Sexueller Kindesmissbrauch

Überblick über das „Tabu- Phänomen“ sowie Möglichkeiten und Grenzen der Prävention und Intervention


Hausarbeit, 2009

35 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Sexueller Kindesmissbrauch
2.1 Begriffliche Annäherung
2.2 Mögliche Ursachenmodelle
2.2.1 Der psychodynamische Ansatz
2.2.2 Der täterzentrierte Ansatz
2.2.4 Das systemtheoretische Modell
2.2.5 Der sozialpsychologische Ansatz
2.2.6 Der feministische Ansatz
2.2.7 Zusammenfassung
2.3 Epidemiologie
2.4 Die Opfer
2.5 Die Täter- ein Unterschichtenproblem erwachsener Männer?

3 Die Folgen des sexuellen Missbrauchs
3.1 Körperliche Verletzungen
3.2 Psychische/ Emotionale Folgen
3.3 Soziale Auffälligkeiten
3.4 Auswirkungen auf das Sexualverhalten
3.5 Geschlechtstypische Unterschiede
3.6 Zusammenfassung

4 Möglichkeiten des Eingriffs/ Präventions-und Interventionsmaßnahmen
4.1 Möglichkeiten der Prävention sexuellen Missbrauchs
4.2 Intervention bei sexuellem Missbrauch
4.3 Probleme der öffentlichen Jugendhilfe

5 Schluss

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Sexueller Missbrauch ist ein Thema, das für viele Menschen in unserer Gesellschaft ein Tabu darstellt, doch nicht der Missbrauch an sich unterliegt diesem Tabu, sondern das Sprechen darüber. Die sexuelle Ausbeutung von Jungen und Mädchen findet nicht erst seit heute statt, sondern hat eine jahrhundertealte Tradition (vgl. Enders 2008,S.11) Fälle von minderjährigen Müttern, die von den eigenen Vätern geschwängert wurden, wurden abgestritten und verheimlicht. Nicht selten wurde das Neugeborene zur Adoption freigegeben oder mit der Mutter ins Mutter-Kind-Heim abgeschoben. In anderen Familien hat die Mutter des Mädchens das Baby als ihr eigenes angenommen und großgezogen. Der leibliche Vater des Kindes wurde totgeschwiegen und die „heile Welt“ war wieder hergestellt. Gewarnt wurde lediglich vor dem „bösen Fremden“ auf der Straße, nicht jedoch vor dem eigenen Vater, Bruder, Onkel, Großvater, Lehrer, Geistlichen…(Enders 2008,S.11) Erst zu Beginn der 80er Jahre rückte das Thema immer mehr in den Vordergrund. Dies ist ein Verdienst der Frauenbewegung, denn zu dieser Zeit gingen erstmals betroffene Frauen an die Öffentlichkeit und berichteten von ihren schrecklichen Kindheitserfahrungen. Selbsthilfeinitiativen betroffener Frauen z.B. „Wildwasser“, „Zartbitter“ und „Dolle Derns“ rückten die sexuelle Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Die Erkenntnis, dass es sich um alltägliche Erlebnisse von Kindern jeder Altersstufe und aus jeder sozialen Schicht handelt, wurde zunächst sehr ungläubig von der Bevölkerung aufgenommen, hinterließ dann aber vor allem ein riesiges Ausmaß an Unverständnis und Ratlosigkeit (vgl. Enders 2008, S.11).

