Die Erzählung "Marlenes Schwester" von Botho Strauß hinterlässt bei den Leserinnen und Lesern ein beunruhigendes und verwirrendes Gefühl der Unsicherheit, der Schwebe zwischen Wahn, Fantasie und Wirklichkeit. Die gewohnten raum-zeitlichen Strukturen können den Handlungsgang der Erzählung nicht fassen. Logisch aus dem Text erklärbare Ergebnisse einer Analyse sind nicht mit der Lebensrealität in Einklang zu bringen.
Botho Strauß scheint hier "den Gang und die Gesetze der vernünftig denkenden Vernunft aufzuheben", wie dies Friedrich Schlegel "als Anfang aller Poesie" fordert.
Allein aufgrund dieses Gedankens von einer Affinität zu frühromantischen Poetikkonzeptionen zu sprechen, wäre wohl noch unangemessen. Allerdings werden die strukturell-formalen Merkmale von einigen auffälligen motivischen Elementen der Frühromantik begleitet, so dass es meines Erachtens insgesamt Wert scheint, den Text auf frühromantische Strukturen und Merkmale hin näher zu untersuchen.
In einem ersten Teil der Arbeit werden kurz die wesentlichen und für diese Untersuchung relevanten Merkmale der frühromantischen Poetikkonzeption von Friedrich Schlegel dargestellt. Die Textanalyse der Erzählung "Marlenes Schwester" erfolgt in einem zweiten Teil, wobei ich zunächst ausführlich die strukturellen Merkmale untersuchen werde, um dann die inhaltlich-motivischen Elemente darzustellen. Diese Textanalyse soll deutlich machen, welche frühromantischen Merkmale und Elemente in der Erzählung "Marlenes Schwester" auftreten. Die daraus entstehenden Ergebnisse und Besonderheiten werde ich anschließend in einzelnen Schritten zu den frühromantischen Merkmalen und Elementen in Beziehung setzen, um somit zu klären, auf welche Weise Botho Strauß mit diesen arbeitet.
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung
I. Frühromantische Poetikkonzeption von Friedrich Schlegel
1. Frühromantische Situation und Schlegels Forderungen an eine frühromantische Dichtung
2. Gestaltungsformen der frühromantischen Dichtung
2.1 Arabeske
2. 2 Fragment
2. 3 Roman
3. Gestaltungsprinzipien der frühromantischen Dichtung
3. 1 Romantische Ironie
3. 2 Allegorie
II. Textanalyse - Botho Strauß: Marlenes Schwester
1. Strukturelle Untersuchung
1. 1 Erzählebenen und Zeitstruktur
1. 2 Erzählinstanz / Erzählperspektiven
2. Motivisch-inhaltliche Untersuchung
2. 1 Vampirismus
2. 2 Reflexion
2. 3 Grenzzustände Traum und Schlaf
III. Interpretation der Ergebnisse der Textanalyse und Vergleich mit den frühromantischen Merkmalen und Motiven
1. Interpretation und Vergleich der strukturellen Merkmale
2. Interpretation und Vergleich der inhaltlich-motivischen Elemente
IV. Abschluß und Ausblick
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Erzählung "Marlenes Schwester" von Botho Strauß im Hinblick auf deren frühromantische Strukturen und Motive, wobei insbesondere die Poetikkonzeption von Friedrich Schlegel als theoretischer Maßstab dient. Das Ziel ist es, die Verknüpfung von strukturellen Brüchen und inhaltlichen Elementen wie Vampirismus und Reflexion zu analysieren, um aufzuzeigen, wie Strauß diese frühromantischen Versatzstücke in einer Erzählung von 1975 verwendet, um die Auflösung des modernen Subjekts darzustellen.
- Analyse der frühromantischen Poetikkonzeption nach Friedrich Schlegel
- Untersuchung der strukturellen Verschachtelungen und Zeitbrüche im Text
- Analyse der inhaltlich-motivischen Elemente (Vampirismus, Reflexion, Traum/Schlaf)
- Vergleich der identifizierten Elemente mit den frühromantischen Idealen
- Kritische Bewertung der Wirkung frühromantischer Elemente bei Botho Strauß
Auszug aus dem Buch
1. 1 Erzählebenen und Zeitstruktur
Die Erzählung setzt mit auktorialer Erzählperspektive auf einer fiktiven Realitätsebene E 1 ein, die ich als Rahmen- oder Haupthandlung bezeichne. Hier tritt die Hauptfigur des Textes auf: Marlenes Schwester, 38 Jahre alt, ehemals Deutschlehrerin, die zurückgezogen in einer Landkommune bei Aschaffenburg lebt (9/10).
