Ziel dieser Arbeit soll es sein, eine relativierende und möglichst objektive Betrachtung des lutherischen Sprachphänomens anzustreben, ohne die sprachgeschichtliche Leistung Luthers zu schmälern. Denn ohne Zweifel haben Luthers Schriften und Bibelübersetzungen wesentlich zur Verbreitung und Durchsetzung einer allgemeinen deutschen Hochsprache beigetragen. Wie Luther besonders durch seine Bibelübersetzung als entscheidende und größte Sprachleistung die Standardisierung der deutschen Sprache vorangetrieben hat, soll im Folgenden näher erläutert werden. Eine wichtige Rolle werden dabei Voraussetzungen spielen, ohne die Luthers Schriften nicht gleichermaßen hätten wirken können. Es sollen sowohl äußere Voraussetzungen wie beispielsweise der Buchdruck angesprochen werden; aber auch die inneren Voraussetzungen, diejenigen, die Luther selbst mit sich brachte. Um die Besonderheiten der Sprache Luthers aufzuzeigen, die in den folgenden Ausführungen als Sprachvorgaben bezeichnet werden, soll anschließend auf bestimmte Sprachaspekte – die für Luther charakteristisch sind – der Lexik und Orthographie eingegangen werden.
„Er war ein trefflicher, gewaltiger Redener. Item ein überaus gewaltiger Dolmetzscher der gantzen Bibel. Es haben auch die Cantzleien zum teil von im gelernet recht deudsch schreiben und reden, denn er hat die Deudsche sprach wider recht herfür gebracht, das man nu wider kann recht deudsch reden und schreiben und wie das viel hoher leut mussen zeugen und bekennen.“ Justus Jonas charakterisierte mit diesen wenigen Zeilen Luthers Bedeutung und sprachgeschichtliche Errungenschaften aufs Trefflichste. Der enge Freund Martin Luthers sprach anlässlich der Beisetzung des Reformators im Jahre 1546 aus, was später Gegenstand zahlreicher Disputationen wird: Luthers Rolle in der deutschen Sprachgeschichte. Dabei lassen sich in der Forschungsliteratur zwei grundlegende Theorien verfolgen: Luther als Schöpfer der neuhochdeutschen Schriftsprache und Luther, der den Pöbel-Jargon heraufbeschwor, so dass eine hohe Sprachkultur nicht verwirklicht werden konnte.
Inhaltsverzeichnis
1. Zur Begründung der Thematik
2. Sprachgeschichtliche Vorbetrachtungen zum 16. Jahrhundert
3. Luther und die Entstehung des Neuhochdeutschen
3.1 Voraussetzungen
3.1 Die Lutherbibel als Durchbruch regionaler Sprachschranken
3.2 Sprachvorgaben Luthers
3.2.1 Lexik
3.2.2 Orthographie
4 . Schlussbetrachtung
Zielsetzung und Themen
Ziel dieser Arbeit ist eine relativierende und objektive Untersuchung der Rolle Martin Luthers bei der Entwicklung und Standardisierung der neuhochdeutschen Schriftsprache, ohne dabei seinen Einfluss zu schmälern oder ihn einseitig als alleinigen Schöpfer zu stilisieren.
- Die sprachliche Ausgangssituation im 16. Jahrhundert
- Die wegweisende Bedeutung der Lutherbibel
- Äußere und innere Voraussetzungen für den sprachlichen Erfolg
- Luthers kreativer Umgang mit Lexik und Wortneubildungen
- Die Entwicklung von Luthers Rechtschreibprinzipien
Auszug aus dem Buch
3.1 Die Lutherbibel als Durchbruch regionaler Sprachschranken
Wie bereits erwähnt, trieb die lutherische Bibelübersetzung die Entwicklung der deutschen Sprache zu einer Standardsprache entscheidend voran, weshalb sie in dieser Arbeit Vorrang erhalten soll. Es ist, so kann man sagen, sein größtes künstlerisches und sprachschöpferisches Werk, das durch seine Allgemeinverständlichkeit in der Bevölkerung hohen Zuspruch fand und zweifelsohne die räumlichen Barrieren der deutschen Sprache zunehmend überwinden konnte. Es war nicht die einzige Bibelübersetzung zu Luthers Zeit, aber die erfolgreichste und vielleicht ist es auch das wichtigste Dokument der deutschen Sprachgeschichte, das an Anschaulichkeit und Volkstümlichkeit andere vorreformatorische deutsche Bibelübersetzungen überragte.
Luther begann die Bibelübersetzung zur Zeit seines Zwangs- und Schutzaufenthaltes auf der Wartburg im Dezember des Jahres 1521. Bereits 1522 erschien das Neue Testament (als so genanntes Septembertestament), das er nur in elf Wochen aus dem Griechischen ins Deutsche übersetzte. In dessen Vorrede vermerkte Luther, dass „disse deutsche Bibel, liechter und gewisser ist an vielen ortten denn die latinische, das es war ist, wo die drucker mit yhrem vnvleys (wie sie pflegen) nicht verderben, hat gewisslich hie die deutsche sprach eyn bessere Bibel denn die latinische sprache, des beruff ich mich auff die leser.“
Hier wird der Zweck Luthers Übersetzungstätigkeit deutlich: eine leicht verständliche Bibel, jedem Bürger zugänglich. Luther war davon überzeugt, dass der religiöse Sinn nicht an den Worten und die lateinische Sprache gebunden war, so dass er die Motivation fand, die Bibel in seine Muttersprache zu übersetzen und sich nicht verpflichtet gegenüber tradierten Übersetzungsformen fühlte, sondern frei in Wortwahl, Satzbau oder Bildlichkeit. So schreibt er, „das nicht der sinn den worten / sondern die wort / dem sinn dienen vnd folgen sollen.“ Damit unterstützte er die Anerkennung einer Volkssprache als Bibelsprache gegenüber dem Lateinischen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Zur Begründung der Thematik: Einführung in die Forschungsdebatte über Luthers sprachliche Rolle und Festlegung des Ziels, seine Leistung differenziert zu betrachten.