Heutzutage ist das Ausmaß des oft jahrelangen sexuellen (inszestuösen) Kindesmissbrauchs fast täglich in den Medien zu verfolgen. Tag für Tag, Monat für Monat kommen schreckliche Ereignisse, die sich über Jahren in Kellerverließen ereignet haben, ans Tageslicht. Bemerkenswert ist hierbei, dass der sexuelle Missbrauch auch in der eigenen Familie stattfindet und für die Opfer eine Vielzahl von Folgen in den verschiedensten Lebensbereichen mit sich bringen kann. Es scheint als ob Täter wie Dutroux, Fritzl oder Uwe K., der Mörder des kleinen Mitja aus Leipzig, wie Pilze aus dem Boden sprießen und schreckliche Einzelschicksale hinterlassen. Wenn man sich tiefergehend mit dem Thema befasst, erfährt man von abscheulichen Vorgehensweisen wie rituellem Missbrauch, jahrzehntelangem Einsperren und Schändung in 3- stelliger Anzahl und spätestens seit dem Buch von Heidi Kästner, die Gerichtspsychiaterin im Falle des Inzestdramas Fritzl aus Amstetten, wird immer präsenter, dass das Phänomen des sexuellen Kindesmissbrauch und der Gewalttätigkeit von Männern an potenziell Schwächere aber auch von Frauen als Täter aktueller denn je erscheint und dies sehr wahrscheinlich schon immer war. Als Indikator für die Aktualität dieser Gewaltverbrechen bzw. der Erwachung des Bewusstseins der Öffentlichkeit für diese Gräueltaten kann man auch das neue Gesetz vom Oktober 2009 in Polen ansehen: Sexualstraftäter, die Minderjährige unter 15 Jahren missbraucht haben, müssen sich von nun an nach ihrer Haftentlassung stets einer vorläufigen chemischen Zwangskastration unterziehen, welche den Sexualtrieb der Täter eindämpft. Ein Schritt, der zeigt, wie hilflos die Regierung gegenüber dem schrecklichen Delikt des Kindesmissbrauchs zu sein scheint. Täterfokussierung statt Opferprävention vermag hier deutlich in der Vormachtstellung der staatlichen Bemühungen stehen, doch was geschieht mit all den kleinen Kindern, die die unerkannte allabendliche Pein im Kinderbett über sich ergehen lassen müssen?

Die vorliegende Ausarbeitung gibt zu dieser Frage vorab einen Überblick über das Thema des sexuellen Missbrauchs, indem zunächst eine Definition sowie die begriffliche Annäherung an die verschiedenen Formen des Missbrauchs erläutert werden. Ebenso werden mögliche Ursachenmodelle näher erläutert, um zu verdeutlichen, um welche Art von Vergehen es sich handelt.

Das Ziel ist es, die Täter und Opfer, sofern dies möglich ist, näher zu beschreiben sowie die große Bandbreite der Auswirkungen und Folgen des Missbrauchs für die Betroffenen herauszustellen. Es soll aufgezeigt werden, was dieses Trauma für die Opfer bedeuten kann, auch wenn es sich jeweils um individuell unterschiedliche Auswirkungen und Schweregrade der Folgen handelt. Des Weiteren zielt diese Arbeit darauf ab, Möglichkeiten der Prävention und Intervention vor allem durch die öffentliche Kinder- und Jugendhilfe aufzuzeigen, welche dazu beitragen, dieses Verbrechen zu verhindern bzw. frühzeitig zu beenden, um die Folgen dieser schrecklichen Taten für die betroffenen Kinder zu minimieren. Im Anschluss soll also der Frage nachgegangen werden, welche Interventionsansätze bei Hinweisen auf sexuellen Missbrauch speziell Fachkräften der Jugendhilfe zu Verfügung stehen. Ferner soll versucht werden, Grenzen hinsichtlich der Handlungskompetenzen der Jugendhilfe vor allem bezüglich der Tertiär-bzw. Opferrehabilitation aufzumachen.

Im folgenden Text wird für die Kinder und Jugendliche mit sexuellen Missbrauchs-erfahrungen der Begriff Opfer sowie für die Missbraucher/Innen, diejenigen also, die für diese Taten verantwortlich sind, der Begriff Täter verwendet, auch wenn dies in Bange und Deegener (1996, S.10) als äußerst stigmatisierend dargestellt wird. Bei der hier vorliegenden Verwendung dieser Termini ist der geäußerten Kritik entgegenzusetzen, dass nur dadurch eine vollends klare Angabe der Verantwortlichkeit gewährleistet wird.

2 Sexueller Kindesmissbrauch

2.1 Begriffliche Annäherung

Wenn man von sexuellem Kindesmissbrauch spricht, dann muss man konstatieren, dass dieses Thema seit den 1980er Jahren in der Öffentlichkeit wahrgenommen und vielschichtig diskutiert wird. Eine Vielzahl an Studien sind seitdem entstanden mit teils spektakulären Ergebnissen. Hierbei sei jedoch angemerkt, dass es in Abhängigkeit davon, welche Definition man einer wissenschaftlichen Studie zugrunde legt, zu großen Unterschieden zwischen den letztendlichen Resultaten kommen kann.

