Das Verhalten der Krimtataren unter der deutschen Besatzung

Deportation aufgrund Massenkollaboration?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

19 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Stellung der Krimtataren unter sowjetischer Herrschaft

3. Die deutsche Besatzungsherrschaft
3.1 Deutsche als Befreier?
3.2 Die Konsolidierung der Herrschaft auf der Krim
3.3 Der Einsatz in militärischen Verbänden
3.4 Die andere Seite der Krimtataren
3.5 Das Ende der Besatzungsherrschaft

4. Das vorläufige Ende der krimtatarischen Besiedelung

5. Schlussbetrachtung

6. Quellenverzeichnis

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der 18. Mai 1944 ist als schwarzer Tag in die Geschichte der Krimtataren eingegangen. An diesem Tag mussten ihre Siedlungen auf der Krim überfallartig geräumt werden und es erfolgte ihre Deportation in den weiten Osten der Sowjetunion. Der Grund für ihre Deportation wurde von der sowjetischen Regierung in einer angeblichen Massenkollaboration gesehen. Auf dem Weg nach Usbekistan kam fast die Hälfte der deportierten Krimtataren um das Leben.[1] Auch nach der erfolgten Deportation waren die Krimtataren noch gezwungen, in bewachten Lagern zu hausen und erst mit dem einsetzendem Tauwetter nach Stalins Tod verbesserte sich ihre Lage spürbar.[2] Jedoch war auch jetzt eine Rückkehr auf die Krim nur sehr schwer zu realisieren. Erst mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion kann von einer spürbar erleichterten Rückreisemöglichkeit der Krimtataren gesprochen werden.[3]

Diese Arbeit wird sich mit dem Grund der Deportation auseinandersetzen, dem Vorwurf der Massenkollaboration. Demzufolge wird das Verhalten der Krimtataren während der deutschen Besatzungsherrschaft des Zweiten Weltkrieges näher beleuchtet werden. Es wird der Frage nach einer generellen Kollaboration nachgegangen werden, weiterhin soll soweit als möglich ihr Ausmaß dargestellt werden.

Bewerkstelligt werden soll dies durch eine chronologische Analyse des krimtatarischen Verhaltens gegenüber der Besatzungsmacht. Sowohl die mentale Grundeinstellung der Krimtataren gegenüber der sowjetischen Regierung und den deutschen Besatzern als auch das tatsächliche Verhalten während der Besatzungsherrschaft sollen als Anhalt dienen. Grundlagenwerke für diese Arbeit stellen zum einen die Monographie von Norbert Kunz[4] dar, welche sich mit den allgemein deutschen Aspekten der Besatzungsherrschaft auf der Krim befasst. Ein Standardwerk, das sich hauptsächlich mit den Krimtataren beschäftigt wurde von Brian G. Williams verfasst. Quellenliteratur der Krimtataren über die Besatzungszeit ist nur rudimentär vorhanden, bei dieser Betrachtung wurde das Werk von Edige Kirimal[5] verwendet. Diese Arbeit soll sich hauptsächlich mit der krimtatarischen Sicht der Verhältnisse beschäftigen, insofern wird auf deutsche Literatur zur Thematik weitgehend verzichtet werden. Des Weiteren wurde auf Literatur von Gerhard Simon[6] und Alan Fisher[7] zurückgegriffen.

Der Forschungsstand bezüglich dieser Thematik kann aus deutscher Sicht mit gut bewertet werden, da gerade Besatzungspolitik im Zweiten Weltkrieg ein wiederkehrendes Thema in der Forschung ist. Bezüglich russisch/sowjetisch-krimtatarischen Angelegenheiten muss vieles noch im Vagen verharren, da viele Dokumente über Deportationen von Minderheiten im Zweiten Weltkrieg erst nach und nach freigegeben worden sind oder werden.