Die Chronologie der Handlungen kann nicht mit Sicherheit festgelegt werden. So wird Marlenes Schwester zu Anfang des Textes als vollkommen mittellos dargestellt: Im übrigen hatte sie jetzt kein Geld mehr, nicht einen Pfennig (10). Zusammen mit einer weiteren Textstelle - Sie aber schüttelte ihre Börse aus, schob ihr letztes Geld von sich weg [...] (27) - kann diese Textstelle Indiz dafür sein, daß Marlenes Schwester nach ihrer Fahrt nach Basel, für die sie ja noch Geld benötigt, nach Aschaffenburg in die Landkommune zurückkehrt. Daraus wäre für die Rahmenhandlung zu schließen, daß alle Ereignisse, auch die aufgezeichneten Gedankengänge von Marlenes Schwester, zeitlich sowohl nach der Frankreichreise als auch nach dem Aufenthalt in Basel liegen und daß Marlenes Schwester somit nicht in die geplante Gemeinschaft (41/42) integriert worden ist.
Zusammenfassung der Kapitel
0. Einleitung: Die Einleitung führt in die beunruhigende Atmosphäre der Erzählung ein und formuliert die Forschungsabsicht, den Text auf frühromantische Strukturen hin zu untersuchen.
I. Frühromantische Poetikkonzeption von Friedrich Schlegel: Dieses Kapitel erläutert Schlegels Forderungen an die moderne Dichtung, seine Gattungsbegriffe und Gestaltungsprinzipien wie Ironie und Allegorie.
II. Textanalyse - Botho Strauß: Marlenes Schwester: Hier findet die detaillierte Untersuchung der Erzählstruktur, der Zeitstruktur sowie der zentralen Motive wie Vampirismus und Reflexion in Strauß' Erzählung statt.
III. Interpretation der Ergebnisse der Textanalyse und Vergleich mit den frühromantischen Merkmalen und Motiven: In diesem Teil werden die Analyseergebnisse mit den frühromantischen Konzepten abgeglichen, wobei insbesondere die Unterschiede in der Welt- und Subjektsicht herausgearbeitet werden.
IV. Abschluß und Ausblick: Das Fazit stellt fest, dass Strauß zwar frühromantische Elemente nutzt, diese aber in einen Kontext der Ich-Auflösung und der gesellschaftlichen Vernunftkritik stellt.
Schlüsselwörter
Botho Strauß, Marlenes Schwester, Frühromantik, Friedrich Schlegel, Poetikkonzeption, Erzählstruktur, Vampirismus, Reflexion, Ich-Auflösung, Subjektivität, Roman, Arabeske, Fragment, Literaturanalyse, Postmoderne.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Erzählung "Marlenes Schwester" von Botho Strauß auf ihre Affinitäten zur frühromantischen Literatur und deren Poetikkonzeption.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Konzepte Friedrich Schlegels zur frühromantischen Dichtung sowie deren Anwendung und Transformation im Text von Botho Strauß.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es zu klären, welche frühromantischen Merkmale und Motive in der Erzählung auftreten und wie Botho Strauß diese zur Darstellung der Subjekt-Auflösung nutzt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine strukturierte Textanalyse und vergleicht die Ergebnisse mit den theoretischen Vorgaben der frühromantischen Poetik.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine strukturtheoretische Untersuchung (Erzählebenen, Zeitstruktur) und eine motivisch-inhaltliche Untersuchung (Vampirismus, Reflexion, Traum).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den zentralen Begriffen zählen Botho Strauß, Frühromantik, Friedrich Schlegel, Subjekt-Auflösung, Poetikkonzeption und Motivik.
Welche Rolle spielt der Vampirismus in der Erzählung?
Der Vampirismus fungiert als zentrales Motiv, das sowohl explizit als Binnengeschichte als auch implizit in der Beziehungsabhängigkeit der Schwestern auftritt.
Warum kommt die Arbeit zum Schluss, dass es sich um "schwarze Romantik" handelt?
Weil die erhoffte Synthese von Vernunft und Phantasie scheitert und das Subjekt durch die Wiederkehr des Unbewussten zur Auflösung getrieben wird.
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- M.A. Sabine Lommatzsch (Author), 1996, Botho Strauß, "Marlenes Schwester". Auftreten und Wirkung frühromantischer Elemente in einer Erzählung von 1975., Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/14523