Die Vita Heinrichs IV.


Seminararbeit, 2002
16 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einführung

II. Die Verfasserfrage

III. Inhalt der Vita

IV. Die Idealisierung Heinrichs IV

V. Die Fortuna

VI. Das Fidesmotiv

VII. Schlussbetrachtungen

VIII. Quellen und Literaturangaben

Einführung

Heinrichs IV. (1050-1106) Regierungszeit schließt eine Epoche der intensivsten Krisenerfahrungen in der Geschichte der mittelalterlichen Monarchie ein. Der Krieg mit den Sachsen, der Investiturstreit mit Papst Gregor VII. und nicht zu letzt der Kampf der eigenen Söhne gegen die Herrschaft Heinrichs. Nie zuvor wurde der Wandel der Zeit so unmittelbar bewusst wie in dem halben Jahrhundert von Heinrichs Leben. Kaum ein Leben einer Herrschergestalt war so in sich gespalten und ständigen Wechseln unterworfen und entzog sich daher allen gebräuchlichen Schemata einer rein erzählenden Lebensbeschreibung, einer bloß verherrlichenden Darstellung oder hagiographischen Heroisierung.[1] Darin mag man die Hauptursache für die außergewöhnliche Biographie sehen, doch ist es wohl einem Autor zu verdanken, der sich durch Heinrichs Tod betroffen zeigte und das Leben des Kaisers aufschrieb.

Der Autor der Vita ist anonym und bis heute ist es nicht gelungen zu klären wer der Anonymus ist. Die Vita ist in Epistelform gehalten und richtet sich an einen unbekannten Empfänger. Ob dieser Empfänger tatsächlich existierte oder nur als „Aufhänger“ benutz wurde ist nicht klar zu beantworten. In der Form einer brieflichen Totenklage steht die Biographie in der Tradition der Briefnekrologe des Hieronymus und Sulpicius Severus.[2] Der Verfasser der Lebensbeschreibung Heinrichs IV. hat sich rhetorischen Mitteln aus diesen Schriften bedient und man erkennt an weiteren sprachlich-stilistischen Eigenarten, dass der Autor eine seltene Kenntnis antiker und spätantiker Autoren besaß.[3] Es ist jedoch verfehlt aufgrund dieses mittelalterlichen Bildungsreichtums die Vita als bloßes Rezeptionswerk zu sehen. Die Intensität dieser Totenklage entspringt einem zeitgenössischen Ausdruckswillen der tief empfundenen Verwirrung die die Zeit nach Heinrichs IV. Regierung mit sich brachte. Der Autor der Vita verband Charakteristik mit Erzählung und ging damit einen neuen Weg der Lebensbeschreibung.

Es gibt unterschiedliche Auffassungen darüber, in welche Abschnitte man die Vita teilen kann. Siegmund Hellmann hat das 1. Kapitel als selbständige „Aretalogie“ der gesamten eigentlichen Lebensbeschreibung (2. bis 13. Kapitel) als zweitem Teil gegenübergestellt und in diesem zweiten Teil das 8. Kapitel (Bericht Über den Reichslandfrieden 1103) als „Ruhepunkt“ und „breiten Einschnitt charakterisierender, nicht erzählender Art“ ausgegliedert.[4] Demgegenüber unterscheidet Hans Haefele die „Einleitung“ (1. Kapitel) und zwei „Hauptteile“ (2.-8. und 9.-13. Kapitel) und war der Ansicht, dass „keinem der drei Teile ein und dasselbe Gewicht verliehen ist.“[5] Heafele billigt dem letzten Hauptabschnitt eine größere Rolle zu und begründet dieses mit dessen „größerer Erzählbreite“ und dem „volleren Ton des Vortrags“. Der erste Teil sei diesem Hauptteil nur zugeordnet. Wenn man den ersten Teil als Einleitung versteht, kann man die anderen Kapitel in drei Lebensstufen unterteilen: Kapitel 2-6, Königsjahre und Kaiserkrönung, Kapitel 7 und 8, die Höhepunkte relativ gesicherter Herrschaft und der Friedensbemühungen, Kapitel 9 bis 13, die Katastrophe.[6]

