Dieser Sammelband enthält drei Hauptseminararbeiten und eine Bachelorarbeit.
In der ersten Hausarbeit soll das Verhältnis zwischen Rhetorik und Philosophie in der Antike sowie Platons Stellung zur Rhetorik verdeutlicht werden. Als Grundlage dient hierfür ein Werk Platons, nämlich der Dialog „Gorgias“. Die zentrale These, die im Laufe dieser Hausarbeit genauer beleuchtet und bewiesen werden soll, lautet: Die Stellung Platons zur Rhetorik, wie sie im Dialog „Gorgias“ zum Vorschein kommt, ist in ihren Grundzügen eine Darstellung des Verhältnisses zwischen den beiden rivalisierenden Schulen Rhetorik und Philosophie.
Eine Analyse von Ciceros Rednerkonzept ist schon deshalb nötig, weil es einige Fragen aufwirft, die für die Rhetorik relevant sind: Was soll ein Redner eigentlich tun, was soll er können und wie soll er sein? Welche Rolle hat er in der Gesellschaft? Und nicht zuletzt: Wozu formuliert Cicero in dieser Deutlichkeit einen Anspruch, dem unmöglich ein Redner gerecht werden kann? Die zweite Arbeit versucht Antworten auf diese Fragen zu finden. Anhand ausgewählter rhetorischer Schriften Ciceros, in denen der orator perfectus thematisiert wird, erfolgt eine Darstellung des Ideals. Ziel ist es, die zahlreichen Definitionen und Anforderungen, die Cicero in seinen Schriften entwickelt, zu einem einheitlichen Konzept des idealen Redners zusammenzustellen.
Was ist der perfectus orator bei Quintilian, den er immer wieder beschwört, und wozu dient dieses schwerlich erreichbare Leitbild? Die dritte Arbeit versucht, Antworten auf diese Fragen zu finden. Zunächst wird hierbei das Verhältnis von Philosophie und Rhetorik ausgelotet, da Quintilian mit vir bonus einen stark philosophisch konnotierten Begriff als Synonym zum perfectus orator verwendet. Des Weiteren gehen wir der Frage nach, welche Rolle die Natur, auf die Quintilian immer wieder verweist, im Leitbild des idealen Redners spielt. In den folgenden Abschnitten wird schließlich die Frage nach der Erreichbarkeit und nach dem Zweck des ambitionierten Programms Quintilians erörtert.
Mit der vierten Arbeit soll untersucht werden, wie sich das Verhältnis zwischen der Philosophie und der Rhetorik in der Hohen Kaiserzeit gestaltete und ob man für diese Zeit von einem Konflikt sprechen kann. Die Thematik wird anhand von Aulus Gellius‘ "Noctes Atticae" bearbeitet.
Inhaltsverzeichnis
Rhetorik und Philosophie in der Antike. Der Dialog "Gorgias" von Platon
1. Einleitung
2. Geschichtlicher Hintergrund
2.1 Die Geschichte der Rhetorik
2.2 Die Philosophie als Gegenströmung der Rhetorik
3. Der Dialog „Gorgias“
3.1 Das Gespräch zwischen Sokrates und Gorgias über die Beschaffenheit der Rhetorik
3.2 Das Gespräch zwischen Sokrates und Polos
4. Platons Haltung zur Rhetorik
5. Schlussfolgerung
Orator perfectus. Zu Ciceros Rednerideal
1. Einleitung
2. Der orator perfectus
2.1. Bildungsanforderungen
2.2. Rhetorische Fähigkeiten
2.3. Persönlichkeit des Redners
2.4. Rednerideal und Moral
2.5. Rednerische Pflichten
2.6. Naturanlage und Ausbildung
2.7. Wozu das Ideal?
2.8. Die Rolle des Redners im Staat
2.9. Das Verhältnis von Philosophie und Rhetorik
3. Weiterwirken des orator perfectus bei Quintilian
4. Conclusio
Zum Ideal des Perfectus Orator in Quintilians "Institutio Oratoria" Vir bonus dicendi peritus
