ECVET und EQF als Instrumente zur Förderung beruflicher Mobilität und Durchlässigkeit zwischen Berufsbildungssystemen in den Ländern der OECD


Hausarbeit, 2009

32 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Problemstellung

2 Europäische Bildungspolitik
2.1 Bildungspolitische Herausforderungen in Europa
2.2 Zielsetzungen der europäischen Bildungspolitik

3 Der Europäische Qualifikationsrahmen (EQR)
3.1 Grundlagen für die Entwicklung des EQR
3.2 Struktur und Aufbau des EQR

4 Das Europäische Kreditsystem für die Berufsbildung (ECVET)
4.1 Grundlagen für die Entwicklung des ECVET
4.2 Struktur und Aufbau des ECVET

5 Berufliche Mobilität und Durchlässigkeit durch EQR und ECVET

6 Resümee

Literaturverzeichnis

Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abb. Nr. 1: Deskriptoren zur Beschreibung des Europäischen Qualifikationsrahmens (EQR)

Abb. Nr. 2: Funktionsweise des EQF

Abb. Nr. 3: Lerneinheiten im ECVET

Abb. Nr. 4: Einheiten von Lernergebnissen und ECVET- Punkte (Beispiel)

Abb. Nr. 5: Anwendung des ECVET zur Abrechnung und Akkumulierung von Lernergebnissen

Abb. Nr. 6: EQR und ECVET für Transparenz und Übertragbarkeit von Lernergebnissen (Beispiel)

1 Problemstellung

Zur Zeit qualifizieren sich rund die Hälfte der Bevölkerung in Europa durch Berufsbildung. Die Europäische Union hat sich in Verbindung mit ihren Mitgliedsstaaten vorgenommen, die allgemeine und berufliche Bildung an die raschen Veränderungen der Arbeitsmärkte und der Technologie anzupassen. Die berufliche Bildung soll ein unverzichtbarer Teil des lebenslangen Lernens werden und es den Menschen ermöglichen, ihre Qualifikationen ständig anzupassen und weiterzuentwickeln. Qualifikationen bedeuten Chancen, Chancengleichheit und Fortschritt. Für die Menschen ergeben sich hierdurch bessere Beschäftigungsmöglichkeiten und für Unternehmen Wettbewerbsvorteile (CEDEFOP, 2009, S. 1).

Neben einer Reihe von Leistungsdefiziten innerhalb der nationalen Bildungssysteme wie beispielsweise die zu geringe Zahl an Hochschulabsolventen oder die zu gerin- gen Investitionen in die Humanressourcen sowie die Überalterung der Lehrer und die große Zahl an Schulabbrechern steht die wechselseitige Abschottung der Be- rufsbildungssysteme der europäischen Staaten und die Intransparenz der berufli- chen Bildungsabschlüsse in Europa im Mittelpunkt der momentanen Diskussion. Sie steht dem Ziel des lebenslangen Lernens entgegen, verhindert die Mobilität von Lernenden und gilt als besonderes Wachstumshindernis (Severing, 2005, S. 2-3). In der Studie „ECVET reflector“ wird der Mobilität der Lernenden eine entscheidende Bedeutung bei der wirtschaftlichen und sozialen Einheit Europas beugemessen. Zudem kommt sie zu der Annahme, dass durch zunehmende grenzüberschreitende Erfahrungen eine europäische Identität gefördert wird. Die berufliche Erstausbildung könnte der erste Schritt sein, in dem solche Erfahrungen gesammelt werden. Die bestehenden Möglichkeiten wie beispielsweise das Leonardo Da Vinci Programm bilden zur Zeit nur eine Randerscheinung (Fietz, Le Mouillour & Reglin, o.D., S. 4). Während die Entwicklung von Systemen, die dies fördern sollen im Bereich der Hochschulen mit einem europäischen Leistungspunktesystem und der weitgehen- den Vereinheitlichung auf Master- und Bachelorabschlüsse weit vorangeschritten ist, steht der Bereich der beruflichen Bildung noch relativ am Anfang dieser Entwick- lung (Severing, 2005, S. 2-3).

Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, wie die Europäische Union versucht, die Mobilität und Durchlässigkeit der allgemeinen und beruflichen Bildung und damit deren Attraktivität zu fördern. Der Bereich der Hochschulbildung wird dabei vernach- lässigt, da auch im begleitenden Seminar die berufliche Bildung im Mittelpunkt der Betrachtung steht. Die Instrumente EQR/EQF sowie das ECVET stehen dabei im Mittelpunkt der Betrachtung, da sie in den aktuellen Bemühungen der Europäischen Union eine entscheidende Rolle einnehmen.

Zu Beginn der Arbeit werden die Herausforderungen dargestellt, die sich aus einem zusammenwachsenden Europa ergeben. Daran schließen sich allgemeine Zielset- zungen an, die diese Herausforderungen angehen. Im Hauptteil der Arbeit werden die Instrumente EQF und ECVET, mit denen die Europäische Union versucht, die Ziele Durchlässigkeit und Mobilität in den Bildungssysteme zu fördern, vorgestellt Hierzu werden zunächst die Zielsetzungen und Grundlagen sowie der Aufbau und die Struktur der beiden Instrumente beschrieben. Im anschließenden Kapitel soll gezeigt werden, wie EQR und ECVET zur beruflichen Mobilität und zur Durchlässig- keit der Bildungssysteme beitragen können. Im abschließenden Resümee werden die Grundaussagen noch einmal zusammengefasst und Voraussetzungen für eine erfolgreiche Implementierung angesprochen.

2 Europäische Bildungspolitik

2.1 Bildungspolitische Herausforderungen in Europa

Die europäische Bildungspolitik sieht sich einer Reihe von Herausforderungen gegenüber. Im folgendem Abschnitt der Arbeit werden die grundlegenden Dimensionen dieser Herausforderungen dargestellt.

Zukunftsfragen der Berufsbildung werden nicht mehr nur in nationalen Bezügen diskutiert. Die Berufsbildung erhält ihre internationale Dimension nicht alleine durch die politische Integration Europas. Vor allem die internationale Aufstellung von Un- ternehmen führt dazu, dass Arbeitsmärkte und damit auch berufliche Bildung in ei- nem staatenübergreifenden Leistungsvergleich stehen (Severing, 2008, S. 13). Wirtschaftsunternehmen, egal welcher Größe, sind nicht mehr an ihre Heimatregion gebunden, sondern wählen ihre Standorte nach deren Bedingungen für ihren öko- nomischen Erfolg aus. Wettbewerbsvorteile beruhen dabei immer mehr auf Wis- sensvorsprüngen. Materielle Produktionsfaktoren treten immer weiter in den Hinter- grund. Damit werden die nationalen Bildungssysteme zu Standortfaktoren, die die Investitionsentscheidungen von Unternehmen beeinflussen. Historische Entwicklun- gen und kulturelle Eigenheiten der Systeme werden von Unternehmen vorurteilsfrei nach ihrer Zweckmäßigkeit für die Bereitstellung der geforderten Qualifikationen und Kompetenzen bewertet. Noch vor einigen Jahren haben sich die Anforderungen an Qualifikationen und Kompetenzen von Land zu Land unterschieden, da eine starke Differenzierung nationaler Produktivitätsniveaus vorlag. Diese Verhältnisse haben sich auf Grund der europäischen Integration geändert. Nach Eckart Severin können heutzutage gleichartig produktive Produktionsstätten in vielen Ländern errichtet werden. Hieraus ergibt sich eine Vereinheitlichung der Anforderungen der Unter- nehmen an die Qualifikationen ihrer Beschäftigten. Die Tätigkeiten in Unternehmen unterscheiden sich nicht mehr nach dem am jeweiligen Standort vorgefundenen Reservoir an beruflichen Qualifikationen. Die Nachfrage nach beruflichen Qualifika- tionen egalisiert sich in den verschiedenen europäischen Ländern auf hohem Ni- veau. Es kommt zur Nachfrage nach beruflicher Bildung, die sich aus Sicht der Un- ternehmen nicht mehr von Land zu Land unterscheidet. Nationale Unterschiede der Bildungsinhalte gelten nicht als Ausweis von kultureller Vielfalt, sondern als Be- schränkung der Vergleichbarkeit der Arbeitskosten und der Transparenz der Ar- beitsmärkte (Severing, 2005, S. 7-9). Für Unternehmen sind Nachweise über die berufliche Handlungskompetenzen der Arbeitnehmer von entscheidender Bedeu- tung. Die tradierten Abschlüsse nationaler Systeme sind auf Grund der Vielfalt und Intransparenz oft unzureichend und bedürfen einer Übersetzung beziehungsweise eines Maßstabs, an dem sie gemessen werden können und der die berufliche Handlungsfähigkeit widerspiegelt (Severing, 2008, S.14).

