„Als du in Afrika warst, gab es da auch Häuser aus Stein?“, hat mich mein neunjähriges Patenkind kürzlich gefragt. In dieser Frage spiegelt sich eines der vielen Afrika-Klischees wieder, die nicht nur in den Köpfen von Kindern vorherrschen. Ums Lagerfeuer tanzende Wilde, Lehmhütten, Hunger und Armut -
eine Ansammlung von Unzivilisiertheit und Hinterwäldlertum bilden das allgemeine Afrikabild in westlichen Köpfen. Ein Grund hierfür ist die weitgehende mediale Ignoranz Afrikas. Die seltene Berichterstattung wird außerdem sehr
einseitig gestaltet. Es wird lediglich von afrikanischen Katastrophen berichtet, nicht aber von positiven Entwicklungen. „Dürre, Hunger und Seuchen, Krieg und Massenelend - will das denn in Afrika nie aufhören?“, fragt Afrika-Korrespondent Bartholomäus Grill.
Die Tatsache, dass Afrika nach Asien der zweitgrößte Kontinent der Erde ist und aus 53 Staaten besteht, wird gerne übersehen. Afrika als ein einziges Land zu betrachten und über einen Kamm zu scheren, ist zumeist traurige europäische Normalität. Dies bezieht sich vor allem auf Schwarz-Afrika, da Nordafrika
oft automatisch abgespalten wird. Die Unterteilung zwischen Nord- und Subsahara-Afrika macht insofern Sinn, als dass es große geschichtliche, wirtschaftliche und politische Unterschiede gibt. Wünschenswert wäre jedoch eine eben-
solche Differenzierung zwischen allen Ländern des afrikanischen Kontinents.
Die Gründe für die Ignoranz von Afrikas immenser Heterogenität sind vielfältig und spiegeln sich auch in der meta-afrikanischen Literatur europäischer Autoren wieder. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich im Kern mit den folgenden fünf Werken europäischer Autoren der Gegenwart: Joseph Conrad: Herz der
Finsternis (1902); Claire Goll: Der Neger Jupiter raubt Europa (1926); Karen Blixen: Afrika, dunkel lockende Welt (1937); Henning Mankell: Das Auge des Leoparden (1990) und Giles Foden: Der letzte König von Schottland (1998).
Der Schwerpunkt liegt dabei auf den Werken von Conrad, Blixen und Mankell. Die Reihenfolge, in der die Romane behandelt werden, entspricht ihrem Erscheinungsjahr und in jedem von ihnen sind verschiedene Schwerpunkte gesetzt, die mithilfe zahlreicher Zitate verdeutlicht werden sollen.
Inhaltsverzeichnis
1. Vorwort
2. Einleitung
3. Herz der Finsternis
3.1 Inhalt und historischer Hintergrund
3.2 Allgemeines Afrikabild
3.3 Die Personifikation der Wildnis
3.4 Charakterisierung der Schwarzen
3.5 Die Kritik an der Profitgier der Kolonialisten
3.6 Darstellung der Weißen
3.7 Fazit
4. Der Neger Jupiter raubt Europa
4.1 Inhalt und historischer Hintergrund
4.2 Das Erscheinungsbild der Schwarzen am Beispiel von Jupiter
4.3 Schwarz vs. weiß
4.4 „Weiße“ Vorurteile am Beispiel von Olaf
5. Afrika, dunkel lockende Welt
5.1 Inhalt und historischer Hintergrund
5.2 Das allgemeine Afrikabild in Afrika, dunkel lockende Welt
5.3 Tiervergleiche und Charakterisierung der Schwarzen
5.4 Die Rolle der Europäer
5.5 Religionen, Mythen und Eigenheiten der verschiedenen Stämme
6. Das Auge des Leoparden
6.1 Inhalt und historischer Hintergrund
6.2 Erste Eindrücke Olofsons und allgemeines Afrikabild
6.3 Rassismus in Das Auge des Leoparden
6.4 Politik und Entwicklungshilfegelder
6.5 Afrikadepression und Unwirklichkeit Afrikas
6.6 Aberglaube und Zauberei
6.7 Krankheiten und mangelnde medizinische Versorgung
6.8 Olofson - der Wohltäter
6.9 Afrikas Zukunft
7. Der letzte König von Schottland
7.1 Inhalt und historischer Hintergrund
7.2 Allgemeines Afrikabild
7.3 Krankheiten
7.4 Die Vielfältigkeit der Sprachen
7.5 Die Gewaltherrschaft Idi Amins
8. Schlussbetrachtung
8.1 Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Darstellung von Afrika und dessen Bewohnern in ausgewählten literarischen Werken europäischer Autoren des 20. Jahrhunderts. Dabei wird analysiert, inwiefern stereotype Afrikabilder, Rassismus und koloniale Denkmuster in der Literatur reflektiert, bedient oder kritisch hinterfragt werden.
