Spielarten des Phantastischen

Science Fiction und Fantasy im Vergleich


Magisterarbeit, 2004

97 Seiten, Note: 1,6


Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung

2. Zum Begriff des Phantastischen in der Literatur
2.1. Realität und Fiktion
2.1.1. Darstellung verschiedener Realitätsbegriffe
2.1.2. Realistisch- fiktiv- phantastisch
2.2. Das Phantastische als gattungsübergreifendes Element
2.2.1. Phantastik in der modernen Literatur
2.2.2. Verschiedene Definitionsversuche der Phantastik

3. Fantasy als literarische Gattung
3.1. Historische Entwicklung
3.2. Inhaltliche Definitionen
3.2.1. Die Sekundärwelt als Handlungsort
3.2.2. Der menschliche Charakter als Handlungsträger
3.2.3. Handlungsaufbau und Magie
3.3. Struktur und Funktion
3.3.1. Legitimationsformen
3.3.2. Der autonome Weltentwurf
3.3.3. Antimodernismus
3.4. Fantasy und Märchen

4. Science Fiction als literarische Gattung
4.1. Geschichte und Entwicklung
4.1.1. Vorläufergeschichte
4.1.2. Entstehung der Science Fiction
4.2. Die Konstruktion der Zukunft
4.2.1. Zeitverschiebungen
4.2.2. Alltag und Technik
4.3. Themenschwerpunkte
4.3.1. Raumfahrt und Katastrophen
4.3.2. Der „homo futurus“ und seine Gesellschaft
4.4. Science Fiction und Utopie

5. Science Fiction und Fantasy im Vergleich

6. Literaturverzeichnis
6.1. Primärliteratur
6.2. Sekundärliteratur

1. Einleitung

„Jener nicht-kanonische, unterdrückte Zwillingsbruder der Literatur, den man in Ermangelung eines besseren Ausdrucks Paraliteratur nennt, ist (wohl oder übel) jene Literatur, die tatsächlich gelesen wird- im Gegensatz zum Großteil der Literatur, von der man im Schulunterricht hört.“[1]

Mit diesen Worten rechtfertig der Literaturwissenschaftler Darko Suvin in seinem 1979 erschienenen Buch „Poetik der Science Fiction“ sein Interesse an einer Gattung, die weder zum Lehrplan an Schule oder Universität gehört, noch integraler Bestandteil der guten Allgemeinbildung ist. Seine Feststellung, dass die Literaturwissenschaft dazu neigt, 90 Prozent dessen, was ihr Gebiet ausmacht, zu ignorieren, und sich auf die schmalen 10 Prozent der Hochliteratur zu konzentrieren, ist in der heutigen Forschung bereits etwas relativiert. Populärwissenschaftliche Phänomene sind inzwischen Bestandteil der literarwissenschaftlichen Forschung, einzelne Gattungen sind klassifiziert, untersucht und in Theorie und Geschichte veröffentlicht.

Innerhalb der Populärliteratur nimmt die phantastische Literatur nochmals eine Sonderstellung ein. Selbst Leser, die sich gerne dazu bekennen, Liebes-, Abenteuer- oder Kriminalromane zu lesen, werten die offensichtlich realitätsferne, frei erfundene Art der phantastischen Literatur ab. Diese Missachtung der phantastischen Literatur spiegelt sich auch in der Forschung wieder. Findet sich zur theoretischen Beschäftigung mit dem Element der Phantastik noch eine weite Bandbreite an Material, verengt sich das Angebot an Forschungsliteratur, wenn es gezielt um die Untersuchung einzelner Gattungen geht. Dabei trifft es die Science Fiction noch gut: Dank einzelner Vertreter, die es als moderne Klassiker der Antiutopie sogar bis in den Kanon der Schullektüre schafften, scheint die Beschäftigung mit dieser Spielart des Phantastischen wissenschaftlich befriedigender. Die Suche nach Forschungsliteratur zur Fantasy fällt weniger ergiebig aus. Einzig Wolfgang Pesch gibt in seiner Dissertation „Fantasy- Theorie und Geschichte“ einen fundierten Überblick über diese Gattung. Daneben wurden in der Forschung noch einige wenige Einzelaspekte betrachtet, Fantasy als ganzes spielt leider eine eher geringe Rolle.

Dass beide Gattungen in der deutschsprachigen Literatur wenig verwurzelt sind, liegt an der historischen Entwicklung. Original deutsche Texte sind selten, die wenigen, die in Deutschland tatsächlich einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangen konnten, sind international nahezu unbekannt. Warum beschäftig sich die germanistische Arbeit dennoch mit zwei Gattungen, die hauptsächlich im englischsprachigen Raum geschrieben werden? Die Antwort liegt nahe: die Werke werden auch im deutschsprachigen Raum publiziert, verkauft und gelesen. Als literarische Gattungen spielen Science Fiction und Fantasy eine so große Rolle auf dem Buchmarkt und im Bewusstsein der Leserschaft, dass sich eine wissenschaftliche Beschäftigung auch im Rahmen einer germanistischen Arbeit lohnt.

In dieser Arbeit sollen die wichtigsten geschichtlichen und theoretischen Merkmale beider Gattungen an Beispielen erläutert werden. Soweit es mir sinnvoll erschien, habe ich deutschsprachige Autoren herangezogen, auf die Klassiker angloamerikanischer Literatur konnte und wollte ich dennoch nicht verzichten. Vor dem Hintergrund einer theoretischen Beschäftigung mit der Gattung, und nicht etwa einer praktischen Werksanalyse, erscheint mir dieses Vorgehen als akzeptabel und sinnvoll.

Der Aufbau der Arbeit ist darauf angelegt, einen Vergleich von Science Fiction und Fantasy zu ermöglichen. Diesbezüglich entspricht sich die Behandlung der beiden Gattungen, besonders hinsichtlich der historischen Einordnung und der Abgrenzung gegenüber benachbarten Gattungen. Der abschließende Vergleich hebt noch einmal die wichtigsten Punkte heraus, es wurde aber darauf verzichtet, erneut alle bereits erwähnten Merkmale aufzuzählen, um sie nochmals einander gegenüber zu stellen.

Ziel ist letztendlich, sowohl einen guten Überblick über beide Gattungen geben zu können, als auch im Vergleich die Besonderheiten und Unterschiede zweier unterschiedlicher Arten phantastischer Literatur herauszuarbeiten, die viele Leser nur dem Namen nach auseinander halten können.

