"Korruption“ - Kritische Rekonstruktion der Ursachen, Folgen und Therapien einer scheinbaren Wachstumsbranche


Bachelorarbeit, 2009

71 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Erscheinungsformen von Korruption
1.1 Definition von Korruption
1.2 Typologien der Korruption
1.3 Geschichte der Korruption
1.4 Das Kaleidoskop der Korrupten
1.5 Motive der Akteure

2. Folgen der Korruption
2.1 Vertrauensverlust
2.2 Minderung der Produktivität
2.3 Bereicherung auf Kosten des Steuerzahlers

3. Korrektiv bürokratischer Strukturen
3.1 Speed Money
3.2 Gewinner der Korruption

4. Maßnahmen der Korruptionsbekämpfung
4.1 Global denken, lokal handeln
4.2 Indirekte Diskriminierung und erhöhte Haftung
4.3 Entflechtung von Politik und Wirtschaft
4.4 Vernetzung der Datenerhebung für die Strafverfolgung

5. Kritische Betrachtung des Korruptionsindex von „Transparency International“
5.1 Fragwürdigkeit der Methoden
5.2 Aufdeckung und Dunkelziffern
5.3 Messbarkeit von Korruption und Qualität der
5.4 Mangelnde Transparenz der Indikatoren

6. Die Rolle des Journalismus: zwischen Bekämpfung und Teilhabe an der Korruption
6.1 Das Ideal der freien Presse
6.2 Vielfalt der Medien: neue Unübersichtlichkeit
6.3 Die labile Grenze zwischen Journalismus und PR
6.4 Das Volumen der Berichterstattung über Korruption
6.5 Armut, Verführung oder Raffgier der Journalisten?

7. Fazit: Probleme – auf dem Weg zu einer korruptionsfreien Gesellschaft
7.1 Vom feudalen Klientelismus zur Legalisierung der Korruption
7.2 Von der Skandalisierung zur Versachlichung des Problems
7.3 Am Ende zahlt der Steuerzahler

Literatur

Anhang

Einleitung

«Warum sollte ein Unternehmen oder die Wirtschaft als Ganzes überhaupt moralisch handeln? ... [ ]»[1]

Mit zunehmender Tendenz berichten unsere Medien über neu aufgedeckte Korruptions-Fälle mit enormen Bereicherungssummen in Wirtschaft und Politik: „Lustreisen“ von VW-Vorständen[2], der Korruptionsskandal bei Siemens[3], Schmiergeldzahlungen von Firmen für Staatsaufträge, Zahlungen an Politiker für vorteilhafte Gesetze oder in die „schwarzen Kassen“ politischer Parteien; Bestechungszahlungen an öffentliche Angestellte für begünstigende Behandlung, Bestechungen, um Schürf- oder Importlizenzen zu erhalten, um nur einige zu nennen.

Diese Liste lässt sich beliebig fortsetzen: Kohl, Hartz, Ackermann, Lambsdorff, Kanter, Uhl, Pierer...

Sucht man bei Google den Terminus „Korruption“, so findet man mehr als 2,2 Mio. Beiträge.[4]

Es scheint, dass alle, die im politischen und ökonomischen Leben Deutschlands Rang und Namen haben, mit „dunklen“ Geschäften beschäftigt sind[5] - aber auch kleinere Firmen sind laut einer Forsa-Umfrage vom Juni 2002 involviert: etwa 150.000 kleine und mittelständische Unternehmen - also jedes 7. der befragten Unternehmen - hat schon einmal Bestechungsgeld gezahlt oder «Gefälligkeiten» erwiesen, um an einen Auftrag zu kommen.[6]

Die „Täter mit den weißen Kragen“ bezeichnen ihr Geschäftsgebaren nicht als kriminell, die Akteure begreifen sich nicht als Straftäter. Das mangelnde Unrechtsbewusstsein schlägt sich auch in der Sprache der Beteiligten nieder: Niemand führt das Wort «Korruption» im Munde, redet von «Schmiergeld» oder «lässt sich kaufen». Die Unternehmen nennen strafbare Zuwendungen «Investitionen» oder «Ausgaben zur Pflege des Geschäftsklimas». Bestechungsgelder werden als «Provisionen» bezeichnet; «nützliche Aufwendungen im Geschäftsinteresse» als Risikofaktoren von vornherein einkalkuliert.[7]

