Marc Aurels Selbstbetrachtungen - Spiegel seiner politischen Erfahrungen und Karriere?


Studienarbeit, 2010

22 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Hauptteil
II.1. Die Selbstbetrachtungen des Marc Aurels
II.1.1. Entstehung
II.1.2. Zentrale Gedanken und Aussagen
II.1.2.1. Das erste Buch der Selbstbetrachtungen
II.1.2.2. Die Bücher 2 bis 12 der Selbstbetrachtungen
II.2. Das Leben des Marc Aurel
II.3. Kritische Quellenlage
II.4. Wissenschaftliche Diskussion des Zusammenhangs von Theorie und Praxis

III. Zusammenfassung

IV. Quellen- und Literaturangaben

I. Einleitung

„Marcus Antoninus, in allen Lebenslagen als Philosoph bewährt und durch unsträflichen Wandel allen Kaisern überlegen.“1

Mit diesen Worten eröffnet die Historia Augusta die Biographie des Marc Aurel. Es wird deutlich, dass sie sich bei ihrer Darstellung des Kaisers auf dessen Selbstbetrachtungen stützt, in denen er eigene Gedanken und Einstellungen niederschrieb.

Tatsächlich würde man nach der Lektüre der Selbstbetrachtungen wohl kaum vermuten, dass es sich bei dem Autor um einen römischen Kaiser handelt, wäre dessen Identität zuvor verschwiegen worden. Marc Aurel spricht an keiner Stelle der Selbstbetrachtungen von sich als der Caesar Augustus, als der er die Macht hat, über seine Untertanen zu befehlen.2 Stattdessen, so könnte man meinen, spricht hier ein Mensch, der sich als gleichberechtigter Mitbürger, als 'civis Romanus' versteht. Dieses Bild eines menschlichen, sich nicht über die Mitmenschen stellenden Herrschers wird auch in verschiedenen heutigen Darstellungen des Marc Aurel aufgegriffen. Als ein Beispiel von vielen sei an dieser Stelle auf den Spielfilm Der Untergang des r ö mischen Reiches verwiesen, in dem die Figur des Marc Aurel äußert: „Nein, Livius, bring mir nicht sein Haupt, was soll ich damit anfangen? Bring mir Ballomar lebend. […] Rom besteht seit tausend Jahren, Livius. Es ist Zeit, Wege zu finden, auch mit den Völkern in Frieden zu leben, die wir Barbaren nennen.“3 Solche und ähnliche Darstellungen, die sich in erster Linie auf die Selbstbetrachtungen als Grundlage zur Charakterisierung Marc Aurels stützen, prägen die aktuelle öffentliche Meinung über dessen Herrschaftsweise. Doch inwieweit die vielzitierten Selbstbetrachtungen tatsächlich als Spiegel der politischen Erfahrungen und Karriere des Marc Aurel dienen können und Hinweise darauf geben, wie dieser gelebt und in der Rolle des 'Princeps' agiert hat, sei in der vorliegenden Arbeit kritisch hinterfragt und erörtert.

Der Hauptteil der vorliegenden Arbeit ist in drei Teile untergliedert. Um der Frage nachzugehen, inwieweit Theorie und Praxis bei Marc Aurel übereinstimmten, ist es zunächst wichtig, einen grundlegenden Überblick über dessen Selbstbetrachtungen und sein Leben zu erhalten. Daher wird in den ersten beiden Teilen des Hauptteils hierauf eingegangen.

Da bei der Entstehung dieser Arbeit immer wieder die Frage nach der Glaubwürdigkeit der Historia Augusta als Quelle aufkam, wird in einem kurz gehaltenen Kapitel auf diese Problematik hingewiesen und die kritische Quellenlage erläutert.

Schließlich werden, auf der Grundlage der ersten beiden Kapitel des Hauptteils, die Selbstbetrachtungen und das tatsächliche politische Handeln des Kaisers Marc Aurel gegenübergestellt und deren Zusammenhang untersucht.

II. Hauptteil

II.1. Die Selbstbetrachtungen des Marc Aurels

Die ursprünglich auf griechisch verfassten Selbstbetrachtungen setzen sich aus insgesamt zwölf Büchern zusammen, die jedoch keine thematische Gliederung aufweisen, das erste Buch ausgenommen. Die restlichen Bücher enthalten unsortierte Aphorismen und Merksätze von sehr unterschiedlicher Länge. Teils handelt es sich um Ermahnungen an den Autor selbst, teils um philosophische Gedanken und Lieblingszitate. Bei allen wird der Einfluss der Stoa deutlich, als deren Anhänger Marc Aurel bezeichnet wird. Marc Aurel schrieb die Selbstbetrachtungen für sich selbst, sie waren nie für die Öffentlichkeit gedacht.4