Inhalt der Vita:

„Als Kaiser Heinrich seinem Vater, dem glorreichen Kaiser Heinrich III., noch im Kindeesalter in der Regierung nachfolgte- er hatte nämlich seinen Vater als Kind verloren-, da war das Reich noch in seinem alten Zustand: kein Krieg störte den Frieden, keine Kriegstrompete zeriß die Stille, Raub wurde nicht geübt und die Treue log nicht. Noch war Gerechtigkeit mit Macht und Macht mit Recht gepaart. Diesen glücklichen Zustand des Reiches förderte die allererlauchteste Kaiserin Agnes kräftig, eine Frau mit männlichem Geist, die gemeinschaftlich mit ihrem Sohn zu gleichem Recht den Staat regierte. Aber ein Kind flößt wenig Angst ein, und während die Furcht schwindet, wächst die Frechheit, das jugendliche Alter des Königs verleitete viele zu verbrecherischer Gesinnung. Jeder wollte dem Höherstehenden gleich oder sogar überlegen sein; viele steigerten ihre Macht durch Verbrechen, das Gesetz, das unter einem König, der noch ein Kind war, nur noch geringeres Ansehen hatte, verlor seinen Schrecken.“ S. 415 ab Zeile 26.[7]

So beginnt die eigentliche Lebensbeschreibung Heinrichs IV. (2. Kapitel); in dem zitierten Satz lehnt sich der Autor wörtlich an Wipos Schilderung der Interregnumkrise nach Heinrichs II. Tod im 1. Kapitel der Gesta Chuonradi an. Es hat allerdings unterschiedliche Funktionen. Heinrich IV. bleibt in den Augen seines Biographen von Anfang an einem allgemeinen animus sceleris und unrechtmäßigen Ambitionen ausgesetzt.[8] Obwohl der von eigensüchtigen Beratern umgebene und von seiner Mutter entrissene Heinrich später eigene Rechtsstandpunkte hatte und auch durchsetzte, war er doch nicht mehr im Stande den „verjagten Frieden und die Gerechtigkeit zurückzurufen“. Das erste Erzählkapitel (2. Kapitel) schließt der Anonymus mit einer Beschreibung der „an das Verbrechen Gewöhnte“ (assuetos scleri), die sich den Bemühungen Heinrichs um Recht und Frieden widersetzte. Hier kling bereits das Schicksal Heinrichs an, das neben der fortuna (dazu später) in den Machtkämpfen um seine Herrschaft liegt.

Die Einleitung zerfällt für Hellmann in zwei Teile: zuerst wird Heinrich als Mann der Kirche und der kirchlichen Wohltätigkeit geschildert, dann als Herrscher. Eingerahmt wir die Einleitung durch kurze rhetorische Stücke. Am Anfang die Klage über den Verlust, den mit dem Autor auch die ganze Welt erlitt, am Ende der fingierte Zweifel ob er fortfahren und zur Schilderung der „faudes et scelara“ übergehen solle, zur feindlichen Welt.[9]

Das 3. Kapitel erzählt vom sächsischen Aufstand im Juli 1073 gegen den König

(417, 36ff), von den Grabschändungen in der Harzburg (1074), dem ersten päpstlichen Bann, am Ende des Kapitels von der Fahrt nach Italien und der Aufhebung des Bannes, allerdings werden die Ereignisse in Canossa verschleiert.

Das 4. Kapitel berichtet zu erst von dem Gegenkönigtum Rudolfs von Schwaben

(423/ 1ff), dann von Heinrichs mühsam errungenem Sieg.