2. Sprachgeschichtliche Vorbetrachtungen zum 16. Jahrhundert: Beschreibung der dialektalen Zersplitterung und der Dominanz des Lateinischen als Ausgangslage für die durch die Reformation ausgelösten sprachlichen Veränderungen.
3. Luther und die Entstehung des Neuhochdeutschen: Analyse von Luthers Antrieb zur Normierung einer Hochsprache und Herausarbeitung der Faktoren, die diesen Prozess begünstigten.
3.1 Voraussetzungen: Untersuchung der gesellschaftlichen Bedingungen und technischen Möglichkeiten wie des Buchdrucks, die Luthers Wirken erst ermöglichten.
3.1 Die Lutherbibel als Durchbruch regionaler Sprachschranken: Darstellung der Bibelübersetzung als maßgebliches Werk, das durch Allgemeinverständlichkeit zum zentralen Dokument der deutschen Sprachgeschichte wurde.
3.2 Sprachvorgaben Luthers: Erörterung der Frage, inwiefern Luther aktiv Sprachvorgaben machte oder eher ein gegebenes Sprachmaterial kreativ nutzte.
3.2.1 Lexik: Untersuchung der Wortschatzprägung durch Luthers Bibelübersetzung, inklusive Wortneubildungen und Bedeutungswandel.
3.2.2 Orthographie: Analyse der Entwicklung von Luthers Rechtschreibprinzipien und seines Einflusses auf die Vereinheitlichung der deutschen Schreibung.
4 . Schlussbetrachtung: Fazit über Luthers Rolle als Beschleuniger der Sprachentwicklung in einem wechselseitigen Wirkungsgefüge zwischen Theologie, Bibelübersetzung und Gesellschaft.
Schlüsselwörter
Martin Luther, Neuhochdeutsch, Bibelübersetzung, Sprachgeschichte, Schriftsprache, Reformation, Sprachstandardisierung, Mitteldeutsch, Lexik, Orthographie, Sprachnorm, Volkssprache, Buchdruck, Sprachwandel, Sprachbewusstsein
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Beitrag Martin Luthers zur Entstehung und Standardisierung der deutschen Schriftsprache anhand seiner Bibelübersetzungen und Schriften.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die sprachlichen Voraussetzungen des 16. Jahrhunderts, die Rolle des Buchdrucks, Luthers lexikalische Innovationen und die Entwicklung orthographischer Standards.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist eine objektive Bewertung der Rolle Luthers als Antriebsfaktor für die deutsche Hochsprache, fernab der einseitigen Legende, er sei der alleinige Schöpfer der deutschen Sprache.
Welche wissenschaftliche Methodik wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturgestützte Analyse sprachgeschichtlicher Forschung, um Luthers Wirken in den historischen Kontext seiner Zeit einzuordnen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich den äußeren Voraussetzungen wie dem Buchdruck, der Bedeutung der Lutherbibel als Überwinder von Sprachschranken sowie Luthers speziellem Vorgehen bei Wortschatz und Rechtschreibung.
Welche Begriffe charakterisieren diese Arbeit am besten?
Schlüsselbegriffe sind vor allem Neuhochdeutsch, Sprachstandardisierung, Lutherbibel, Sprachwandel und Reformationszeit.
Inwiefern beeinflusste die Technik des Buchdrucks Luthers Erfolg?
Der Buchdruck ermöglichte die massenhafte Verbreitung der Werke, was wiederum zu einem verstärkten Bedürfnis nach vereinheitlichten Schreibweisen und einer überregionalen Schriftsprache führte.
Warum lehnte Luther eine wortgetreue Übersetzung ab?
Luther wollte, dass der religiöse Sinn für jeden Menschen verständlich bleibt, weshalb er sich von den starren Traditionen der lateinischen Übersetzung löste und eine volksnahe, anschauliche Sprache wählte.
Gibt es eine „Luthersprache“ im strengen Sinne?
Die Arbeit gelangt zu dem Schluss, dass es keine isolierte „Luthersprache“ gibt; vielmehr nutzte Luther das vorhandene ostmitteldeutsche Sprachmaterial kreativ und effizient.
Was passierte mit den in der Bibel genutzten Glossaren?
Die Glossare, die anfangs zum Verständnis schwieriger Begriffe dienten, verschwanden nach wenigen Jahrzehnten weitgehend, da sich durch Luthers Werk nach und nach ein gemeinsamer, überregionaler Wortschatz etablierte.
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- Susanne von Pappritz (Autor:in), 2006, Die Bedeutung Martin Luthers für die Geschichte der deutschen Sprache, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1453589