeit beriihrten mich genauso oder, besser gesagt, sie gingen genauso spurlos an mir voriiber.)"21 Positiv betrachtet konnte man sagen, dass sich hier eine unvoreingenommene, rationale, gar „wissenschaftliche" Einstellung abzeichnet, aber das ware sehr ungeniigend. Die deutsche Besatzung und Krieg sind ihm damals eine Unannehmlichkeit, kein moralisches Problem; seine Handlungen finden ihre Motivation in zufalligen Umstanden — eine Weltanschauung besitzt Feyerabend in dieser Zeit nicht.22 Fiir ihn sind sein eigenes Schicksal und das anderer Menschen nicht miteinander verkniip ft.23 So kommt es allerdings, dass er mit dem Gedanken spielt, in die SS einzutreten, allein aufgrund der Hiille, aufgrund vermeintlich besseren Aussehens und besserer Sprache von O ffizieren hoheren Ranges.24 Die militarische Laufbahn ebnet Feyerabend sich dafiir, doch dann wird er mangels Deckung von drei Kugeln getro ffen — in der rechten Hand, im Gesicht und im Riickrat — und erhalt das Eiserne Kreuz. Auch hier wieder keinerlei Emotionalitat — unmittelbar fahrt Feyerabend fort mit Anekdoten iiber seine Schullehrer.25

Die letzte Kugel jedenfalls macht Feyerabend impotent. Zwar hat er diverse Liebschaften und heiratet mehrere Male, doch nie von Dauer. In seiner Autobiographie erachtet er diese Episoden als „Zeitverschwendung"26 Be friedigung bietet ihm zunehmend das Singen. Schon in seiner Jugend lernt er Lieder allein iiber das Zuhoren und wird begeisterter Opernganger.27 Er nimmt auch Gesangsunterricht. Dabei stellt er einen interessanten Vergleich auf: Der Unterschied zwischen Singen und Denken sei der, dass man sich im Denken prompt und unmittelbar komplizierten Problemen zuwenden konne, ohne sonderlich dafiir trainieren zu miissen, wahrend der Sanger warten miisse, bis seine Stimme so weit ist, schwierige Lieder meistern zu können.28 Das eine ist gewissermaBen unstet und austauschbar, das andere hingegen verspricht ein Ziel, auf das man mit Kontinuitat zugehen kann. Das eine ist ein fragmentarisches Irgendetwas, das andere ein stetes Wachsen. Vermutlich deswegen ist Singen fiir Feyerabend „ein Vergniigen, an das keine intellektuelle Tatigkeit heranreichte."29 Trotzdem entscheidet er sich mit einunddreiBig Jahren, vom Singen und Theater30 zu lassen und nunmehr hauptsachlich in die Wissenschaften Farbe und Formen zu bringen.31 Tie fe Erfiillung findet er dort aber nicht. Immer noch ohne Weltanschauung wirkt sein Leben inkoharent. Er verspiirt ein intellektuelles Drangen, weiB aber nicht wozu. Was ist sein Ziel?32 Dennoch verfolgt er seine Arbeit mit Akribie und unaufhörlicher Potenz, wenn auch in einem bedriickenden Klima: „Meine Meinungen waren wechselhaft wie Wolken, die in der Warme verdunsten."33 Ich denke ich gehe nicht zu weit, wenn ich sage, dass seine Ambivalenz und vor allem seine Vehemenz auch mit genitaler Entsagung einher gehen. Die Libido im intellektuellen Drangen sublimiert — also kopuliert er mit der Wissenschaft und sat seine Samen in die Köp fe seiner Kollegen. Dieser Gedanke klingt hart, wird aber verstandlich, wenn man ihn durch Nietzsche denkt. Nietzsche, der Meister der Introspektive, richtete sein Augenmerk unter anderem darauf, was passiert, wenn ein wissenschaftlicher Geist von einem kranken Körper beherbergt wird. In einem solchem Falle wiirde dieser seiner Meinung nach „seine ganze wissenschaftliche Neugier mit in seine Krankheit"34 bringen. Ironischer Weise heiBt das Buch, in dem Nietzsche das schrieb „Die fröhliche Wissenschaft". Er interessierte sich dafiir, welche Form Gedanken annehmen, wenn Denker unter dem Druck der „Nothstande Philosophie treiben"35 und er hielt fest, dass sie gar nicht anders könnten als den körperlichen Schmerz in geistige Form zu bringen, der ihnen schlieBlich Quelle der Inspiration und Antrieb ist. Nietzsche war klug genug, keine finalen SchlUsse in Detail zu geben. Doch er provozierte damit, dass letztlich alles Philosophieren keine Wahrheit hervor brächte, sondern immer nur subjektive Ergösse. SchlieBlich zwei felte er zwar, ob Schmerz verbesserte, wohl aber wiirde er vertiefen.36 Wir werden sehen, dass es in diesem Denken eine Schnittmenge zu Paul Feyerabend gibt. Ich werde versuchen zu zeigen, wie Feyerabends sublimierendes Denken innerhalb der Wissenschaften sich zum Ende seines Lebens auf seine Anfänge rückbezieht.