1. Einleitung
2. Der orator perfectus
2.1. Orator, id est vir bonus – Der gute Redner, ein Philosoph?
2.2. naturae ipsi ars inerit – Die Rolle der Natur
2.3. Orator ille, qui nondum fuit – Erreichbarkeit des Ideals
2.4. Quod magis petimus, bonam voluntatem – Wozu das Ideal?
3. Conclusio: vir bonus dicendi peritus
Die Darstellung in Aulus Gellius‘ "Noctes Atticae". Das Verhältnis zwischen Philosophie und Rhetorik in der Hohen Kaiserzeit
1. Einleitung
2. Quellenkapitel
3. Das Verhältnis zwischen Philosophie und Rhetorik in der Hohen Kaiserzeit
4. Die Darstellung des Verhältnisses zwischen Philosophie und Rhetorik in den Noctes Atticae
4.1 Die Darstellung des Favorinus von Arelate
4.2 Die Darstellung des Lukios Kalbenos Tauros
4.3 Die Darstellung des Herodes Atticus
5. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese wissenschaftliche Publikation untersucht die historische Entwicklung und die ideengeschichtliche Konkurrenz zwischen Rhetorik und Philosophie in der griechisch-römischen Antike. Anhand zentraler Texte von Platon, Cicero, Quintilian und Aulus Gellius wird analysiert, wie sich das Ideal des "idealen Redners" von einer antiken Rivalität hin zu einer im rhetorischen Bildungskanon verankerten, aber dennoch umstrittenen Stellung entwickelte.
- Analyse des platonischen Dialogs "Gorgias" als Fundament der antiken Rhetorikkritik.
- Untersuchung des römischen Rednerideals "orator perfectus" bei Cicero und dessen Rezeption durch Quintilian.
- Erforschung der Verbindung von Rhetorik, Ethik und politischer Verantwortung (vir bonus).
- Darstellung der philosophisch-rhetorischen Interaktionen in der Hohen Kaiserzeit am Beispiel der "Noctes Atticae" des Aulus Gellius.
Auszug aus dem Buch
2.1 Die Geschichte der Rhetorik
Heutzutage versteht man bekanntlich unter Rhetorik eine Art der Spracherziehung und Vortragskunst. Der Begriff „Rhetorik“ kommt aus dem altgriechischen und leitet sich aus dem Wort „rhētorikḗ“ ab, was übersetzt so viel heißt wie „Redekunst“ oder „Kunst der Beredsamkeit“. Wenn man die Rhetorik gut beherrscht, dann sollte es einem gelingen, Menschen zu überzeugen und Reden zu halten, denen die Zuschauer mit Freude zuhören und deren Inhalte im Gedächtnis bleiben. Die Definition moderner Rhetorik ist demnach: „Die Kunst wirksam zu reden und zu überzeugen.“6
Die Rhetorik war also nicht nur bei den Rednern der Antike von Bedeutung, sie ist auch heute noch aktuell und dient der Überzeugung. Sie ist beispielsweise aus Wirtschaft oder Politik nicht wegzudenken. Doch nicht nur zur Überzeugung anderer Menschen ist es wichtig, rhetorische Fähigkeiten zu haben. Bei einer Trauerrede beispielsweise kommt es vielmehr darauf an, dass man als guter Redner die Hinterbliebenen tröstet und das Leben des Toten wertschätzt.
Ihren Ursprung findet die Rhetorik jedoch bereits in der Antike. So gilt der griechische Dichter Homer als deren Schöpfer, was beispielsweise schon Cicero feststellte:
„Denn nicht hätte schon in der trojanischen Zeit Homer dem Ulysses und Nestor so großes Lob in der Rede erteilt, von denen er dem einen Kraft, dem anderen Anmut zuschreibt, wenn die Beredsamkeit nicht damals schon in Ehren gestanden hätte, und es hätte auch dieser Dichter selbst nicht so viel Schmuck der Rede besessen und wäre kein vollkommener Redner gewesen.“ 7
So hat Homer also bereits im 8. Jahrhundert v. Chr. in seinen berühmten Werken „Ilias“ und „Odyssee“ rhetorische Stilmittel und Reden verarbeitet. Dennoch muss man die Redekunst bei Homer noch gänzlich in den „mythologischen Rahmen seines Dichtungsverständnisses“ eingebettet sehen, sodass man ihr lediglich eine „instrumentelle[] Bedeutung“ zuordnen kann.8
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das zentrale Spannungsfeld zwischen Rhetorik und Philosophie ein und stellt die forschungsleitende These zur platonischen Rhetorikkritik im Dialog "Gorgias" vor.