Weiterhin ist zu beobachten, dass Europa durch eine rasante technische und wirt- schaftliche Entwicklung sowie eine zunehmende Überalterung geprägt ist. Lebens- langes Lernen ist zu einer unumgehbaren Notwendigkeit geworden. Für die Wett- bewerbsfähigkeit des europäischen Raumes gegenüber den anderen Bildungsräu- men und für den sozialen Zusammenhalt ist es notwendig, dass die Bürgerinnen und Bürger ihre Kenntnisse, Fertigkeiten und Kompetenzen voll einbringen können und diese stets auf dem neuesten Stand halten (Kommission der europäischen Gemeinschaften, 2005, S. 10).

In Europa fallen in vielen Bereichen immer mehr die Mobilitätsbarrieren. Damit kommt auch der internationalen Mobilität von Lernenden eine immer entscheidende- re Rolle zu. Die Europäische Union räumt jedem Bürger das Recht auf Freizügigkeit ein. Das bedeutet u.a., dass jeder Bürger das Recht hat, sich innerhalb der Europäi- schen Union frei zu bewegen und den Beruf seiner Wahl auszuüben. Eine wichtige Voraussetzung für diese Mobilität sind Fremdsprachenkenntnisse. Aber noch wich- tiger ist für die berufliche Mobilität, dass Bildungsabschlüsse transparent sind. Wer in anderen Ländern eine Berufstätigkeit übernehmen möchte, stößt derzeit noch auf Schwierigkeiten. Ausländischen Arbeitnehmern fällt es schwer, den inländischen Arbeitgebern ihre Qualifikationen nachvollziehbar nachzuweisen. Eine einfache Lesbarkeit der Bildungsabschlüsse ist bei vielen Qualifikationen noch nicht erreicht (Zedler, 2006, S. 17-18). Eine weitere Herausforderung stellt die effektive Gestal- tung der Lernwege dar. Hierzu ist es notwendig, Systeme zu schaffen, die es jeder Person ermöglichen, insbesondere im Rahmen von Mobilitätsaufenthalten den ei- genen Lernweg auf Grundlage der bereits erworbenen Lernergebnisse bestmöglich fortzuführen, auch wenn sie von einem Lernkontext in einen anderen wechselt (Kommission der europäischen Gemeinschaften, 2006a, S. 3). Jedoch wird dieses Erfordernis durch die fehlende Kommunikation der Bildungsanbieter erschwert. Dies führt zu Barrieren, die den Bürgerinnen und Bürgern den Zugang zu Aus- und Wei- terbildung versperren oder verhindern, dass Qualifikationen verschiedener Bil- dungsanbieter miteinander kombiniert werden können. Auf diese Weise wird es vie- len Arbeitnehmern erschwert, sich auf dem europäischen Arbeitsmarkt frei zu be- wegen (Kommission der europäischen Gemeinschaften, 2006, S. 2).

Wie gezeigt wurde, stehen mangelnde Mobilitätsmöglichkeiten und die Intransparenz der Systeme der wirtschaftlichen und sozialen Einheit Europas entgegen. Im Folgenden sollen die Zielsetzungen der europäischen Bildungspolitik dargestellt werden, die diese Hindernisse bekämpfen sollen.