Um diese Fehlerquelle auszumerzen und sich diesem Thema wissenschaftlich zu nähern, wurden in der Literatur mehrere gebräuchliche Definitionen geprägt. Es zeigt sich jedoch nach wie vor, dass die begriffliche Bestimmung des sexuellen Missbrauchs je nach theoretischem Herangehen und weltanschaulichem, ethnischem oder juristischem Hintergrund differiert. Eine oft verwandte Möglichkeit der Definition ist die, die zwischen einem engen und einem weiten Missbrauchsverständnis unterscheidet (vgl. Hartwig; Hensen 2003, S.15).

Hierbei wird unter einer engen Definition laut Wipplinger und Amman sexueller Kindesmissbrauch als

„(...)körperlicher Kontakt zwischen Täter und Opfer, wie oraler, analer und genitaler Geschlechtsverkehr“ (Wipplinger; Amman 1997, S.21) verstanden.

Enge Definitionen sind sehr präzise formuliert, vor allem um trennscharf von nicht- missbrauchten Opfern zu unterscheiden, und scheinen den möglichen sexuellen Missbrauch gegenüber anderen Handlungen streng abzugrenzen. Ferner wird durch diesen Definitionsversuch der sexuelle Missbrauch vorwiegend als körperlicher Kontakt zwischen Täter(innen) und Opfer wie oraler, analer und genitaler Geschlechtsverkehr beschrieben. Wenn man alle sogenannten engen Definitionen in der Literatur vergleicht, ist als gemeinsames Kennzeichen zu erkennen, dass als sexueller Missbrauch nur Handlungen angesehen werden, die mit einem direkten Körperkontakt zw. Täter(innen) und Opfer verbunden sind. Berührungen, bei denen sich noch ein anderes Medium z.B. Kleidungsstück zwischen den Körperteilen befindet, werden entsprechend nicht als sexueller Missbrauch klassifiziert. Kriterien solcher Art erfassen nur einen äußerst geringen Teil von Handlungen, die üblicherweise als sexueller Missbrauch gesehen werden, allerdings garantieren enge Definitionen eine möglichst homogene und trennscharfe Stichprobe, was bei empirischen Untersuchungen von zentraler Bedeutung ist (vgl. Egle; Hoffman; Joraschky 2005, S.12).

Gegenüber der engen Definition steht nun die weite definitorische Annäherung an das Problem. Der weite Missbrauchsbegriff versucht, das Phänomen umfassender und in seiner Gesamtheit zu beschreiben. Als ein Beispiel dafür kann man die folgende Definition nehmen, welche die deutsche Gesellschaft für Kinder und Jugendpsychiatrie in den Leitlinien zu Diagnostik und Therapie von psychischen Störungen im Säuglings-Kindes und Jugendalter herausgegeben hat. Demnach ist sexueller Kindesmissbrauch durch Folgendes gekennzeichnet:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Allen weiten Definitionen gemeinsam ist die Tatsache, dass zwischen Täter und Opfer zum einen ein Machtgefälle und zum anderen ein Gefälle in Hinblick auf Alter und Reife herrscht sowie dass es sich um sexuelle Übergriffe handelt, die meistens gegen den Willen des Kindes erfolgen (vgl. Egle; Hoffman; Joraschky 2005, S.12).

In vielen sozialwissenschaftlichen Untersuchungen ist eine weitere Herangehensweise der begrifflichen Abgrenzung zudem in der Form zu finden, dass der sexuelle Missbrauch über verschiedene sexuelle Handlungen bzw. Erfahrungen operationalisiert wird und manche Autoren, wie z.B. Bange und Deegener (1996), nehmen eine Unterteilung in a) leichte Formen des sexuellen Missbrauchs (ohne Körperkontakt, wie z.B. Exhibitionismus), b) wenig intensive Missbrauchshandlungen (Versuche, die Genitalien des Kindes anzufassen, sexualisierte Küsse), c) intensive Missbrauchshandlungen (Berühren der Genitalien, erzwungene Masturbation des Kindes oder Masturbation des Täters vor dem Kind) sowie der schwerstem Form der d) intensivste Missbrauch, der in der versuchten oder vollzogenen oralen, analen oder vaginalen Vergewaltigung gipfelt, vor.

Zu beachten ist, dass andere Parameter wie Häufigkeit und Dauer des Missbrauchs, Alter des Opfers sowie die Beziehung des Opfers zu dem Täter bei einer definitorischen Abklärung nicht außer Acht gelassen werden dürfen, wenn man sich ernsthaft mit dem Delikt und vor allem auch mit den eventuellen körperlichen und seelischen Folgen des Opfers auseinandersetzen möchte.

