Lebensstile als Manifestation tradierter Machtstrukturen: Grundlagen der Kultur- und Gesellschaftsanalyse Pierre Bourdieus


Seminararbeit, 2007

17 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Praxeologische Erkenntnis: Überwindung der traditionellen Dichotomien
1.2 Habitus und Feld
1.2.1 Felder
1.3 Die feinen Unterschiede: Lebensstile als Produkte des Habitus

2. Resümee und Kritikpunkte

3. verwendete Literatur

1. Einleitung

In der vorliegenden Arbeit möchte ich, nach einer kurzen, einleitenden biographischen Einführung, einige der Kultur- (und damit Gesellschafts- und Wissenschafts-) Begriffe Pierre Bourdieus und ihre wechselseitigen Zusammenhänge erläutern. In Kapitel 3 wird dann sein Konzept der Lebensstilanalyse anhand seines Hauptwerkes Die Feinen Unterschiede knapp dargestellt. Im abschließenden Resümee werden auch ein paar Kritikpunkte, vor allem an Bourdieus Habituskonzept dargelegt.

Als ein Kernstück der Bourdieuschen Theorie kann die Analyse der Zusammenhänge

zwischen Sozialstruktur und Kultur angesehen werden. Durch seine Entlarvung des »guten Geschmacks« als ein Mittel der sozialen Abgrenzung zwischen den gesellschaftlichen Klassen brüskierte Pierre Bourdieu die französische Gesellschaft. Ob Nouvelle Cuisine (Nahrung), Haute Couture (Kleidung/Mode), die Grandes Ecoles (Bildung): Bourdieu wies wiederholt nach, welche Funktion die differentiellen Lebensstile für das Sichtbarmachen tradierter Machtstrukturen haben.[1] Kultur ist für Bourdieu keine unschuldige Sphäre, sondern das entscheidende Medium zur Reproduktion von Klassenstrukturen. Bourdieus Argumentation mündet in der zentralen These, dass Klassenzugehörigkeit am deutlichsten in differenziellen Lebensstilen zum Ausdruck kommt.[2]

Geboren am 1. August 1930 als Sohn eines Bauern und späteren Postbeamten in Denguin (Pyrénées Atlantiques), besuchte er dort das Lycée de Pau und wechselte 1948 an das berühmte Lycée Louis-le-Grand nach Paris. Nach Abschluss der Eliteschule der École Normale Supérieure, folgte eine außergewöhnliche akademische Karriere. Von 1958 bis 1960 war er Assistent an der Faculté des letres in Algier, wechselte dann nach Paris und Lille und wurde 1964 Professor an der École Pratique des Hautes Études en Sciences Sociales. Im selben Jahr erhielt er einen Lehrauftrag an der École Normale Supérieure. Es folgten Gastprofessuren und Forschungsaufenthalte in Princeton und am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. 1982 folgte schließlich die Berufung an das Collège de France.

1993 erhielt er die höchste akademische Auszeichnung, die in Frankreich vergeben wird, die Médaille d'or des Centre National de Recherche Scientifique.

In seinen ersten ethnologischen Arbeiten untersuchte Bourdieu die Gesellschaft der Kabylen in Algerien. Die in der empirischen ethnologischen Forschung gemachten Erfahrungen bildeten die Grundlage für seine 1972 vorgelegte Esquisse d'une théorie de la pratique (dt. Entwurf einer Theorie der Praxis, 1979). In seinem wohl bekanntesten Buch La distinction (1979, dt. Die feinen Unterschiede, 1982) analysiert Bourdieu wie Gewohnheiten, Freizeitbeschäftigungen, und Schönheitsideale dazu benutzt werden, das Klassenbewusstsein auszudrücken und zu reproduzieren. An zahlreichen Beispielen zeigt Bourdieu, wie sich Gruppen auf subtile Weise durch die feinen Unterschiede in Konsum und Gestus von der jeweils niedrigeren Klasse abgrenzen. (s. Kapitel 3) Mit Le sens pratique (dt. Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft, 1987) folgte 1980 eine ausführliche Reflexion über die konkreten Bedingungen der Wissenschaft, in der Bourdieu das Verhältnis von Theorie und Praxis neu zu denken versucht. In diesem Werk werden die praktischen Bedingungen der Sozialwissenschaft kritisch hinterfragt. Seit Beginn der 1990er Jahre engagierte sich Bourdieu für eine demokratische Kontrolle ökonomischer Prozesse. 1993 rief er zur Gründung einer "Internationalen der Intellektuellen" auf, deren Ziel darin besteht, ihr Prestige und ihre Kompetenz im Kampf gegen Globalisierung und die Macht der Finanzmärkte einzusetzen.