2.2 Zielsetzungen der europäischen Bildungspolitik

In der Schaffung eine europäischen Arbeitsmarktes sieht die Europäische Kommis- sion einen wichtigen Ansatz, den im vorangegangenen Kapitel beschriebenen Hin- dernissen entgegen zu wirken. Ein europäischer Arbeitsmarkt soll das bestehenden Erwerbspotential besser nutzen, die bestehenden Barrieren beseitigen und somit effektiver werden. Dabei soll die Sicherstellung wirksamer Förderungen, die Nut- zung der europäischen Arbeitskräfte und insbesondere die Abstimmung von Qualifi- kationsnachfrage und -angebot sowie die Anhebung des Qualifikationsniveaus der gesamten Erwerbsbevölkerung, durch den Prozess des lebenslangen Lernens ver- bessert werden (Sellin, 2001, S. 53-54). Lebenslanges Lernen bedeutet, dass zur Bildung einer Person mehr gehört als das, was an Schulen, Hochschulen und sons- tigen formalen Bildungseinrichtungen vermittelt und zertifiziert wird. Es zählt viel- mehr die gesamte Bandbreite der Kenntnisse, Fähigkeiten und Kompetenzen, die ein Individuum in Laufe seine Lebens erworben hat. Für die Europäische Kommissi- on gehört die Anerkennung aller Formen des Lernens zu den Prioritäten der EU- Maßnahmen für die allgemeine und berufliche Bildung. Der Mensch lernt in ver- schiedenen räumlichen und sachlichen Kontexten. Aus diesem Ansatz ergibt sich, dass es notwendig wird, auch diese Lernprozesse zu ermitteln, zu validieren und zu übertragen (Europäische Kommission, 2008a, S. 1).

Auf europäischer Ebene wird als formales Lernen das Lernen bezeichnet, das übli- cherweise in Einrichtungen der allgemeinen und beruflichen Bildung stattfindet. Es ist zielgerichtet und führt zur Zertifizierung. Nicht formales Lernen ist Lernen, das nicht an Einrichtungen der allgemeinen oder beruflichen Bildung stattfindet und bis- her kaum zu einer Zertifizierung führte. Es ist aus Sicht des Lernenden jedoch inten- tional und weißt strukturelle Lernziele und Lernzeiten auf. Informelles Lernen hinge- gen findet im Alltag, am Arbeitsplatz, im Familienkreis oder an vielen weiteren Orten statt. Normalerweise führt es nicht zur Zertifizierung und findet aus der Sicht des Lernenden meist unbewusst statt (Europäische Kommission, 2008a, S. 1). Die An- erkennung aller Formen des Lernens gilt als weiteres wichtiges Erfordernis, um die Effektivität des europäischen Arbeitsmarktes zu fördern. Hierzu müssen neue Stra- tegien entwickelt werden, die diese Formen des Lernens adäquat validieren können.

Wie schon erwähnt wurde, steigt der Mobilitätswille der Bevölkerung. Für Studieren- de, Auszubildende oder Lernende, die an einem anderen Ort tätig sein wollen, aber auch für Arbeitgeber bedeutet dies, dass bereits erworbene Qualifikationen und Er- fahrungen am neuen Arbeitsort richtig eingeschätzt werden müssen. Zu diesem Zweck wird die Anerkennung und Transparenz erworbener Kompetenzen und Quali- fikationen angestrebt (Dunkel & Le Mouillour, 2008, S. 219). Unter Transparenz von Qualifikationen ist dabei das Maß zu verstehen, mit dem Qualifikationen am Ar- beitsmarkt und in der Aus- und Weiterbildung verglichen werden können. Transpa- renz ist dabei eine Voraussetzung für die Anerkennung und Akkumulierung von Lernergebnissen und dient zur besseren Beurteilung der im Arbeitsmarkt vorhande- nen Qualifikationen (Kommission der europäischen Gemeinschaften, 2006b, S. 3). Während der Hochschulbereich eine relativ einheitliche Struktur aufweist und damit ein Vergleich zwischen den Systemen recht gut möglich ist, besteht in der Berufsbil- dung in Europa eine große Vielfalt von Systemen. Sie reichen von „Training on the job" über die „duale Ausbildung" bis hin zur alleinigen Ausbildung in beruflichen Schulen. Auf Grund dieser unterschiedlichen Ausbildungssysteme weichen auch die Qualifikationen innerhalb der Union erheblich voneinander ab. Angesichts dieser Vielfalt gibt es seit langer Zeit Schwierigkeiten beim Vergleich und der Anerkennung zwischen den verschiedenen Ländern (Zedler, 2006, S. 18). Durch neue Instrumen- te soll eine Vergleichbarkeit und Transparenz der beruflichen Abschlüsse erreicht werden, die nicht nur die physische Mobilität der Arbeitnehmer erhöhen, sondern auch den Unternehmen einen europäischen Vergleich von Qualifikationen und Lohnniveaus erleichtern und damit einen europäischen Arbeitsmarkt schaffen soll (Severing, 2005, S. 9).

