Das Frauenbild in Gérard de Nervals 'Voyage en Orient' und Suzanne de Voilquins 'Souvenirs d'une fille du peuple ou la Saint-Simonienne en Egypte 1834-1836'


Seminararbeit, 2006
14 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Ausgangspositionen der beiden Reisen und Berichte
2.1 Zeitlicher Rahmen
2.2 Gesellschaftlicher Hintergrund Voilquins und Nervals
2.3 Zielsetzungen der Reisen
2.4 Bedingungen für das Verfassen der Reiseberichte

3. Die Konstruktion des Fremden
3.1 Reiseberichte als Konstruktion
3.2 Saids Konzept des o rientalism
3.3 Sexualisierung des Orients

4. Das Frauenbild in Nervals Voyage
4.1 Glorifizierung der Orientalinnen
4.2 Stellung der Frau in der ägyptischen Gesellschaft
4.3 Frauen als Ware
4.4 Rassistisches Frauenbild
4.5 Eingeschränkte Beobachtungsmöglichkeiten

5. Das Frauenbild in Voilquins Souvenirs
5.1 Kritik an Orientalinnen
5.2 Kritik der Stellung der Ägypterinnen
5.3 Rassistisches Schönheitsideal
5.4 Zwiespältiges Bild der Ägypterinnen

6. Vergleich der Frauenbilder in den beiden Reiseberichten
6.1 Europäischer Blickwinkel
6.2 Geschlechtsspezifisch unterschiedliche Sicht der Orientalinnen
6.3 Verschiedene Wahrnehmung der Geschlechterrollen

7. Zusammenfassung

Literatur

1. Einleitung

«L' Orient ne doute jamais de rien; tout y est possible» (Nerval 1984: 445). Dieses Zitat aus Gérard de Nervals Voyage en Orient spiegelt das mystifizierte Bild des Orients wieder, das im 19. Jahrhundert in Europa vorherrschte. In der Reiseliteratur, die damals zu einem beliebten Genre avancierte, zeugen zahlreiche Berichte von einer regelrechten „Orientalomanie“ (vgl. Ueckmann 2001: 52; 104). Vor Nerval schrieben bereits de Lamartine und Chateaubriand einen Voyage en Orient, weitere gleichnamige Werke von Flaubert und anderen sollten folgen. Im Gegensatz zu diesen kanonisierten Werken, fanden die Reiseberichte von Schriftstellerinnen wesentlich weniger Beachtung in der Öffentlichkeit.

Reiseberichte bieten einen interessanten Ansatzpunkt, um die Wahrnehmung einer fremden Kultur zu analysieren, aber auch um sich mit der unfreiwilligen kulturellen Selbstdarstellung der Kultur des Autors auseinanderzusetzen, die unweigerlich in jedem Reisebericht impliziert ist (vgl. Ueckmann 2001: 51).

In dieser Arbeit soll das Frauenbild in Gérard de Nervals Voyage en Orient (erschienen 1851) und Suzanne Voilquins Souvenirs d'une fille du peuple ou la Saint-simonienne en É gypte (veröffentlicht 1865) analysiert und miteinander verglichen werden.1 Ich habe diese beiden Reiseberichte ausgewählt, da die beiden Autoren etwa zur gleichen Zeit, in den 1830er und 1840er Jahren, das gleiche Land, Ägypten bereisten. Aufgrund ihrer sozialen und geschlechtsspezifischen Vorraussetzungen, sind ihre Sichtweisen jedoch unterschiedlich geprägt. Besonders interessant ist die Analyse des Frauenbilds in den beiden Reiseberichten, da es ein Ziel sowohl Nervals als auch Voilquins war, die Rolle und Lebensweise der Orientalinnen zu erforschen (vgl. Hout 1997: 190; Voilquin 1978: 273). Ich gehe in der gesamten Arbeit zuerst auf Nerval ein, da sein Voyage als kanonisiertes Werk, den typischen Kriterien des damaligen Reiseberichts entspricht.

