Die Rekrutierung von Eliten in Politik und Wirtschaft am Beispiel Deutschlands


Bachelorarbeit, 2009

57 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

EINLEITUNG

1. VORGEHENSWEISE UND STRUKTUR DER ARBEIT

2. FORSCHUNGSSTAND
2.1 Die Klassiker der Elitentheorie
2.1.1 Gaetano Mosca
2.1.2 Vilfredo Pareto
2.2 Der Bruch mit den Klassikern - Elitentheorien nach dem Zweiten Weltkrieg
2.2.1 Ralf Dahrendorf - Konkurrierende Führungsgruppen statt einheitlicher Machtelite
2.2.2 Hans Peter Dreitzel - Leistungsqualifikation als entscheidender Rekrutierungsmechanismus

3. DIE AKTUELLE ELITENFORSCHUNG
3.1 Die kritische Elitenforschung
3.2 Pierre Bourdieu: Die Reproduktion der herrschenden Klasse

4. ZWISCHENFAZIT: DER KRITISCHE UND DER FUNKTIONALISTISCHE ANSATZ IM VERGLEICH

5. REKRUTIERUNGSMECHANISMEN VON ELITEN IN DEUTSCHLAND
5.1 Der Forschungsstand der modernen Elitenforschung
5.2 Analyse der Rekrutierung in der Wirtschaftselite
5.3 Analyse der Rekrutierung von Eliten im Sektor Politik

6. FAZIT

7. LITERATURVERZEICHNIS

Einleitung

Seit den 1990er Jahren wird er wieder lauter, der Ruf nach handlungsfähigen Eliten. Nicht nur Politiker, auch Vertreter aus Wirtschaft und Medien fordern mit der Debat- te über Elitenförderung in Deutschland ein Umdenken in Sachen Gesellschaftsstruk- tur. Wenn Deutschland, so die einhellige Meinung, im globalen Vergleich nicht in der Mittelmäßigkeit verharren, sondern international Schritt halten wolle, so bräuchte es leistungsfähige Eliten, die in der Lage sind, die Gesellschaft und das Land voran- zubringen. Der Elitegedanke, der lange Zeit kritisch beäugt wurde, erfährt eine Re- naissance. Auch in der breiten Bevölkerung hat bereits ein Umdenken stattgefunden. Zwar wird mit dem Elitebegriff noch immer das Verhalten von Spitzenmanagern in Verbindung gebracht, die exorbitanten Gehälter und Bonuszahlungen beziehen und diese im schlimmsten Fall nicht ordnungsgemäß versteuern, dennoch ist ein erhebli- cher Anstieg derer zu beobachten, die Elitenförderung für gut und sinnvoll halten. Neben Umfragewerten, die dies belegen, lassen auch das vermehrte Aufkommen von Elitekindergärten, -schulen und -universitäten, in denen Kinder Wohlhabender gegen entsprechende Gebühr schon als Kleinstkinder zu Elitemitgliedern erzogen werden, auf einen Wandel im Denken schließen.

Gerade in Deutschland ist dies ein bemerkenswert schneller Wechsel im Denken. Dachte man noch bis Ende der 90er Jahre, der Elitegedanke sei, mitsamt der Rassenideologie und dem Führerkult des Nationalsozialismus in der geschichtlichen Versenkung verschwunden, so weisen heute Politiker, wie Annette Schavan von der CDU im Sommer 2005 stolz daraufhin, sie hätten schon von Eliten gesprochen, als andere das noch schlimm fanden.1

Alles deutet daraufhin, dass auch in der heutigen Gesellschaft auf Eliten nicht ver- zichtet werden kann, bleibt die Frage, wie die Begriffe Elite und Massen, oben und unten und Gewinner und Verlierer in den demokratischen Wortschatz einer Nation passen, oder anders gefragt, wie legitimieren sich Eliten in einer Demokratie? Zumal es doch im Grundgesetz der BRD heißt, dass niemand wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, sei- nes Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden darf.2 Gilt hier das Wort des Literaturhistorikers und Philosoph Ludwig Marcuse: „Es ist immer die Leistung, die bestimmt, wer zur Elite zählt.“3

Oder nach welchen Kriterien entscheidet sich in einer Gesellschaft, wer zur Elite und wer zur Masse, wer nach oben und wer nach unten gehört, wer zu den Gewinnern und wer zu den Verlierern zählt?