2. Zum Begriff des Phantastischen in der Literatur

Um eine kurze Beschreibung phantastischer Literatur gebeten, könnte die Antwort lauten: phantastische Literatur erzählt von Dingen, die es nicht gibt. Diese Antwort ist ebenso richtig, wie wenig aussagekräftig. Nicht nur die Phantastik, sondern beinahe jede Art von erzählender Literatur handelt von nie Geschehenem, oder nur ähnlich Zugetragenem, und trotzdem ist nur ein Bruchteil der Texte phantastisch. Ein Kriminalroman erzählt einen Fall, der sich so niemals zugetragen hat, und der sich so wahrscheinlich auch niemals zutragen wird, trotzdem würde ihn niemand als phantastisch bezeichnen. Auch in einem historischen Roman, einer Liebesgeschichte, einer zeitgenössischen Gesellschaftssatire, in kaum einem literarischen Text findet sich die genaue Wiedergabe einer realen, einer wahren Handlung. Warum sind phantastische Texte „erfundener“ als selbst der unwahrscheinlichste Krimi, realitätsferner als das abwegigste happy end und weiter von der Wirklichkeit entfernt als der unbelegteste historische Roman. Kurz gefragt, warum ist ein Text phantastisch?

Bevor zwei phantastische Gattungen herausgearbeitet, beschrieben und verglichen werden können, muss erst einmal geklärt werden, wodurch sich der zugehörige Überbegriff kennzeichnet. Erst auf dieser Grundlage können die Elemente fundiert erarbeitet werden, die Fantasy und Science Fiction als Unterarten des Phantastischen bestimmen.

2.1. Realität und Fiktion

2.1.1. Darstellung verschiedener Realitätsbegriffe

Um näher auf das Verhältnis zwischen Realität und Fiktion eingehen zu können, muss zuerst vorangestellt werden, was in diesem Zusammenhang als Realität definiert werden soll.

Im allgemeinen Sprachgebrauch ist Realität die erfahrene Wirklichkeit[2], die subjektübergreifend einheitlich wahrgenommen werden kann. Dabei spielt die Wahrnehmung durch unsere äußeren Sinne eine große Rolle, denn nur im Bereich des Stofflichen ist die Realität empirisch überprüfbar. Zu dem sinnlich wahrnehmbaren Bereich tritt der individuelle Realitätsbereich hinzu, in dem ein Subjekt seine Wirklichkeit nicht nur zur Kenntnis nimmt und verarbeitet, sondern im Bezug auf die eigene Person einer Bewertung unterzieht. Im Bereich des Persönlichen wird die Realität schwer vermittelbar, zwischen wahr und unwahr kann man bereits nicht mehr eindeutig unterscheiden. Trotzdem ist das nicht Fassbare ein bedeutender Teil der Wirklichkeit, der intersubjektiv über verschiedene Signale wie Sprache oder Gesten vermittelt werden kann. Realität beziehungsweise Realitätserfahrung setzt sich somit aus drei Komponenten zusammen, die sich wechselseitig beeinflussen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das Subjekt nimmt seine Umgebung wahr, lässt sich von ihr beeinflussen und nimmt selbst Einfluss. Gleichzeitig wird die Erfahrung innerhalb des Individuums verarbeitet und in einer persönlichen Sicht der Realität gedeutet. Diese Sicht der Realität wirkt sich sowohl auf das Verhalten des Subjekts, als auch auf seine Umgebung aus. Bei dieser Darstellung des Realitätsbegriffes wird deutlich, dass es zwar eine feste, wahrnehmungsunabhängige Realität gibt, diese für das Individuum aber nicht allein ausschlaggebend ist. Das heißt, als Wirklichkeit stellt sich für den Einzelnen sowohl allgemein Gültiges, als auch individuelle Erfahrung dar. Erst mit dieser Sicht des Realitätsbegriffes kann erklärt werden, dass es verschiedene Arten von „Wahrheiten“ in der Literatur geben kann, ohne dass eine allgemein gültige Realität abgebildet werden muss.

Um Literatur in reale, realistische, fiktive und schließlich phantastische Kategorien einteilen zu können, muss der jeweiligen Textart eine Realitätsgrundlage richtig zugeordnet werden. Nur auf dieser Grundlage ist eine Bewertung verschiedener Textarten möglich und sinnvoll.

2.1.2. Realistisch- fiktiv- phantastisch

Unterschiedliche Realitätsbezüge werden durch die Begriffe realistisch, fiktiv und phantastisch abgestuft. Diese Einteilung ist keine ausschließliche, vielmehr sind häufig Überschneidungen anzutreffen. Zwischen fiktiv und phantastisch lässt sich die Trennlinie nur insofern ziehen, als alle phantastischen Texte fiktiv sind, der Umkehrschluss aber nicht gezogen werden kann.

Realistische Texte beziehen sich auf die einheitlichste Erfahrung der Realität, die möglichst eindeutig wiedergegeben werden kann, das heißt Texte, die sich mit direkter Realitätswahrnehmung beschäftigen. Dazu zählen Sachtexte, wissenschaftliche oder genaue historische Abhandlungen, Berichte und ähnliche, nicht wertende Darstellungen tatsächlicher Ereignisse. Dass auch in Sachtexten Wertungen vorgenommen werden, bleibt hiervon unbenommen, da die Bezugsgröße aus einer allgemein akzeptierten Wirklichkeit besteht.

Auf der Ebene der persönlichen Realitätserfahrung ist es nicht mehr möglich, die erlebte Wirklichkeit in eindeutiger Weise wiederzugeben. Daher kann der Text als allgemein gültig weder angenommen noch abgelehnt werden. Selbst wenn der Textbezug nicht den Erlebniswerten des Lesers entspricht oder ihnen sogar entgegengesetzt ist, wird die Vorstellung als möglich angenommen. Hier entfernen wir uns aus dem Bereich der realistischen Sachtexte und wechseln über in den Bereich der fiktiven Literatur. In der erzählenden Literatur wird die Handlung nicht auf die Elemente der allgemeinen Erfahrung reduziert, sondern um persönliche Eindrücke erweitert. Dabei bleibt für den Leser nachvollziehbar, was er selbst nicht erfahren hat, da sich die Darstellung mit seiner Vorstellung der Realität deckt. Die Handlung des literarischen Textes kann sowohl stattgefunden haben als auch frei erfunden sein, für den Leser muss sie in der Realität nicht wirklich, aber vorstellbar sein. Die Funktion des Textes besteht in der Nachahmung, der Mimesis der Wirklichkeit.