Interessanter Weise wird der Schreibstil in der zweiten Hälfte der Autobiographie flussiger, also ab dort, wo es verstärkt um seinen wissenschaftlichen Werdegang geht. Zunächst will Feyerabend Physik und Mathematik studieren. Weil er aber der Meinung ist, Physik hätte nichts mit dem wirklichem Leben zu tun, studiert er zunächst Geschichte und Soziologie.37 Doch er verkehrt seine Meinung sowie seine Studienwahl kurzerhand und äuBert Verachtung gegenüber „Geschichte, Soziologie, Literatur und ähnlichem Schwachsinn.", der den Naturwissenschaften unterliegt — die Empirie steht obenan, alles andere ist „entweder Logik oder Unsinn."38 Diese Widersprüchlichkeit ist fiir Feyerabend um so bezeichnender, wenn man ihn an späterer Stelle dagegenhalten lässt, Wissenschaft sei ein geschichtliches Problem, kein logisches.39 Das pro funde Wissen Feyerabends rei ft indessen in Studentengruppen, Arbeitskreisen mit Philosophiestudenten, wo er unter anderem Wittgenstein einlädt und nicht zuletzt in diversen Diskussionen auf Auslandsreisen.40 Schöchternheit kann man ihm nicht vorwerfen. Im Gegenteil: Seine Souveränität und vor allem sein „GroBmaul" bescheren ihm unter anderem die beste Note im Doktor-Colloquium, wonach er ein Stipendium fir England bekommt. Eigentlich gedenkt er, bei Wittgenstein zu studieren, dieser verstirbt jedoch, weswegen seine Wahl auf Karl Popper fällt. Feyerabends enge Beziehung zur Empirie begönstigt ein harmonisches Verhältnis zu Popper und so wird Feyerabend ein Rünger der Falsi fikation.41 Obwohl Popper ihn sogar fir kurze Zeit als wissenschaftlichen Assistenten gewinnen kann42, wendet sich das Blatt. Feyerabend beargwöhnt die Ikonisierung Poppers, seine allzu strikte Logik ist ihm zu realitäts fern und so wird der einstige Lehrer zum kinftigen Antagonisten.43 Feyerabend ist mithin nicht mehr nur Wissenschaftstheoretiker, sondern darf getrost als Wissenschaftskritiker bezeichnet werden. Dies spiegelt sich bereits in seiner anschlieBenden Lehre als Professor fir Philosophie im Fachgebiet Wissenschaftsphilosophie wider. Seine Vorlesungen beruhen zuweilen auf Improvisation und rhetorischem Talent.44 Er treibt es gar auf die Spitze, wenn er seinen Studenten rat, besser nach Hause zu gehen, denn alles Wissenswerte stünde ohnedies im Skript und Wissen könne man sowieso nicht trainieren, worauf sich der Hörsaal sukzessive leert.45 Aber er lasst auch ( für seine Zeit) frischen Wind wehen, indem er in Seminaren vorwiegend die Studenten Vortrage ausarbeiten lasst, anstatt sich wie seine Kollegen selbst zu reproduzieren.46 Der Ertrag ist natiirlich ein anregender Pluralismus von Ideen und Perspektiven. Plural sind auch seine Lehrstatten. Feyerabend unterrichtet in England, den USA, Neuseeland, Deutschland, der Schweiz und verbringt seinen Lebensabend in Italien. Nicht von unge fahr kommt seine Forderung, dass Veranderung aus der eigenen Offenheit fir Kulturen, also fir Viel falt resultiert.47 Rund vierzig Jahre öffnet er sich fir den englischsprachigen Raum, die österreichische Kultur aber hat ihn kaum beriihrt.48 Rastlos und so auch heimatlos irrt er mit der steten Frage „Wozu?" umher. Spat erst betont er den Fokus auf die Persönlichkeit, auf Empathie, damit kulturelle Zusammenarbeit gelingen kann.49 Spat bemerkt er, dass er „die Menschen von der Tyrannei philosophischer Begriffe wie "Wahrheit', "Realitat' oder 'Objektivitat'"50 hat be freien wollen. Da kann man von Glück reden, dass er von drei Kugeln zur Rason gezogen wurde und nicht SS-O ffizier geworden ist...

