Entwicklungsgeschichte und Architektur der Schlösser in der Normandie


Seminararbeit, 2003
17 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definitionen

3. Entwicklungsgeschichte der Schlösser
3.1 Die Burg
3.2 Von der Burg zum Schloss

4. Architektur
4.1 Normannische Romanik
4.2 Gotik
4.3 Die Renaissance
4.4 Barock- und Rokoko

5. Gegenwart

6. Literaturverzeichnis

7. Fazit

8. Anhang

1.Einleitung

Schon immer ist das Schloss, neben der sakralen Architektur oder in Verbindung mit ihr, monumentaler Ausdruck architektonischen Wollens gewesen.

Der Drang des Menschen zu bauen, vor allem sich ein Heim zu schaffen, ist uralt. Ein Dach über dem Kopf braucht jeder, sodass die Baukunst die notwendigste der menschlichen Künste sein muss.

Ebenso so alt ist das Bedürfnis, das Haus mit allem auszustatten, was dazu dienen mochte, eine Domäne persönlichen Lebens zu bilden.

Das Interesse an Schlösser ist bis heute ungebrochen. Vielleicht ein Interesse an

geschichtlicher Vergangenheit, vielleicht an der Freude am Schönen und Staunenswerten oder nur auf Neugier: man möchte erfahren wie die Besitzer solcher Häuser lebten und leben.

Neben der Ile-de-France, der Touraine und dem Périgord besitzt die Normandie den größten Reichtum an historischen Schlössern.

Zwischen Cherbourg und Dieppe, Avranches und Evreux gibt es ungefähr vierhundert

Schlösser und wer ein paar Tage durch das Land fährt, den beginnen sie schließlich schon zu langweilen. Ein Schloss- noch ein Schloss. Und wieder eins.

In manchen Gegenden steht eins neben dem anderen.

Neben den großen befestigten Schlossanlagen, gibt es aber auch eine Vielzahl von kleinen Herrensitzen, von einfachen Edelhöfen, die kaum bekannt sind, diese aber auch ein Beispiel geben, in denen sich ein ganz bestimmter Lebensstil widerspiegelt.

Die Eigenart der Schlösser, ihre Anmut, ihr normannisches Flair, ihre Vielzahl und ihre enge Nachbarschaft bezeichnen einen charakteristischen Wesenszug der Normandie, mit denen sich diese Arbeit beschäftigt.

Angefangen über ihre Entwicklung und ihrer Bauweise vom Mittelalter bis zum Barock, bis hin zu der Frage, wem diese Schlösser heute gehören und welche Funktion sie haben, möchte ich im Folgenden nachgehen.

Natürlich kann ich hierbei auch nicht alle Schlösser erwähnen, sondern treffe eine Auswahl und gebe einen allgemeinen Überblick, der helfen kann sich zurechtzufinden und die vielen herrlichen Bauten einzuordnen.

2.Definitionen

Es erscheint mir wichtig, die jeweiligen Definitionen, die sich um den Begriff „Schloss“ drehen, vorab zu klären, um erstens Missverständnissen vorzubeugen, zweitens der Literatur besser folgen zu können und schließlich drittens schon mal einen kleinen Einblick zu geben in die Entwicklungsstufen des Schlosses.

Burg, (ursprünglich: befestigte Höhe), historisches Bauwerk, im engeren Sinn der befestigte Wohnsitz eines Feudalherrn im Mittelalter. Die Burg diente der adeligen Führungsschicht und ihrem Hof nicht nur als Wohn- und Verwaltungssitz, sondern auch als militärische Schutzanlage. Da sich Europa im Mittelalter fast ständig im Kriegszustand befand, war es die wichtigste Aufgabe der Burgen, vor Angriffen und Belagerungen zu schützen. Burgen beherbergten allerdings nicht nur den König oder den Feudalherrn, sondern dienten auch als Gefängnisse, als Schatzkammern und als Waffenarsenale.1 / 2

Herrensitz, nach der Erfindung von Kanonen und Schießpulver im 14. Jahrhundert verlor die Burg ihre Uneinnehmbarkeit. Das Aufkommen einer mittelständischen Händlerschicht führte dazu, dass sich ein Bedarf an großzügigen Wohnhäusern entwickelte. So entstanden langsam der gotische Herrensitz und das „Château”. Zwei- und dreistöckige Land- und Stadthäuser wurden gebaut, die über Wohnräume, Küchen, Schlafzimmer und Vorratsräume verfügten. Die ersten dieser Häuser entstanden zu Beginn des 13. Jahrhunderts.3

