„Also wollen wir kühnlich auch für den Menschen festsetzen, [...] (dass) einer seiner Natur nach nur gegen Angehörige und Bekannte sanftmütig sein soll [...] Komm also, und als wenn wir uns bei voller Muße etwas erzählten, laß uns die Erziehung dieser besprechen.“ (PLATON, Politeia, 376 c ff.)
Gemeint sind an dieser Stelle der Politeia die Wächter, die gleichzeitig als eine Art Herrscher der im Werk hypothetisch gegründeten „guten und gerechten Stadt“ dienen. Die Idee der „gerechten Stadt“ wird zuvor und auch nachfolgend dem zu behandelnden Abschnitt von Platon und einigen wahrscheinlich fiktiv von ihm verwendeten Figuren mit realen Vorbildern wie Sokrates entwickelt. Der Autor selbst tritt also als literarische Figur auf, die im Gespräch mit anderen philosophische Thesen entwickelte und diese dann diskutiert.
Diskutiert wird hierzu in dem Abschnitt von 376 a bis 412 e der Stephanus-Nomenklatur von 1578 vor allem die Methoden und Ziele der Erziehung von Jünglingen, die zu guten Wächtern für die besagte gerechte Stadt ausgebildet werden sollen. Worauf sich einige Fragen stellen.
Welcher Natur soll ein Wächter überhaupt sein? Gibt es natürliche Anlagen, die einen Jungen besonders zum Wächter prädestinieren? Wie soll man die Jünglinge überhaupt erziehen? Und mit welchen Zielen?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitende Betrachtungen
2. Die philosophische Natur
3. Die musische Erziehung
3.1 Märchen und Göttersagen
3.2 Grundzüge der wahren Götterlehre
3.3 Die Lüge
3.4 Verbote für Bürger und Dichter
3.5 Reden über Heroen und Menschen
3.6 Die Vortragsweisen Erzählung und Darstellung
3.7 Tonarten, Musikinstrumenten und Rhythmen
3.8 Lust und wahre Liebe
4. Sinn und Ziel der musischen Erziehung
5. Die gymnastische Erziehung
5.1 Lebensweise und Speisen
5.2 Rechtsgelehrsamkeit und Heilkunde
6. Sinn der gymnastischen Erziehung und Verhältnis zur musischen
7. Schlussbetrachtungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die von Platon im Werk Politeia (376-412) formulierten Ziele und Methoden der Erziehung, die darauf abzielen, eine ideale Wächterklasse für einen gerechten Staat zu formen.
- Die Bestimmung der natürlichen Voraussetzungen für die Wächterausbildung.
- Die Bedeutung der musischen Erziehung als Mittel zur Charakterbildung und moralischen Prägung.
- Die Rolle der Gymnastik als physisches Training und Ergänzung zur seelischen Bildung.
- Die kritische Auseinandersetzung mit den Inhalten und Formen der antiken Dichtkunst und Mythologie.
- Das Verhältnis von Erziehung, Gesundheitspflege und staatlicher Ordnung.
Auszug aus dem Buch
Die philosophische Natur
Die Natur des Wächters festzulegen, scheint noch ein einfach zu lösendes Problem. Wächter sollen von Natur aus eifrig und philosophisch sein. Wegen dem berechtigten Einwand, etwas oder jemand könne nicht von Natur aus philosophisch sein, zieht Platon zur Verdeutlichung seiner Gedanken ein Hundegleichnis heran.
Hunde sind seiner Meinung nach von Natur aus in der Lage, zwischen „Freund“ und „Feind“ zu unterscheiden. „Sowie es [das Tier] einen Unbekannten sieht, ist es ihm böse, ohne dass jener ihm zuvor irgend etwas zuleide getan; wenn aber einen Bekannten, ist es ihm freundlich , wenn er ihm auch niemals irgend etwas Gutes erwiesen“. Diese Eigenschaft dünkt Platon philosophisch, da der Hund lediglich aus dem Wiedererkennen oder dem Nichtkennen heraus entscheidet, wie er anderen gegenübertritt. Übertragen ist also gemeint, dass nur der lernbegierig sein kann, der das, was er versteht und kennt, von dem unterscheiden kann, was ihm fremd ist und was er nicht versteht.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitende Betrachtungen: Hinführung zum Thema der Erziehung von Wächtern in Platons Politeia unter Berücksichtigung der literarischen Form des Dialogs.
Die philosophische Natur: Definition der für Wächter notwendigen Anlage zur Wissbegierde anhand eines Hundegleichnisses.