Das 5. Kapitel erzählt von dem Gegenkönigtum Ekberts von Meißen und seinem Tod.

Das 6. Kapitel berichtet als erstes von Verleumdungen in Rom und dem zweiten päpstlichen Bann (429/ 30). Im zweiten Teil des Kapitels wird von heinrichs Romzug (1083/84) und der siegreichen Eroberung der Stadt und der Einsetznug des Gegenpapstes Clemens und der Krönung zum Kaiser erzählt.

Das 7. Kapitel berichtet von einem Mordversuch auf Heinrich während eines Gebetes (433/35), dann von der Erhebung des Sohnes Konrad und dessen Absetzung durch den Fürstenbeschluß.

Im 8. Kapitel wird der Eindruck erweckt, dass mit den Friedensgesetzen von 1103 wieder Recht und Frieden einkehren. Doch kündigt sich die Wende bereits am Ende des Kapitels an, in dem im Gegensatz zu den vorigen Kapiteln die Stimmungskurve zum Ende hin nicht ansteigt, sonder fällt.

Die Kapitel 9-13 schildern den Triumph des Unrechts, vor allem die Auseinandersetzung zwischen Heinrich IV. und Heinrich (V.) bis zu Heinrichs IV. Tod 1106.

Die Idealisierung Heinrichs IV.

In der mittelalterlichen Herrscherauffassung verkörperte der König das Reich. Alle Herrschaftsausübung schien letztlich in seiner Person zusammenzulaufen.[10] Es herrschte ein Glaube bei den einfacheren Menschen an einen guten und gerechten König, der helfen würde, wenn er nur von Not und Elend des Volkes wüsste.

Die idealtypischen Abschnitte sind in den Kapiteln 1., 8. und 13. zu finden. Die Klage und Laudatio sind formal und gedanklich erheblich den Martinsschriften des Sulpicius Severus entnommen, die auch am Ende des Werkes noch einmal auftauchen.[11] Nach den persönlichen Trauerbekundungen des Autors folgt die Beklagung des Todes: Nam illo recendente, iustica terras reliquit, pax abiit, fraus in locum fidei subintravit. (409/17).

Wenn der Autor klagt, mit dem Tode Heinrichs verliere das Reich den Ordner festlicher Gottesdienste, den Schutzherren der Klöster und den Bauherren der Kirchen, so kann man darin ein politisches Bekenntnis zu dem alten ottonisch-salischen Reichskirchensystem sowie der Herrschaftstheologie vom vicarius Christi sehen.[12] Der Eingangsklage folgt der erste Hauptteil der Laudatio, die ein christusbezogenes Lob des „Armen-Kaisers“ ist und in den folgenden Schlußworten gipfelt: „O virum pietatis et humilitatis laude insignem! Imperavit mundo, pauperes illi. Mundus illi, pauperibus ipse ministravit.” (412/3).[13]

Heinrich wird hier als der Innbegriff der herrscherlichen humilitas beschrieben, die sich vor allem in der Armenfürsorge bezeugt. In der herrschaftstheologischen Vorstellungstradition galten die pauperes als entscheidende Fürbitter des mildtätigen Herrschers vor Gott. Die Armenpflege, die hier einen äußerst breiten Raum einnimmt besitzt keinen Selbstwert; Wert hat sie einzig und allen in Rücksicht auf die Vergeltung des Himmels. Dieses ist auch der Grund, weshalb sie nie ausgeführt wurde, ohne dass man „ mit einem Auge oder mit beiden nach der Belohnung schielte, die einem aus dem Jenseits winkt.“[14] Humilitas, die kirchliche Tugend, ist eine akzentuierte Eigenschaft des Kaisers, dignitas (in der Regel auf die königlichen oder kaiserliche Würde bezogen) die andere.[15] Mit diesen zwei Grundpfeilern, die eigentlich eine Antithese bilden, beschreibt der Autor seinen Helden.