Zwar genießt die Erzählung tatsächlicher Ereignisse eine höhere Glaubwürdigkeit, doch eine widerspruchsfrei erdachte Handlung stößt nicht auf Ablehnung. Die potentielle Möglichkeit des Erzählten ist für die Glaubwürdigkeit ausschlaggebender als die Behauptung des tatsächlichen Erlebnisses. Als bekanntes Beispiel dienen die berühmten Lügengeschichten Münchhausens, die als Erlebnisberichte erzählt werden, aber dennoch niemals als realistische Literatur gedacht waren.

In diesem Zusammenhang muss kurz auf die Bezeichnung fiktiver literarischer Texte als realistisch eingegangen werden, die immerhin eine ganze Literaturepoche, eben die des Realismus, prägt. In dieser Anwendung wird ein Text als realistisch verstanden, in dem die beiden Größen Realität und Fiktion in soweit deckungsgleich gebracht werden, als in der erzählerischen Darstellung die Realität weder überhöht, noch verzerrt, noch in einer anderen Weise verfälscht dargestellt wird[3]. Hierbei wird die möglichst genaue Abbildung der Wirklichkeit als realistisch bezeichnet, die Fiktivität der Handlung bleibt davon unbeeinflusst.

Die Grenzen zwischen realistischer und fiktiver Literatur sind in einigen Textarten nicht eindeutig zu ziehen. So stellen etwa Autobiographien oder Reiseberichte die genaue Wiedergabe tatsächlicher Erlebnisse dar, die nichts fiktives im Sinne von Erfundenem enthalten oder enthalten sollten. Diese Texte stehen zwischen Sachtext und erzählendem Text, da sie aus Sicht des Autors einen eindeutigen Realitätsbezug aufweisen, vom Leser auf Grund seines Erfahrungsschatzes aber nicht vollständig erfasst werden können.

Der deutliche Unterschied zwischen Sachtext und fiktiven Text liegt in der bestehenden beziehungsweise der potentiellen Bezugsmöglichkeit zur Realität. J. Andregg drückt diesen Sachverhalt folgendermaßen aus:

„Verliert der Sachtext seinen Sinn, wenn es dem Leser nicht gelingt, ihn auf dasjenige zu beziehen, was seinem Bezugsfeld gemäß, als bestehend erscheint, so erweist sich der Fiktivtext noch in seiner schroffsten Verweigerung, auf bestehendes bezogen, als sinnvoll“[4]

Von diesem Bezugsfeld spricht auch Aleida Assmann, wenn sie Fiktivität dadurch kennzeichnet, dass nicht ein dem Sprecher und Hörer gemeinsames Bezugsfeld ausgeweitet wird, sondern der fiktive Text selbst ein neues Bezugsfeld konstituiert[5]. Dabei ist zu berücksichtigen, dass dieses neue Bezugsfeld sich aus der allgemeinen Realitätserfahrung konstituiert. Diese Einschränkung ist wichtig, um später eine Unterscheidung zwischen fiktiver und phantastischer Literatur treffen zu können.

Anders als realistische und fiktive Literatur, die sich letzten Endes beide auf die Realitätserfahrung des Adressaten gründen, bricht die phantastische Literatur mit den allgemein gültigen Vorstellungen der Realität. „Das Prinzip des Phantastischen liegt darin, dass einer akzeptierten Realitätsauffassung eine andere Ordnung entgegengesetzt wird“[6]. Der Unterschied zwischen realistisch und fiktiv liegt demnach auf einer anderen Ebene als der zwischen fiktiv und phantastisch. Realistische Texte im Sinn von Sachtexten lassen sich von fiktiven Texten auf Grund des direkten beziehungsweise indirekten Bezugs zur Realität unterscheiden. Dieser Bezug ist entweder eindeutig auf ein bestimmtes Gegenstück der Realität bezogen, oder polyfunktional auf intersubjektiv als Konsens betrachtete Realitätsvorstellungen.

Anders die phantastische Literatur, deren entscheidendes Element in der Realität nicht denkbar wäre. Damit ist phantastische Literatur zwar immer eine Unterkategorie des Fiktiven im Sinne des Erdachten, von der Erzählstruktur aber nicht mehr auf das Bezugsfeld der Realität gegründet. Vielmehr legt sich die phantastische Literatur eine eigene Realitätskonstruktion zugrunde, in der die Handlung denkbaren, in sich schlüssigen Gegebenheiten folgt. Auch die Phantastik verfügt also über ein Bezugsfeld, das jedoch für jeden Text individuell erdacht werden kann. Nach welchen Gesetzmäßigkeiten die „Realität der Phantastik“ konstruiert wird, variiert in den unterschiedlichen Textarten der phantastischen Literatur.

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(nach H.W. Pesch)[7]

Texte, die sich unmittelbar auf einen nicht realistischen Bezugsrahmen beziehen und ihre Darstellung als genaue Abbildung einer übertragbaren Realität annehmen, sind zwar denkbar, tragen aber nicht zur Ordnung der verschiedenen Textarten bezüglich ihres Realitätsbezuges bei. Solche Texte sind etwa Gebrauchstexte okkultistischer Praktiken, die sich selbst als wahr verstehen, so aber nur von einer eingeschränkten Adressatenanzahl akzeptiert werden.

Wird dieses Schema der unterschiedlichen Realitätswahrnehmung des Subjekts zugeordnet, fällt auf, dass es zwar für Sachtexte und fiktive Texte, nicht aber für phantastische Texte eine passende Zuordnung gibt.

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Daher lässt sich der phantastischen Literatur zu Recht eine Sonderstellung innerhalb des gesamten Literaturkomplexes einräumen. Welchen besonderen Gesetzmäßigkeiten und Strukturen diese Literatur folgt, welche verschiedenen Formen sie annehmen und welchen Umständen sie ihre Entwicklung verdankt ist Gegenstand der folgenden Betrachtungen.

2.2. Das Phantastische als gattungsübergreifendes Element

Obwohl die phantastische Literatur, wie oben gezeigt, eine Sonderstellung einnimmt, kann sie dennoch nicht als eigene Literaturgattung bezeichnet werden. Zwar wird diese Betrachtungsweise in der Forschungsliteratur teilweise vorgenommen, stößt dabei aber auf die Schwierigkeiten der verschiedenen Erscheinungsformen, die unter den Begriff der phantastischen Literatur fallen[8].