2. Geschichtlicher Hintergrund: Dieses Kapitel erläutert den historischen Kontext von Platons Debatte und die Entstehung der Akademie im Gegensatz zur Schule des Isokrates.
3. Der Dialog „Gorgias“: Die Analyse des Dialogs beleuchtet die Argumentation zwischen Sokrates und seinen Gesprächspartnern über das Wesen der Rhetorik sowie ihre moralischen Implikationen.
4. Platons Haltung zur Rhetorik: Hier wird Platons kritische Position gegenüber rhetorischen Machtansprüchen und sein eigener, idealisierter Anspruch an das Sprechen dargelegt.
5. Schlussfolgerung: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt die Relevanz des Konflikts zwischen der "Scheinkunst" Rhetorik und der ethisch verankerten Philosophie.
Schlüsselwörter
Rhetorik, Philosophie, Antike, Gorgias, Platon, Orator perfectus, Cicero, Quintilian, Noctes Atticae, Aulus Gellius, Beredsamkeit, vir bonus, Zweite Sophistik, Redekunst, Dialektik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in diesem Sammelband grundsätzlich?
Der Band untersucht das ideengeschichtliche Verhältnis von Rhetorik und Philosophie im antiken Griechenland und Rom, mit einem besonderen Fokus auf das Ideal des idealen Redners.
Was sind die zentralen Themenfelder dieser Arbeit?
Die Arbeit behandelt die philosophische Rhetorikkritik, die Ausbildung des idealen Redners (orator perfectus) bei Cicero und Quintilian sowie die Interaktion der Disziplinen in der römischen Kaiserzeit.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage des Werks?
Das primäre Ziel ist es, das Spannungsfeld zwischen der rhetorischen Überzeugungskunst und der philosophischen Wahrheitsfindung zu analysieren und zu klären, wie antike Denker dieses Verhältnis zu harmonisieren oder abzugrenzen versuchten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Publikation stützt sich primär auf die textnahe Analyse antiker Quellen (Primärtexte) sowie auf eine kritische Auseinandersetzung mit der einschlägigen Forschungsliteratur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in Analysen zu Platon, Cicero, Quintilian und Aulus Gellius, wobei jeweils die Anforderungen an Redner, deren Bildungswege und die moralischen Voraussetzungen im Zentrum stehen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Rhetorik, Philosophie, Orator perfectus, vir bonus, Antike, Dialektik und Staatsführung sind die prägenden Begriffe.
Welches Bild des Redners entwirft Cicero mit seinem orator perfectus?
Cicero entwirft einen Redner, der nicht nur technisch versiert ist, sondern über eine universale Bildung (Philosophie, Recht, Geschichte) verfügen muss, um als integre Führungspersönlichkeit im Staat zu fungieren.
Warum betont Quintilian so stark das Ideal des "vir bonus"?
Quintilian möchte in einer Zeit eingeschränkter politischer Freiheiten das rhetorische Ideal durch eine moralische Grundlage – den "guten Mann" – bewahren und so die Rhetorik gegen ihre Degradierung zur bloßen Deklamation verteidigen.
Wie bewertet Aulus Gellius in den "Noctes Atticae" das Verhältnis der Disziplinen?
Gellius vermeidet eine einseitige Parteinahme. Er zeichnet ein Bild, in dem Rhetorik und Philosophie in der "Hohen Kaiserzeit" eher eine harmonische Koexistenz oder gar Vermischung erfahren, statt in einem scharfen Konflikt zu stehen.
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- GRIN Verlag (Hrsg.) (Editor), Svenja Schäfer (Author), Lisa Maria Koßmann (Author), Sebastian Flock (Author), 2024, Das Verhältnis von Philosophie und Rhetorik in der Antike. Zum Ideal des Redners, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1455376