Für den nach rein wirtschaftlichen Kriterien Handelnden ist der Aspekt der moralischen Empörung zweitrangig. Für ihn stellen sich andere Fragen: Inwiefern ist Korruption tatsächlich negativ? Wird wirtschaftliche Entwicklung durch Korruption behindert? Gehört Korruption zu einer freien Marktwirtschaft? Was können Politiker gegen die Korruption unternehmen? Wie sollte die Verwaltung organisiert und reglementiert werden, um gegen Korruption konstruktiver vorzugehen?[8]

Als Wirtschaftsverbrechen moderner Industrie- und Dienstleistungsgesellschaften gilt Korruption erst in jüngster Zeit. Sie ist ein Strukturproblem und findet besonders günstige Bedingungen in den Zwangswirtschaften sozialistischer und diktatorischer Regime, in Schwellenländern wie China oder Brasilien sowie in den armen Ländern der Dritten Welt. Als Phänomen ist Korruption jedoch bereits sehr alt. Sie hat ihre historischen Erscheinungsformen lediglich geändert.

Meine Arbeit wertet neuere empirische Studien im Internet und in der ökonomischen Fachliteratur über Deutschland im internationalen Vergleich aus.

Nach einer Untersuchung des Wortgebrauchs stelle ich verschiedene Typologien der Korruption vor, die die Autoren einerseits nach dem Umfang (petty und grand corruption), andererseits nach Dauer und Stärke des sozialen Beziehungsgeflechts gliedern.

Arnold Heidenheimer und Michael Johnson unterscheiden in ihrem Handbuch zur politischen Korruption drei Wirkungssphären, um Korruption zu definieren:

1. sich auf die den öffentlichen Dienst und die Verwaltung fokussierende (public-office-centered definitions)
2. marktorientierte (market-centered definitions)
3. auf das öffentliche Interesse konzentrierte (public-interest centered definitions)[9]

Da mein Hauptinteresse dem wirtschaftlichen Schaden gilt, den Korruption anrichtet, konzentriere ich mich auf die marktorientierte Dimension von Heidenheimer / Johnson in strukturell-funktionaler Hinsicht. Um die Ursachen von Korruption zu untersuchen, berücksichtige ich natürlich auch historische, soziologische und psychologische Aspekte. Dennoch wäre der Terminus „interdisziplinär“ für meine Arbeit etwas zu hoch gegriffen.

Das Verbrechen operiert heutzutage global und modern elektronisch vernetzt. Die Strafverfolgung von Korruption ist auf die nationalstaatliche Gesetzgebung angewiesen. Es fehlt eine internationale Koordination. Eine global-interest centered definition, also eine Wirkungssphäre, die an der Einen Welt orientiert ist, erwähnen Heidenheimer /Johnson nicht.

Diesem Dilemma begegnen – nicht nur beim Thema Korruption – die NGOs, (Nicht-Regierungs-Organisationen), die zwar auf die Gesetzgebung eines Landes unmittelbar keinen Einfluss ausüben, jedoch durch ihre Untersuchungen und Aktionen das öffentliche Bewusstsein für das Verbrechen und dessen globale Vernetzung[10] schärfen können. Einen zentralen Stellenwert hat deshalb in meiner Arbeit die Kritik des Korruptionsindexes der NGO „Transparency International“ (TI), deren Quellen, Bewertungen und Ergebnisse ich hinterfrage.

Da die Medien heute eine wichtige Rolle bei der Aufdeckung von Korruption spielen, frage ich, inwieweit sie frei von Korruption sind und sein können und ob sie überhaupt objektiv sein können.

Abschließend zeige ich einerseits den Bedeutungswandel aufgedeckter deutscher Korruptions-Fälle in den letzten Jahrzehnten, andererseits frage ich, ob Korruptions-Skandale helfen können, Korruption zu reduzieren.