Es ist abschließend festzustellen, dass also ein einziges Definitionskriterium nicht ausreicht, um den komplexen Zusammenhang sexuellen Missbrauchs zu erfassen. Ein Definitionsversuch bleibt daher meist unvollständig, da immer Grenzfälle auftreten und sexueller Missbrauch zu viele Facetten und Erscheinungsformen aufweist, um sie in einer einzigen Begriffsbestimmung unterzubringen.

Es liegt daher nahe, die angewandte Definition ihrer Aufgabe und ihrem Zweck zugrunde zu legen, d.h. sie jedesmal in Hinblick auf den Kontext zu untersuchen und nicht unhinterfragt anzuwenden (vgl. Hartwig; Hensen 2003, S.18).

Insgesamt wird in der vorliegenden Arbeit von der schon dargestellten weiteren Definition der deutschen Gesellschaft für Kinder und Jugendpsychiatrie ausgegangen, insbesondere muss in dieser Definition im Hinblick auf den institutionellen Umgang der Kinder- und Jugendhilfe mit sexuellem Missbrauch der Faktor der Ausnutzung eines Abhängigkeitsverhältnisses, in diesem Fall das Verhältnis Professioneller-Klient, deutlich hervorgehoben werden.

Um die Frage, wie es zu sexuellem Missbrauch kommt und welche Motive die Täter haben, näher zu beleuchten, wird im Nachfolgenden auf mögliche in der Literatur beschriebene Ursachenmodelle und -ansätze näher eingegangen. Dabei soll zum einen ein psychodynamischer Ansatz, zum anderen ein täterzentrierter Ansatz, ferner der Faktor der Pädophilie, das systemtheoretische und sozialpsychologische Modell sowie last but not least das feministische Ursachenmodell näher beleuchtet werden.

2.2 Mögliche Ursachenmodelle

Um die Frage nach dem „Warum“ zu beantworten und die Motive der Täter, die dazu führen Kinder und Jugendliche sexuell zu missbrauchen, zu erkennen, muss man sich mit den Hintergründen und Bedingungen unserer Gesellschaft und der Täter befassen. Dabei ist gleich zu Beginn anzumerken, dass sich Fachleute einig sind, dass es nicht die Ursache schlechthin gibt, um ein solch schreckliches Vergehen erklären zu können (Hervorh. des Autors). Wichtig ist hierbei der Hinweis auf die Annahme, dass nur multifaktorielle Ansätze das Phänomen angemessen beschreiben können (vgl. Hartwig; Hansen 2003, S.20). Im Nachfolgenden sollen nun sowohl einige gängige als auch historisch überholte Erklärungsmodelle vorgestellt und auf ihren multifaktoriellen Ansatz hin untersucht werden.

2.2.1 Der psychodynamische Ansatz

„Traditionelles Ursachenverständnis basiert auf der Vorstellung, sexuelle Gewalt ist ein von der gesellschaftlichen Norm abweichendes Verhalten, welches nur von ganz bestimmten Männern an ganz bestimmten Frauen oder Mädchen verübt wird“ (Hartwig; Hansen 2003, S.21). Dabei muss deutlich konstatiert werden, dass nach neueren Untersuchungen sexuelle Gewalttaten dem hingegen aber weder Einzelfälle sind, noch werden sie bis auf wenige Ausnahmen von besonders gestörten Persönlichkeiten vorgenommen. Eng verknüpft mit diesem Ansatz sind psychodynamische Ansätze, in denen sexuelle Triebentwicklungen besonders beachtet werden. Bis heute halten sich gewisse Vorurteile und Stereotype über die Sexualität des Mannes, die als Gewaltinitiator für vor allem männliche Gewalt gegen Mädchen gelten. Folglich wurde in der traditionellen Ursachenforschung der Ausganspunkt im Bereich der Sexualität gesucht (vgl. Hartwig; Hensen 2003, S.21).