Schloss, repräsentativer Wohnbau des Adels, mit hervorgehobener Fassadengestaltung, weiträumiger Innenarchitektur und prunkvoller Ausstattung in städtebaulich oder landschaftlich betonter Lage. Der Schlossbau, der seinen Höhepunkt im Zeitalter des Absolutismus erreichte, hat sich im späten Mittelalter von der Burgenarchitektur abgelöst, indem bei ihm der reine Wehrzweck aufgegeben wurde. Im Vordergrund steht nun die fürstliche Machtrepräsentation, der Typus des Residenzschlosses entsteht im letzten Viertel des 15. Jahrhunderts.4

3.Entwicklungsgeschichte der Schlösser: die Burg

Als die Römer die Normandie besiedelten, setzte eine rege Bautätigkeit ein, von der aber nur wenige Reste erhalten geblieben sind. Mit der Christianisierung unter römischer Herrschaft und der Übernahme des Christentums durch die nachfolgenden Franken wurden dann die ersten frühchristlichen Kirchen gebaut.

Doch fast alles, was der Antike entstammt, fiel den Normannen (auch Wikinger genannt) zum Opfer. Sie überfielen die reich ausgestatteten Kirchen und Abteien, raubten und mordeten und hinterließen nur Schutt und Asche.

Der neue König Karl III. sah sich im Jahre 911 gezwungen Rollo (einem Wikingerführer, der tatkräftige Beutezüge unternahm und sich dann an der unteren Seine niederließ) den Herzogtitel zu erteilen und ihn als Herrscher der Gebiete um Bayeux und Évreux einzusetzen. Dieser schützte nun sein Herrschaftsgebiet gegen andere Ein- und Überfälle. Nun setze auch eine Bautätigkeit ein, deren Tragweite überregionalen Einfluss gewinnen sollte: Die Normannen nutzten für ihre Bauwerke die jeweils bewährten Baumaterialien, griffen vorhandene Strukturen auf, sofern sie sinnvoll erschienen, und entwickelten sie mit ihrem eigenen Stilempfinden weiter. Das weiterhin unsichere Gebiet veranlasste sie sichere Festungen zu bauen. Auf diesem Gebiet sind sie wahre Erneuerer gewesen. Ihre militärischen Bauten sind weniger interessant in ästhetischer Hinsicht als deswegen, weil hier eine neue Auffassung der Bodenverteidigung zum Ausdruck kam.

Zweifellos hatten auch die Franken Schlösser im Festungsstil erbaut, hier war jedoch ein jeder darauf bedacht, vornehmlich seinen eigenen Besitz tz schützen. Die Normannen dagegen bauten ein zusammenhängendes Verteidigungssystem, zur Verteidigung des Landes. Der Grundriss war dabei immer der gleiche: ein Wachturm, umgeben von Graben und Wall. Diese besondere Auffassung sollte nicht ohne Einfluss auf die Entwicklung der gesamten feudalen Architektur in Frankreich bleiben.1

Schließlich begannen die weiteren Normannenherzöge ihr Territorium zu erweitern.

Gleichzeitig konnte sich Frankreich nicht gänzlich mit der Herrschaft der Normannen über ihren nördlichen Küstenstreifen abfinden. Immer wieder gab es in der Geschichte der Normandie Auseinandersetzungen um einzelne Herrschaftsbereiche. Jeder versuchte, sie dem anderen streitig zu machen.2

Wo immer die Normannen ein Land in Besitz nahmen, bauten sie zunächst eine Burg.

Deshalb findet man sie zuhauf in der Normandie, wo die Auseinandersetzungen zwischen den französischen Königen und den Normannen den Bau militärischer Festungen nötig machte.

Ferner entwickelte man diesen Baustil weiter zu einem Wohnturm, der sogenannte Bergfried (frz. = Donjon) in dem der jeweilige Landsherr mit seiner Gefolgschaft residierte, umgeben von Wirtschaftsgebäuden und massiven Ringmauern.