Der Begriff der literarischen Gattung wird in der Forschung unterschiedlich gebraucht, wie Hempfer in seinem Werk „Gattungstheorie“ anschaulich erklärt. So wird Gattung etwa für die übergeordneten Begriffe Epik, Lyrik und Dramatik, oder aber für einzelne Ausprägungen wie Roman oder Novelle verwendet[9]. Demnach ist schwierig zu bestimmen, an Hand welcher Kriterien eine Gattung entsteht, und welche Texte einem einmal konzipierten Gattungsbegriff zuzuordnen sind. Allgemein wird der Begriff der literarischen Gattung als eine „spezifische Art der Textgruppenbildung[10] “ bezeichnet, wobei die Regeln, denen die Bildung des Textkorpus unterliegt, nicht eindeutig definierbar sind. Allgemein lässt sich sagen, dass eine Gattung sowohl durch formale wie auch durch inhaltlich Merkmale bestimmt werden kann, wodurch ein Text nicht nur einer, sondern je nach Fokussierung mehreren Gattungen angehören kann. Gleichgültig, nach welchen Regeln die Bildung des Textkorpus vor sich gegangen ist, müssen die in dem aufgestellten Gattungsrahmen befindlichen Texte einander durch bestimmte Merkmale zuzuordnen sein. Je mehr Merkmale als gattungsbestimmend gelten, desto enger wird der Begriff gefasst, und desto kleiner wird der Textkorpus. Für eine sinnvolle Arbeitsgrundlage darf daher der Gattungsbegriff weder zu eng noch zu weit gefasst sein, so dass eine sowohl ausreichende, als auch vergleichbare Anzahl von Texten enthalten ist.

Zudem ist es für die Erstellung eines Textkorpus, der einer bestimmten Gattung zugeordnet werden soll, nicht ausschließlich relevant, dass die Texte untereinander über gemeinsame Merkmale verfügen, auch das Verhältnis der Merkmale innerhalb der Texte muss einem vergleichbaren Muster gehorchen[11]. Von daher genügt es nicht, als einzig verbindendes Merkmal das Element des Phantastischen gelten zu lassen, sondern die Texte müssen auch Gemeinsamkeiten im Umgang mit diesem Element aufweisen.

Für das Phantastische als Textmerkmal ist eine Gattungsbildung nicht durchführbar, da dieses Element der Textkonfiguration eine zu weite Bandbreite an Variationen erschließt. Einerseits können nach formalen Gesichtspunkten nahezu keine Texte ausgeschlossen werden, da sowohl phantastische Romane, Kurzgeschichten oder lyrische Formen denkbar, als auch realisiert sind. Andererseits können auch vom Inhaltlichen her keine konkreten Abgrenzungen getroffen werden, da sich phantastische Elemente in unterschiedlichster Ausprägung durch die verschiedensten Formen der Literatur ziehen, die vom Hausmärchen der Brüder Grimm, den Schauerromanen Hoffmanns bis zu den Horrorromanen eines H.P. Lovecrafts reichen.

Damit ein Text als phantastisch bezeichnet werden kann, muss nicht die gesamte Struktur realitätsfern sein. Vor allem in der Kinder- und Jugendliteratur finden sich häufig Texte, die inhaltlich im gewohnten Umfeld spielen und so eine Identifikationsfläche bieten, in die das Ungewöhnliche plötzlich Einzug hält. Auch diese Texte sind phantastisch, obwohl sie größtenteils die Realität abbilden. Durch den tatsächlichen, also nicht geträumten oder erfundenen Einbruch des Irrealen können auch solche Texte der phantastischen Literatur zugeordnet werden.

Sinnvoller, als aus der gesamten Bandbreite der phantastischen Literatur eine einzige Literaturgattung zu konstituieren, ist es, phantastische Texte untereinander zu klassifizieren und einzelnen Gattungen zuzuordnen, die dann wiederum unter dem Begriff der phantastischen Literatur eingeordnet werden können. Es existiert nicht die Phantastik als Gattung, sondern das Phantastische als gattungsübergreifendes Element.

2.2.1. Phantastik in der modernen Literatur

Motivgeschichtlich ist die Phantastik keine Erfindung der Neuzeit. Eigentlich ließe sich eher sagen, dass die streng realistische Darstellung der Handlung ein Phänomen der letzten Jahrhunderte ist, während sich Sagen, Götterdichtungen, Heldengeschichten und Mythen bis in Anfänge literarischer Aufzeichnungen zurückverfolgen lassen. Die Rezipientenhaltung gegenüber dem Un- bzw. Übernatürlichen war allerdings eine andere als heute, übernatürliche Kräfte wurden als Erklärung für Naturphänomene, Schicksalsschläge oder wichtige geschichtliche Ereignisse herangezogen. So war in der griechischen und römischen Sagenwelt die Einflussnahme der Götter eine vollkommen natürliche Sache, die direkten und unwiderlegbaren Einfluss auf das Leben der Menschen nahm. Eine Trennung zwischen erfahrbarer Realität und Erfundenem gab es nicht, da auch die nicht sichtbaren Kräfte an ihren Auswirkungen auf die Realität erkannt werden konnten.

Der Einfluss übernatürlicher Kräfte bleibt auch in der religiösen Dichtung des Christentums erhalten, erst im Verlauf der Fortschritte, sowohl in den Naturwissenschaften als auch des rationalistischen Denkens, tritt die Erklärung durch göttliches Eingreifen in den Hintergrund. Je weniger unerklärlich ist, desto weniger muss und kann durch übernatürliche Kräfte erklärt werden, von daher sollte die Widergabe der Realität in der Literatur zunehmen, eine Entwicklung, die tatsächlich zu beobachten ist.

Innerhalb der historischen Entwicklung tritt das Phantastische in der heute verwendeten Bedeutung erst „im Rahmen eines allgemeinen Prozesses der Desakralisation“ auf, der sich an zum Beispiel an der Abfolge von Mythos, Märchen und Fantasy[12] zeigt. Wird im Mythos die Erzählung von Göttern und Helden noch zur religiösen Deutung der Weltordnung gebraucht, treten im Märchen die religiösen Symbole zurück und lassen Platz für Gestalten wie Hexen und Zauberer. Diese verfügen zwar über übernatürliche Kräfte, können von den Menschen aber bereits besiegt werden. In der modernen Fantasy treten all diese Gestalten gemischt auf, haben jedoch keinerlei Bezug zu Realität mehr, sondern agieren in einer erfundenen Welt, die vom Leser auch als solche wahrgenommen wird.