1. Erscheinungsformen von Korruption

1.1 Definition von Korruption

In allen Instituten, in welche nicht die scharfe

Luft der öffentlichen Kritik hineinweht, wächst

eine unschuldige Korruption auf wie ein Pilz.

Friedrich Nietzsche

Die Literatur zur Definition von Korruption ist umfangreich und komplex.[11] Eine der meistzitierten Definitionen der Korruption stammt von Nye: Korrupt nennt man ein

Verhalten, das von den formalen Pflichten einer öffentlichen Rolle (in die man gewählt oder zu der man ernannt wurde) abweicht, um sich privat orientierte (persönliche, familiäre, einer privaten Clique zugute kommende) finanzielle Vorteile oder Statusgewinne zu verschaffen; oder das Regeln gegen bestimmte Arten privat orientierten Einflussnahme verletzt."[12]

Korruption ist so vielseitig, dass man sie in verschiedenen Disziplinen betrachten und definieren kann. Die Theologie beansprucht eine ethisch–moralische Beurteilung, die Geschichtswissenschaft dokumentiert die historische Dimension von Korruption, die Rechtswissenschaft konzentriert sich auf die Bestrafung. Die Ökonomie betrachtet Korruption häufig als Schmiermittel gegen bürokratische Störfaktoren, die das freie Marktgeschehen hemmen, die Soziologie sieht Korruption nicht als Katastrophe, sondern als vielfach abweichendes Verhalten. Die Politikwissenschaft schwieg lange Zeit zu diesem Thema, bis es endlich in Folge der großen Korruptionsskandale der 90er Jahre thematisiert wurde. Auch Psychologie (Motive), Pädagogik (Bildungsmaßnahmen) und Medienwissenschaft (Skandalisierung) tragen zu einem besseren Verständnis dieses alten globalen Themas bei. Korruption ist ein interdisziplinäres Problem - und alle genannten Wissenschaften können selbst von Korruption betroffen sein.[13]

Wird Korruption funktionalistisch betrachtet, erkennt man, dass sie eine notwendige Folge der Bürokratie ist, ein Ausgleich für staatliche Überregulierung und eine Reaktion auf die Strangulierung der Marktkräfte. Als Gegenmittel wird die staatliche Liberalisierung des Marktes angeführt: Mehr Privatisierung könne eine gute Maßnahme sein, um Korruption zu reduzieren und zu beschränken.[14]

Korruption ist ein Austauschprozess zwischen zwei oder mehreren Personen oder Gruppen, die zusammen Parteien bilden können[15]. Zur Austauschlogik gehören nach von Alemann 2005 sieben Komponenten:

1. Der Nachfrager (der Korrumpierende) wolle
2. ein knappes Gut (Lizenz, Auftrag, Konzession, Position),
3. das der Anbieter, der Entscheidungsträger in einer Organisation oder Behörde, also der Korrumpierte, vergeben könne.
4. Er erhalte einen persönlichen verdeckten Zusatzanreiz (Geld oder eine geldwerte Leistung) für die Vergabe über den normalen Preis hinaus und
5. verstoße damit gegen öffentlich akzeptierte Normen und
6. schade damit Dritten, Konkurrenten und/oder dem Gemeinwohl.
7. Deshalb finde Korruption versteckt, im Verborgenen statt.

Sind alle sieben Komponenten gegeben handele es sich um Korruption.[16]

1.2 Typologien der Korruption

Tatsächlich gibt es noch keine endgültige Theorie über Korruption. Es ist schwierig, alle Facetten dieses Phänomens zu strukturieren und zu erfassen, weil alle Formen und Methoden der Korruption sich schnell an die jeweilige Situation anpassen, um weiterhin unsichtbar zu bleiben.[17]

Viele Autoren der Korruptionsforschung unterscheiden häufig petty und grand corruption[18] oder strukturelle und situative Korruption.[19]