Diese Frage beschäftigt die Wissenschaft schon seit mehr als einem Jahrhundert und soll auch Grundlage der vorliegenden Arbeit sein.

Das Wort Elite stammt aus dem Französischen und ist als soziologischer Begriff für eine gesellschaftliche Gruppe noch nicht allzu lange bekannt. Im 17. Jahrhundert wurden Waren von hoher Qualität als élite bezeichnet, später auch qualifizierte mili- tärische Einheiten oder Adel von hohem Rang. Allgemeine Verbreitung als Begriff der Sozial- und Politikwissenschaft findet die Bezeichnung in Europa erst im späten 19. Jahrhundert.4

Wie die Entwicklung des Elitebegriffs in der Wissenschaft verlaufen ist, soll im er- sten Teil der vorliegenden Arbeit dargestellt werden. Es werden die klassischen Eli- tetheorien Paretos (1848 - 1923) und Moscas (1858 - 1941) vorgestellt, die nicht nur die ersten Elitetheorien überhaupt verfassten, sondern mit ihrer Gegenüberstellung von Elite und Masse, wenn auch unabsichtlich eine ideologische Grundlage für den Faschismus lieferten. Somit führen sie zu einem Wandel, insbesondere der deutschen Elitenforschung nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Nachkriegstheoretiker bestimmen den Elitebegriff völlig neu. Die Elitezugehörigkeit soll nicht mehr durch die soziale Herkunft oder gar die Rasse bestimmt sein, sondern von individueller Leistung ab- hängig gemacht werden. Jedem Gesellschaftsmitglied soll es prinzipiell möglich sein, in Elitepositionen zu gelangen. In einem demokratischen System handelt es sich zudem um pluralistische, in Konkurrenz zueinander stehende Teileliten, so der neue Denkansatz. Das neue Eliteverständnis geht von leistungsabhängigen Positions- und Leistungseliten aus. Diese Theorie suggeriert die Möglichkeit durch Leistungsbereit- schaft, auch aus unteren Schichten aufsteigen zu können.

Demgegenüber etablierte sich ein kritischer Ansatz der Elitentheorie, dessen Vertre- ter, im Gegensatz zu den funktionalistischen Elitetheoretikern davon ausgehen, dass die soziale Herkunft nach wie vor einen direkten Einfluss auf die Karrierechancen und damit auf die Möglichkeit in Elitepositionen aufzusteigen hat. Die führende Klasse einer Gesellschaft sei auch in einem demokratischen System in einem hohen Maße kohärent und sozial geschlossen. Beide Ansätze sollen in dieser Arbeit verglichen werden.

Im zweiten großen Abschnitt folgt dann ein Blick in die Realität. Anhand empiri- scher Daten soll festgestellt werden, wie sich Eliten in Deutschland rekrutieren. Die Wahl fiel hier auf die Sektoren Politik und Wirtschaft, die neben der Wissenschaft, der Justiz, dem Militär und den Medien die wichtigsten Teileliten in Deutschland bilden.

1. Vorgehensweise und Struktur der Arbeit

Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, zu bestimmen, unter welchen Bedingungen sich die Eliten der Sektoren Politik und Wirtschaft in Deutschland rekrutieren. Dabei sollen die Fragen beantwortet werden, aus welchen Gesellschaftsklassen die Eliten in Deutschland rekrutiert werden, wie offen die Eliten gegenüber Aufsteigern aus Nicht-Eliten sind und welche Differenzen es zwischen den Rekrutierungsmechanismen in Politik und Wirtschaft gibt.

Im ersten Teil der Arbeit wird auf die Entwicklung der Eliteforschung eingegangen. Als Klassiker der Elitentheorie werden die Arbeiten der italienischen Vordenker Gaetano Mosca und Vilfredo Pareto, als erste wissenschaftliche Arbeiten zu diesem Forschungsgegenstand vorgestellt. Mit ihrer Trennung zwischen der kleinen, zur Führung bestimmten Elite und der Masse verfassten sie einen ideologischen Grund- gedanken des Faschismus. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es, gerade in Deutsch- land im Hinblick auf den Nationalsozialismus, zu einem Bruch mit der klassischen Elitentheorie. Dies soll anhand der funktionalistischen Denkansätze von Ralf Dah- rendorf (1929 - 2009) und Hans Peter Dreitzel (geb. 1935) dargestellt werden. Beide distanzieren sich vom Gedanken einer einheitlichen Oberschicht, die die Führung der Gesellschaft übernimmt, ihnen geht es darum, einen neuen Elitebegriff zu entwic- keln. In der demokratischen Industriegesellschaft, so die These, herrsche pluralisti- sche Elitenvielfalt, zudem sei der Zugang zur Elite offen und Elitenrekrutierung ba- siere auf dem Leistungsprinzip.