Nach Wolfgang Pesch entsteht das Phantastische aus dem Zusammentreffen zweier Weltordnungen, von denen eine der allgemein akzeptierten Realitätsauffassung, die andere der früheren, nicht empirischen Weltordnung entspricht.[13] Dieses Zusammentreffen ist erst ab dem Zeitpunkt möglich, ab dem beide Realitätsauffassungen als voneinander verschieden wahrgenommen werden.

Die Abgrenzung zwischen Phantastik und Realität wird in der modernen Literatur von den Autoren ganz bewusst vorgenommen und als Gestaltungsmerkmal eingesetzt. Die Grenze zur realistischen Literatur ist nicht fließend, das zeigt sich bereits an der genauen Zuordnung der Titel in der Buchhandlung. Phantastische Literatur, meist getrennt nach Science Fiction und Fantasy, wird ebenso klassifiziert wie Kriminalromane, historische Romane oder Gesellschaftsromane. Auch für den Leser stellt es keine Schwierigkeit dar, einen Text als phantastisch oder realistisch zu erkennen. Eindeutige Merkmale in Inhalt und Darstellung weisen auf die Zugehörigkeit des Textes hin.

Phantastische Texte haben einen gesicherten Platz in der modernen Literatur, sie werden als solche wahrgenommen, geschrieben, verkauft und gelesen. Aus den verschiedenen Spielarten haben sich eigene Gattungen entwickelt, die sich klar von einander unterscheiden lassen.

Die beiden heute bedeutendsten Gattungen der phantastischen Literatur entstanden etwa gleichzeitig im ausgehenden 19. Jahrhundert[14] und entwickelten sich bis heute stetig weiter. Mit der Betrachtung von Science Fiction und Fantasy können zwei konträre Typen untersucht und verglichen werden, die aufzeigen, welch weites Spektrum an Darstellungsmöglichkeiten die Phantastische Literatur aufweist.

2.2.2. Verschiedene Definitionsversuche der Phantastik

Bevor auf Fantasy und Science Fiction im einzelnen eingegangen wird, soll gezeigt werden, wie unterschiedlich der Begriff der Phantastik in den verschiedenen Definitionen, die in der Forschungsliteratur angeführt werden, gebraucht wird. Dabei wird noch einmal deutlich, dass dem Phantastischen in der Literatur ohne eine Aufspaltung in verschiede Gattungen nicht beizukommen ist.

Ein Vertreter der Ansicht, dass das Phantastische keine eigenen Gattung ist, ist Tzvetan Todorov. Er definiert phantastische Literatur in seinem Werk „Einführung in die phantastische Literatur“ als Texte, in denen sich der Leser unschlüssig ist, ob die dargestellten Ereignisse im irrationalen Bereich liegen, oder auf rationaler Ebene erklärlich sind[15]. Phantastische Literatur spielt damit nach Todorov in der realen Welt, enthält aber Elemente, die in der Realität so nicht anzutreffen sind. Der Leser erkennt diese Elemente als unrealistisch, sucht aber gleichzeitig nach einer Möglichkeit, sie mit seiner Realitätssicht zu vereinbaren. Problematisch wird diese Definition bei Texten, die die phantastischen Elemente am Ende tatsächlich in einer realistischen Weise auflösen, etwa durch ein Traumgeschehen. Damit wäre der ganze Text nach Todorovs eigener Definition nicht mehr phantastisch zu nennen, da sich die Unschlüssigkeit des Lesers zu der Gewissheit verändert hat, dass es sich nicht um irrationale Ereignisse handelt. Ein Text, in dem die Ereignisse überhaupt nicht rational erklärt werden können, entspricht aber genauso wenig dem Phantastischen, da sich die Unschlüssigkeit wiederum ins Gegenteil verkehrt, nämlich in die Sicherheit des Lesers, dass es sich um Unerklärliches handelt.

Für Todorov steht das Phantastsische damit zwischen dem Genre des „Unheimlichen“ und des „Wunderbaren“[16], wobei das „Unheimliche“ den ersten, das „Wunderbare“ den letzten Fall beschreibt. Ein Beispiel für einen „unheimlichen“ Text ist Edgar Allan Poes Kurzgeschichte „Die Morde in der Rue Morgue“. Darin wird ein bestialischer Mord scheinbar von einem Monster begangen, da die Tat von keinem normalen Menschen ausgeführt hätte werden können. Am Ende stellt sich als Erklärung für das scheinbare Monster ein dressierter Gorilla heraus, der den Mord, natürlich nicht willentlich, beging. Obwohl die Auflösung als sehr absurd und unwahrscheinlich erscheint, liegt sie nicht im Bereich des Übernatürlichen.

Unter dem „Wunderbaren“ fasst Todorov alle Literaturphänomene zusammen, die sich nicht rational auflösen lassen: also märchenhafte Erzählungen, in denen magische Gegenstände verwendet werden ebenso wie Texte, in denen unmögliche technische Leistungen als möglich dargestellt werden, also Texte der Science Fiction[17].

Für die phantastische Literatur bleibt zwischen dem „Unheimlichen“ und dem „Wunderbaren“ eigentlich kein Raum, sondern sie existiert nur als Übergang zwischen den beiden benachbarten Gattungen. Dieser Übergang hält genau so lange an, bis sich der Leser für eine der beiden Lesarten des Texten entscheiden muss, also bis zum Ende und der Auflösung bzw. der fehlenden Auflösung des Irrationalen.

Todorovs Definition ist anzumerken, dass zum Entstehungszeitpunkt seiner Schrift sowohl die Science Fiction, als auch die Fantasy noch am Beginn ihrer divergierenden Entwicklung standen und sich eben erst als zwei verschiedene Gattungen auszuprägen begannen. Die Trennung in „Unheimliches“ und „Wunderbares“ steht noch in der Tradition der Vorläufer der heutigen phantastischen Literatur, die sich nicht auf eine bestimmte Gattung festlegten, sondern besonders im Bereich der Pulp- Magazine beinahe beliebig austauschbar waren[18]. Vor diesem Hintergrund ist die Trennung in zwei Kategorien nachvollziehbar, da sich etwa in Detektivgeschichten die Lösung als nachvollziehbar herausstellte, die Science Fiction jedoch fern jeder Realität blieb. Festzuhalten bleibt an Todorovs Definition, dass als phantastische Literatur nur Texte bezeichnet werden, die sich ihrer eigenen Irrealität bewusst sind, eine Ansicht, die sich im weiteren Verlauf der Forschung allmählich umkehrt.