„Dem politischen und militärischen Geschick Wilhelm des Eroberers, die Umgestaltung der Verwaltung durch den ersten Abt von Caen und den gestiegenen Reichtum durch normannische Eroberungen sind als begünstigende Faktoren für das Entstehen der großartigen normannischen Baudenkmäler zu nennen. Der schnelle politische Aufstieg ist die Ursache dafür, dass die Normandie in der Architektur zu Beginn des 11.Jahrhundert den anderen Regionen Frankreichs einen Schritt voraus war.“ 4

Diese Burgen finden ihre Formvollendung Ende des 12.Jahrhundert , heute sind sie als Ruinen (sie wurden geschleift oder vom Krieg zerstört; Bauern nutzen sie als Steinbrüche) noch zu besichtigen.

Da Burgen oft auf einem exponierten Felsen oder an einer Flussbiegung gebaut wurden, dort, wo man die Umgebung am besten überblicken konnte, ist das Château Gaillard, das von Richard I. in Les Andelys gebaut wurde ein charakteristisches Beispiel für die strategische Lage einer Festung. Dieses Schloss bildet somit den Höhepunkt des normannischen Burgenbaus, das in seiner Komplexität, Wehr- und Zweckhaftigkeit Vollendung fand.

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass das Schloss bis zum Mittelalter vor allem ein Kriegsbau, eine Festung oder ein befestigter Platz war, der einige Gebäude vereinigte, um sich zu verteidigen.

Der Grundherr bewohnte den Turm, sein Gefolge die verschiedenen angrenzenden Baulichkeiten.

3.2 Von der Burg zum Schloss

Die Entwicklung von der Burg zum Schloss spiegelt noch heute sichtbar den politischen Wandel, der vom Mittelalter in die Neuzeit führte.

Vom 13.Jahrhundert an tritt das Schloss dann in die eigentliche Domäne der Architektur. Während der Regentschaft Philipp Augusts vollzog sich der Sieg des Königtums über die Feudalherrschaft. Der König wurde alleiniger Herrscher. Das Königtum stützt sich auf diese neue Macht, um allmählich die Fundamente der aristokratischen Vorrechte zu untergraben. Das zeigt sich auch deutlich in der Architektur.

Die Burg war gleichzeitig Wehrbau und Herrschaftssitz gewesen, wobei die Herrschaft meist einen vergleichsweise kleinen territorialen Bereich umfasste.

Die Länder waren im Inneren damals noch nicht so sicher, dass die Burg, selbst wenn es sich um eine Königsburg handelte, nicht gelegentlich einem Angriff von Banden oder politischen Gegnern hätte standhalten müssen.1

Eine technische und eine politische Umwälzung führten dazu, dass die beiden Funktionen der Burg - Wehr und Repräsentation - voneinander getrennt wurden: erstens die Entwicklung der Kanone und Artillerie, die die mittelalterlichen Burgen zur Wehr unfähig und praktisch unbrauchbar machten (die vielen Burgruinen beweisen es, denn sie sind nicht Überreste des Zerfalls, sondern der Zerstörung); zweitens die politische Festigung der staatlichen Souveränität (die teilweise mit der Zerstörung der Ritterburg zusammenhängt), dass heißt der innere Frieden in den meisten Ländern Frankreichs nach den Religionskriegen des ausgehenden Mittelalters und die Entstehung des Absolutismus.

Die Aufgaben der Wehr übernahmen nun Festungen, die an den Grenzen der Länder gebaut wurden, während die Repräsentation von den Burgen herunter in das Schloss als Herrschaftssitz verlegt wurde (der auch nicht mehr geschützt auf einem Berg stehen brauchte).2

Das Schloss gewinnt also mehr und mehr an Luxus und Großartigkeit. Aus düsteren Festungen werden befestigte Palais, auch dekorative Elemente, die aus dem Orient herüberkamen hatten Einfluss auf den neuen Lebensstil. Die Säle wurden heller und wohnlicher, man ließ auch Wohnhäuser erbauen. Das Leben auf den ehemaligen Burgen bekam einen friedvolleren, häuslicheren Charakter.3

Dieselbe Struktur zeigen auch die Häuser des Kleinadels, die Manoirs auf: Wohnhaus mit Turm, später auch ein Treppenturm oder Ziertürmchen, ein von Wilhelm dem Eroberer festgelegtes Privileg der Lehnsherren, dann Wehranlagen, um das Herrenhaus mit den Wirtschaftsgebäuden errichtet.