2. Die Stellung der Krimtataren unter sowjetischer Herrschaft

Nach der Eingliederung der Krim, die 1921 mit dem Ende des Bürgerkrieges erfolgt war, kann von einer liberalen Politik den Krimtataren gegenüber gesprochen werden. Wahrscheinlich ist diese Politik weniger auf Minderheitenfreundlichkeit beruhend als auf Konsolidierung der erkämpften Macht.[8] Durch die Erlangung vieler Freiheiten, beispielsweise wurde das Tatarische dem Russischen gleichgesetzt oder die tatarische Geschichte der Krim besonders betont, ist die Zeit bis 1927 als goldenes Zeitalter zu bezeichnen.[9] Diese Periode endete in Stalins großen Säuberungen der dreißiger Jahre. Nicht nur, dass sämtliche quasi-autonomen Rechte zurückgenommen wurden, auch wurde ein Großteil der tatarischen Oberschicht ermordet. Zwangskollektivierungen und damit einhergehende Eigentumsverluste und willkürliche Deportationen waren weitere Merkmale dieser Zeit.[10] Dies war das Präludium zur deutschen Besatzungsherrschaft und macht somit deutlich, dass die Krimtataren nach den Repressionen der dreißiger Jahre von ihren sowjetischen Machthabern keine hohe Meinung mehr haben konnten.

3. Die deutsche Besatzungsherrschaft

Die Herrschaft von Wehrmacht und Militärverwaltung war über den Zeitraum vom 21. Oktober 1941 bis zum Ende des Besatzungsregimes am 12. Mai 1944 unterschiedlich intensiv. Selbiges gilt natürlich für das Ausmaß der Kollaboration[11] der Krimtataren.

3.1 Deutsche als Befreier?

Der Beginn der deutschen Besatzungsherrschaft aus Sicht der Krimtataren kann nicht ohne den gedanklichen Rückgriff auf die erlittenen Repressionen der Zeit davor analysiert werden. Beinahe die Hälfte der tatarischen Population der Krim war entweder ermordet oder deportiert worden und Überlebende hatten zumeist noch nie von der sowjetischen Staatsform profitiert. Demzufolge sahen viele Krimtataren die sowjetische Regierung überhaupt nicht als ihren Souverän an und hielten die Sowjetunion auch nicht für ihr legitimes Heimatland.[12] Mit dem Wissen um diese mentale Disposition der Krimtataren können auch eventuelle Planungen des Kremls, die Krimtataren vorsorglich bereits vor dem Eintreffen der Deutschen gen Osten zu deportieren, erklärt werden. Obwohl diese Pläne aufgrund der Schnelligkeit des deutschen Vormarsches nicht in die Tat umgesetzt werden konnten, zeigen sie doch die Angst Stalins ob der Kollaborationsanfälligkeit der nichtslawischen Völker.[13] Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass viele Krimtataren die vorrückenden Deutschen zunächst als Befreier ansahen und empfingen.[14] Für Fisher besteht kein Zweifel daran, dass viele Krimtataren nun mit den Deutschen zusammenarbeiteten, da sie sich Hilfe von den Deutschen und Rumänen versprachen, die ihnen ihr eigentlicher Protektionsstaat Türkei verweigerte.[15] Jedoch hatte die deutsche Besatzungspolitik den Krimtataren ursprünglich ein ähnliches Schicksal zugewiesen, wie es ihnen aus der Zeit vor dem Krieg bekannt war, wurden sie ja von den Deutschen ebenfalls als Untermenschen angesehen. So traten noch im Winter 1941 tausende von Krimtataren den Weg in die oftmals mörderische Gefangenschaft an.[16] Als die Nachrichten über das Leid der gefangenen Krimtataren zu den im Exil lebenden Tataren drangen, wurden Vermittlungsversuche in Richtung der deutschen Regierung unternommen. Einer der Hauptbeteiligten an diesem Vorhaben war Edige Kirimal, ein in der Türkei lebender tatarischer Nationalist.[17] Auf den Erfolg dieser Kontaktaufnahme wird in den nächsten Abschnitten noch einzugehen sein. Jedoch zeigt dieses Beispiel der versuchten Kontaktaufnahme, das nicht nur tatsächlich auf der Krim wohnende Tataren, sondern auch Exilanten eine Rolle spielen konnten, die sich dann unter Umständen im weiteren Verlauf aber nur für die auf der Krim wohnenden Tataren negativ auswirken konnte.