Demgegenüber steht die kritische Elitenforschung. Sie setzt sich skeptisch mit den Kernthesen des funktionalistischen Ansatzes auseinander. Beide Denkrichtungen sollen im zweiten Abschnitt dieser Arbeit miteinander verglichen werden. An dieser Stelle soll Bourdieus Habitustheorie herangezogen werden, um die Unterschiede der beiden Theorierichtungen darzustellen.

Bourdieu und seine Kollegen untersuchen die Rekrutierungsmechanismen von Eliten in modernen Gesellschaften und stellen anhand ihrer Ergebnisse die These auf, dass die soziale Herkunft einen direkten Einfluss auf den Karriereverlauf nimmt. Indem sie das reine Leistungsprinzip als Rekrutierungsmechanismus in Frage stellen, kriti- sieren sie den funktionalistischen Denkansatz in seiner Kernthese. Somit ist die vorliegende Arbeit in den aktuellen Forschungszusammenhang gestellt und die theoretische Grundlage geschaffen. Es folgt die Betrachtung der Elitenrekru- tierung in Deutschland, um abschließend festhalten zu können, ob und welcher der theoretischen Ansätze der modernen Elitenforschung als verifiziert angesehen wer- den kann. Die Untersuchung erfolgt aufgrund der Daten der Potsdamer Elitestudie von 1995, sowie vorangegangener Untersuchungen und darauf basierenden Arbeiten, sowie auf Basis der wissenschaftlichen Arbeiten des Soziologen Prof. Michael Hart- mann. Interessant sind beide Studien, weil sie den unterschiedlichen Denkansätzen der aktuellen Eliteforschung folgen. Zudem bieten die Elitestudien aus Potsdam bzw. Mannheim viel empirisches Material, jedoch kaum theoretische Grundlage. Dies macht es sinnvoll, weitere Arbeiten zu dieser Thematik heranzuziehen. Es sollen in dieser Arbeit also die theoretischen Grundlagen der Elitenforschung mit dem empirischen Material verglichen werden, um festzustellen, welchen Mechanis- men die Rekrutierung von Elite in Deutschland folgt. Wegen seiner außergewöhnli- chen Geschichte ist gerade Deutschland ein interessanter Forschungsgegenstand, denn anders als beispielsweise in England oder Frankreich ist das Verhältnis der Deutschen zu ihren Eliten durch den Nationalsozialismus vorbelastet. Anders als in anderen Ländern gab es einen Bruch in der deutschen Elitentradition und somit auch eine Umorientierung im Bereich der Forschung und Wissenschaft.5 Mit Politik und Wirtschaft fiel die Wahl auf zwei außerordentlich wichtige Bereiche für eine Gesellschaft, zudem wird hier die These aufgestellt, dass sich einerseits bei- de Eliten unterschiedlich rekrutieren, auf der anderen Seite soll die Frage beantwortet werden, ob es sich im Falle der Wirtschafts- und Politikeliten wirklich um miteinan-der konkurrierende und voneinander unabhängige Eliten handelt, wie der funktiona-listische Ansatz behauptet.

2. Forschungsstand

Die wissenschaftliche Diskussion über Eliten beginnt mit den beiden wichtigsten Vertretern der klassischen Elitentheorie, Gaetano Mosca und Vilfredo Pareto und hängt eng mit der Trennung der Gesellschaft in Elite auf der einen und Massen auf der anderen Seite zusammen, wobei die Elite als die positive, die Massen als die ne- gative Seite betrachtet wird. Die beiden Theoretiker entwickelten ihre Theorien Ende des 19., beziehungsweise Anfang des 20. Jahrhunderts. Entscheidend ist für sie die Vorstellung einer überlegenen Minderheit, die dazu bestimmt ist, die Massen zu füh- ren. Diese eng mit dem Rassegedanken und der Naziideologie verbundene Vorstel- lung sorgte dafür, dass es nach Ende des Dritten Reichs zu einem Bruch in der deut- schen Elitenforschung kam.