- Literarische Konstruktion von Afrika als "der anderen Welt"
- Entwicklung und Wandel des literarischen Afrikabildes über ein Jahrhundert
- Die Rolle von Rassismus und kolonialer Ideologie in der Erzählkunst
- Vermischung von biografischen Fakten und Fiktion in der Afrikaliteratur
- Darstellung afrikanischer Identität, Religion und Tradition
Auszug aus dem Buch
3.3 Die Personifikation der Wildnis
The word ‚ivory‘ rang in the air, was whispered, was sighed. You would think they were praying to it. A taint of imbecile rapacity blew through it all, like a whiff from some corpse. By Jove! I’ve never seen anything so unreal in my life. And outside, the silent wilderness surrounding this cleared speck on the earth struck me as something great and invincible, like evil or truth, waiting patiently for the passing away of this fantastic invasion.
Hier tritt ein in der Erzählung häufig anzutreffendes Phänomen zutage: nicht Menschen handeln, sondern die Wildnis selbst! Sie wirkt auf Marlow, als würde sie versuchen, Feinde abzuhalten: „ [...] all along the formless coast bordered by dangerous surf, as if nature herself had tried to ward off intruders [...] “59. Im Allgemeinen werden in Herz der Finsternis mehr von der Natur vollführte Handlungen beschrieben als die von den Schwarzen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Vorwort: Einleitung des persönlichen Bezugs der Autorin zu Afrika und Dank an die Betreuer der Arbeit.
2. Einleitung: Darstellung der Forschungsfrage zur mediale und literarische Verzerrung des Afrikabildes und Vorstellung der behandelten Werke.
3. Herz der Finsternis: Analyse von Joseph Conrads Roman hinsichtlich kolonialer Ausbeutung und der rassistischen Darstellung Afrikas.
4. Der Neger Jupiter raubt Europa: Untersuchung von Claire Golls Werk als Antwort auf die Négritude im Paris der 1920er Jahre.
5. Afrika, dunkel lockende Welt: Untersuchung von Karen Blixens Roman über ihren Aufenthalt in Kenia unter Berücksichtigung kolonialer Sichtweisen.
6. Das Auge des Leoparden: Analyse des Romans von Henning Mankell und dessen Auseinandersetzung mit den Spannungen im postkolonialen Sambia.
7. Der letzte König von Schottland: Untersuchung des Werkes von Giles Foden über die Diktatur von Idi Amin in Uganda.
8. Schlussbetrachtung: Fazit der Untersuchung und Vergleich der verschiedenen Perspektiven der behandelten europäischen Autoren.
Schlüsselwörter
Afrika, Afrikabild, Kolonialismus, Literaturwissenschaft, Rassismus, Stereotypen, Herz der Finsternis, Négritude, Sambia, Kenia, Uganda, Postkolonialismus, Identität, Klischees, Europäische Literatur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Magisterarbeit untersucht, wie der Kontinent Afrika und seine Menschen in verschiedenen europäischen Romanen des 20. Jahrhunderts dargestellt werden und welchen Einfluss koloniale Denkmuster dabei ausüben.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen die kritische Auseinandersetzung mit kolonialer Literatur, das Aufbrechen von Rassismus und Klischees sowie die Analyse der Sichtweise europäischer Autoren auf afrikanische Kultur, Landschaft und Gesellschaft.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die Entwicklung literarischer Afrikabilder aufzuzeigen und zu verstehen, warum europäische Autoren bestimmte Mythen und Stereotype in ihren Werken über Afrika reproduzieren oder ironisch brechen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse der ausgewählten Primärquellen, ergänzt durch historische Kontexte und relevante Sekundärliteratur zur Kolonialgeschichte und Postkolonialismus.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in Analysen der fünf Romane von Joseph Conrad, Claire Goll, Karen Blixen, Henning Mankell und Giles Foden, wobei spezifische Motive wie die personifizierte Wildnis, Aberglaube und das Verhältnis von Schwarz und Weiß untersucht werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den zentralen Schlagworten gehören Afrikabild, Kolonialismus, Rassismus, Postkolonialismus, kulturelle Identität und literarische Stereotypisierung.
Wie unterscheidet sich die Darstellung in Mankells "Das Auge des Leoparden" von Conrads "Herz der Finsternis"?
Während Conrads Werk noch stark von einer imperialistischen Sichtweise und einer rassistischen Grundhaltung geprägt ist, versucht Mankell ein realistischeres Bild der postkolonialen Spannungen und des Überlebenskampfes im modernen Sambia zu zeichnen, ohne die Natur zu romantisieren.
Inwieweit spielt die Perspektive der Autorin (Agnes Pawlak) eine Rolle?
Die Autorin reflektiert ihren eigenen, durch ein Auslandssemester in Südafrika geprägten Blick und ihre persönliche Faszination für afrikanische Literatur, was den methodischen Ansatz und die Auswahl der Texte beeinflusst hat.
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- Agnes Pawlak (Author), 2009, Afrikabilder in europäischer Literatur der Gegenwart, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/145586