Schreibt man über die österreichische Schriftstellerin Ingeborg Bachmann, so sieht man sich im Zuge der eigenen Recherchearbeit unmittelbar in Konfrontation mit dem scheinbar allgemein gültigen Konsens hinsichtlich der bedeutenden Präsenz ihres lyrischen Schaffens innerhalb der Literaturgeschichte. Wenn ihr eine bedeutungsvolle Position im Reigen einflussreicher deutscher Nachkriegsliteratur gewährt wird, dann diejenige als Lyrikerin Ingeborg Bachmann. Nach wie vor wird Bachmanns essayistisches Œuvre überwiegend in der literaturwissenschaftlichen Forschung lediglich gestreift oder ganz übergangen. Doch keineswegs steht die Bachmann’sche Essayistik, die in einem, wenn auch überschaubaren, so doch richtungsweisenden, qualitativ anspruchsvollen Umfang besteht, der gemeinhin anerkannter Essayisten nach. Schwerpunkt und somit Thema dieser Arbeit soll es sein, dass essayistische Schaffen Bachmanns näher zu untersuchen, unter dem Gesichtspunkt der Vernachlässigung ihrer essayistischen Schreibarbeit – dem Schattendasein, das es führt – entgegenzuwirken. Als Grundlage dafür sollen nach einer kurzen Einführung in Bachmanns essayistisches Werk ihre Frankfurter Poetik-Vorlesungen der Jahre 1959/60 betitelt mit „Fragen zeitgenössischer Dichtung“ dienen, die als erste Annäherung an den Themenkomplex hinsichtlich ihrer Geltungskraft als essayistisch auf Grundlage des theoretischen Essayverständnisses von Adorno im Hinblick auf seinen programmatischen Essay „Der Essay als Form“ geprüft werden sollen. Dabei wird sich diese Arbeit aus Gründen der thematischen Relevanz auf die erste und letzte Vorlesung des Vorlesungszykluses konzentrieren. Im Anschluss daran wird dargelegt werden, dass Bachmanns Poetik-Vorlesungen durch den Vollzug poetologischer Selbstreflexion als essayistische Literaturtheorie begriffen werden können. In ihnen geht sie existentiellen „Fragen und Scheinfragen“ die Literatur betreffend nach, spricht „Über Gedichte“, „Das schreibende Ich“, über den „Umgang mit Namen“ und in ihrer letzten Vorlesung zur „Literatur als Utopie“ in Auseinandersetzung mit Musil – immer in Hinblick darauf, keine verbindlichen Antworten geben zu wollen, sondern problematische Fragen die Literatur betreffend als „Problemkonstanten“ im Rahmen ihrer von Subjektivität geprägten Sicht durch die Eingebundenheit in die eigene Erfahrungs- und Zeitgeschichte aufzuzeigen.
Inhaltsverzeichnis
1. Begründung der Thematik
2. Das essayistische Œuvre Ingeborg Bachmanns
3. Die Frankfurter Vorlesungen – „Fragen zeitgenössischer Dichtung“
3.1 Essayistische Denk- und Schreibweise
3.2 Poetologische Selbstreflexion als essayistische Literaturtheorie
3.3 Sprach- und Utopiekonzeption
3.3.1 Sprachkrise, Sprachskepsis und Sprachhoffnung
3.3.2 Literatur als Utopie – das Richtungnehmen
4. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das vernachlässigte essayistische Schaffen von Ingeborg Bachmann, insbesondere ihre Frankfurter Poetik-Vorlesungen „Fragen zeitgenössischer Dichtung“, und analysiert deren essayistische Struktur sowie deren Bezug zum Adorno-schen Essay-Verständnis im Hinblick auf eine literarische Utopie-Konzeption.
- Analyse der essayistischen Denk- und Schreibweise in Bachmanns Vorlesungen.
- Untersuchung der poetologischen Selbstreflexion als Form der Literaturtheorie.
- Erforschung von Sprachkrise, Sprachskepsis und Sprachhoffnung im Kontext der Nachkriegszeit.
- Darstellung der Literatur als Utopie und Prozess des „Richtungsnehmens“.