Im Folgenden soll nun die Entwicklung der Elitentheorien nachgezeichnet werden.

2.1 Die Klassiker der Elitentheorie

Im Laufe des 19. Jahrhunderts sorgte die voranschreitende Industrialisierung für ein gesteigertes Wirtschaftswachstum und technischen Fortschritt, aufgrund dessen der individuelle Wohlstand anstieg. Diese Entwicklung hatte nicht nur Landflucht und Verstädterung zur Folge, auch die Bevölkerung wuchs rasant.

„Die Industrialisierung hatte durch die spürbare Reduzierung der Sterblichkeitsziffer, einen Anstieg der Geburtenrate und die allmähliche Anhebung des Lebensstandards ein Wachstum der europäischen Bevölkerung bewegt, das es zuvor noch nie gegeben hatte.“ 6

Das Bürgertum und die bürgerlichen Akademiker beobachteten diese Entwicklung mit Besorgnis, denn durch die Urbanisierung wuchs auch die Bevölkerungsschicht der Arbeiter zur industriellen Arbeiterklasse heran und wurde mit der Arbeiterbewe- gung zu einer politisch relevanten Gruppe. Diese Entwicklung bedeutet eine Gefähr- dung der gesellschaftlichen Verhältnisse und wurde von zeitgenössischen Intellektu-ellen mit Sorge gesehen. „Ein Gespenst geht um in Europa“7 so heißt es in Karl Marx´ Kommunistischem Manifest, indem er dem Proletariat zu einem vorher nicht gekannten Klassenbewusstsein verhilft. Die Massen kamen politisch in Bewegung und „wenn Massen politisch in Bewegung [kommen], so [besteht] ihr Ziel allem An- schein nach stets in der Revolutionierung des bestehenden Herrschaftssystems.“8 Auf dem Hintergrund dieser gesellschaftlichen Entwicklungen entstanden die klassischen Elitetheorien von Mosca (1896) und Pareto (1916). Es wundert nicht, dass diese grundlegenden Werke über den Elitenbegriff, diesen ganz gezielt über den Unter- schied zu den Massen diskutieren. Die Massen sind in der Diskussion negativ, die Eliten als positiv zu betrachten.9

Im Folgenden sollen nun die klassischen Elitetheorien von Mosca und Pareto vorgestellt werden. An ihnen lässt sich der Bruch der deutschen Elitenforschung nach dem Zweiten Weltkrieg verdeutlichen.

2.1.1 Gaetano Mosca

Der Politikwissenschaftler und Soziologe Gaetano Mosca (geboren 1858 in Palermo, gestorben 1941 in Rom) gilt heute als einer der Begründer der Elitentheorie, obwohl er den Begriff Elite nie verwendete, sondern stets von der herrschenden oder der politischen Klasse sprach.10 Als einer der ersten Theoretiker unterschied Mosca zwischen der herrschenden Klasse auf der einen und den Massen auf der anderen Seite. Im zweiten Kapitel seines Hauptwerks von 1896 schreibt er:

„Unter den beständigen Tatsachen und Tendenzen des Staatslebens liegt eins auf der Hand: In allen Gesellschaften, von der den primitivsten im Aufgang der Zivilisation bis zu den vorgeschrittensten und mächtigsten, gibt es zwei Klassen, eine, die herrscht und eine, die beherrscht wird.“11

Auf dieser Aussage baut er seine gesamte Theorie auf und sieht auch im Parlamenta- rismus keinen Widerspruch, denn, so Mosca in seinem Werk, „es trifft nicht zu, daß die Wähler ihren Vertreter „auswählen“; in Wahrheit lässt sich der Vertreter von den Wählern „auswählen““12. Diese Teilung der Gesellschaft in zwei Klassen erklärt Mosca mit der organisationssoziologischen Tatsache, dass die herrschende Klasse eine Minderheit, also in ihrer Zahl geringer ist und sich somit besser organisieren kann.

