Platons Ethik/Politeia

Die Ziele und Methoden der Erziehung (Politeia 376-412)


Hausarbeit, 2008
26 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalts verzeichnis

Einleitende Betrachtungen

Die philosophische Natur

Die musische Erziehung
Märchen und Göttersagen
Grundzüge der wahren Götterlehre
Die Lüge
Verbote für Bürger und Dichter
Reden über Heroen und Menschen
Die Vortragsweisen Erzählung und Darstellung
Tonarten, Musikinstrumenten und Rhythmen
Lust und wahre Liebe

Sinn und Ziel der musischen Erziehung

Die gymnastische Erziehung
Lebensweise und Speisen
Rechtsgelehrsamkeit und Heilkunde

Sinn der gymnastischen Erziehung und Verhältnis zur musischen

Schlussbetrachtungen

Quellen- und Literaturverzeichnis
Quellen
Literatur

Einleitende Betrachtungen

„Also wollen wir kühnlich auch für den Menschen festsetzen, [...] (dass) einer seiner Natur nach nur gegen Angehörige und Bekannte sanftmütig sein soll [...] Komm also, und als wenn wir uns bei voller Muße etwas erzählten, laß uns die Erziehung dieser besprechen.“[1]

Gemeint sind an dieser Stelle der Politeia die Wächter, die gleichzeitig als eine Art Herrscher der im Werk hypothetisch gegründeten „guten und gerechten Stadt“ dienen. Die Idee der „gerechten Stadt“ wird zuvor und auch nachfolgend dem zu behandelnden Abschnitt von Platon und einigen wahrscheinlich fiktiv von ihm verwendeten Figuren mit realen Vorbildern wie Sokrates entwickelt. Der Autor selbst tritt also als literarische Figur auf, die im Gespräch mit anderen philosophische Thesen entwickelte und diese dann diskutiert.

Diskutiert wird hierzu in dem Abschnitt von 376 a bis 412 e der Stephanus-Nomenklatur von 1578 vor allem die Methoden und Ziele der Erziehung von Jünglingen, die zu guten Wächtern für die besagte gerechte Stadt ausgebildet werden sollen. Worauf sich einige Fragen stellen.

Welcher Natur soll ein Wächter über überhaupt sein? Gibt es natürliche Anlagen, die einen Jungen besonders zum Wächter prädestinieren? Wie soll man die Jünglinge überhaupt erziehen? Und mit welchen Zielen?

Die philosophische Natur

Die Natur des Wächters festzulegen, scheint noch ein einfach zu lösendes Problem. Wächter sollen von Natur aus eifrig und philosophisch sein. Wegen dem berechtigten Einwand, etwas oder jemand könne nicht von Natur aus philosophisch sein, zieht Platon zur Verdeutlichung seiner Gedanken ein Hundegleichnis heran.

Hunde sind seiner Meinung nach von Natur aus in der Lage, zwischen „Freund“ und „Feind“ zu unterscheiden. „Sowie es [das Tier] einen Unbekannten sieht, ist es ihm böse, ohne dass jener ihm zuvor irgend etwas zuleide getan; wenn aber einen Bekannten, ist es ihm freundlich , wenn er ihm auch niemals irgend etwas Gutes erwiesen“[2]. Diese Eigenschaft dünkt Platon philosophisch, da der Hund lediglich aus dem Wiedererkennen oder dem Nichtkennen heraus entscheidet, wie er anderen gegenübertritt. Übertragen ist also gemeint, dass nur der lernbegierig sein kann, der das, was er versteht und kennt, von dem unterscheiden kann, was ihm fremd ist und was er nicht versteht.

„Dieses Philomathes [lernbegierige Natur] interpretiert Platon bald darauf wieder als Philosophos, das ‚wißbegierig’ als ‚weisheitsliebend’“[3].