Unter situativer oder petty corruption versteht man Gelegenheitskorruption, die spontan ist und keinen permanenten Charakter hat. Diese Art der Korruption wird nicht geplant oder vorbereitet.[20] Als strukturelle oder grand corruption bezeichnet man hingegen ein Handeln, das langfristig zwischen Parteien geplant und realisiert wird und ein bewusstes Vorfeld hatte.[21]

Bannenberg 2002 hat deutliche Strukturbindungen der Korruptionsverfahren ausfindig gemacht. Sie unterscheidet folgende Strukturen:

- Bagatell- oder Gelegenheitskorruption
- Gewachsene Beziehungen
- Netzwerke: organisierte Wirtschaftskriminalität und organisierte Nicht- Wirtschaftskriminalität
- Korruption und organisierte Kriminalität, systematische Einflussnahme im Dunkelfeld

Bei der Bagatell- oder Gelegenheitskorruption sind sich die Akteure meistens fremd, sie ist nicht auf weitere Beziehungen angelegt. Als Beispiel für situative Korruption kann man die Bestechung von Polizisten (Strafvermeidung), Ärzten (bevorzugte Behandlung), Dozenten (Notenvergabe) oder Sachbearbeitern in öffentl. Ämtern (Begünstigungen) nennen. In Deutschland ist dieses Problem nicht sehr virulent, aber in vielen osteuropäischen und asiatischen Ländern ist es brisant, aktuell und außerordentlich belastend für die Bürger.[22]

Bei gewachsenen Beziehungen etabliert sich Korruption als feste Struktur. Hier entsteht eine regelrechte Hierarchie zwischen den Akteuren: In der Regel nehmen einerseits zwei, drei Beamte, andererseits bis zu 10 Unternehmer teil. Diese Beziehungen können lange Zeit existieren und sind meist regional begrenzt. Die Initiative geht meistens von den Unternehmen aus (kleine Geschenke, Einladungen zum Essen, Präsente zum Geburtstag, Weihnachten) aber sie kann auch von den Amtsträgern initiiert werden, um sowohl rechtmäßige wie rechtswidrige Dienstleistungen zu erbringen.[23]

Korruption als Netzwerk bezeichnet eine bereits gut organisierte Wirtschaftskriminalstruktur, die mehrere Straftaten umfassen kann. Korruption auf diesem Niveau ist eine zielorientierte Strategie mit Bestechung, um das Interesse eines Unternehmens massiv zu unterstützen. Dabei existieren zahlreiche Geber und Empfänger, die über Grenzen von Bundesländern hinweg jahrzehntelang ungestört agieren und ihren Handlungsspielraum erweitern können. Die organisierte Wirtschaftskriminalität bildet häufig Kartelle, in denen der Korruptionshandel wie z. B. Betrug, Untreue, Steuerhinterziehung zur Geschäftspolitik des Unternehmens gehört.[24]

Unter einer organisierten Nicht-Wirtschafts-Kriminalität versteht man Drogenhandel, Rotlicht-Kriminalität, Menschenhandel, systematische Verschiebung von Kraftfahrzeugen oder gestohlener Waren ins Ausland, geplanten Einbruch usw. Dabei kooperieren die kriminellen Strukturen systematisch mit den wichtigsten gesellschaftlichen Institutionen wie Justiz, Verwaltung und Politik. Dieser Typ von Korruption bildet die größte Gefahr für eine demokratische Gesellschaft. Glücklicherweise sind solche Strukturen in Deutschland kaum bekannt. Wenn sie auftreten, werden sie für Einzelfälle gehalten.[25]

Grand corruption trifft man auf hoher politischer und gesellschaftlicher Ebene. Sie wird langfristig geplant und durchgeführt und schadet damit sowohl dem Image als auch dem Vertrauen in die staatlichen Institutionen und die Regierung. Sie bedroht die politische und wirtschaftliche Stabilität eines Landes.[26] Grand corruption als Einflussnahme organisierter Kriminalität auf staatliche Institutionen hat vermutlich eine hohe Dunkelziffer (bei Bannenberg: „Dunkelfeld), denn die Politik verfügt über subtile Maßnahmen, um sie zu ermöglichen. Dies gilt für die Verwaltung sowie für die Strafverfolgung (z.B. Klaus Zumwinkel[27] ). Illegale Parteifinanzierung (Kohl und der venezianische Parteifonds der CDU[28] ) stellen klassische Beispiele dar. Eine Sensibilisierung für derartige Straftaten wäre in Deutschland wünschenswert, vor allem vor dem Hintergrund von deren Zunahme[29].