„Die Minderheit [ist] einfach darum organisiert, weil sie die Minderheit ist. Hundert Menschen, die gemeinsam nach gemeinsamen Plänen handeln, werden tausend Menschen besiegen, die nicht übereinstimmen und mit denen man darum nacheinander einzeln fertig werden kann.“13

Außerdem seien die Mitglieder der herrschenden Klasse denen der Masse intellektu- ell und materiell überlegen. Diese Überlegenheit in Kombination mit moralischem Prestige sind für Mosca die entscheidenden Charakteristika der herrschenden Klasse.

„Aber auch abgesehen von allen Vorteilen der Organisiertheit besteht die herr- schende Minderheit aus Individuen, die der Masse der Beherrschten in materiel- ler, intellektueller, sogar in moralischer Hinsicht überlegen sind, oder sie sind wenigstens Nachkommen von Individuen, die solche Vorzüge besaßen.“14

Das moralische Prestige, sowie geistige und wirtschaftliche Überlegenheit bezeichnet Mosca in seinem Werk als „soziale Kräfte“, sie sind die Mittel zur Leitung der Massen. 15 Diese Mittel, die Mosca als Voraussetzung sieht, um in die herrschende Klasse aufzusteigen, sind für den Theoretiker nicht aus den angeborenen Unterschie- den der Individuen zu erklären. Er räumt zwar ein, dass jeder Mensch mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Veranlagungen geboren wird, viel wichtiger als das sei jedoch die Erziehung und Sozialisation, die ein Mensch erfährt.16

Da Mosca davon ausgeht, dass die Fähigkeiten zum Leiten der Massen durch soziale Kräfte bestimmt sind und nicht etwa durch vererbbare Eigenschaften, so ist die logische Folgerung, dass eine Veränderung dieser Kräfte auch eine Veränderung der Zusammensetzung der politischen Klasse herbeiführt. Es kommt zu einer Auseinandersetzung über die Herrschaft. Mosca schreibt dazu:

„Wir sehen, daß jede Veränderung des politischen Gleichgewichts zu einer Ände- rung in der Zusammensetzung der politischen Klasse führt. […] Man könnte die ganze Geschichte der Kulturmenschheit auf den Konflikt zwischen dem Bestre- ben der Herrschenden nach Monopolisierung und Vererbung der politischen Macht und dem Bestreben neuer Kräfte nach einer Änderung der Machtverhält- nisse erklären.“17

Mit diesem Konflikt kommt Mosca auf die Rekrutierung neuer Eliten zu sprechen und stellt fest, dass alle politischen Klassen zur Vererbung ihrer Macht neigen. Der Aufstieg in die politische Klasse sei zwar theoretisch für jedermann möglich, schließlich werden öffentliche Ämter durch Prüfungen besetzt, denen sich jeder un- terziehen kann, aber zum einen fehlen einem großen Teil der Bevölkerung die Res- sourcen für die lange Ausbildung und zum anderen die Verbindungen und Beziehun- gen, die einem den Aufstieg erleichtern. Der Nachwuchs aus der politischen Klasse habe Außerdem den Vorteil, dass er die Kunst der hohen Politik von Kindheitsbeinen an erlerne.18 Diese Monopolisierung der Macht werde durch stabile politische Ver- hältnisse noch begünstigt. Das Ausbleiben von größeren Erschütterungen des Sy- stems sorge dafür, dass es dem Nachwuchs immer leichter gelinge in die Funktionen ihrer Väter nachzurücken. Es entstehe „eine Clique einflussreicher Familien, in die neue Männer nur schwer Einlaß fänden.“19

Auf Grund dessen kommt es zur Entfremdung der beiden sozialen Klassen, so Mosca. Dies hat zur Folge, dass die Energie der Oberklassen sinke, da sie immer „ärmer an kühnen, kampflustigen Charakteren und reicher an weichen, nachgiebigen Individuen werden.“20 Bei der kleinsten Störung brechen die herrschenden Klassen auseinander, da sie auf Gefahren nicht mehr reagieren können.