Ob ein solches Landhaus einem reichen Bauern oder einem Adligen gehörte, erkennt man am Taubenhaus, das zu errichten nur ein Vorrecht für herzogliche Lehnsherren war. 4 Das Schloss des 13.Jhr. verband so mit seinem Festungscharakter auch den einer wirklichen Residenz, die für das Leben des großen Herren eingerichtet war, der von seinem Hof und seiner Garnison umgeben lebte.

Im 14.Jahrhundert bewahrten sich die Schlösser noch einen Rest ihres Festungscharakter (darauf bedacht eventuellen Volkserhebungen und Eingriffen des Königtums, sowie ausländischen Invasionen Widerstand leisten zu können), bis der Adel, der immer mehr die Vorstellung seines eigenen Prestige verlor und die Tradition aufgab, sich noch luxuriöse Residenzen erbaute.5

Der Hundertjährige Krieg beginnend in der Mitte des 14.Jahrhunderts unterbrach dann fast jede neue Bautätigkeit.

Nun gehen die Architekten vom Stil der späten Gotik (1130 - 1500) zum Renaissancestil (16.Jahrhundert) über: die Rückbesinnung auf die geistigen und künstlerischen Ideale der Antike. Es begann die Loslösung der Menschen aus ihrer mittelalterlichen Eingebundenheit. Und schon bald zeichnen sich die Haupteigenschaften des französischen Schlosses klarer ab: Gebäudeflügel, die einen viereckigen Hof umgeben, vorspringende Pavillons, (Überbleibsel der einstigen Verteidigungstürme), die die Ecken flankieren und gelegentlich die Fassaden schmücken.

Jegliche Gewinne (Ausbeutung des Landproletariats, Fronarbeit, regionale Sondersteuern) wurden in den Ausbau der Macht investiert und diese galt es mit der Erhabenheit der Schlösser zu repräsentieren: daher die Inszenierung nach außen.

Die Festungen wurden zu repräsentativen Prachtbauten umgebaut. (Diese herrschaftliche Bauund Wohnweise strebten dann die Bürger in den Städten nach.6 )

[...]


1 Balzers: „Lexikon - International Book Establishment“

2 Schwachulla W. / Henning Wolf K. : „Der Brockhaus“

3 ebenda

4 ebenda

1 Vedrès G.: „Die Schlösser der Normandie“

2 Léonard G. : „Histoire de la Normandie“

4 L.Musset: „Romanische Normandie“

1 Satrapa-Schill A.: „Burgen im Mittelalter - Höhenburgen“

2 ebenda

3 Boekhoff H. u.a. (Hrsg) : „Paläste Schlösser Residenzen“

4 Zwar stellten die Tauben in vielfacher Hinsicht auch einen wirtschaftlichen Faktor für die Landwirtschaft der Betriebe dar (und diente ferner zur Bereicherung des Speiseplans), doch das Privileg des Haltungsrechtes veranlasste die Grundherren, demonstrativ Taubentürme von außerordentlicher Pracht zu errichten. Sie stellen Miniaturformen der manoirs selbst dar, versinnbildlichen sozusagen die Vorrechte des Grundherren.

5 eigene Anmerkung: vielleicht darauf zurückzuführen, dass das 13. und 14.Jahrhundert (die Normandie wurde französische Provinz) ein langer Zeitraum des Friedens für die Normandie war, die bis dahin eigentlich nur Wikingerüberfälle und die Auswirkungen ständiger Erbauseinandersetzungen kannte.

6 die statische Stein- und Fachwerkbauweise ist bis heute noch in den kleinen Orten der Normandie anzutreffen.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Entwicklungsgeschichte und Architektur der Schlösser in der Normandie
Hochschule
Universität Potsdam  (Institut für Romanistik)
Veranstaltung
Normandie
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
17
Katalognummer
V144650
ISBN (eBook)
9783668184275
ISBN (Buch)
9783668184282
Dateigröße
534 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
entwicklungsgeschichte, architektur, schlösser, normandie
Arbeit zitieren
Adrian Golly (Autor), 2003, Entwicklungsgeschichte und Architektur der Schlösser in der Normandie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/144650

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