So definiert soll also ein Wächter schon vor jeglicher Erziehung die natürliche Anlage zur Weisheitsliebe und vor allem Wissbegier in sich tragen. Folglich ist die nachfolgende Erziehung darauf aufzubauen, diese Weisheitsliebe zu fördern, um am Ende dieses jahrelangen Prozesses einen eifrigen, starken, raschen und vor allem guten und gerechten Wächter und Wehrmann gebildet zu haben.[4]

Da nun festgelegt wurde, welche natürlichen Gaben und Vorraussetzung ein Jüngling oder Kind mitbringen muss, um überhaupt zur Erziehung und Ausbildung eines Wächters zu taugen, geht Platon nun zur Festlegung der eigentlichen Erziehung über.

Die musische Erziehung

Hier haben sich laut Platons Angaben im Laufe der Zeit zwei grundlegende Ausbildungszweige entwickelte.

Zum einen die Gymnastik, die durch ihre physischen Anstrengungen hervorragend geeignet ist, den Körper zu prägen und zu bilden.

Zum anderen die Musik - hiermit ist aber nicht nur die Musik gemeint, wie wir sie heute kennen. Im antiken Griechenland und zu großen Teilen auch im späteren Rom wurde prinzipiell jede Art von schriftlich dokumentiertem Material laut gelesen. Verse, Gedichte, Epen und anderes wurde gesungen. Mit Unterstützung von Instrumenten wie der Lyra oder Laute sangen die Dichter ihre Verse, die oft in, für uns ungewohnt klingenden, Hexametern oder Alexandrinern geschrieben wurden, um den Rhythmus und die Geschwindigkeit konstant halten zu können und die im Text ausgedrückten Emotionen musikalisch untermalen zu können, um das Publikum noch mehr fesseln zu können.

Diese Art von Musik wurde natürlich nicht nur auf große Epen wie der Ilias , sondern auch auf einfach Märchen und Heldensagen, wie man sie Kindern vor dem Schlafen vorsang, angewendet. So dass man Platon durchaus zustimmen kann, wenn er meint, dass die musikalische Erziehung die Seele und die Wertvorstellungen prägt und viel früher beginnt als die gymnastische, denn jedes Kleinkind bekommt auch heute noch normalerweise vor dem Schlafen eine Gute-Nacht-Geschichte erzählt.

Märchen und Göttersagen

Platon ist nun daran gelegen, dass nur diese Märchen und Göttersagen den Jünglingen erzählt werden, die wahr, im Sinne des Wahrheitsverständnisses von Sagen und Geschichten aus der griechischen Mythologie, die zu Platons Zeit durchaus als wahr und existent angesehen wurde, sind. Denn der Anfang der Erziehung ist im das Wichtigste, da Grundlage und Hauptprägung für sämtliche Vorstellungen bildet, die die Jünglinge als Erwachsene vertreten werden.[5]

Er trennt also wahre und falsche Reden, die es voneinander zu trennen gilt, da nur die wahren eingeführt werden sollen, die falschen aber verworfen werden. Festgestellt wird, dass Märchen wohl zumeist unwahr sind, aber einen durchaus wahren Kern besitzen und oft auch eine Moral oder Lehre, die aus ihnen gezogen werden sollte. Offensichtlich hält Platon Märchen für eine Art Mischform, eine Wahrheit im kunstvoll gestalteten Deckmantel der Lüge sozusagen. Grund genug für ihn diesem Faden seiner logischen Schlussfolgerungen nicht weiter nachzugehen, da er selbst merkt, dass man bei Mischformen schlecht entscheiden kann, zu welcher Art sie nun gehören. Er nähert sich dem Problem aber von einem anderen Standpunkt aus. So stellt er fest, dass Märchen kleinere Erzählungen sind, auf die man Rückschluss ziehen kann, wenn man zuerst die größeren Erzählungen und Epen, wie die des Hesiod oder Homer, auf ihren Wahrheitsgehalt prüft.