3) Wissenschaft — Von wo wohin?

Die Verortung der Wissenschafts- und Erkenntnistheorie ist kein leichtes Unterfangen. Der Mensch forscht seit Jahrtausenden und ebenso lange wird ge fragt, unter welchen Pramissen ge forscht werden soll und ab wann man wie von gewonnener Erkenntnis sprechen darf. Unzählige Menschen haben sich als Wegweiser aufgestellt, wurden aber von genauso vielen verdreht oder gar umgeknickt. Ohne selbst etwas herzustellen, das man anfassen kann, ist die wissenschaftstheoretische Literatur aufgeblasen mit Theorien, Methoden und Begriffssysthemen. Verständlich, dass irgendwann jemand den Stöpsel zieht und verlautbart, wie sehr ihm dieser groBe Furz stinkt. Im Folgenden werde ich mich hauptsächlich auf wenige Stichpunkte der Philosophie von und um Karl Popper beschränken, da er einerseits Paul Feyerabends Lehrer auf der School o f Economics in London war und anderseits sein Kritischer Rationalismus in der Wissenschaftstheorie immer noch groBes Ansehen genieSt. Des Weiteren werde ich beschreiben, wie Feyerabend Popper verstand bzw. woraus sein weiterer Weg entsprungen ist und erläutere zuletzt, wie Verstehen iiberhaupt zu verstehen ist.

Karl Popper entwickelte sein Denken in enger Wechselwirkung mit dem Wiener Kreis. Dieser griindete sich 1929 aus einem Seminar von Moritz Schlick in Wien, erö ffnete sein Programm mit der Schri ft „Wissenschaftliche Weltanschauung"51 und mutierte zum logischen Zentrum des 20. Jahrhunderts schlechthin. Die dort vertretene internationale Gelehrtenelite behandelte das Problem sicherer, begriindbarer, objektiver Erkenntnis, die mitteilbar und an Erfahrung beweisbar, also positivistisch/empirisch und mithin Wissenschaft ist.52 Das empirische Sinnkriterium soll Aussagen iiber die Wirklichkeit zulassen, die veri fizierbar sind. Das Problem, das sich daraus ergibt, ist, dass man solche Aussagen insgesamt iiberprii fen können miisste. Das ist jedoch unmöglich, wenn man Dimensionen wie die gesamte Welt oder gar den Weltraum bedenkt. Niemand wird jemals das gesamte All durchreisen können, um zu beweisen, dass jedes Universum eine Sonne hat.53 Und hier tritt Karl Popper auf den Plan.

Wenn die Veri fikation bzw. die Verallgemeinerung einer Tatsache (Induktion) zu keinem abgeschlossenen Ergebnis fiihren kann, dann muss die Wissenschaft einen bescheideneren Weg gehen. Auf Hypothesen beruhende Erkenntnis gilt als annähernd sicher, solange sie nicht widerlegt bzw. falsi fiziert werden kann.54 Erkenntnis ist somit immer nur provisorisch. Das bekannteste Beispiel ist das des lediglich einen schwarzen Schwans, der ge funden werden muss, um zu widerlegen, dass alle Schwäne weiB sind.55

[...]