Der psychodynamische Ansatz verkörpert die Theorie der Psychoanalyse, demnach hat jedes Kind ödipale Wünsche und ist einer sexuellen Beziehung mit dem gegengeschlechtlichen Elternteil nicht abgeneigt. In dieser psychodynamischen Beziehung von Vater zu Tochter sieht Hirsch eindeutige Zusammenhänge mit sexuellem Missbrauch in der Familie. Die inzestuöse Beziehung wird dabei als „Kompensation eines Defizits mütterlicher Fürsorge“ gesehen, der Vater wird sozusagen zum Objekt, welches die fehlende Mütterlichkeit ersetzen soll (vgl. Hirsch 1999,S.83). Die Verführung des Vaters durch die Tochter wird dabei also häufig zur Ursache sexuellen Missbrauchs gemacht. So soll es eine Tatsache sein, dass Mädchen und Jungen eine erotische Ausstrahlung haben, auf die Erwachsene mehr oder weniger ansprechen (müssen) (vgl. Hirsch 1999, S.111)

Hierbei ist deutlich zu sagen, dass dieser zum Teil längst überholte Ansatz, basierend auf der freud­‘schen Verführungstheorie, insofern ein Rechtfertigungsgrund für die Täter darstellt, als dass er die Schuld an dem abweichenden sexuellen Verhalten dem Opfer zuspricht und sexuelle Gewalt gegen die eigenen Kinder so hingehend beinahe gutheißt.

Obwohl dieser Ansatz in erster Linie historischen Wert besitzt und in vielerlei Hinsicht überholt und falsch ist, so sind doch die Erklärungslinien dieses Ansatzes leider allzu oft präsent und praxisrelevant (vgl. Hartwig; Hensen 2003, S.22). Dies äußerst sich auch darin, dass viele Männer selbst in heutigen Zeiten noch Verständnis dafür aufbringen, dass ein Mann den Reizen der Verführerin eben nicht widerstehen konnte und er somit eigentlich nicht anders handeln konnte, als die Tochter zu missbrauchen.

Hier muss das Fachpersonal der Jugendhilfe noch deutlich Aufklärungsarbeit leisten und auch für die allgemeine Öffentlichkeit klar stellen, dass die Ursache für sexuellen Missbrauch niemals beim Opfer zu suchen ist.

Kinder und Jugendliche sehnen sich in den Arm genommen und gestreichelt zu werden und wie jedes andere Lebewesen auf der Welt streben sie nach emotionaler Nähe und Zuwendung. Die Schmerzen, die unangenehmen Berührungen, die Angst vor dem Vater, die Angst, dass es heute Nacht wieder geschieht, die Angst vor dem Auseinanderbrechen der Familie und vor den Reaktionen der Umwelt gehören sicherlich nicht zu den Gefühlen, die sich Kinder erhoffen. Klar ist, Kinder sind nicht in der Lage die Tragweite sexueller Handlungen einzuschätzen und somit zu verweigern und sind damit niemals als Mitschuldiger oder gar Verursacher von sexuellem Missbrauch anzusehen.

2.2.2 Der täterzentrierte Ansatz

Genauso ursprünglich wie auch aktuell erweisen sich Ursachenmodelle die grundlegend auf die Täterpersönlichkeit als Ursache verweisen. Faktisch besteht sexueller Missbrauch in allen Schichten, deshalb gibt es auch nicht den Täter an sich (Hervorh. des Autors), dennoch werden auch hier Mythen und Stereotypien tradiert und von Generation zu Generation weiter gegeben. „Sexueller Notstand aufgrund unzureichender sexueller Befriedigung durch einen Erwachsenen, der starke männliche Geschlechtstrieb, der Abnormes geradezu verlange, ein belastetes Umfeld, Verführung durch das Kind und unkontrollierbare Liebe zu dem Kind sind Beispiele für heute immer noch zu hörende Erklärungen“ (Hartwig; Hensen 2003, S.22). Da es sich hier um Angaben handelt, die hauptsächlich von den Tätern stammen, kann man wohl schlussfolgern, dass es sich hierbei um willkommene Argumente für ihre Tat handelt. Folglich wird der Täter dabei von sich selbst implizit zum Opfer gemacht, welcher Verständnis und Mitleid verdiene und der Blick auf die tatsächlichen Opfer wird dadurch verwaschen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Sexueller Kindesmissbrauch
Untertitel
Überblick über das „Tabu- Phänomen“ sowie Möglichkeiten und Grenzen der Prävention und Intervention
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Institut für Pädagogik)
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
35
Katalognummer
V145581
ISBN (eBook)
9783640564460
ISBN (Buch)
9783640564811
Dateigröße
640 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sexueller, Kindesmissbrauch, Phänomen“, Möglichkeiten, Grenzen, Prävention, Intervention
Arbeit zitieren
Sabrina Barche (Autor), 2009, Sexueller Kindesmissbrauch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/145581

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