Mit dem Ausbau der Intensivmedizin besitzen wir immer weitreichendere Möglichkeiten zur Behandlung von Schwerstkranken, Schwerstverletzten und Schwerstvergifteten.
Patienten mit lebensbedrohlichen Störungen vitaler Körperfunktionen befinden sich an der Grenze ihrer Existenzmöglichkeit und bedürfen daher einer fortlaufenden Überwachung, Pflege und Behandlung. Durch die Verfügbarkeit eines vielfältigen, für den Laien kaum vorstellbaren personellen und materiellen Aufwands lassen sich so Erfolge erzielen, an die man noch vor zwei Jahrzehnten kaum zu denken wagte. Die Lebenserwartung ist so in den letzten 120 Jahren um das Doppelte angestiegen.
Angesichts der Apparatemedizin haben jedoch viele Patienten Angst vor Verlängerung des Lebens um jeden Preis. Typische Fragen, die sich an dieser Stelle ergeben, sind etwa:
Sollte eine Lebensverlängerung mit allen Mitteln und Konsequenzen durchgeführt werden?
Und werden neben Prinzipien der medizinischen Wissenschaft Dimensionen wie Würde der Person, Selbstbestimmungsrecht, Gemeinwohl und Individualität überhaupt genügend Beachtung geschenkt?
Diese Fragen spiegeln sich in einer veränderten Einstellung der Menschen zum Tode wieder. War die klassische große Sorge eines jeden Menschen, unvorbereitet und überraschend zu sterben, so überwiegt bei vielen heute die Angst vor einem lange dauernden Leiden, das sinnlos scheint.
Ich möchte herausarbeiten, ob es ethisch vertretbar ist, in allen Fällen alle medizinisch- technischen Möglichkeiten auszuschöpfen und so das Leben eines Menschen zu erhalten. Gibt es Situationen, in denen man einen Menschen sterben lassen darf oder sogar muss?
Wann und unter welchen Umständen darf und soll der Mediziner die Behandlung etwa mit Operationen, intensivmedizinischen Maßnahmen oder Medikamenten einstellen oder beschränken, wenn ein Aufhalten des Sterbens nicht zu erwarten ist?
Es gibt kein Patentrezept zur Sicherung der Menschenrechte in der medizinischen Versorgung. Ziel dieser Arbeit soll sein, den Weg der Entscheidungsfindung für oder gegen passive Sterbehilfe unter ethischen Gesichtspunkten zu beleuchten.
Inhaltsverzeichnis
1. Problemstellung
2. Historischer Wandel im Umgang mit schwerkranken Patienten
3. Die passive Sterbehilfe
3.1 Die infauste Prognose
3.2 Definition passive Sterbehilfe
3.3 Rechtliche Aspekte des ärztlichen Handelns in Zusammenhang mit lebensverlängernden Maßnahmen
3.4 Wirtschaftliche Aspekte
3.5 Problem der Abgrenzung zwischen aktiver, passiver und indirekter Sterbehilfe
4. Beispiel aus der Praxis
5. Die ethische Entscheidungssituation
5.1 Das moralische Dilemma
5.2 Die Entscheidung über Abbruch oder Weiterführung von lebenserhaltenden Maßnahmen
5.2.1 Der mutmaßliche Wille des Patienten ist bekannt
5.2.2 Der Wille des Patienten ist nicht bekannt
5.3 Die ethische Entscheidung des Arztes
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit beleuchtet die ethische Entscheidungsfindung bei der Beendigung oder Nichteinleitung lebenserhaltender Maßnahmen auf Intensivstationen bei Patienten mit infauster Prognose. Ziel ist es, unter ethischen Gesichtspunkten aufzuzeigen, unter welchen Umständen Mediziner medizinische Maßnahmen beschränken oder einstellen dürfen, um den Patienten unnötiges Leiden zu ersparen und die Menschenwürde zu wahren.
- Ethische Konflikte in der Intensivmedizin
- Unterscheidung zwischen aktiver, passiver und indirekter Sterbehilfe
- Die Rolle des Patientenwillens und dessen Ermittlung
- Rechtliche Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns
- Wirtschaftliche Aspekte der modernen Apparatemedizin
Auszug aus dem Buch
4. Beispiel aus der Praxis
Die Frage des Therapieabbruchs stellt sich häufig nach einer Notfallsituation, bei der z. Bsp. ein Mensch wiederbelebt wird, der an einer Krebserkrankung im Endstadium leidet, und dies dem reanimierenden Team vorher nicht bekannt war. Denn in Notfallsituationen, in denen der Wille des Patienten nicht bekannt ist und kein Vertreter kontaktierbar ist, hat der Arzt die medizinisch indizierte Behandlung einzuleiten. Häufig stellt sich die Frage aber auch nach größeren operativen Eingriffen, die im Verlauf starke Komplikationen mit sich bringen oder bei Erkrankungen mit unvorhersehbar schwerem Verlauf:
Der 40- jährige Rudolf Reichenbach wurde von einer Lungenabteilung auf die Intensivstation der Internen Abteilung verlegt. Schon seit einer Woche atmete er nur noch mit Hilfe einer Maschine. Die Ärzte hier galten als Experten für seine Krankheit. Morbus Wegner, eine Fehlsteuerung des Immunsystems, hatte Lunge und Niere bereits schwer geschädigt.