1 Czepel 2008, http://science.orf.at/science/news/145066

2 Vgl. Feyerabend 1997, S. 157 u. 200; im Original „fucking book"

3 Vgl. ebd., S. 97

4 Vgl. ebd., S. 156 f.

5 Feyerabend 1981, S. 47

6 Feyerabend 1997, S. 43; obschon er sich in puncto „Innerlichkeit" u. „Gesellschaftskritik" selbst mit seinem späten Schri ften widerspricht, doch dieser Umstand darf als ein leises Signum Paul Feyerabends betrachtet werden

7 Vgl. meine Ausführungen zum „Handlungslernen als Antwort auf Konsum" in Potyka 2008, S. 52 ff.

8 Vgl. Feyerabend 1981, S. 45 ff.

9 Aristoteles 2006, 1103 b 26

10 Vgl. Lexikonredaktion des Verlages F. A. Brockhaus (Hg.) 2004, S. 64, 94 f. u. 147

11 Feyerabend 1981, S. 48; Kursive dem Original entnommen

12 Vgl. Feyerabend 1997, S. 167

13 Vgl. Kluge 2002, S. 586; luxus, lat. iippige Fruchtbarkeit

14 Vgl. Feyerabend 1997, S. 9

15 Vgl. ebd., S. 14 ff.

16 Vgl. ebd. S. 43 f.

17 Vgl. ebd., S. 31 u. 43

18 Vgl. ebd., S. 37

19 Ebd., S. 66

20 Vgl. ebd., S. 62 f.

21 Ebd., S. 33

22 Vgl. ebd., S. 56

23 Vgl. ebd., S. 61

24 Vgl. ebd., S. 59

25 Vgl. ebd.

26 Ebd., S. 147

27 Vgl. ebd., S. 49

28 Vgl. ebd., S. 51

29 Ebd., S. 116

30 Feyerabend besuchte regelmaBig das Theater und versuchte sich auch im Schreiben verschiedener Stiicke; als Ausdruck davon kann man sein Buch „Die Torheit der Philosophen. Dialoge iiber die Erkenntnis" werten.

31 Vgl. ebd., S. 144

32 Vgl. ebd., S. 132, 137, 143 f., 152, 182 u. 188

33 Ebd., S. 60

34 Sloterdijk 2000, S. 505; Gewiss, Impotenz ist keine Krankheit und da Nietzsche die Freuden mit dem weiblichen Geschlecht selbst zum gröBten Teil versagt blieben und in einem fort sublimierte, könnte man mir eine Scheinkorrelation vorwerfen; dennoch bietet Nietzsches Philosophie eine erhellende Interpretation.

35 Ebd. f.

36 Vgl. ebd., S. 506 ff.

37 Vgl. Feyerabend 1997, S. 88

38 Ebd., S. 94 u. 95

39 Vgl. ebd., S. 140

40 Vgl. ebd., S. 102 ff.

41 Vgl. Ebd., S. 120 ff.

42 Vgl. ebd., S. 133 ff. Popper will Feyerabend gar behalten, obwohl dieser schon entgegengesetzte Meinungen laut werden lässt

43 Vgl. ebd., S. 124 f.

44 Vgl. ebd., S. 141

45 Vgl. ebd., S. 167

46 Vgl. ebd., S. 126 u. 166

47 Vgl. ebd., S. 205 f.

48 Vgl. ebd., S. 152

49 Vgl. ebd., S. 206

50 Ebd., S. 246

51 Vgl. Störig 2004, S. 770

52 Vgl. ebd., S. 772

53 Vgl. ebd. S. 773 f.

54 Vgl. ebd., S. 778 f.

55 Vgl. Wikipedia 2009, http://de.wikipedia.org/wiki/Kritischer_Rationalismus: Grundlage der Zitation aus der Wikipedia s. FN 180

Ende der Leseprobe aus 37 Seiten

Details

Titel
(M)any Feyerabend - Eine bunte Collage
Untertitel
Über den Wissenschaftskritiker Paul Feyerabend
Hochschule
Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin
Veranstaltung
Wissenschaftstheoretische Grundlagen der Praxisforschung
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
37
Katalognummer
V144626
ISBN (eBook)
9783640555833
ISBN (Buch)
9783640555581
Dateigröße
550 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Dies ist keine trockene Hausarbeit. Sie bringt Leben in ein trockenes Fach, das bereits Paul Feyerabend mit Anarchie belebte. Ein quergebürsteter Abriss über einen verqueren Mann - trocken-kleinkariert zunächst, in Liebe mündend.
Schlagworte
Feyerabend, Collage, Wissenschaftskritiker, Paul, Liebe, Nietzsche, Biographie, Wissenschaftstheorie, Anarchie, Moebius
Arbeit zitieren
Diplom Sozialarbeiter / Sozialpädagoge Thomas Potyka (Autor), 2009, (M)any Feyerabend - Eine bunte Collage, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/144626

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