Zum besseren Verständnis der Berichte werde ich im zweiten Kapitel zunächst auf die Ausgangspositionen der beiden Autoren und ihrer Reisen eingehen. Dann erläutere ich im dritten Kapitel, als Grundlage für die Analyse der Fremdbilder in beiden Werken, den Konstruktionscharakter von Reiseberichten, anhand der Konzepte von Foucault und Said. Vor diesem Hintergrund analysiere ich in den folgenden Kapiteln das Frauenbild in Nervals Voyage und Voilquins Souvenirs. Ein Vergleich der beiden Frauenbilder und eine kurze Zusammenfassung schließen die Arbeit ab.2

2. Ausgangspositionen der beiden Reisen und Berichte

2.1 Zeitlicher Rahmen

Ein breites Interesse der französischen Öffentlichkeit am sogenannten Orient - einem Gebiet, zu dem im 19. Jahrhundert Teile des Nahen Ostens, Nordafrikas und Asiens gezählt wurden - entstand ab dem Ägyptenfeldzug Napoleons im Jahr 1798. Zu diesem Zeitpunkt, der als Beginn der orientalistischen Epoche gewertet werden kann (Ueckmann 2001: 68), setzte eine massive europäische Einmischung im Nahen Osten ein. In diesem Zusammenhang reisten auch zunehmend mehr Europäer und insbesondere Franzosen und Engländer in den Orient.

Obwohl es für Frauen zu diesem Zeitpunkt noch unüblich war, selbstständig zu reisen, wuchs zu Beginn des 19. Jahrhunderts auch die Zahl der „Reisendinnen“, die sich ebenfalls schriftstellerisch betätigten (vgl. Potts 1995: 15). Wenige Jahrzehnte nach der Französischen Revolution, deren Ziel die soziale Gleichheit war, entstand in Frankreich auch die Forderung nach der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Für diese setzten sich die saint-simonistischen Feministinnen, zu denen Voilquin gehörte, ein.34

2.2 Gesellschaftlicher Hintergrund Nervals und Voilquins

Gérard de Nerval stammte aus einer gutbürgerlichen französischen Familie5. Ein reiches Erbe ermöglichte ihm seine ersten Reisen durch Europa. Nach baldigem Ruin verdiente sich Nerval seinen Lebensunterhalt als Übersetzer, freier Journalist und Theater Co-Autor. Er stand in Kontakt mit romantischen Autoren wie Dumas und Gautier. In Nachfolge der romantischen Tradition brach er 1843 zu einer einjährigen Orientreise auf. Während dieser verbrachte er sechs Monate in Kairo.

Suzanne Voilquin stammte dagegen aus dem Arbeitermilieu, was ungewöhnlich für eine Reiseautorin ihrer Zeit war. Sie arbeitete zuerst als Stickerin und schloss sich im Alter von 30 Jahren der Saint-Simonistischen „Familie“ - einer frühsozialistischen, religiösen Sekte unter der Führung des P è re Enfantin - an. Aufgebracht vom männlich dominierten Charakter der Gemeinschaft, begann Voilquin an der feministischen Zeitschrift La femme libre mitzuarbeiten. Sie verließ ihren Mann und emigrierte 1834 gemeinsam mit anderen Saint-Simonisten nach Kairo, die das Ziel hatten dort eine ihren Prinzipien entsprechende Kolonie zu gründen (vgl. Hodgson 2006: 28). In den knapp zwei Jahren, die Voilquin dort verbrachte, ließ sie sich zur Hebamme und Krankenpflegerin ausbilden, pflegte Pestkranke und setzte sich für das einfache Volk ein. 1836 verließ sie gemeinsam mit den anderen Saint-Simonisten Ägypten, da deren Zahl durch die Pest stark geschrumpft war und sie finanziellen und sozialen Problemen ausgesetzt waren.