Die musische Erziehung: Diskussion der zwei grundlegenden Erziehungssäulen, wobei die Musik als prägendes Element für Seele und Wertvorstellungen betont wird.
Märchen und Göttersagen: Analyse der Notwendigkeit einer Zensur mythischer Erzählungen zur Vermeidung schädlicher Einflüsse auf die Jugend.
Grundzüge der wahren Götterlehre: Herleitung der logischen Forderung, dass Götter als moralische Vorbilder ausschließlich gut und unveränderlich sein müssen.
Die Lüge: Untersuchung der verschiedenen Arten der Unwahrheit und deren restriktive Zulässigkeit im Kontext der staatlichen Führung.
Verbote für Bürger und Dichter: Begründung von Verboten zur Vermeidung von Todesfurcht und irrationalen Ängsten in der Erziehung.
Reden über Heroen und Menschen: Forderung, ein vorbildhaftes, beherrschtes Verhalten in der Dichtung darzustellen, um die Unterwürfigkeit und Vernunft der Wächter zu fördern.
Die Vortragsweisen Erzählung und Darstellung: Bewertung der verschiedenen dichterischen Vortragsformen hinsichtlich ihrer Eignung für die Erziehung der Wächterklasse.
Tonarten, Musikinstrumenten und Rhythmen: Festlegung musikalischer Regeln und der Beschränkung von Instrumenten zur Förderung eines maßvollen Charakters.
Lust und wahre Liebe: Abgrenzung niederen Triebs von der wahren, auf Sittsamkeit ausgerichteten Liebe im erzieherischen Kontext.
Sinn und Ziel der musischen Erziehung: Zusammenfassende Betrachtung der Bedeutung von Zeitmaß und Harmonie für die innere Verfassung der Wächter.
Die gymnastische Erziehung: Analyse der physischen Ertüchtigung als notwendiges körperliches Pendant zur musischen Bildung.
Lebensweise und Speisen: Aufstellung von Regeln für eine schlichte, gesunde Lebensführung der Wächter zur Erhaltung ihrer Einsatzfähigkeit.
Rechtsgelehrsamkeit und Heilkunde: Untersuchung der Rolle von Medizin und Rechtsprechung in einer idealen Gesellschaft unter dem Aspekt der Tugendhaftigkeit.
Sinn der gymnastischen Erziehung und Verhältnis zur musischen: Synthese der beiden Bildungswege zur Erreichung eines tapferen und zugleich besonnenen Charakters.
Schlussbetrachtungen: Kritische Reflexion über die Umsetzbarkeit des platonischen Modells und dessen Bedeutung für moderne Erziehungsfragen.
Schlüsselwörter
Platon, Politeia, Erziehung, Wächter, Philosophie, Musik, Gymnastik, Tugend, Dichtkunst, Götterlehre, Staat, Vernunft, Moral, Ethik, Pädagogik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Erziehungsmethoden und -ziele, die Platon in der Politeia für die Wächter eines idealen Staates entwirft.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die musische und gymnastische Erziehung, die Rolle der Dichtkunst und Mythologie sowie die notwendigen Charakterzüge von Wächtern.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie Platon durch ein strenges Erziehungssystem sicherstellen wollte, dass Wächter sowohl tapfer als auch moralisch gefestigt handeln.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die literaturwissenschaftliche und philosophische Analyse des Originaltextes sowie den Vergleich mit pädagogischen Kommentaren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Erziehungsinhalten (Mythen, Götter, Musik) und -formen (Erzählstile) sowie die körperliche und gesundheitliche Schulung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Platon, Erziehung, Tugend, Wächter und Politeia charakterisiert.
Wie bewertet der Autor Platons Verbote hinsichtlich der Dichtkunst?
Der Autor ordnet diese als sehr hart und teilweise als überspitztes Denkmodell ein, das die emotionale Komponente menschlichen Daseins unterschätzt.
Warum lehnt Platon die Behandlung chronisch Kranker ab?
Platon betrachtet chronische Krankheit als Hindernis für die staatliche Aufgabenerfüllung und als Zeichen mangelnder Mäßigung, was der Autor kritisch als Vorläufer totalitärer Ideen einordnet.
Welche moderne Relevanz wird in der Schlussbetrachtung gezogen?
Der Autor verknüpft Platons Erziehungsgedanken mit aktuellen gesellschaftlichen Missständen und der Qualität heutiger Bildungssysteme.
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- Roxana Romahn (Author), 2008, Platons Ethik/Politeia , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/145590