Aus Sicht der deutschen Besatzer erschienen die Tataren relativ schnell interessant. Kurz nach der Landung auf der Krim empfanden die deutschen Machthaber die Dankadressen und Hilfsangebote der Krimtataren geradezu erdrückend.[18] Die Deutschen profitierten zum einem von den guten Erinnerungen an die Besetzung während des Ersten Weltkrieges und zum anderen durch das gemeinsame Feindbild der Sowjetunion. Viele Tataren sahen in der deutschen Herrschaft die große Chance, das Joch der Sowjetunion abzuwerfen.[19]

Zusammenfassend ist zu sagen, dass viele Krimtataren die Deutschen tatsächlich als Befreier ansahen und dementsprechend handelten. Dass viele Krimtataren auch nach den ersten Wochen der Besatzungsherrschaft und den damit einhergehenden Erfahrungen mit der deutschen Rassepolitik an ihrer freundlichen Haltung gegenüber den Deutschen festhielten, vermag nur ihre Verzweifelung unter dem sowjetischen Regime zu zeigen. Von daher bleibt ein relativ hoher Bereitschaftsgrad zur Zusammenarbeit mit den neuen Besatzern, gerade zu Beginn, festzuhalten.

[...]


[1] Uwe Halbach: Aktuelle Entwicklungen in der nationalen Bewegung der Krimtataren. Köln 1998, S. 12.

[2] Brian G. Williams: The Crimean Tatars. Leiden 2001, S. 395-398.

[3] Mustafa Cemiloglu: A History of the Crimean Tatar National Liberation Movement: A Sociopolitical Perspective, in: Crimea, hrsg. v. Maria Drohobycky, London 1995, S. 87-105, hier S. 105.

[4] Norbert Kunz: Die Krim unter deutscher Herrschaft. Darmstadt 2005.

[5] Edige Kirimal: Der nationale Kampf der Krimtürken. Emsdetten 1952.

[6] Gerhard Simon: Die nationale Bewegung der Krimtataren. Köln 1975.

[7] Alan W. Fisher: The Crimean Tatars, The USSR, and Turkey, in: Soviet Asian Ethnic Frontiers, hrsg. v. William O. McCagg, Jr. u. Brian D. Silver, New York 1979, S. 1-24.

[8] Cemiloglu 1995, S. 91.

[9] Ann Sheehy u. Bohdan Nahaylo: The Crimean Tatars, Volga Germans and Meskhetians. London 1989, S. 7.

[10] Ebenda.

[11] Kollaboration ist die „Unterstützung einer feindlichen Besatzungsmacht“, vgl. Der kleine Duden. Mannheim 1991, S. 215.

[12] Fisher 1979, S. 11-12.

[13] Simon 1975, S. 9.

[14] J. Otto Pohl: Ethnic Cleansing in the USSR, 1937-1949. Westport 1999, S. 112.

[15] Fisher 1979, S. 11.

[16] Williams 2001, S. 377.

[17] Ebenda, S. 378.

[18] Kunz 2005, S. 207.

[19] Ebenda.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Das Verhalten der Krimtataren unter der deutschen Besatzung
Untertitel
Deportation aufgrund Massenkollaboration?
Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Note
2,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
19
Katalognummer
V144880
ISBN (eBook)
9783640537419
ISBN (Buch)
9783640537112
Dateigröße
466 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Krimtataren, Tataren, Deportation, Krim, Stalin, Kollaboration
Arbeit zitieren
Michael Gamperl (Autor:in), 2008, Das Verhalten der Krimtataren unter der deutschen Besatzung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/144880

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