Wie formen die Praktiken des Wissenschaftsbetriebs die theoretische Haltung und inwiefern prägen jene das erzeugte Wissen? Von welchem Standpunkt aus wird Wissen produziert und wie kann ‚objektives Wissen‘ generiert werden? Diese Fragen analysiert einerseits Pierre Bourdieu in seiner Analyse des wissenschaftlichen Feldes in einem epistemologischen Interesse, sie werden andererseits auch von Donna Haraway mit dem Versuch, eine kritische, feministische Epistemologie zu schaffen, aufgegriffen und aus dieser Perspektive politisch betrachtet, was zu einer ganz neuen Vorstellung von Objektivität führt. Der vorliegende Essay diskutiert im ersten Teil Bourdieus Analyse der scholastischen Disposition als paradigmatische Sichtweise einer die eigene Praxisbezogenheit leugnenden Wissenschaft, bevor diese im zweiten Teil mit Haraways Theorie des ‚Situierten Wissens‘ konfrontiert und die scholastische Disposition als ‚Göttlicher Trick‘ entlarvt wird. Im dritten Teil werden Bourdieus Methode der konstanten Reflexivität und Haraways Konzept der ‚partialen Verbindung‘ als Wege zur Erlangung von Objektivität diskutiert, bevor jene im Schlussteil abstrahiert und verglichen werden.
Inhaltsverzeichnis
EINLEITUNG
DIE SCHOLASTISCHE DISPOSITION
DER GÖTTLICHE TRICK
REFLEXIVITÄT VS. PARTIALE PERSPEKTIVEN
DIALEKTIK VS. SYNTHESE
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen Pierre Bourdieus Analyse wissenschaftlicher Praktiken und Donna Haraways feministischer Epistemologie, um alternative Ansätze zur Erlangung wissenschaftlicher Objektivität jenseits des „scholastischen Blicks“ zu erarbeiten.
- Kritik an der scholastischen Disposition und der Entkoppelung vom praktischen Handeln.
- Analyse des „göttlichen Tricks“ als unmarkierter, machtvoller Standpunkt in der Wissensproduktion.
- Gegenüberstellung von Bourdieus Reflexivitätskonzept und Haraways „situiertem Wissen“.
- Diskussion politisch-ethischer Implikationen innerhalb der wissenschaftlichen Erkenntnistheorie.
Auszug aus dem Buch
Reflexivität vs. Partiale Perspektiven
Wie lässt sich nun Objektivität jenseits des scholastischen Blicks erlangen? Hierfür haben Bourdieu und Haraway diametral gegenläufige Ansätze.
Bourdieu schlägt zur Vermeidung der Fallstricke der scholastischen Perspektive eine Annäherung an die Logik der Praxis vor, ein „Verstehen zunächst einmal des primären Verstehens der Welt, das mit der Erfahrung des Involviertseins in diese Welt einhergeht“ (Bourdieu 1997: 65). Um nicht die abstrakte, praxisferne Denkweise des scholastischen Blicks auf die Praxis zu projizieren, d.h. um dem Vergessen „der Grenze […] zwischen der ‚Welt, in der man denkt‘, und der ‚Welt, in der man lebt‘“ (Bourdieu 1997: 67) vorzubeugen, braucht es eine „stete Bemühung um Reflexivität“ (Bourdieu 1997: 68), also eine Bewusstwerdung der unbewussten Implikationen des scholastischen Blicks.
Im Gegensatz zu Bourdieu zielt Haraway darauf ab, die „Spaltung in Subjekt und Objekt“ (Haraway 1996: 227) zu überwinden und einen „brauchbaren, allerdings nicht unschuldigen Objektivitätsbegriff“, welcher die „Verkörperung aller Vision“ anerkennt, zu finden (Haraway 1996: 226).