II.1.1. Entstehung

Der genaue Zeitpunkt der Entstehung der Selbstbetrachtungen ist nicht feststellbar, da das Werk keine Zeitangaben enthält und in zeitgenössischen Berichten nicht erwähnt wird. Die einzigen verwertbaren Angaben sind geographischer Art und tauchen als Randnotizen jeweils zwischen zwei Büchern auf. Die erste befindet sich zwischen dem ersten und zweiten Buch der Selbstbetrachtungen. Es ist allerdings unsicher, welchem Buch sie zugeordnet werden kann.5 Capelle geht in seinen Anmerkungen zu den Selbstbetrachtungen davon aus, dass sie dem ersten Buch zugehörig ist.6 Sie lautet „bei den Quaden am Granuas“7. Man kann davon ausgehen, dass damit der Fluss Gran gemeint ist, der, vom ungarischen Erzgebirge kommend, etwas oberhalb des Donauknies mündet.8 Die Entstehung dieses Buches fällt demnach in die Zeit der Markomannenkriege zwischen 166 und 180 n. Chr.9. Die größten und wichtigsten römischen Offensiven in das quadische Gebiet lassen sich auf die Jahre 173/174 und 179/180 datieren. Die Entstehung des ersten Buches fällt somit auf eines der beiden Daten. Man vermutet, dass das erste Buch als letztes geschrieben und erst von einem Übersetzer an den Anfang gestellt wurde. Die Entstehung des ersten Buches markiert demnach vermutlich das Ende der Selbstbetrachtungen.10

Die zweite Randnotiz lautet „in Carnuntum“11 und befindet sich zwischen dem zweiten und dritten Buch. Neuere Forschungen gehen davon aus, dass sie eher dem zweiten Buch zugeordnet werden kann.12 Carnuntum war ein wichtiges Heerlager und wurde von Marc Aurel in den ersten Kriegsjahren, vermutlich zwischen 169 und 172, als Hauptquartier genutzt.13 Demnach kann man diesen Zeitraum als mögliche Entstehungszeit festlegen. Folgt man der Vermutung, dass das erste Buch zuletzt, das zweite somit zuerst entstanden ist, markiert wahrscheinlich die Entstehungszeit des zweiten Buches den Beginn der Selbstbetrachtungen.

Abschließend lässt sich sagen, dass das Gesamtwerk der Selbstbetrachtungen vermutlich frühestens um 169 begonnen und entweder gegen 173/174 oder 179/180 beendet wurde. Marc Aurel, der im Jahr 121 geboren wurde, war somit mindestens 48 Jahre alt, als er begann, Teile der Selbstbetrachtungen zu schreiben.

II.1.2. Zentrale Gedanken und Aussagen

Neuere Forschungen weisen darauf hin, dass das erste Buch ganz für sich steht und nicht als zusammengehörig mit den anderen elf Büchern angesehen werden kann.14 Aus diesem Grund sei auch bei der Darstellung der zentralen Gedanken und Aussagen der Selbstbetrachtungen zwischen diesen verschiedenen Teilen unterschieden.

II.1.2.1. Das erste Buch der Selbstbetrachtungen

Schon durch die sprachliche Verwendung der Ich-Form unterscheidet sich Buch I der Selbstbetrachtungen von den restlichen Büchern, in denen fast ausschließlich die Du-Form gebraucht wird. Auch inhaltlich sind diese Teile zu trennen. Das erste Buch ähnelt eher einem Testament als einer Innenschau.15 Es besteht aus Danksagungen Marc Aurels an seine menschlichen Vorbilder und Lehrer, aber auch an die Gnade der Götter. Hier werden diejenigen aufgelistet, die sein Denken und seine Ideale geprägt haben. Für den Verfasser stehen hierbei keine Fähigkeiten und Fertigkeiten im Vordergrund, die ihm seine Ausbilder vermittelt haben, sondern Werte.16 Besonders Antoninus Pius räumt Marc Aurel viel Platz in diesem Buch ein. Anhand der Beschreibung der Eigenschaften seines Adoptivvaters zeichnet er sein Bild des idealen Herrschers.17 Er bedankt sich für die Milde, die Antoninus ihn gelehrt habe.18 Außerdem nennt er als Eigenschaft das außerordentliche Pflichtbewusstsein, das den Charakter des Antoninus' kennzeichnete.19 Als erwähnenswert empfindet er auch die Bescheidenheit und Schlichtheit, die sein Adoptivvater an den Tag legte und die er sich zum Vorbild nahm.20 Auch sollte ein Princeps seiner Meinung nach unbestechlich sein, jedoch auch ein offenes Ohr für Verbesserungsvorschläge haben.21 Marc Aurel zeigte sich in den Selbstbetrachtungen als Mensch, der bereit ist, Ratschläge anzunehmen. „Das wird vor allem im ersten Buch deutlich, wo er diejenigen aufzählt, von denen er gelernt hatte .“22