2.3 Zielsetzungen der Reisen

Ebenso wie der gesellschaftliche Hintergrund der beiden Autoren, sind die Gründe für ihre Reisen völlig unterschiedlich. Nerval reiste als Tourist und ließ sich scheinbar ziellos treiben (vgl. Nerval 1984: 1382). Als Gründe für die Orientreise nannte er seine Neugier und den Wunsch eine fremde Kultur kennenzulernen (a.a.O.: 462). Im Nachhinein sagte er über seine Reise: «je me suis instruit, je me suis même amusé» (a.a.O.: 1372). Nerval reiste jedoch nicht nur zum puren Vergnügen, sondern brach als Schriftsteller bereits mit dem Ziel auf, einen Bericht über seine Reise zu schreiben (a.a.O.: 1372).

Voilquin reiste dagegen mit einer missionarischen Aufgabe und sah ihren Aufenthalt in Ägypten als «itinéraire inspiré» und «pélérinage» (Ueckmann 2001: 105). Sie sah die „Kolonisierung“, den Grund für ihren Aufenthalt in Kairo, als Wohltat für die Bevölkerung und die Saint- Simonisten als Friedensboten an (a.a.O.: 105).

2.4 Bedingungen für das Verfassen der Reiseberichte

Zum Zeitpunkt, als Nerval seinen Voyage en Orient verfasste, war er bereits voll in den literarischen Betrieb integriert. Nach seiner Rückkehr veröffentlichte er ab 1844 sukzessive Teile seines Reiseberichts in Zeitungen. Dies diente ihm als Einkommensquelle und ermöglichte ihm gleichzeitig mit seinem Schreibstil zu experimentieren und sein Werk bis zur endgültigen Veröffentlichung im Jahr 1851 zu vervollkommnen6.

Die Schriftstellerei war im 19. Jahrhundert eine männliche Domäne. Für Frauen war es ungewöhnlich, die eigenen Existenz literarisch zu reflektieren. Das Verfassen eines Reiseberichts war für sie somit an sich schon ein emanzipatorischer Akt (vgl. Bauernkämper 2004: 375). Suzanne Voilquin gelang es in den Souvenirs die Schwierigkeit der weiblichen Subjektwerdung zu überwinden und sie zeigt darin ein gesichertes, repräsentatives Ich-Bewusstsein (vgl. Ueckmann 2001: 111).

Im Gegensatz zu Nerval, der für ein allgemeines Publikum schrieb, richtete Voilquin sich mit ihrem Reisebericht hauptsächlich an einen weiblichen Leserinnenkreis und speziell an ihre Adoptivtochter Suzanne. Die Schriftstellerin wollte ein bestimmtes Wertebewusstsein tradieren, um mit den Souvenirs anderen Frauen ein Vorbild zu bieten (a.a.O.: 111f).

Ebenso wie die Zielgruppe unterscheiden sich auch die Blickwinkel der beiden Autoren. Der relativ wohlhabende Nerval bewegte sich in einer höheren Gesellschaftsschicht als Voilquin und hatte als Mann kaum Zugang zu den arabischen Frauen. In den sechs Monaten, die er sich in Kairo aufhielt erwarb er nur relativ geringe Arabischkenntnisse, wodurch eine Verständigung erschwert wurde. Voilquin dagegen kam als Frau und Krankenpflegerin, und dank ihrer während des Aufenthalt erworbenen guten Arabischkenntnisse, viel stärker mit den einheimischen Frauen unterschiedlicher sozialer Schichten in Kontakt (a.a.O.: 109).

