Aus Spaß wurde Ernst - Textbasierte Kommunikation im Netz als Beziehungsknüpfer

Können Cyberfreundschaften zu Beziehungen im Realen Leben führen?


Seminararbeit, 2006

13 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffe und Rahmenbedingungen
2.1 Interaktionsbegriff von Goffman
2.2 Rahmenbedingungen
2.3 Die Kommunikationssituation
2.4 Entwicklung der Sprache im/durch Chat:

3. Beziehungen im Chat
3.1 Praxisbeispiel

4. Analyse

5. Resümee

6. Literatur:

1. Einleitung

Die Möglichkeiten der Partnersuche sind vielfältig. Viele Menschen müssen einander „in die Augen sehen“ oder physisch auf einander aufmerksam werden, wenn sie eine Liebes­beziehung beginnen. Diesem „Sehen“ des Gegenübers im Real Life folgt zumeist eine Face-to-Face Kommunikation, ein Gespräch, in dem man Interesse und vielleicht schon Zuneigung ausdrückt. Online gibt es andere Möglichkeiten, sich ein geeignetes Bild vom Gegenüber zu machen. Abgesehen von Videochats ist man beim Chatten auf die textuelle, bzw. symbolische Ebene reduziert. Das bedeutet, dass die gesamte Gefühlswelt in Sätzen- oder Satzteilen ausge­drückt werden muss, um sich mitzuteilen.

Es fehlen bei der Kommunikation in Chats wichtige Kommunikationskanäle, wie z.B. Mimik, Gestik, Intonation der Stimme, die einen Großteil der Verständigungsbasis ausmachen. Es gibt weder die Möglichkeit einen Augenkontakt zum Gegenüber herzustellen oder sie/ihn anzulächeln, um sich auszudrücken. Jene Merkmale, durch die man sein Gegenüber offline einordnen kann (z.B. Kleidung, Frisur oder Körperhaltung, Aussehen etc.) bleiben im Verborgenen und der para-sprachliche Anteil der gesprochenen Sprache (Tonfall, Seufzen oder Pausen) bleibt aus. Diese „soziale Interaktion“ zwischen zwei Personen im Internet nehme ich als Anlass, um die Struktur des Chattens und die möglicherweise resultierenden Beziehungen, näher zu untersuchen. Dabei stütze ich mich auf einige Begriffe, unter anderem den Interaktionsbegriff von Goffman, die bei der Untersuchung Verwendung finden.

Die spezielle Kommunikationssituation des Chattens soll verdeutlichen, unter welchen Bedingungen sich die Teilnehmer/innen online treffen und miteinander agieren und mit welchen Mitteln, im Netz vorzugsweise die Sprache (textbasiert), dieses Aufeinandertreffen/Kennenlernen bewältigt wird. Ein Gespräch mit einem Kollegen, der das Zustandekommen seiner langjährigen Beziehung dem Internet bzw. Chat beschreibt¸ stellt den Praxisbezug her. Als intensiver Nutzer der Online-Möglichkeiten hat er eine Menge an Daten und Erfahrungen im Umgang mit Chats aufzuweisen. Absehen will ich hier von der Form der Short Message Service (kurz: SMS) die eine Sonderform des Chat darstellt, aber nicht in dieser Arbeit besprochen wird.

2. Begriffe und Rahmenbedingungen

2.1 Interaktionsbegriff von Goffman

Goffman definiert den Begriff der sozialen Interaktion wie folgt,

„Social Interaction can be identified narrowly as that which uniquely transpires in social situations, that is, environments in which two or more individuals are physically in one another’s response presence[1]

Soziale Interaktion kann nach Goffman als eine eindeutige, soziale Situation, die sich ereignet, beschrieben werden, in der zwei oder mehrere Individuen physisch miteinander agieren. Individuen sind laut Goffman Menschen und nicht Maschinen, da Interaktion zwischen Mensch und Maschine eben keine Interaktion ist. Die Unterhaltung mit so genannten Chat-Bots stellt demnach keine Interaktion im Sinne Goffmans dar. Wenn wir auf der Grundlage von Goffman aufbauen wollen, so muss man die Begriffe des Raumes und der Anwesenheit in diesem Zusammenhang näher betrachten und für die Definition (und deren Gültigkeit) erweitern. Dass Personen miteinander agieren, ist laut Goffman eine der Basisgrundlagen für eine funktionierende Interaktion, die physische Anwesenheit eine andere, nicht zu vernachlässigbare Komponente. Wenn wir uns also vorstellen, dass physische Anwesenheit auf einen Raum beruht, indem sich die zwei interagierenden Personen befinden, so muss dieser Raum am Beispiel Chat um die virtuelle Komponente erweitert werden.

Das bedeutet, dass der Raum, der Chatraum, ein ebensolcher (nicht minder realer) Raum als der ‚reale’ physische Raum ist, indem sich zwei oder mehrere Personen treffen, um miteinander zu agieren. Diese Interaktion schränkt den Begriff aber nicht ein, nur ist die Face-to-Face Kommunikationssituation nicht vorhanden. Das ist die erste Prämisse zu Goffmans Definition. Das führt aber dazu, dass die nonverbale Ebene eines Gesprächs offensichtlich entfällt. Außer Acht gelassen wird dabei der Beziehungsaspekt, der angibt, in welchem Verhältnis der Sender zu dem Empfänger steht (Anm. d. Verf.: Modell nach Schultz von Thun: Sender – Kodierung – Nachricht – Dekodierung – Empfänger), bzw. was er von diesem hält.