Pierre Bourdieu stirbt am 23. Januar 2002 in Paris.[3]

1.1 Praxeologische Erkenntnis: Überwindung der traditionellen Dichotomien

Lediglich durch stetes Trainieren der epistemologischen Wachsamkeit ist der ständigen Versuchung, die methodischen Regeln in wissenschaftliche Kochrezepte oder Forschungsschnickschnack zu verwandeln, entgegenzutreten […] Wer die methodologische Sorge bis zur Obsession treibt, erinnert tatsächlich an jenen Kranken, von dem Freud berichtet, der seine Zeit mit dem Putzen seiner Brille verbrachte, ohne sie je aufzusetzen.[4] Bourdieu wendet sich gegen die in der Philosophie und Sozialwissenschaft traditionelle Gegensätzlichkeit von Subjektivismus[5] und Objektivismus[6] (ausgedrückt in Gegensatzpaaren wie Individuum – Gesellschaft, Interaktionismus – Funktionalismus, Phänomenologie – Strukturalismus, Innen – Außen etc.), die er durch seine „praxeologische Erkenntnisweise“ zu überwinden versucht. Einerseits sollen die „leibhaftigen Akteure“ wieder in die Analyse eingebracht werden: die Felder und Institutionen benötigen Akteure, die sie in Funktion halten und an ihre Wichtigkeit glauben. Andererseits will er zeigen, das sich die Individuen nicht als vorraussetzungslose zueinander verhalten, sondern in von ihren Vorgängern (aber auch von ihnen selbst) produzierten Gravitations- und Kraftfeldern agieren und ihre Geschichte und Gesellschaft im wahrsten Sinn des Wortes stets mit sich herumtragen – in Form einverleibter Dispositionen, Bewegungen, Haltungen ihrer Körper, die Hinweise auf soziale Positionen und Distanzen sowie die einzuhaltenden Verhaltensweisen bzw. Distanzstrategien geben.[7] Bourdieu möchte die spezifische Eigenart oder gar Eigenlogik der praktischen Erkenntnis sowie deren grundsätzliche „Nicht-Reduzierbarkeit auf irgendeine Form theoretischer Erkenntnis“[8] zur Geltung bringen. In anderen Worten, soziale (Alltags-) Praxis soll zuerst analysiert, ihre kennzeichnende Eigenlogik erst anschließend theoretisch genauer bestimmt werden. So brauchen sich die praktischen Erkenntnisse der sozialen Akteure nicht „an den strengen Kriterien formaler Logik und Wissenschaftlichkeit zu messen, da ihre eigene, praktische Logik, für die Praxis (im Prinzip) völlig ausreichend ist.“[9] Einfache Alltagstheorien […] sind Teil und Bestandteil der Wirklichkeit und, bis zu einem gewissen Grad, für die Realität der sozialen Welt konstitutiv.[10]

[...]


[1] http://www.orange-press.com/programm/alle-titel/absolute-pierre-bourdieu-na.html <15.09.2007; 13:18>

[2] Schilcher, Christian: Der Beitrag von Pierre Bourdieu zur Sozialstrukturanalyse der gegenwärtigen Gesellschaften, Darmstadt 2001

[3] http://www.suhrkamp.de/autoren/autor.cfm?id=535 <15.09.2007; 12:20>

[4] Bourdieu, Pierre u.a.: Soziologie als Beruf, Wissenschaftstheoretische Voraussetzungen soziologischer Erkenntnis, Berlin 1991. S.6; zitiert nach: Daniel, Ute: Kompendium Kulturgeschichte, Frankfurt 2001. S.179

[5] Erkenntnisweise, die sich ausschließlich auf subjektive Gegebenheiten bezieht, also Praktiken, Wahrnehmungen, Intentionen etc. wie sie der praktischen Erfahrung sozialer Akteure unmittelbar gegeben sind.Hierzu rechnet Bourdieu die Phänomenologie von A. Schütz, die Ethnomethodologie Garfinkels, den Interaktionismus Goffmans, schließlich die Schriften des Philosophen Sartres.

Vgl. Schwingel, Markus: Bourdieu zur Einführung. Hamburg 1995. S.35-40

[6] Objektivistische Erkenntnisweise sieht Bourdieu z.B. im „klassischen“ Strukturalismus verkörpert: in der Linguistik de Saussures, der Anthropologie von Lévi-Strauss, dem philosophischen Marxismus von Althusser. Auch der in der amerikanischen Soziologie vorherrschende Funktionalismus ist den objektivistischen Ansätzen zuzurechnen. Schon Durkheim fasste in der Formel „Soziale Tatbestände wie Dinge zu behandeln“ seinen methodologischen Grundsatz zur Erlangung objektiver Erkenntnis.

Vgl.: Schwingel (1995): S.41-45

[7] Fröhlich, Gerhard: Kapital, Habitus, Feld, Symbol. Grundbegriffe der Kulturtheorie bei Pierre Bourdieu. In: Mörth, Ingo. Fröhlich, Gerhard: Das symbolische Kapital der Lebensstile. Zur Kultursoziologie der Moderne nach Pierre Bourdieu, Frankfurt/Main 1994. S.34

[8] Schwingel (1995),:S.47

[9] Ebd.: S. 50

[10] Bourdieu, Pierre: Das symbolische Moment – Kräftefeld und Kampffeld: Die Arbeit der Klassenherstellung. In: Ders.: Der Tote packt den Lebenden. Schriften zu Politik und Kultur 2, Hamburg 1997. S. 117

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Details

Titel
Lebensstile als Manifestation tradierter Machtstrukturen: Grundlagen der Kultur- und Gesellschaftsanalyse Pierre Bourdieus
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Institut für Volkskunde)
Veranstaltung
Cultural Turns/Kulturtheorien
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
17
Katalognummer
V144967
ISBN (eBook)
9783640556182
ISBN (Buch)
9783640556663
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lebensstile, Manifestation, Machtstrukturen, Grundlagen, Kultur-, Gesellschaftsanalyse, Pierre, Bourdieus
Arbeit zitieren
Ulrich Ackermann (Autor), 2007, Lebensstile als Manifestation tradierter Machtstrukturen: Grundlagen der Kultur- und Gesellschaftsanalyse Pierre Bourdieus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/144967

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