Das herrschaftstheologische Idealbild, welches hier beschrieben ist, wird im Anfang des 8. Kapitels noch ergänzt. Der Reichsfrieden von 1103 wird überhöht geschildert. Hier wird einmal mehr das ständige auf und ab Heinrichs IV. charakterisiert, wenn er sich zunächst um Recht und Frieden bemüht und dann doch ohne Unterstützung nichts gegen die aufs neue aufkommende Gewalt tun kann. Es wird ein utopische Bild des Reichslandfriedens und ein idealer Friedenskaiser gemalt:

„Wie merkwürdig und doch nicht ohne Komik: die einen rächen Unrecht durch Unrecht, der Kaiser rächt das ihm angetane Unrecht mit Friedensbestimmungen. Als aber die Herren mit ihren Helfershelfern einige Jahre lang durch dieses Gesetz in Schranken gehalten waren, begannen sie, missvergnügt darüber, dass sie nicht frei ihre Verbrechen verüben durften, wiederum gegen den Kaiser zu murren, und wiederum streuten sie Verleumdungen über seine Handlungen aus. (...) Warum, ich beschwöre euch, könnt ihr nur vom Raub leben?[16] (441/5).

[...]


[1] Schmale,F.-J.: Quellen zur Geschichte Kaiser Heinrichs IV. In: Freiherr vom Stein-Gedächtnisausgabe. Darmstadt, 1963. S. 35.

[2] Bornscheuer, L.: Miseriae Regum. Untersuchungen zum Krisen- und Todesgedanken in den herrschaftstheologischen Vorstellungen der ottonisch-salischen Zeit. Berlin, 1968. S. 150.

[3] Ebd.

[4] Hellmann, S.:Die Vita Heinrici IV. und dir Kaiserliche Kanzlei. In: Ausgewählte Abhandlungen zur Histriographie und Geistesgeschichte des Mittelalters. Darmstadt, 1961.

[5] Haefele, H.: Fortuna Heinrici IV: Imperatoris. Untersuchungen zur Lebensbeschreibung des dritten Saliers. Graz-Köln, 1954. S. 90.

[6] Schmale: s.o., S.44.

[7] Die Vita Heinrici IV imperatoris wird im folgenden nach der Ausgabe von Schmale mit einfacher Seiten- und Zeilenangabe zitiert, ebenso die dt. Übersetzung.

[8] Bornscheuer: S. 153.

[9] Hellmann: S. 275.

[10] Schulze, H.-K.: Königsherrschaft und Königsmythos. Herrscher und Volk im politischen Denken des Hochmittelalters. S.177.

[11] Bornscheuer: S.157.

[12] Ebd.

[13] „Du ausgezeichneter Mann voll Frömmigkeit und Demut! Er beherrschte die Welt, die Armen ihn. Die Welt diente ihm, er selbst den Armen!“

[14] Haefele: S.38.

[15] Ebd.: S.39.

[16] „Mira res minus ridicula: alii iniurias suas iniuriis vindicant, imperator suas pace vindicabeat. Cum autem domini cum satellitibus suis per aliquos annos hac lege stringerentur, anxii, quod non liceret eis uti libertate perversitatis suae, iterum adversus imperatorem murmur movebant, iterum super eius factis sinistrum rumorem seminabant. (…) Cur, obsecro, vobis non aliunde, nisi es rapto vivere placet ? (440/4).

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Vita Heinrichs IV.
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Proseminar: Individuum und Gesellschaft im Mittelalter
Note
2
Autor
Jahr
2002
Seiten
16
Katalognummer
V14562
ISBN (eBook)
9783638199254
ISBN (Buch)
9783640667154
Dateigröße
414 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Vita, Heinrichs, Proseminar, Individuum, Gesellschaft, Mittelalter
Arbeit zitieren
Benjamin Waschow (Autor), 2002, Die Vita Heinrichs IV., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/14562

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