Essenziell für Haraways alternatives Konzept von Objektivität ist der zugrundeliegende Subjektbegriff: „Das erkennende Selbst ist in all seinen Gestalten partial und niemals abgeschlossen, ganz, einfach da oder ursprünglich, es ist immer konstruiert und unvollständig zusammengeflickt, und deshalb fähig zur Verbindung mit anderen und zu einer gemeinsamen Sichtweise ohne den Anspruch, jemand anderes zu sein“ (Haraway 1996: 231). Subjekte werden nicht als „in sich geschlossene Einheit, sondern partial, mit anderen Worten fragmentiert und in sich widersprüchlich, und daher offen für Verbindungen mit anderen heterogenen und unabgeschlossenen Subjekten“ (Bauer 2017: 38) begriffen, was für Haraway erst die Tür zur Erlangung objektiven Wissens öffnet: „Das Versprechen der Objektivität liegt darin, daß wissenschaftlich Erkennende nicht die Subjektposition der Identität suchen, sondern die Objektivität, das heißt der partialen Verbindung“ (Haraway 1996: 231).
Zusammenfassung der Kapitel
EINLEITUNG: Die Einleitung skizziert die Problematik, wie die Praktiken des Wissenschaftsbetriebs das erzeugte Wissen beeinflussen und etabliert den Diskurs zwischen Bourdieu und Haraway.
DIE SCHOLASTISCHE DISPOSITION: Dieses Kapitel definiert und analysiert Bourdieus Konzept des „scholastischen Blicks“ als eine Distanzierung zur Welt, die praktische Zusammenhänge ignoriert.
DER GÖTTLICHE TRICK: Hier wird Haraways feministische Kritik am körperlosen, vermeintlich neutralen wissenschaftlichen Standpunkt („göttlicher Trick“) zentral thematisiert.
REFLEXIVITÄT VS. PARTIALE PERSPEKTIVEN: Das Kapitel vergleicht Bourdieus Forderung nach stetiger Reflexivität mit Haraways Konzept des situierten Wissens und der partialen Verbindungen.
DIALEKTIK VS. SYNTHESE: Dieser Abschnitt kontrastiert die unterschiedlichen Lösungsansätze: die dialektische Minimierung von Distanz bei Bourdieu gegen die Synthese aus Verantwortungsübernahme und situiertem Wissen bei Haraway.
Schlüsselwörter
Objektivität, Pierre Bourdieu, Donna Haraway, scholastische Disposition, göttlicher Trick, situiertes Wissen, Reflexivität, Wissensproduktion, Epistemologie, partiale Verbindung, feministische Wissenschaftstheorie, Wissenschaftsbetrieb, Subjektposition, Machtstrukturen, Praxis.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie wissenschaftliche Positionierungen das erzeugte Wissen beeinflussen und wie eine „Objektivität“ erreicht werden kann, die soziale und körperliche Standortgebundenheit miteinbezieht.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Kritische Theorie des Wissenschaftsbetriebs, die feministische Epistemologie sowie die soziologische Auseinandersetzung mit Erkenntnismethodik.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, den „scholastischen Blick“ zu dekonstruieren und eine Diskussion über die Möglichkeiten einer politisch-ethisch verantwortungsvollen Wissensproduktion zu führen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine komparative Literaturanalyse, in der theoretische Konzepte von Pierre Bourdieu und Donna Haraway gegenübergestellt und dialektisch ausgewertet werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Entstehung der scholastischen Disposition, die Kritik an körperlosen Wissensansprüchen (der göttliche Trick) sowie die Debatte um Reflexivität und situiertes Wissen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere der „scholastische Blick“, „situiertes Wissen“, „Verkörperung“ und „Reflexivität“.
Wie unterscheidet sich Bourdieus Auffassung von der Haraways?
Während Bourdieu versucht, durch ständige Reflexivität Distanz und Objektivität zu wahren, fordert Haraway die Anerkennung der „partialen Perspektive“ und der eigenen Verortung in Machtstrukturen.
Was bedeutet der Begriff „Göttlicher Trick“ in diesem Kontext?
Der „Göttliche Trick“ beschreibt die problematische Illusion eines Wissenschaftlers, als unbeteiligter, neutraler Beobachter ohne eigenen Standort die Welt objektiv beschreiben zu können.
- Citar trabajo
- Keke Kürvers (Autor), 2023, Objektivität jenseits des scholastischen Blicks. Eine Antwort auf Bourdieu mit Haraway, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1449020