Wie die petty corruption in armen Länder wird die grand corruption in Deutschland nicht „wirklich“ als kriminell wahrgenommen, sondern gilt lediglich als “Kavaliersdelikt.[30]

Keinesfalls ist petty corruption harmloser als grand corruption zu bewerten: Gerade situative Korruption beeinflusst das alltägliche Leben in den Bereichen des Bildungs- und Gesundheitswesens sowie bei der Polizei sehr negativ. Besonders für große Gesellschaftsgruppen mit niedrigem Einkommen kann „kleine“ Korruption eine große Rolle spielen und die gesamte politische Kultur eines Landes beeinflussen.

1.3 Geschichte der Korruption

Korruption ist so alt und so vielfältig wie die Menschheit. Das Wort kommt aus dem Lateinischen von corruptio bzw. corrumpere und wird in der Regel mit Verderben übersetzt.[31]

Bei der traditionellen Betrachtung der Korruption handelt es sich eher um den Zustand des Gemeinwesens als um die Verderbtheit einzelner Personen. Bereits im 1. Buch Mose des Alten Testaments, beklagt sich Gott über die Verderbtheit der Welt. In der konfuzianischen Lehre galten moralische Prinzipien, die für die Beamten Chinas verbindlich sein sollten.[32] Die erste Erwähnung korrupten Verhaltens erfolgte bereits in archaischer Zeit (8./ 7. Jahrhundert v. Chr.). Die klassische Figur der Korruption, die zu allen Zeiten auftauchte, ist der bestechliche Richter. Man versuchte, diese Gefahr beispielsweise dadurch zu vereiteln, dass die Gerichte stets ad hoc zusammengestellt wurden, so dass sich dort nicht nur die guten Freunde der einen Partei treffen konnten. Dieses Verfahren war auch geeignet, materielle Bestechung zu verhindern.[33]

In der griechisch-römischen Antike entschied das Los die Vergabe von Ämtern, um jeglicher Günstlingswirtschaft einen Riegel vorzuschieben. Das Ideal war bereits für Aristoteles eine Einstellung zugunsten des Gemeinwohls.[34] Dass der Ämterkauf in der athenischen Demokratie verhindert wurde oder werden sollte, ist besonders interessant. Historiker der europäischen frühen Neuzeit wissen, dass der Verkauf von Ämtern durch den Staat nicht nur gang und gäbe, sondern vielerorts sogar ein nicht nur nicht anrüchiges, sondern systemimmanentes Strukturprinzip war.[35]

Im spätrömischen Staat etablierte sich die Käuflichkeit von Staatsdienern in einem Maße, dass der Kaiser Konstantin ein Antikorruptionsgesetz erlassen musste.[36] Aus der römischen Republik sind vor allem drei Verhaltensweisen zu berichten, die als Korruption zu bezeichnen sind: Erpressung durch Provinzstatthalter, Richterbestechung, Wahlbestechung.[37]

Auch das christlich geprägte Mittelalter befand sich bezüglich Bestechung und Betrug in keinem Idealzustand (s.a. „Konstantinische Schenkung“ und die Praxis des Freikaufs bei Inquisitionsgerichten). Eine bestimmte Erscheinungsform des Ämterkaufs wurde besonders schwer missbilligt, nämlich der Kauf einer christlichen Priesterstelle: die Simonie. Auch hier waren es die Einkünfte, die das Amt reizvoll machten: Das Spenden der Sakramente gegen Geld war weit verbreitet, wurde aber intensiv bekämpft. Dass die Simonie auf Dauer nicht auszurotten war, zeigt die Tatsache, dass sie das ganze Mittelalter hindurch der Gegenstand stets erneuerter kirchlicher Gesetzgebung war.[38]