„Aber wenn die Oberschicht durch intellektuelle, moralische und materielle Iso- lierung degeneriert, dann verliert sie die Fähigkeit, sich gegen die Gefahren zu schützen, die sie selbst und die ihr anvertraute unglückliche Gesellschaft bedro- hen. Dann bricht das politische Regime beim ersten ernsten Stoß […] zusam- men.“21

Ein ständiger Austausch von Kräften aus Ober- und Unterschicht sei also für den Erhalt und die Stabilität eines politischen Systems elementar. Somit hält Mosca fest, dass der Konflikt zwischen der Monopolisierung der Macht seitens der Herrschenden und dem Aufstreben seitens der Beherrschten nur zeitweise zu Gunsten ersterer ge- löst werden könne. Es komme laufend zu einem Wechsel zwischen Ober- und Unter- schicht. „Das Werk von Herrschern [hatte] nur dann dauernde Bedeutung […], wenn sie eine zeitgemäße Umwandlung der herrschenden Klassen herbeiführten.“22

2.1.2 Vilfredo Pareto

In seinem soziologischen Hauptwerk „Trattato di sociologia generale“, zu Deutsch „Allgemeine Soziologie“ von 1916 veröffentlichte Vilfredo Pareto (geboren 1848 in Paris, gestorben 1923 in Céligny bei Genf) seine Theorie der Eliten. Besonderes Augenmerk legt Pareto auf die Bedingungen, unter denen sich Eliten rekrutieren. Dargelegt wird dies in seiner Theorie vom Kreislauf der Eliten, welche im wissenschaftlichen Umfeld als seine bedeutendste Leistung angesehen wird23 und auf Grund dessen er Eingang in die vorliegende Arbeit gefunden hat.

Da Paretos Elitentheorie stark in eine systematische soziologische Gesamttheorie eingebunden ist, müssen an dieser Stelle auch die Grundlagen der Paretischen Sozio- logie dargestellt werden, aus denen sich im Folgenden die Elitentheorie ergibt. Pareto geht in seiner Theorie davon aus, dass Gesellschaften keinesfalls homogen sind, sondern sich vielmehr aus höchst unterschiedlichen Individuen zusammensetz- ten. Nicht nur äußerlich unterscheiden sich die Mitglieder einer Gesellschaft, auch ihre Charaktere seien verschieden geprägt.24 „Es ist einfach Tatsache, daß die menschliche Gesellschaft nicht gleichartig ist; daß die Menschen physisch, mora- lisch, intellektuell verschieden sind.“25 Aus dieser Verschiedenheit der Menschen ergeben sich, so Pareto, verschiedenste Klassen, in die die Gesellschaft eingeteilt ist. Da diese sehr vielfältig und zu dem nicht scharf voneinander zu trennen seien, ver- einfacht der Theoretiker das Modell. Um die Menschen in der Gesellschaft einstufen zu können, entwickelt Pareto eine Werteskala von 0 bis 10.

„Nehmen wir also an, in allen Zweigen menschlicher Tätigkeit wird jedem Indi- viduum eine Messzahl seiner Fähigkeiten zugeteilt. […] Dem in einem Beruf Hervorragenden werden wir 10 geben, dem, der es nicht zu einem einzigen Kun- den oder Anhänger bringt 1, so dass 0 für den wirklich Geistesschwachen ver- bleibt.“26

Als Elite definiert er somit die Klasse einer Gesellschaft, die in einem Tätigkeitsfeld die besten Leistungen erbringt, also auf der Werteskala den höchsten Wert erreicht. Dabei zählt es für den Theoretiker anfangs nicht, welches Ansehen diese Tätigkeit hat. Im weiteren Verlauf seiner Arbeit gibt Pareto diesen sehr funktionalistischen

Ansatz jedoch zu Gunsten eines klassischeren auf. Er unterteilt die sich aus seinem Wertesystem ergebene Elite in eine regierende und eine nicht regierende Elite.27 Die Gesellschaft setzt sich demnach aus einer zweiteiligen Elite und den Massen zusam- men. Pareto vereinfacht diesen Blick auf die Gesellschaft noch weiter und spricht im Folgenden von der Ober- und Unterschicht oder von der regierenden und der regier- ten Klasse. Anschließend rückt er von seinem Punktesystem zur Leistungsbestim- mung ab, da er feststellen muss, dass es kein System gibt, nachdem Leistung objektiv gemessen werden kann.