Von den größeren Erzählungen hält Platon offenbar aber nicht viel, denn fast sofort kommt er zu dem Schluss, dass diese fast alle zu verwerfen seien. Der Grund ist für ihn ganz offensichtlich, denn diese wären eindeutig als unwahre oder aber bis zu diesem Punkt noch für die Jugend schädliche Erzählungen zu definieren. Anlass hierzu geben ihm einige Beispiele aus der Mythologie, in denen Götter und Heroen Rache üben, die eigene Familie töten oder andere Grausamkeiten verüben.

Jünglinge könnten sich so ein Beispiel an den Göttern nehmen und ebenfalls Missetaten begehen und sich berufend auf den Gott, der es ihm vormachte, verteidigen, wenn man ihn für falsches Tun und Verbrechen anklagen sollte.

Ebenso sollte nach Platon keine Kriegsdarstellungen oder Fehden zwischen Göttern oder Menschen besungen werden, diese schadeten sowohl den Jungen als auch den Alten. Er erkennt zwar an, dass sich durchaus eine Moral hinter den Geschichten verbergen mag, aber Platon zweifelt daran, dass jeder eine nicht ganz offensichtliche Lehre aus solchen Geschichten ziehen und verstehen kann.[6]

Eine Sichtweise, die heute ebenfalls teilweise verbreitet ist, denn auch heute gibt es Diskussionen über die Altersbeschränkungen für spezielle Filme und das Verbot für Kriegs- und Kampfspiele für den Computer, da sie gewisse Vorstellungen und Ideen in Jugendlichen wecken können, die durchaus schädlich für sie und ihre Umgebung sind.

Platon meint also, dass diese Einflüsse von Kindern ferngehalten werden sollten und statt dessen Geschichten von Tugenden und Moral auf die Jünglinge wirken sollten.

Grundzüge der wahren Götterlehre

Zu diesem Zweck sollte also auch die Darstellung der Götter berichtigt werden und korrekt besungen werden. Die zukünftigen Wächter sollen nur dem rechten Götterbild folgen und diesem Bild in Tugend und Rechtschaffenheit nacheifern.

Platon stellt also als Grundannahme und erste Wahrheit, der man sich wohl sicher sein dürfte, die These auf, dass Gott gut ist.[7]

Ausgehend von dieser These, der alle zustimmen, entwickelt er eine Reihe von logischen Argumenten, die aufeinander aufbauen und die hier kurz zusammengefasst werden.

Schädliches gehört nicht zum Guten und Nichtschädliches, welches zum Guten gehört also gutartig ist, kann daher auch keinen Schaden anrichten oder Böses tun.

Tut etwas nichts Böses, kann es schwerlich Ursache für Böses sein.[8] Das ist eine Beweisführung, der man vielleicht nicht in jedem Fall zustimmen würde, denn manche Taten, die durchaus mit gutem Willen und keiner bösen Absicht getan werden, können durchaus Schaden anrichten, ohne das dies die Intention des „Täters“ war. Heutigen Theorien zufolge kann also durchaus etwas oder jemand, das oder der gutartig ist, der nichts Böses tut, doch Ursache für Schlechtes sein. So könnte man sich jemanden vorstellen, der in einem Auto auf einer Landstraße zwar einem auf die Straße springenden Reh ausweicht, deswegen aber ein anderes Auto rammt und dessen Insassen verletzt oder gar tötet.

Diese Möglichkeiten lässt Platon jedoch außer Acht und geht weiter zum nächsten Argument, dass also alles Förderliche dem Guten gleichzusetzen sei und dass deshalb Gutes, die Ursache für das Wohlbefinden wäre, was nicht gleich hieße, dass das Gute Ursache von allem sei, sondern nur von dem, was sich gut verhalte.

Der Schluss daraus wäre folgerichtig, dass das Gute an allem Üblen also unschuldig sei.

Wie zu Anfang der Beweisführung festgestellt, ist Gott gut und kombiniert mit den vorher genannten Argumenten, ist er nicht Ursache von allem und an dem meisten unschuldig. Für Platon gibt es also nur wenig Gutes, dafür aber um so mehr Böses, was eindeutig eine andere Ursache als Gott haben muss.[9] Welche Ursache nun aber für dieses meiste Üble herangezogen werden muss, verschweigt Platon. Damit ist seine Beweisführung abgeschlossen und um nochmals zu zeigen, dass die Dichter seiner Zeit dieser Beweisführung nach lügen müssen, zeigt er noch Beispiele und Textstellen aus ihren Werken auf, die seinen Argumenten widersprechen.