Der im 17. Jahrhundert in England aufkommende Parlamentarismus bediente sich des allgemein akzeptierten Kaufs von Parlamentsitzen. Erst das Jahr 1883 brachte mit dem „Corrupt and Illegal Practices Act“ ein Ende des Korruptionsparlamentarismus.[39]

Sogar in den U.S.A. blühte im 18. und 19. Jahrhundert eine politische Korruption, die sogar die Gewerkschaften einschloss.[40]

Korruption hat in Deutschland ebenfalls eine lange Tradition, die aus der Art und Weise der deutschen Kaiserkrönung resultiert. Wie alle totalitären Regime verschrieb sich natürlich auch der Nationalsozialismus der Bekämpfung der Korruption. Das Dritte Reich war jedoch ebenso korrupt wie alle anderen deutschen Regime. So konnten Geld oder Wertgegenstände das Leben manches jüdischen Mitbürgers retten, indem sie ihm die Flucht ins Ausland ermöglichten. In diesem Falle wurde Korruption als Notwehr gegen ein unmenschliches Regime eingesetzt.[41]

Zusammenfassend ist Korruption also ein Handeln, dessen jeweilige sachgerechte, rationale Ausübung durch private Interessen verfälscht wird. Die Orientierung an sachlicher Pflichterfüllung war eine neue Denkhaltung, die sich erst mühsam durchsetzen musste. Das Amt wurde lange Zeit noch als persönlicher Besitz aufgefasst.[42] #

1.4 Das Kaleidoskop der Korrupten

"Weil der Wert des Geldes ausschließlich in dem Quantum besteht, kann es einen specifischen Charakter nur durch diejenige Massenhaftigkeit annehmen, in der es nur wenigen zu teil werden kann; deshalb drückt nach allgemeiner Empfindungsweise das Annehmen von Geld die Ehre um so weniger herab, je mehr es ist. Und auch der Betrug um Geld - namentlich in kleinen Summen - wird als ein besonders gemeines Verbrechen angesehen, das den Thäter gesellschaftlich tiefer herabsetzt als Thaten, die viel schlimmere moralische Gesunkenheit bezeugen."
Georg Simmel, 1890[43]

Wer lässt sich warum kaufen? Warum handeln Unternehmen korrupt? Wieso wird ein Korruptionsangebot angenommen oder vergeben?

Lange Zeit konzentrierte sich die Korruptionsforschung nur auf politische, öffentliche und private Korruption. Wirtschaftliche Korruption zwischen Unternehmen wurden von der Forschung vernachlässigt. Stets aber handelt es sich dabei um Beziehungen zwischen Menschen. Die Forscher fokussieren ihre Untersuchungen auf Ursachen und Folgen - selten werden die Akteure der Korruptionsfälle selbst Gegenstand der Betrachtung.[44]

Wirtschaftskorruption ist kein Armutsdelikt. Im Gegenteil: Die Täter sind gut ausgebildete Leistungsträger mit ausgezeichneter Fachkompetenz. Sie haben keine Vorstrafen, führen einen hohen Lebensstandard, sind ehrgeizig und karriereorientiert: Sie gehören zu den normalen erfolgreichen Managern, die bedauernswerterweise ihre Kompetenz offensichtlich nicht nur für legales, sondern auch für illegales Handeln nutzen.[45]

Tanja Rabl hat mit ihren Studenten an der Universität eine Rollenspiel durchgeführt, wo die Studenten sich in die Situation von Managern hineinversetzen sollten. Ihr Experiment zeigt, dass kurzfristige Effekte zu den meist genannten Gründen gehören, wie:

- Zusätzlicher Gewinn für die Manager – 52 %;

[...]


[1] von Pierer 2003, 11f.