„Nachdem Pareto das Konzept der Qualitätsauswahl zur Bestimmung der Elite verwendet und damit drei Klassen ermittelt hat, nämlich 1. die nicht ausgewählte Klasse, eliteferne Klasse oder Unterschicht, 2. die nicht herrschende Elite und 3. die herrschende Elite, gibt er diese Konzeption auf und weist den Individuen ih- ren Platz in den verschiedenen Klassen gemäß gewisser „Etiketten“ an.“28

Zur herrschenden Elite gehören demnach Personen, die das Etikett politisch hoher Ämter besitzen. In vielen Bereichen menschlicher Tätigkeit müssen diese Etiketten, wie beispielsweise das eines Rechtsanwalts persönlich durch ein Examen erworben werden. Dies sei in der herrschenden Elite nicht der Fall. Daraus ergibt sich folgende Problematik, zum einen könnten auch solche Personen in die herrschende Elite auf- steigen deren Fähigkeiten gar nicht dem erlangten Etikett entsprechen, zum anderen könne die Stellung in der Elite vererbt werden, zwar nicht mehr direkt, so doch indi- rekt über Beziehungen und Vermögen.29

„Entsprechend finden sich in der regierenden Elite Leute, die als Etikett politische Funktionen von einem gewissen Rang tragen […], mit einem unvermeidlichen Anteil solcher, denen das Eindringen in diese Ränge gelungen ist, ohne daß sie die dem Etikett entsprechenden Eignung besitzt.“ 30

Im Gegensatz zu dem Idealbild, dass innerhalb des Kreislaufs freie Mobilität herrscht, also, dass jeder, der die erforderlichen Leistungen erbringt, in die herr- schende Elite aufsteigen kann, kommt es zu unnatürlichen Eingriffen in den Kreis- lauf, in dem, wie oben erwähnt, Personen durch Beziehungen, oder Vermögen in die Elite aufsteigen können, ohne die erforderlichen Fähigkeiten zu besitzen, auf der anderen Seite besteht die Möglichkeit, dass fähige Personen von der bestehenden Elite von Führungspositionen ausgeschlossen werden.31

An dieser Stelle führt Pareto in seine Theorie vom Kreislauf der Eliten ein. Dieser Kreislauf ergibt sich auf Grund der Tatsache, dass es nach seinem Ansatz zwei verschiedene Elitetypen gibt. Um diese genauer beleuchten zu können, müssen weitere Begriffe aus Paretos Gesamtwerk eingeführt werden. Er teilt alle menschlichen Handlungen in logische und nicht logische Handlungen ein. Unter logische Handlungen fallen solche, die aus für ihren Zweck geeigneten Mitteln bestehen, nicht logische Handlungen sind im Gegensatz dazu Handlungen, die subjektiv keinen logischen Zweck haben, wie zum Beispiel Höflichkeitshandlungen und Instinkte.32 Jede Handlung wird von Pareto in drei Elemente geteilt,

„in den äußeren Handlungsablauf, „Derivat“ genannt, in die scheinbar logische Begründung der Handlung durch den Handelnden, als „Derivation“ bezeichnet, und in die psychische Konstante, die den Akteur zu bestimmten Handlungen treibt, „Residuum“ genannt.“33

Residuum ist ein Kunstwort Paretos, das an dieser Stelle zum weiteren Verständnis näher erläutert werden muss. Der Theoretiker teilt die Residuen in sechs Klassen ein, wobei er für seine Theorie der Elitenzirkulation nur die Residuen der Klasse I und II heranzieht, daher sollen auch nur diese dargestellt werden: Das Residuum der Klasse I nennt Pareto „Instinkt der Kombination“. Menschen, deren Charakter durch dieses Residuum geprägt ist, haben einen Hang zum Wechsel, zur Neuerung, zur Manipula- tion und auf wirtschaftlicher Ebene zur Spekulation. Ihre Ziele erreichen sie durch List, Bestechung und Manipulation. Diese Eigenschaften sorgen für wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritt.34 Personen mit diesen Charakterzügen nennt Pare- to Füchse. Im Gegensatz dazu steht das Residuum der Klasse II, „Die Persistenz der Aggregate“. Menschen, die durch dieses Residuum geprägt sind, sind jeder Neuerung gegenüber misstrauisch eingestellt und wollen die bestehende Ordnung erhalten. Um dies zu erreichen, schrecken sie auch vor Gewaltanwendung nicht zurück.35 Men- schen dieses Typs bezeichnet Pareto als Löwen.

Durch diese verschiedenen Residuen werden nach Pareto zwei unterschiedliche Eli- tetypen gekennzeichnet, die das soziale Gleichgewicht einer Gesellschaft bestimmen.

[...]