Trotz des Versagens von Lunge, Nieren und Blutgerinnung stand für die Ärzte die Prognose nicht fest. Sie glaubten an eine minimale Chance und machten weiter.Wir wollten alles probieren, um jeden Preis, auch in der Naturwissenschaft hofft man manchmal auf ein Wunder, erinnert sich der behandelnde Oberarzt Thomas Meisl.
Der Patient wurde weiter mit Medikamenten betäubt, weil er sonst permanent gewürgt und sich gegen den Schlauch in seiner Luftröhre gewehrt hätte. Er wurde künstlich ernährt. Weil die Nieren nicht mehr arbeiteten, wurde sein Blut maschinell gereinigt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Problemstellung: Die Arbeit thematisiert die Herausforderungen der modernen Intensivmedizin und den Wunsch vieler Patienten, ein Leiden durch lebensverlängernde Maßnahmen nicht unnötig in die Länge zu ziehen.
2. Historischer Wandel im Umgang mit schwerkranken Patienten: Dieses Kapitel zeichnet die Entwicklung der medizinischen Aufgaben von der Heilung hin zur Lebensverlängerung und den damit verbundenen ethischen Perspektiven nach.
3. Die passive Sterbehilfe: Es erfolgt eine Definition der passiven Sterbehilfe sowie eine Erörterung der infausten Prognose, rechtlicher Rahmenbedingungen, wirtschaftlicher Einflussfaktoren und der Abgrenzung zu anderen Formen der Sterbehilfe.
4. Beispiel aus der Praxis: Anhand einer Fallschilderung werden die Schwierigkeiten der Entscheidungsfindung bei unklarer Prognose und Notfallsituationen auf der Intensivstation veranschaulicht.
5. Die ethische Entscheidungssituation: Das Kapitel analysiert das moralische Dilemma der Mediziner und erläutert Wege zur Entscheidungsfindung bei bekanntem und unbekanntem Patientenwillen.
6. Fazit: Die Arbeit schließt mit der Feststellung, dass keine allgemeingültige Regel existiert und bei Sterbenden stets eine individuelle, ethisch begründete Entscheidung im Behandlungsteam getroffen werden muss.
Schlüsselwörter
Intensivmedizin, passive Sterbehilfe, infauste Prognose, Lebensverlängerung, Patientenwille, Medizinethik, Therapieabbruch, Behandlungsverzicht, Menschenwürde, ärztliches Handeln, Apparatemedizin, Patientenverfügung, moralisches Dilemma, Sterbeprozess, Leidensminderung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der ethischen Problematik des Therapieabbruchs oder -verzichts bei Patienten mit infauster (ungünstiger) Prognose auf Intensivstationen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die Abgrenzung von Sterbehilfeformen, die Bedeutung des Patientenwillens, ethische Entscheidungshilfen für Ärzte sowie der Einfluss von Apparatemedizin auf das Lebensende.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, den Weg der Entscheidungsfindung für oder gegen passive Sterbehilfe unter ethischen Gesichtspunkten zu beleuchten und Kriterien für ein würdiges Sterben zu definieren.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine theoretische Auseinandersetzung mit ethischen Positionen, rechtlichen Grundsätzen sowie die Analyse von Fallbeispielen und statistischen Einstellungsuntersuchungen unter Medizinern.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine begriffliche und rechtliche Einordnung der Sterbehilfe, wirtschaftliche Aspekte, die Darstellung eines Praxisbeispiels sowie eine tiefgehende ethische Analyse der Entscheidungssituation bei bekanntem oder unbekanntem Patientenwillen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Intensivmedizin, Patientenwille, Medizinethik, infauste Prognose und passive Sterbehilfe charakterisiert.
Warum ist die Entscheidung auf Intensivstationen oft besonders schwierig?
Weil der Einsatz moderner Apparatemedizin die natürliche Grenze des Sterbens verschiebt und Mediziner oft vor einem moralischen Dilemma stehen, wenn lebensverlängernde Maßnahmen das Sterben eher hinauszögern als die Heilung fördern.
Welche Rolle spielen Angehörige bei der Entscheidungsfindung?
Angehörige fungieren häufig als Auskunftspersonen für den mutmaßlichen Willen des Patienten, sollten jedoch nicht mit der Last der letztendlichen Verantwortung für den Therapieabbruch belastet werden.
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- Saskia Horn (Author), 2009, Lebensverlängernde Maßnahmen bei Sterbenden und Patienten mit infauster Prognose auf der Intensivstation, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/145155