Der politische Hintergrund für die EU ist in der Lissabon Agenda im Jahr 2000 ge- legt worden, die sich als Ziel gesetzt hat, Europa bis zum Jahr 2010 „[...] zum wett- bewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum in der Welt zu machen [...]" (Europäischer Rat von Lissabon, 2000, S. 2). Dies wird im Zuge des so genannten „Bologna Prozesses" für die Hochschulbildung und für die berufliche Bildung durch den so genannte „Kopenhagen Prozess" zu erreichen versucht (Dun- kel & Le Mouillour, 2008, S. 219). Der „Kopenhagen Prozess“ wurde im November 2002 mit einer Erklärung der versammelten Minister für berufliche Bildung und der Europäischen Kommission eingeleitet. In dieser Erklärung wurden vier Prioritätsbe- reiche festgelegt, mit denen sich die Mitgliedsstaaten vorrangig beschäftigen sollten. Zum ersten soll eine stärkere Europäisierung der beruflichen Bildung erreicht und dadurch die Mobilität gefördert werden. Zum Zweiten sollen durch gemeinsame Be- zugsniveaus sowie Informationsaustausch und Orientierung der Staaten unterei- nander Transparenz verstärkt werden. Drittens sollen Systeme erarbeitet werden, die es ermöglichen, Fähigkeiten sowie formale, informelle und nicht formale Qualifi- kationen gegenseitig anzuerkennen. Als vierter Punkt wurde die Qualitätssicherung der beruflichen Bildung herausgestellt (Heidemann, 2004, S. 6).

Nachdem die Herausforderungen und Ziele europäischer Berufsbildungspolitik beschrieben wurden, sollen nun die Instrumente EQR und ECVET vorgestellt werden, die dazu führen sollen, dass berufliche Mobilität und Durchlässigkeit zwischen den Ländern der Europäischen Union gefördert wird.

3 Der Europäische Qualifikationsrahmen (EQR)

3.1 Grundlagen für die Entwicklung des EQR

Die Länder, die Qualifikationsrahmen einführen, verfolgen damit das Ziel, ihre natio- nalen Bildungssysteme transparenter, innovativer und wettbewerbsfähiger zu ge- stalten. Weiterhin versuchen sie ihre Bildungssysteme besser an die Anforderungen des Arbeitsmarkts anzupassen. Hierzu sollen breitere Zugangsmöglichkeiten zu jeglicher Art von Bildung garantiert werden. Weiterhin wird eine Loslösung des Er- werbs von Qualifikationen ausschließlich in formalen Bildungseinrichtungen ange- strebt. Es soll für den Lerner immer mehr möglich sein, sich auch informelle und nicht formale Lernergebnisse zertifizieren zu lassen. Auch eine stärkere Einbindung der Arbeitgeber in den Prozess der Dokumentation und Bewertung von arbeits- marktrelevanten Kompetenzen wird als weiteres Ziel angesehen (Bohlinger, 2008, S. 113).