- Gegenüberstellung von systematischer Literaturtheorie und essayistischem „Versuch“.
Auszug aus dem Buch
3.1 Essayistische Denk- und Schreibweise
So wie schon andeutungsweise deutlich gemacht wurde, wagte Bachmann eingekleidet in die Form der eigentlich wissenschaftlichen Vorlesung einen „Versuch“ (I/7), wie ihn auch der Gründervater Michel de Montaigne der „Essais“ als Versuche nicht anders verstand. Und als wären beide Autoren nicht nahezu ein halbes Jahrtausend in ihrem Dasein voneinander entfernt, scheinen sie sich, was das essayistische ihrer Denk- und Schreibweise betrifft, einander zu gleichen. So gilt Montaigne als Leitspruch seiner essayistischen Arbeit: „Wer auf gelehrtes Wissen aus ist, möge da angeln, wo es sich findet – es gibt nichts, was ich weniger wollte“13. Ein Ansatz ganz ähnlich dem Bachmann’schen Anliegen in ihrer Vorlesung nicht wissenschaftlich-theoretische Dinge lehren zu wollen, sondern etwas zu erwecken. Beide Persönlichkeiten stellen den individuellen Blick, der der Essayistik meist einen „biographischen Zug“14 verleiht, das Subjektive ihrer Erkenntnisvermittlung, in den Vordergrund, so dass die Annahme, man habe es bei Bachmanns Poetik-Vorlesungen mit Essayistik zu tun, unzweifelbar nahe liegt.
Doch was hier im Allgemeinen besprochen wurde, soll in den folgenden Ausführungen hinsichtlich Adornos Essayverständnis15 unter fragmentarischer Bezugnahme zu anderen aktuellen Essayauffassungen im Einzelnen nachgewiesen werden. Adorno wurde für dieses Vorhaben aufgrund seiner gemeinhin anerkannten und damit immer noch gegenwärtigen Essayauffassung und seiner zeitgeschichtlichen, wie auch freundschaftlichen Kollegialität zu Bachmann ausgewählt.16
Allein die schlichte Anrede „Meine Damen und Herren“ (I/6) Bachmanns an ihr studentisches Publikum mag als vorlesungstypisch und damit a-essayistisch gelten. Doch bereits in wenigen Sätzen vermag sie die Zuhörerschaft in Bezug auf ihre Erwartungen zu desillusionieren. Nicht beginnend mit dem Anfang, d. h. ihrem Dasein, ihrer Rolle als Dichterin und Dozentin, hinterfragt sie das, was sie zu tun vorhat, nämlich über „zeitgenössische Dichtung“ zu sprechen, denn „alles, was über die Werke gesagt wird, ist schwächer als die Werke.“ (I/6) Sie „fängt nicht mit Adam und Eva an, sondern mit dem, worüber [sie zu reden gewillt ist].“17 Sie stellt das Problem, den „Konflikt“ (A/10), den Adorno als immanent für den Essay wertet, direkt in den Vordergrund ihrer Überlegungen, nämlich dass keine verbindlichen Antworten gegeben werden können, wo selbst die Fragen nicht greifbar sind: „Sollten denn hier Fragen behandelt werden, die schon gestellt sind, welche übrigens, und wo gestellt und von wem?“ Und weiter: „Oder sollen gar Antworten gegeben werden? Kennen Sie denn die Autoritäten, glauben Sie denn an solche, die die Fragen austeilen und Antworten liefern?“ (I/7)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Begründung der Thematik: Die Einleitung beleuchtet die Unterrepräsentation von Bachmanns Essayistik in der Forschung und definiert den Fokus auf die Frankfurter Poetik-Vorlesungen.
2. Das essayistische Œuvre Ingeborg Bachmanns: Dieses Kapitel verortet Bachmann als Essayistin und diskutiert die Vielseitigkeit ihres Werkes im Spannungsfeld zwischen Lyrik, Prosa und philosophischer Reflexion.
3. Die Frankfurter Vorlesungen – „Fragen zeitgenössischer Dichtung“: Hier wird der essayistische Charakter dieser Vorlesungen theoretisch hergeleitet und ihre methodische Abgrenzung zur universitären Lehre diskutiert.