Dieser Aspekt zeichnet sich durch eine besondere Empfindlichkeit aus, denn hierbei fühlt sich der Empfänger als Person behandelt bzw. misshandelt. Bei dem Beziehungsaspekt ist die Gefahr einer Überinterpretation gegeben. Viele beziehen das Geäußerte nur auf sich und sind daraufhin beleidigt. Man kann sagen, dass die Menschen ständig auf der Beziehungslauer liegen. (vgl. Schulz von Thun, Friedemann: Miteinander Reden 1. Störungen und Klärungen. Allgemeine Psychologie der Kommunikation. Reinbeck/ Hamburg: Rowohlt 1981.)

Der Chat stellt eine Fernkommunikation dar[2], das Gegenüber ist nicht (im selben Raum) physisch vorhanden. Da das physisch im gleichen Raum nicht-vorhandene Gegenüber keine Mitteilungen über die nonverbalen Ebenen geben kann, werden neue Mittel und Wege oder Ersatzzeichen für diese Ebene eingeführt. Diesen wichtigen Ersatz können „Emoticons“[3] bilden, die z.B. Gefühle über ein Zeichen ausdrücken. Emoticons sind aber nicht nur angebracht, um etwas auszudrücken, sie können auch den Sinn der Sätze mitunter umkehren. Ein Emoticon, ein „smiley“ nach einem Satz färbt diesen bewusst positiv oder als Scherz ein. Weiters finden sie als Aktionswörter oder als Zustandsbeschreibungen Verwendung.

2.2 Rahmenbedingungen

Wenn Goffmanns Definition so erweitert werden soll, dass sie auch für die relativ neue Kommunikationsform des Chattens Gültigkeit besitzt, müssen weitere Begriffe eingeführt werden.

Gleichzeitigkeit: Unter der Annahme, dass der Chat-Raum ein virtueller Treffpunkt ist, an dem sich mehrere Personen aufhalten, lassen sich die daran teilnehmenden Personen in mehrere Gruppe unterteilen. Die eine Gruppe von Personen nimmt aktiv am Gespräch teil(z.B. „poster“ von posting), während die andere Gruppe zwar anwesend ist, jedoch passiv (d.h. nicht aktiv am Gespräch beteiligend) bleibt (z.B. Lurker[4] ). Bei der Form eines privaten Chats treffen sich nur zwei Personen und bilden einen gemeinsamen Raum.

- Soziale Interaktion ist nach Goffman ohne der Face-to-Face Kommunikation nicht gegeben, für unser Beispiel des „virtuellen“ Raums aber möglich
- Wegfall der Nonverbalen Ebene, unter der Berücksichtigung, dass es dabei zu Ersatzhandlungsweisen kommt
- Gleichzeitigkeit: aktiv/passiv der Teilnehmer, unter der Berücksichtigung, das es nicht nur den Status aktiv/passiv, sondern mehrere Haltungen im Chat präsent sein können

Technische Bedingungen: Chatten wurde durch zwei verschiedene Arten (Möglichkeiten des Chattens) bekannt. Zum einen waren das spezielle Programme, die (sofern man sich anmeldete) am eigenen Computer installiert wurden und die Möglichkeit boten, miteinander zu chatten und zum anderen, Webseiten, die speziell zum Chatten konstruiert wurden. Zwei Programme, die den Bedarf an Unterhaltung per Chat decken, sind z. B. MSN Messenger und ICQ. Diese Programme erfüllen den Zweck der Kommunikation auf Textbasis als Hintergrunddienst, d.h. während dem der Anwender z.B. arbeitet oder am Computer spielt, kann er sich mittels dieses Programms austauschen.

[...]


[1] Goffman, Erving: „The Interaction order“, American Sociological Ass., 1982 p.2

[2] Wolf Susanne, Bilandzic Helena: Chatten als Kommunikationsspiel, M&K 50 Jhg. 4/2004, S.534

[3] vgl. Pkt 2.4

[4] http://www.hschoepke.de/internet/slang/l_2.htm

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Aus Spaß wurde Ernst - Textbasierte Kommunikation im Netz als Beziehungsknüpfer
Untertitel
Können Cyberfreundschaften zu Beziehungen im Realen Leben führen?
Hochschule
Alpen-Adria-Universität Klagenfurt
Note
2
Autor
Jahr
2006
Seiten
13
Katalognummer
V145023
ISBN (eBook)
9783640555901
ISBN (Buch)
9783640555659
Dateigröße
409 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Chatten, Internet, Beziehung, Online - kommunikation
Arbeit zitieren
Mario Toefferl (Autor), 2006, Aus Spaß wurde Ernst - Textbasierte Kommunikation im Netz als Beziehungsknüpfer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/145023

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