Stanislaw Lem verwendet in seinem 1977 und 1980 zweibändig erschienen Werk den Bergriff Phantastik bereits als Überbegriff für verschiedene nicht- realistische Literaturphänomene wie Märchen, Science Fiction und Horrorgeschichten[19]. Lem definiert: „Phantastik ist, erstens, das, was nicht geschehen kann, weil es eine Welt mit Eigenschaften voraussetzt, die es in unserer Welt nicht gibt; und zweitens das, was überaus unwahrscheinlich ist.“[20] Damit fasst Lem zusammen, was nach modernen Defintionen mit Fantasy und Science Fiction gemeint ist, denn in der Fantasyliteratur wird eine Welt beschrieben, die es nicht gibt, in der Science Fiction ein Weltentwurf, der in Zukunft möglich sein könnte, aber reine Hypothese ist.

Lem führt als Kennzeichen für phantastische Literatur an, dass darin bekannte Strukturen verwendet und auf eine Art verändert werden, die nicht dem Erfahrungsbereich des Lesers entsprechen. Die Verwendung einer bekannten Struktur ist notwendig, um die Veränderungen, aus denen sich die Phantastik konstituiert, sichtbar zu machen. Was genau unter der bekannten Struktur verstanden werden soll, erklärt Lem nicht eindeutig. Etwas fassbarer wird dieses Modell am Beispiel des Kriminalromans, der durch die Versetzung in die Zukunft zu Science Fiction wird[21].

Lem erweitert durch seine Definition den Begriff der phantastischen Literatur im Gegensatz zu Todorov insofern, als das Phantastische Überbegriff für verschiedene Gattungen ist, und nicht nur ein Phänomen zwischen unheimlicher und wunderbarer Literatur. Dabei ist sein Begriff des Phantastischen jedoch schwer zu fassen und bleibt eine engere Bestimmung schuldig.

Einen anderen Ansatz wählt Eric Rabkin, der unter Phantastik versteht, dass die Regeln der fiktiven Welt der der Realen genau entgegenstehen[22]. Anders als bei Todorov versteht sich der Text selbst damit nicht als unrealistisch, da ja die Ganze Struktur verändert wurde, nicht nur ein Teilaspekt. Der Definition Lems wird hier insoweit Rechung getragen, als eine bekannte Struktur zu Grunde liegt, die ins Gegenteil verkehrt wurde.

Da nicht jeder Text, der die Realität verändert abbildet, zur phantastischen Literatur gezählt werden kann, ordnet Rabkin nur jene Texte der Phantastik zu, ihn denen das dominierende Element aus der Drehung der Grundregeln um 180° besteht.[23] Ein Text, der nur in unwichtigen Teilaspekten die Realität vernachlässigt, zählt also noch nicht als phantastisch.

Roger Caillois setzt die Handlungsebene phantastischer Literatur dagegen wieder in der empirischen Realität an, er definiert das phantastische Element dabei als Riss, der mit der Realitätserfahrung nicht mehr in Einklang gebracht werden kann[24]. Um diesen Riss darstellen zu können, muss die fiktive Realität vor dem Eintreten des solcherart empfundenen Ereignisses möglichst realitätsgenau dargestellt werden, damit der Leser die fiktive Realität als wahr annimmt. Tritt dann ein unrealistisches Moment in die Handlung ein, wird mit der Realität gebrochen, und der Text wird zur phantastischen Literatur. Diese Definition entspricht dem, was aus heutiger Sicht als Phantastik bezeichnet wird, die neben Science Fiction und Fantasy zu den Gattungen der phantastischen Literatur zählt. Für die deutsche Phantastik sind die Romane Wolfgang Holbeins beispielgebend, der seit dem Erscheinen seines ersten Romans „Märchenmond“[25] einer der bedeutendsten Autoren phantastischer Literatur in Deutschland ist. In „Märchenmond“ muss der Held von der realen Welt, in der seine Schwester rätselhaft erkrankt ist, in die Phantasiewelt Märchenmond überwechseln, um sie dort retten zu können. Die Rahmenhandlung spielt in der Realität, der Riss geschieht durch den Übertritt in die erfundene Welt Märchenmond, in der die Haupthandlung spielt. Der Roman endet auch wieder in der Realität, in der die erfolgreiche Rettung der Schwester sich in deren Genesung manifestiert. Durch die tatsächlichen Auswirkungen der phantastischen Handlungen in der Realität zeigt sich, dass der Übergang nicht nur im Traum oder der Phantasie des Helden stattgefunden hat, sondern tatsächlich geschehen ist. Von daher ist dieser Roman im Sinne Calloises phantastische Literatur.

Für Florian Marzin setzt sich phantastische Literatur aus zwei Handlungskreisen zusammen[26], einem empirisch- rationalen und einem supra- empirischen. Beide Handlungskreise müssen miteinander in Verbindung stehen. Der erste Handlungskreis entspricht dabei fiktiver, aber nicht phantastischer Literatur, die Marzin als „eindimensional“ bezeichnet, und vom Leser als Abbild der Realität akzeptiert wird. Erst im zweiten Handlungskreis wechselt die Handlung in den Bereich des Phantastischen über. Das heißt, in der vertrauten Welt des Lesers kommt es zu Vorgängen, die sich rein rational nicht mehr erklären lassen. Zur Begründung, warum phantastische Literatur auf zwei Handlungskreise angewiesen ist, schreibt Marzin:

„Damit übernimmt der erste Handlungskreis in der phantastischen Literatur eine andere Funktion als in der eindimensionalen Literatur. War er dort Abbildung, Hintergrund der Handlung, die sich in ihrer Eingebundenheit in die empirisch erfahrbare Welt selbst legitimiert, so muss der erste Handlungskreis in der Phantastik die Bürde der Legitimation für etwas übernehmen, was nicht sein kann und noch weniger sein darf.“[27]

Damit spricht Marzin erstmals eine wichtige Problematik aller Arten von Phantastik an, nämlich das Problem der Legitimation. Die Legitimationsmechanismen der verschiedenen phantastischen Gattungen tragen einerseits zur Unterscheidung der Gattungen untereinander bei, andererseits bilden sie auch ein Strukturmerkmal der jeweiligen Texte.