II.1.2.2. Die Bücher 2 bis 12 der Selbstbetrachtungen

Das zweite Buch beginnt bezeichnenderweise mit einer Ermahnung: „Morgens früh zu dir sagen[...]“23 Diese Selbsterziehung zieht sich durch das gesamte Werk.24 Schon zu Beginn wird der Leser Zeuge des inneren Kampfes, die hochgesteckten Ziele zu erreichen. Man gewinnt einen Einblick in die Anstrengung, die es Marc Aurel kostete, jenen Charakter hervorzubringen, den Antoninus anscheinend von Natur aus besaß.25 Er zweifelt wiederholt an der Vollkommenheit seines Charakters. Marc Aurels Ziel ist es, ein guter Mensch zu werden. Seiner Meinung nach hat er dieses Ziel noch nicht erreicht: „Wann endlich, o meine Seele, wirst du gut sein[...]?“26 Er fordert von sich die Seelenruhe, die Ataraxia, zu erreichen. Daran kann man den Einfluss der Stoa erkennen, der sich durch das gesamte Werk zieht. Dass die Ataraxia jedoch nicht seinem Charakter entspricht, wird deutlich, wenn er von sich als Jemandem spricht, der schnell dazu neigt, die Beherrschung zu verlieren: “Und daß ich mich nicht verleiten ließ, gegen einen von ihnen zu sündigen, obgleich ich wohl dazu neigte, so daß ich, wenn es die Gelegenheit mit sich gebracht hätte, wirklich so etwas getan hätte. Nur der Güte der Götter verdanke ich es, daß keinerlei von Umständen eintrat, das mich hätte auf die Probe stellen können.“27

[...]


1 Hist. Aug. Marcus Antoninus. 1.1

2 Vgl. Rosen, K.: Herrschaftstheorie und Herrschaftspraxis bei Marc Aurel. In: Motiv und Motivation. München 1993, S. 95

3 Bronston, S. (Produzent): Der Untergang des römischen Reiches. 1964, Minute 6:30 ff.

4 Vgl. Nickel, R.: Marc Aurel. Wege zu sich Selbst. Düsseldorf und Zürich ²2003, S. 219

5 Vgl. Nickel, R.: Marc Aurel. Wege zu sich selbst. Düsseldorf und Zürich ²2003, S. 215

6 Vgl. Fündling, J.: Anmerkungen, S. 230. In: Marc Aurel: Selbstbetrachtungen.

7 Marc Aurel: Selbstbetrachtungen. Abschließende Bemerkung nach I

8 Vgl. Fündling, J.: Anmerkungen, S. 230. In: Marc Aurel: Selbstbetrachtungen.

9 Im weiteren Verlauf dieser Arbeit wird bei Zeitangaben auf den zeitlichen Bezug zu Christus' Geburt verzichtet. Alle genannten Daten beziehen sich auf die Zeit nach dieser.

10 Vgl. Nickel, R.: Anmerkungen, S. 215. In: Marc Aurel: Wege zu sich selbst.

11 Marc Aurel: Selbstbetrachtungen. Abschließende Bemerkung nach II

12 Vgl. Nickel, R.: Anmerkungen, S. 215. In: Marc Aurel: Wege zu sich selbst.

13 Vgl. Fündling, J.: Anmerkungen, S. 232. In: Marc Aurel: Selbstbetrachtungen. und Fündling, J.: Marc Aurel. Darmstadt 2008, S. 108

14 Vgl. Fündling, J.: Einleitung, S. XLVIII. In: Marc Aurel: Selbstbetrachtungen.

15 Vgl. Fündling, J.: Marc Aurel. Darmstadt 2008, S. 116

16 Vgl. Rosen, K.: Herrschaftstheorie und Herrschaftspraxis bei Marc Aurel. In: Neukam, P.: Motiv und Motivation. München 1993, S. 97

17 Vgl. Rosen, K.: Herrschaftstheorie und Herrschaftspraxis bei Marc Aurel. In: Neukam, P.: Motiv und Motivation. München 1993, S. 96

18 Vgl. Marc Aurel: Selbstbetrachtungen. I, 16, 1

19 Vgl. Marc Aurel: Selbstbetrachtungen. I, 16, 3

20 Vgl. Marc Aurel: Selbstbetrachtungen. I,16, 16

21 Vgl. Marc Aurel: Selbstbetrachtungen. I, 16, 2; I, 16, 4

22 Birley, A. R.: Außenpolitik und Grenzpolitik unter Marc Aurel. S. 493

23 Marc Aurel: Selbstbetrachtungen II 1,1

24 Vgl. Marc Aurel: Selbstbetrachtungen V 1,1

25 Vgl. Fündling, J.: Marc Aurel. Darmstadt 2008, S. 116

26 Marc Aurel, Selbstbetrachtungen X 1,1

27 Marc Aurel, Selbstbetrachtungen I 17,2

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Marc Aurels Selbstbetrachtungen - Spiegel seiner politischen Erfahrungen und Karriere?
Hochschule
Pädagogische Hochschule Ludwigsburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
22
Katalognummer
V144889
ISBN (eBook)
9783640546725
ISBN (Buch)
9783640546794
Dateigröße
512 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Marc, Aurels, Selbstbetrachtungen, Spiegel, Erfahrungen, Karriere
Arbeit zitieren
Max vom Hövel (Autor), 2010, Marc Aurels Selbstbetrachtungen - Spiegel seiner politischen Erfahrungen und Karriere?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/144889

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