3. Die Konstruktion des Fremden

3.1. Reiseberichte als Konstruktion

Nervals und Voilquins Reiseberichte, sind wie jede Beschreibung, eine Konstruktion der Realität. Der Prozess der Wahrnehmung der anderen Kultur wird durch die eigenkulturelle Prägung beeinflusst. Durch den Akt der Verschriftlichung entfernt sich der Betrachter noch weiter von einer objektiven Darstellung des Gesehenen (vgl. Röseberg 2005: 182f). Durch Stereotypen, schablonenartige Wahrnehmung und den Versuch, die Verständlichkeit des Textes zu gewährleisten, driften Realität und Beschreibung auseinander (vgl. Ueckmann 2001: 52).

3.2 Saids Konzept des Orientalism

Der aus Jerusalem stammende und in den USA lehrende Literaturwissenschaftler Edward Said setzt sich in seinem Werk O rientalism (erschienen 1978) mit dem Verhältnis zwischen Orient und Okzident auseinander (vgl. Pagni 1999: 4). Said definiert Orientalismus als eurozentrische Sichtweise der Kulturen der arabischen Welt.7 Er kritisiert, dass westliche Schriftsteller und Wissenschaftler den Orient nicht objektiv darstellen, sondern aufgrund ihres kolonialistischen Überlegenheitsdenkens abwerten. Said betont die Ausbeutung des Ostens durch den Westen und seine Konstruktion nach westlichen Vorstellungen, die auf Klischees und rassistischem Diskurs beruhen (vgl. Ueckmann 2001: 69). Die arabische Welt wird als Gegensatz zur westlichen Welt, die als „zivilisiert“ angesehenen wird stilisiert. Sie wird exotisiert und als unterlegen abgestempelt (vgl. Felden 1993: 76). Dies kommt auch in Nervals und Voilquins Reisebericht zum Ausdruck.

3.3 Sexualisierung des Orients

Es gibt deutliche Parallelen im Diskurs über den Orient und über die Frau in der europäischen Literatur (a.a.O.: 75). Beide werden als das Fremde, Schwache dargestellt, das beherrscht und in Besitz genommen werden muss. Das Machtverhältnis wird in Geschlechtsbegriffen ausgedrückt, wobei der Okzident männlich konnotiert ist und der Orient feminisiert wird und häufig als geheimnisvoll verschleierte Frau dargestellt wird (Pagni 1999: 41).

[...]


1 Ich beziehe mich dabei hauptsächlich auf die Teile der Reiseberichte, die von Ägypten handeln, d.h. in Nervals Voyage auf «Les femmes de Caire» (Nerval; 1984: 160-477 ) und in Voilquins Souvenirs auf die «4ème partie» und «5ème partie» (Voilquin 1987: 237-380).

2 Vgl. Ueckmann 2001: 67f

3 Vgl. http: //de.wikipedia.org/wiki/G%C3%A9rard_de_Nerval

4 Vgl. Voilquin; 1978: 409 & Ueckmann; 2001: 104

5 Nervals bürgerlicher Name war Labrunie. Den Adelstitel nahm er erst später an.

6 Nachwort der Herausgeber Guillaume, Jean und Pichois, Claude in Nerval 1984: 1372

7 Vgl. http: //wikipedia.org/wiki/Orientalismus

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Das Frauenbild in Gérard de Nervals 'Voyage en Orient' und Suzanne de Voilquins 'Souvenirs d'une fille du peuple ou la Saint-Simonienne en Egypte 1834-1836'
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Interkulturelle Europa- und Amerikastudien)
Veranstaltung
Der Epochenumbruch und seine Folgen für das kulturelle Feld Frankreichs (1789- 1848)
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
14
Katalognummer
V145418
ISBN (eBook)
9783640558223
ISBN (Buch)
9783640558827
Dateigröße
453 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frauenbild, Gérard, Nervals, Voyage, Orient, Suzanne, Voilquins, Souvenirs, Saint-Simonienne, Egypte
Arbeit zitieren
Susanne Held (Autor), 2006, Das Frauenbild in Gérard de Nervals 'Voyage en Orient' und Suzanne de Voilquins 'Souvenirs d'une fille du peuple ou la Saint-Simonienne en Egypte 1834-1836', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/145418

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