An den hier aufgeführten Beispielen der Forschung zur phantastischen Literatur wird deutlich, dass eigentlich weder der Begriff der Phantastik noch der der phantastischen Literatur eindeutig definiert werden können. Bei Lem und Rabkin wird die phantastische Literatur als Überbegriff verwendet, um verschiedene nicht- realistische Texte zusammenzufassen, wobei das Märchen als gesicherte eigene Gattung immer ausgenommen wird. Bei anderen Autoren stellt phantastische Literatur eine eigene Gattung dar, deren Grundvoraussetzung nur gegeben ist, wenn sich Realität und Phantastik berühren. Seitdem Science Fiction und Fantasy als eigene Gattungen behandelt werden, wird phantastische Literatur immer häufiger als eigene Gattung getrennt behandelt, was von der Begriffsbestimmung jedoch zu Unklarheiten führt. So erschienen in der Reihe „Studien zur Phantastischen Literatur“ des Corian- Verlags Werke zur Phantastik, zur Science Fiction und zur Fantasy. Innerhalb der Reihe wird jedoch, etwa in Susanne Tschirners Band „Der Fantasy Bildungsroman“, Fantasy eindeutig nicht als phantastische Literatur bezeichnet[28].

Richtig ist, dass unterschieden werden muss zwischen Science Fiction, Fantasy und phantastischer Literatur mit zwei Handlungskreisen im Sinne Marzins. Trotzdem sollten, nur in Ermangelung eines besseren Terminus für letztgenannte Literatur, weder der Begriff der Phantastik noch der der phantastischen Literatur eingeengt werden auf nur eine der Möglichkeit, nicht- realistische Texte zu schreiben. Das Phantastische ist keine Gattung, sondern sollte als ein gattungsübergreifendes Merkmal im Gegensatz zu realistisch- fiktiver Literatur verwendet werden.

3. Fantasy als literarische Gattung

Um bestimmen zu können, was Fantasy eigentlich ist, muss die Gattung unter mehreren Aspekten näher betrachtet werden. Zuerst ist es von Bedeutung, in welcher Zeit der Begriff Fantasy aufkam, und unter welchen Umständen er sich etablierte. Da die Fantasy eine noch recht junge Gattung ist, kann die Bildung des Textkorpus durch äußere Faktoren erfolgen, und muss nicht deduktiv aus den Merkmalen ähnlich konstituierter Texte abgeleitet werden. Solche äußeren Faktoren sind das zeitliche Auftreten und das erstmalige Selbstverständnis der Texte, die sich einer gesicherten Gattung zugehörig fühlten, und sich daher von sich aus als Fantasy bezeichneten.

Der Vorteil dieser Gattungsbestimmung ist die Ausgangslage eines empirisch gebildeten, relativ fest umrissenen Textkorpus, von dem aus auf die Merkmale der Gattung geschlossen werden kann. Damit ist jedoch nicht ausgeschlossen, entweder Werke, die den gewonnenen Definitionen nicht entsprechen, wieder auszugrenzen, oder Werke, die sich nicht als Fantasy verstehen, aber von ihrer Struktur her dazu passen, in den Textkorpus aufzunehmen.[29]

In weiteren Schritten müssen die inhaltlichen Schwerpunkte der Gattung, sowie typische Themen und Handlungsabläufe entwickelt werden. Die Struktur der Texte und ihre Funktion tragen ebenfalls zur Gattungsbestimmung bei.

3.1. Historische Entwicklung

Auch eine Gattung, die heute so fest etabliert ist, dass weder für die Lesern noch für die Autoren einer Erläuterung bedarf, muss innerhalb der Literaturgeschichte ab einem gewissen Punkt ihre Entwicklung verselbstständigt haben. Da die phantastischen Elemente in der Literatur bis in die Anfänge der Literatur zurückreichen, ja eigentlich alle frühen Geschichten, Mythen, Sagen und Erzählungen aus heutiger Sicht phantastisch sind, lässt sich eine zeitliche Einordnung motivgeschichtlich nicht bewerkstelligen. Auch dürfen und sollen keine Texte, die sich in ihrem historischen Kontext nicht als Fantasy verstanden haben, plötzlich als solche bezeichnet werden, nur weil diese Texte Elemente enthalten, die sie aus heutigem Verständnis dieser Gattung möglicherweise zugehörig erscheinen lassen.

Literaturgattungen entwickeln sich allmählich, entstehen aus einem sich wandelnden Bild der Gesellschaft, aus einem veränderten politischen Bewusstsein oder besonderen Entwicklungen in den Naturwissenschaften. So entwickelte sich auch die Fantasy aus Vorgängern wie dem Märchen, im Gegensatz zum Märchen lässt sich der Beginn der Gattung zeitlich jedoch ziemlich genau bestimmen.

Neben Märchen und Sagen, wie der des König Artus, die auch heute noch eine beliebte Inspiration für Fantasyautoren ist, zählt zu den ersten Vorgängern der Fantasyliteratur die Gattung der „gothik novel“, die von Walter Scotts „The Castle of Otranto“[30] 1764 begründet wurde. Das Klima der Aufklärung bot mit seiner rationalistischen Weltanschauung, die übernatürliche Ereignisse durch den Verstand begründet wissen wollte, den Nährboden für diese Art von Schauerromanen. „Ohne die Aufklärung wäre er (der Schauerroman A.W.) gar nicht entstanden. Die Aufklärung hatte es unternommen, Wunder und Geheimnisse auszutilgen, und damit auch die Angst vor dem Unbekannten. Die Lehre hatte den Verstand überzeugt, aber sie ließ das Gefühl unbefriedigt.“[31] Die „gothik novel“ erfüllt also das Bedürfnis des Lesers nach Emotionen, wobei weniger auch anderweitig thematisierte Gefühle wie Liebe oder Trauer gemeint sind, sondern das Hervorrufen von Angst, Schauder und Erregung. Eben genau jene Art von Irrationalitäten, denen die Aufklärung keinen Raum lässt. Die „gothik novel“ siedelt das Übernatürliche noch in weiter Entfernung zum Leser an, sowohl zeitlich im Mittelalter, als auch räumlich in fremden Ländern. Die Schauplätze, die häufig in verfallenen Burgen, Schlössern oder Klöstern gewählt sind, rufen das Gefühl des Unheimlichen hervor, ohne bedrohlich in das Leben des Lesers einzufallen.

Ab dem zweiten Jahrzehnt des 19. Jahrhundert bekam die angehende phantastische Literatur durch die deutsche Romantik neue Impulse. Das Märchen erlebte eine neue Blütezeit, und Autoren wie Grimm, Brentano und Novalis belebten die nicht- rationale Literatur. Der Übergang von der „gothik novel“ zu den Anfängen der phantastischen Literatur vollzog sich vor allem durch die phantastischen Erzählungen E.T.A. Hoffmanns auf deutscher, und Edgar Allan Poe auf amerikanischer Seite. Bei beiden Autoren verringert sich der Abstand zwischen Leser und Gelesenem, die Handlung wird in den Erfahrungsbereich des Rezipienten verlagert[32]. Die Übersinnliche Bedrohung geht dabei zunehmend weniger von außen aus, sondern verlagert sich in die Innenwelt der handelnden Personen, wobei sich Übersinnliches, Wahnsinn und Abnormes vermischen[33].