[2] Santen, O.: Die Herren brachten sich mit Viagra in Stimmung. Online in: URL: http://www.bild.de/BTO/news/aktuell/2005/07/13/vw-viagra-skandal/vw-viagra-skandal.html, Download 12.08.09

[3] Balser,M. / Ott, K.:Mehr als eine Milliarde Euro für dunkle Geschäfte. Online in: URL:

http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/237/415005/text/, Download 12.08.09

[4] Google, Suchbegriff «Korruption” Online in: URL: http://www.google.de/search?hl=de&client=firefox-a&rls=org.mozilla%3Ade%3Aofficial&q=korruption&btnG=Suche&meta=, Download 12.08.09

[5] s. Tänzler 2007, S. 10

[6] s. Schaupensteiner 2002, S. 46ff.

[7] s. Holthaus o.J., S.3f. und Bannenberg / Schaupensteiner 2007, S.63f.

[8] s. Thum 2003, S. 1

[9] s. Heidenheimer / Johnson 1989, S. 8-11

[10] Spektakulär zeigt dies der Film «Let's make money» des österreichischen Regisseurs Erwin Wagenhofer. Online in: URL: http://www.letsmakemoney.at/

[11] z.B. vgl. Zimmerling, 2005; Johnston, 2005; von Alemann, 2005; Wiehen, 2005

[12] Nye 1967, S. 419

[13] vgl. von Alemann, 2005, S. 22-24

[14] s. Tänzler 2007, S.10

[15] s. Martiny 2001, S. 4

[16] s. von Alemann 2005, S. 31

[17] s. von Alemann 2005, S. 32

[18] ebd.

[19] z.B. Bundeskriminalamt 2001a, S.6f; von Alemann zitiert nach Höffling 2002, S. 32

[20] ebd.

[21] ebd.

[22] vgl. Bannenberg / Schaupensteiner 2007, S.3

[23] vgl. Bannenberg / Schaupensteiner 2007, S. 4

[24] vgl. Bannenberg / Schaupensteiner 2007, S. 33ff.

[25] vgl. Bannenberg / Schaupensteiner 2007, S. 4

[26] von Alemann 2005, zitiert nach Ackerman 2002

[27] s. Schmitz, S.: Steuerskandal: Das Gesetz bin ich! Online in: URL:

http://www.stern.de/wirtschaft/news/unternehmen/3-steuerskandal-das-gesetz-bin-ich-612481.html, Download 11.07.09

[28] vgl. Clemens 2000, S. 15ff.

[29] vgl. Bannenberg 2002, S. 5f.

[30] s. Tänzler 2007, S. 11

[31] s. Rupert / Pritzl 1999, S.1

[32] vgl. von Alemann 2005, S. 16

[33] vgl. Schuller 2005, S. 50

[34] s. von Alemann 2005, S. 17

[35] s. Schuller 2005, 51f.

[36] s. von Alemann 2005, S. 17

[37] s. Schuller 2005, S. 52

[38] s. Schuller 2005, zitiert nach Schieffer, S. 55

[39] vgl. von Alemann 2005, S. 17

[40] ebd.

[41] vgl. von Alemann 2005, S. 18-19

[42] vgl. Schuller 2005, S. 57

[43] Simmel, G.: Zur Psychologie des Geldes. Online in: URL:

http://www.digbib.org/Georg_Simmel_1858/Zur_Psychologie_des_Geldes, Download 06.07.09

[44] s. Rabl 2009a, S. 26

[45] ebd.

Ende der Leseprobe aus 71 Seiten

Details

Titel
"Korruption“ - Kritische Rekonstruktion der Ursachen, Folgen und Therapien einer scheinbaren Wachstumsbranche
Hochschule
Fachhochschule für Wirtschaft Berlin
Note
2,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
71
Katalognummer
V145439
ISBN (eBook)
9783640575688
ISBN (Buch)
9783640575411
Dateigröße
915 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Korruption“
Arbeit zitieren
Konstantin Pozdnyakov (Autor), 2009, "Korruption“ - Kritische Rekonstruktion der Ursachen, Folgen und Therapien einer scheinbaren Wachstumsbranche, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/145439

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