3.1 Essayistische Denk- und Schreibweise: Der Abschnitt vergleicht Bachmanns „Versuch“-Struktur mit Montaigne und Adorno, um ihre anti-systematische Vorlesungsweise zu explizieren.
3.2 Poetologische Selbstreflexion als essayistische Literaturtheorie: Es wird analysiert, wie Bachmann ihre Poetik durch subjektive Erfahrung und ständige Selbstreflexion legitimiert.
3.3 Sprach- und Utopiekonzeption: Das Kapitel verknüpft Bachmanns Sprachverständnis mit der Utopie als Motor für notwendige Erneuerungsprozesse in der Literatur.
3.3.1 Sprachkrise, Sprachskepsis und Sprachhoffnung: Die Analyse konzentriert sich auf die Konfrontation mit der Sprache nach 1945 und Bachmanns Antwort darauf durch eine „neue Gangart“.
3.3.2 Literatur als Utopie – das Richtungnehmen: Dieses Kapitel arbeitet heraus, warum Literatur für Bachmann kein abgeschlossenes Ziel ist, sondern ein utopischer Prozess des „Richtungsnehmens“.
4. Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst die Bedeutung von Bachmanns essayistischem Verfahren als eine Art therapeutischen und erkenntniskritischen Akt zusammen.
Schlüsselwörter
Ingeborg Bachmann, Essayistik, Poetik-Vorlesungen, Frankfurter Vorlesungen, Literaturtheorie, Sprachkrise, Utopie, Sprachhoffnung, Adorno, Montaigne, Subjektivität, Problemkonstanten, Zeitgenössische Dichtung, Literatur als Utopie, Erfahrung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das essayistische Werk von Ingeborg Bachmann mit einem Schwerpunkt auf ihren Frankfurter Poetik-Vorlesungen aus den Jahren 1959/60 und ordnet diese in den literaturtheoretischen Kontext ein.
Welche zentralen Themenfelder werden in den Vorlesungen behandelt?
Zentrale Themen sind die Sprachkrise nach dem Zweiten Weltkrieg, das Verhältnis von Literatur und Wirklichkeit, die Rolle des Autors sowie die Konzeption von Literatur als utopisches Potential.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Bachmanns Essayistik aus ihrem Schattendasein in der Forschung zu heben und aufzuzeigen, wie sie durch poetologische Selbstreflexion eine essayistische Literaturtheorie entwirft.
Welche theoretische Methode wird zur Analyse herangezogen?
Die Arbeit stützt sich primär auf Theodor W. Adornos Essay-Verständnis („Der Essay als Form“), um Bachmanns „unmethodische“ und anti-systematische Arbeitsweise wissenschaftlich zu begründen.
Welche Kerninhalte werden im Hauptteil diskutiert?
Im Hauptteil wird Bachmanns essayistische Denk- und Schreibweise analysiert, ihr Konzept der poetologischen Selbstreflexion erörtert und ihre spezifische Sprach- und Utopiekonzeption detailliert untersucht.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Sprachkrise, Schreibhoffnung, Utopie als Richtungnehmen, poetologische Selbstreflexion und das essayistische „Experiment“.
Warum lehnte Bachmann eine systematische Literaturtheorie ab?
Weil eine solche Systematik der „Lebendigkeit“ der Literatur sowie ihrer notwendigen Offenheit entgegenstehen würde, was Bachmann durch ihr essayistisches „Hinterfragen“ statt „Lehren“ unterstreicht.
Was bedeutet für Bachmann der Begriff „Literatur als Utopie“?
Es geht nicht um das Erreichen eines Zielpunktes, sondern um eine Richtung, die durch Texte ein „neues Bewusstsein“ fördert und somit die Veränderung der Welt als Möglichkeit im menschlichen Denken verankert.
- Arbeit zitieren
- Susanne von Pappritz (Autor:in), 2009, "Problemkonstanten". Die Essayistik Ingeborg Bachmanns, dargestellt anhand der Frankfurter Vorlesungen "Fragen zeitgenössischer Dichtung", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1453803