1Annette Schavans, CDU, im August 2005 gegenüber dem Spiegel.

2Vgl. Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland, Art. 3, Abs. 3.

3Ludwig Marcuse (1894-1971), dt. Literaturhistoriker u. Philosoph

4Vgl. Bottomore, T. B.: Elite und Gesellschaft. Eine Übersicht über die Entwicklung des Eliteproblems, München: C.H Beck Verlag, 1974, S. 7.

5 Ein weiterer wichtiger Einschnitt für die Eliten in Deutschland, der hier aus Platzgründen nicht weiter berücksichtigt werden kann, ergibt sich aus der Wiedervereinigung und der damit einhergehenden Integration der ostdeutschen Eliten.

6 Hartmann, Michael: Elitensoziologie - Eine Einführung, Frankfurt/Main: Campus Verlag GmbH, 2004, S.13.

7 Marx, Karl/Engels, Friedrich: Das kommunistische Manifest (Minifest der kommunistischen Partei) - Von der Erstausgabe zur Leseausgabe, Trier: Karl-Marx -Haus, 1995, S. 3.

8 Hartmann, Michael: Elitensoziologie - Eine Einführung, Frankfurt/Main: Campus Verlag GmbH, 2004, S. 15.

9 Vgl. ebd., S. 13.

10 Vgl. Kailitz, Steffen (Hrsg.): Schlüsselwerke der Politikwissenschaft, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2007, S. 316.

11 Mosca, Geatano: Die herrschende Klasse, (nach der 4. Auflage übersetzt von Prof. Dr. Fanz Borkenau), Bern: Verlag A. Francke AG., 1950, S. 53.

12 Ebd., S. 134.

13 Ebd., S. 55.

14 Ebd., S. 55.

15 Vgl. ebd., S. 206.

16 Vgl. ebd., S. 63.

17 Ebd., S. 64 f.

18 Vgl. ebd., S. 62.

19 Ebd., S. 218.

20 Ebd., S. 104.

21 Ebd., S. 106.

22 Ebd., S. 277.

23 Vgl. Hamann, Rudolf: Paretos Elitentheorie und ihre Stellung in der neuen Soziologie, Stuttgart: Gustav Fischer Verlag, 1964, S. 2.

24 Vgl. Zauels, Günter: Paretos Theorie der sozialen Heterogenität und Zirkulation der Eliten, Stuttgart: Ferdinand Enke Verlag, 1968, S. 36.

25 Pareto, Vilfredo: Allgemeine Soziologie (1916) (ausgewählt, eingeleitet und übersetzt von Carl Bringmann). Tübingen: J. C. B. Mohr (Paul Siebeck), 1955, S. 217, §2025.

26 Ebd., S. 220, §2027.

27 Vgl., ebd., S. 222, §2032.

28 Zauels, G.: Paretos Theorie der sozialen Heterogenität und Zirkulation der Eliten, S. 37.

29 Vgl. ebd.

30 Pareto, V.: Allgemeine Soziologie, S. 223, §2035.

31 Hamann, R.: Paretos Elitentheorie und ihre Stellung in der neuen Soziologie, S. 12 und Pareto, V: Allgemeine Soziologie, S. 75 ff.

32 Vgl. Pareto, V.: Allgemeine Soziologie, S. 27, § 150.

33 Hamann, R.: Paretos Elitentheorie und ihre Stellung in der neuen Soziologie, S. 6.

34 Vgl. ebd., S. 12.

35 Vgl. ebd.

Ende der Leseprobe aus 57 Seiten

Details

Titel
Die Rekrutierung von Eliten in Politik und Wirtschaft am Beispiel Deutschlands
Hochschule
Universität Osnabrück
Note
1,5
Autor
Jahr
2009
Seiten
57
Katalognummer
V144801
ISBN (eBook)
9783640548873
ISBN (Buch)
9783640552702
Dateigröße
3853 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Eliten, Elitenrekrutierung, Deutschland, Politik, Wirtschaft, Pierre Bourdieu, Pareto, Mosca, Michael Hartmann, Dahrendorf, Dreitzel, Habitus, Wirtschaftselite, Politikelite, Elitenforschung
Arbeit zitieren
Sarah Penning (Autor), 2009, Die Rekrutierung von Eliten in Politik und Wirtschaft am Beispiel Deutschlands, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/144801

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