Wenn es nun aber mehr Böses als Gutes gibt, so wäre es doch logisch, dass ein guter Gott das Böse oder jemanden der Böses tut, bestraft. Kann ein Gott jedoch, der Menschen straft und ihnen Grausames antut, noch gut und gerecht sein?

Platon zieht auch diese Möglichkeit in Betracht und gibt zu bedenken, dass diejenigen, die für Böses bestraft wurden, wieder auf den richtigen Weg geführt werden. Gott hat ihnen also mit der Strafe geholfen.[10] Platons Gottgestalten sind also durchaus grausam und strafend, doch der rechtschaffende Bürger muss sie kaum fürchten, solange er nichts Böses tut. Eine Sichtweise, die unter anderem auch die heutige christliche Kirche vertritt. Man könnte fast meinen, dass Platon eine ähnliche Gestalt, wie den christlichen Gott im Kopf hatte, als er diese Gedanken formulierte. Der christliche Gott soll wie ein gütiger Vater sein, der auf seine Kinder achtet, ihnen aber den freien Willen gab, um allein zu entscheiden, sie trotzdem aber für Falsches und Böses straft.

Eine weitere Gemeinsamkeit liegt in Platons auch logisch hergeleiteter These, dass Gott seine Gestalt nicht verändert. Im antiken Hellenentum war der Glaube weit verbreitet, dass die Götter in immer anderen Gestalten auf die Erde kämen, um mit den Menschen in Kontakt zu treten. Beispiel hierfür ist unter anderem die mythische Begegnung zwischen Leda und dem Schwan. Platon sagt hierzu, dass die Dichter wiederum gelogen hätten, da die Götter ja bewiesenermaßen perfekt sind und somit auch die größte Schönheit in sich vereinten. Da jeder nun nach größtmöglicher Schönheit, und hiermit setzt er auch Tugend gleich, strebt, werde sich wohl niemand freiwillig in etwas Hässlicheres verwandeln. Götter, die nun durch nichts außer sich selbst verwandelt werden können, also sich selbst verwandeln könnten, werden dies niemals tun, da sie bereits die perfekte Schönheit verkörpern, sie mit einer Verwandlung ihren eigenen Wert mindern würden, was niemand wünscht.

Erzählen nun aber Ammen oder Mütter den Kindern davon, dass Götter ihre Gestalt verändern und die Menschen heimsuchen, so machten sie sie laut Platon zu Feiglingen, die alles und jeden um sich fürchten.[11]

[...]


[1] PLATON, Politeia, 376 c ff.

[2] PLATON, Politeia, 376 a.

[3] FINK, Metaphysik der Erziehung, S. 87.

[4] Vgl. PLATON, Politeia, 376, c.

[5] Vgl. PLATON, Politeia, 377 a f.

[6] Vgl. PLATON, Politeia, 378 b.

[7] Vgl. PLATON, Politeia, 379 b.

[8] Vgl. PLATON, Politeia, 379 a ff.

[9] Vgl. PLATON, Politeia, 379 a ff.

[10] Vgl. PLATON, Politeia, 380 b.

[11] Vgl. PLATON, Politeia, 381 e.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Platons Ethik/Politeia
Untertitel
Die Ziele und Methoden der Erziehung (Politeia 376-412)
Hochschule
Universität Mannheim
Veranstaltung
Platons Politeia
Note
2,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
26
Katalognummer
V145590
ISBN (eBook)
9783640558391
ISBN (Buch)
9783640558971
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Platon, Politeia, Philosophie, antike Ethik, Erziehung, Antike, antike Erziehung, Staatsmodell
Arbeit zitieren
Roxana Romahn (Autor), 2008, Platons Ethik/Politeia , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/145590

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