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts zeigten sich die ersten Tendenzen der beginnenden Aufspaltung der phantastischen Literatur in Fantasy und Science Fiction, wobei die Phantastik als real-fiktive Literatur mit supra- empirischen Merkmalen ebenfalls erhalten blieb. Im Zuge der sich verschlechternden Lebensbedingungen durch die fortschreitende Industrialisierung wuchs die Skeptik gegenüber dem technischen Vorschritt. Die literarische Verarbeitung erfolgte in der phantastischen Literatur durch die Verlagerung der Realitätserfahrung entweder in nostalgisch verfärbten Anderswelten jenseits der Wirklichkeit, oder in hypothetischen Weiterentwicklungen technisierter Zukunftswelten. Da die phantastische Literatur jedoch seit Beginn ihrer Entstehung als Unterhaltungsliteratur auftritt, manifestiert sich die zeitkritische Komponente weniger als die Betonung des Abenteuers und der Exotik, wie sie in den Romanen Jules Vernes oder H.G. Wells zum Tragen kommt. Die unterschiedlichen Ausprägungen der Spielarten des Phantastischen wurden zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht als zwei verschiedene, eigenständige Gattungen verstanden, die Begriffe Fantasy und Science Fiction entwickelten sich erst einige Jahrzehnte später.

Zu Beginn des 20. Jahrhundert änderten sich die Produktionstechniken des Buchdrucks, und Massenware minderer Qualität konnte äußerst billig produziert werden. Dadurch entstanden erst in England, kurz darauf auch in Amerika die sogenannten Pulp- Magazines, die der Populärliteratur ein neues Forum boten. Als Pulp wurde das billige holzartige Papier bezeichnet, aus dem die billigen Magazine hergestellt wurden. Durch die kostengünstige Herstellung war es möglich, die verschiedenen Genres wie Detektivgeschichte, Western und eben auch Science Fiction in eigenen Heftreihen zu publizieren, wodurch die Trennung der verschiedenen Erzähltypen vorangetrieben wurde[34]. Mit „Amazing Stories“ kam 1926 das erste reine Science Fiction Magazin auf den Markt, dessen Herausgeber Hugo Gernsback der Gattung ihren Namen gab.

[...]


[1] Darko Suvin, Poetik der Science Fiction, Zur Theorie und Geschichte einer literarischen Gattung, Frankfurt a. M. 1979, S. 11

[2] vgl. Rainer Zerbst „Fiktion der Realität- Die Realität der Fiktion“ Frankfurt a. M. 1984, S. 66

[3] vgl. Aleida Asmann; Die Legitimität der Fiktion; München 1980; S. 7

[4] J. Andregg; Fiktion und Kommunikation: Ein Beitrag zur Theorie der Prosa; Göttigen 1973; S. 97

[5] vgl. Aleida Asmann; Die Legitimität der Fiktion; München 1980 S. 11

[6] H. W. Pesch; Fantasy Theorie und Geschichte“; 1984; S.52

[7] vgl. H. W. Pesch; Fantasy Theorie und Geschichte“; 1984; S. 52

[8] vgl. Florian F. Marzin, Die phantastische Literatur, Frankfurt a. M., 1982, S. 43

[9] vgl. Hempfer, Gattungstheorie, München 1973, S. 18 f

[10] vgl. ebd S. 17

[11] vgl. ebd. S.139f

[12] vgl. Stanislaw Lem, Phantastik und Futurologie I, Frankfurt am Main, 1977 S. 112

[13] vgl. W. Pesch, Fantasy, S. 63

[14] vgl. ebd. S. 23

[15] vgl. Tzvetan Todorov, Einführung in die phantastische Literatur, Frankfurt/ Berlin 1975, S. 31

[16] vgl. Ebd. S. 40

[17] vgl. ebd. S. 52f

[18] vgl. W. Pesch, Fantasy, S. 25

[19] vgl. Stanislaw Lem, Phantastik und Futurologie I, S. 5

[20] vgl. . Stanislaw Lem, Phantastik und Futurologie II, Frankfurt 1980, S. 167

[21] vgl. Lem, Phantastik u. Futurologie I, S. 345

[22] vgl. Eric Rabkin, The Fantastik in Literature, Princeton New York 1976, S. 8

[23] vgl. ebda S. 29

[24] vgl. Roger Callois, Das Bild des Phantastischen vom Märchen bis zur Science Fiction, in R.A. Zondergeld (Hrsg.): Phaicon I, Frankfurt 1974, S. 50

[25] vgl. Wolfgang und Heike Hohlbein, Märchenmond. Wien 1983

[26] vgl. Florian F. Marzin, Die phantastische Literatur, Frankfurt a. M., 1982 S. 116

[27] ders. S. 119

[28] vgl. Tschirner, Der Fantasy Bildungsroman, S. 44

[29] vgl. Hempfer, Gattungstheorie, S. 136

[30] vgl. Rolf Giesen (Hrsg.), Fantasy Studien zur Phantastik, Schondorf 1982, S. 4

[31] Richard Alewyn, Probleme und Gestalten, Frankfurt am Main, 1974

[32] vgl. Susanne van Clewe, Gewalt in der Fantasy, Nürnberg 1994, S. 13

[33] vgl. Rolf Giesen; Fantasy, Studien zur Phantastik, S. 7

[34] vgl. Siegfired Becker, Gerd Hallenberger, Konjunkturen des Phantastischen, in Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik, 1994, S. 143

Ende der Leseprobe aus 97 Seiten

Details

Titel
Spielarten des Phantastischen
Untertitel
Science Fiction und Fantasy im Vergleich
Hochschule
Universität Augsburg  (Philosophische Fakultät)
Note
1,6
Autor
Jahr
2004
Seiten
97
Katalognummer
V145144
ISBN (eBook)
9783640557264
ISBN (Buch)
9783640557837
Dateigröße
776 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Science Fiction, Fantasy, Phantastik, Gattungsvergleich, literarische Gattung
Arbeit zitieren
M.A. Ariane Wischnik (Autor), 2004, Spielarten des Phantastischen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/145144

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