Der europäische Qualifikationsrahmen (EQR) / European Qualifications Framework (EQF) ist ein prioritäres Vorhaben der bildungspolitischen Zusammenarbeit in Euro- pa und verfolgt die genannten Ziele auf europäischer Ebene. In ihm sind sowohl der Lissabon-Prozess als auch der Kopenhagen Prozess in der beruflichen Bildung ver- ankert. Der EQF zielt darauf ab, einen allgemeinen bildungsübergreifenden Refe- renzrahmen auf europäischer Ebene zu schaffen. Er soll die nationalen und sektora- len Qualifikationen in den Mitgliedsstaaten zueinander in Bezug setzen und damit die Transparenz, die Vergleichbarkeit und die Übertragung von Qualifikationen er- leichtern (Ständige Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland, 2009, S. 1). Als gemeinsames Referenzsystem für die Berufsbildung wurde der EQR geschaffen, um das lebenslange Lernen in ganz Europa zu fördern und die Qualität und Attraktivität der beruflichen Bildung zu stärken. Dabei soll er bestehende nationale Referenzsysteme nicht ersetzen, sondern auf diesen aufbau- en und sich sowohl auf die berufliche als auch auf die allgemeine Bildung und die Hochschulbildung erstrecken (Severing, 2005, S. 4).

Der EQR erfüllt im Vergleich zu den nationalen Qualifikationssystemen zusätzliche und abweichende Aufgaben und darf keinesfalls als Summe oder Querschnitt der nationalen und sektoralen Berufsbildungssysteme verstanden werden. Er beschreibt keine detaillierten Qualifikationen, Ausbildungswege oder Zugangsbedingungen. Diese Aufgabe bleibt allein bei den nationalen Institutionen. Diesen steht es frei, über die Vorgaben des EQR hinauszugehen. Der EQR definiert keine neuen Quali- fikationen. Auch dies bleibt Aufgabe der nationalen und sektoralen Institutionen. Der EQR hat zudem nicht die Aufgabe, unmittelbare Äquivalenzen festzustellen oder förmliche Anerkennungen zu erwirken. Insgesamt soll er die Anerkennung von Qua- lifikationen erleichtern und vereinfachen. Allerdings ist er, wie schon erwähnt, kein Instrument, dass endgültige Entscheidungen über die Anerkennung von Qualifikati- onen treffen kann. Auch diese Entscheidungen richten sich nach nationalen Richtli- nien oder Behörden (Sellin, 2005, S. 3).

Damit wählt der EQR einen anderen Ansatz, als dies bei bestimmten reglementierten Berufen der Fall ist. Hier existieren bereits Systeme, die es ermöglichen, dass Personen, die zur Ausübung eines bestimmtem Berufes in einem Mitgliedsland qualifiziert sind, auch in einem anderen Mitgliedsstaat zur Ausübung dieses Berufs berechtigt sind (z.B. Ärzte/innen). Der Geltungsbereich dieser Systeme unterscheidet sich vom EQR in der Hinsicht, dass der EQR kein Instrument ist, das Migranten/innen einen Anspruch auf die Ausübung eines reglementierten Berufes gewährt (Kommission europäischen Gemeinschaften, 2006b, S. 5).

[...]

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
ECVET und EQF als Instrumente zur Förderung beruflicher Mobilität und Durchlässigkeit zwischen Berufsbildungssystemen in den Ländern der OECD
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Wirtschaftspädagogik)
Veranstaltung
Diagnostik von Lehr-Lern-Prozessen
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
32
Katalognummer
V145403
ISBN (eBook)
9783640563494
ISBN (Buch)
9783640563708
Dateigröße
793 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ECVET, Instrumente, Förderung, Mobilität, Durchlässigkeit, Berufsbildungssystemen, Ländern, OECD
Arbeit zitieren
Johannes Tiegel (Autor), 2009, ECVET und EQF als Instrumente zur Förderung beruflicher Mobilität und Durchlässigkeit zwischen Berufsbildungssystemen in den Ländern der OECD, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/145403

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: ECVET und EQF als Instrumente zur Förderung beruflicher Mobilität und Durchlässigkeit zwischen Berufsbildungssystemen in den Ländern der OECD



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden